Jesu Lehrbuch?

Sprüche 20, 19 – 24

19 Wer Geheimnisse verrät, ist ein Verleumder, und mit dem, der den Mund nicht halten kann, lass dich nicht ein.

            Es sind Meldungen, die (für mich) verstörend sind, irritierend, ärgerlich: Da zitiert der Nachrichtensprecher in der öffentlich-rechtlichen Medienanstalt wieder und wieder aus Papieren, die „streng vertraulich“, gar „geheim“ sind. Und es scheint, als wäre das normal. Als müsste man geradezu froh sein, dass wieder einmal ein „Geheimnisträger das Wasser nicht halten konnte“. Ist es nicht ein Rechtsbruch, aus solchen Papieren Meldungen zu kreieren? Ist es nicht Rechtbruch, Geheimnis-Verrat, ein Straftatbestand, solche Papiere weiter zu geben? Der Spruchdichter nennt die Geheimnisverräter Verleumder. Er warnt ausdrücklich davor, sich mit solchen Leuten einzulassen, den Mund nichthalten können.

            Es ist ein schmaler Grat, der hier ins Blickfeld rückt. Es gibt ja auch die Leute, die geheime Machenschaften aufdecken – oft unter Gefahr für die  eigene Freiheit, die eigene Reputation, oder gar das eigene Leben. Whistleblower. Ohne solche Leute wäre der Skandal um die Gefängnisse in Abu Greiph nie herausgekommen. Ohne solche Leute wäre so manche Steuerhinterziehung in Millionenhöhe nie aufgeflogen. Inzwischen gibt es so etwas wie einen minimalen Rechtsschutz für diese Art von Geheimnis-Verrat. Es bleibt Abwägungssache, wie der einzelne Fall zu sehen ist.  Aber es hat oftmals einen faden Beigeschmack, weil durch solche öffentliche Transparenz auf der einen Seite Vertrauen zwar hergestellt wird, aber gleichzeitig Vertrauen zerstört wird.

20 Wer seinem Vater und seiner Mutter flucht, dessen Leuchte wird verlöschen in der Finsternis. 21 Das Erbe, nach dem man zuerst sehr eilt, wird zuletzt nicht gesegnet sein.

            Es ist ein Dauerthema in Israel: wie geht man richtig mit Vater und Mutter um? Die Frage stellt sich nicht so sehr für die Heranwachsenden, die 13 -17-jährigen. Sie haben schlicht zu gehorchen Sie stellt sich vor allem für die erwachsenen Kinder. Was heißt es für sie:  „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“(2. Mose 20,12) Die Verheißung, die mit diesem Gebot verbunden ist, wird hinfällig für den, der seinen Eltern flucht. Er verkürzt, so muss man wohl verstehen, damit die eigene Lebenszeit und verfällt der Finsternis. Einmal mehr: die böse Tat fällt auf den Täter zurück. 

            Ich übertrage ein wenig salopp: Wer es nicht abwarten kann mit dem Erben, der wird darüber nicht glücklich werden. Weil die Eltern ihm den Gefallen eines „sozialverträglichen Frühablebens“ nicht tun? Weil er das innere Bild des gierigen Erben nie mehr loswerden wird?

            Von so einem Erben, der seine Zeit nicht abwarten kann und dem das vorzeitig eingeforderte Erbe unter den Fingern zerrinnt, erzählt Jesus: „Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben.“(Lukas 15, 11 – 14) Man könnte auf die Idee kommen, Jesus hat diesen schmalen, kargen Satz der Sprüche narrativ entfaltet.

22 Sprich nicht: »Ich will Böses vergelten!« Harre des HERRN, der wird dir helfen.

            Die Sprichworte sind bei uns volkstümlich und werden gern angeführt: „Wie es in den Wald ruft, so schalt es heraus.“ – „Auf einen groben Klotz gehört ein großer Keil.“ Das Echo-Verhalten steht hoch im gesellschaftlichen Kurs. Das hindert die Sprüche nicht, einen anderen Weg zu zeigen: Verzicht auf Vergeltung. Nicht zurückschlagen. Stattdessen: Gottvertrauen. Warten, was werden wird.  Der Weg der Sprüche führt über das ius talionis (=die Vergeltung von Gleiche mit Gleichem) hinaus. Statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“(2. Mose 21,24)   – was schon ein Fortschritt gegenüber ungezügelter Rache war – hier: Verzicht. Warten. Harren auf Gott.

            Wieder die offene Frage: Hat der Herr Jesus hier ein Plagiat begangen, hat er sich bei den Sprüchen bedient, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen? „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“(Matthäus 5, 39-42) Mir scheint, wir haben den bibelkundigen Jesus viel zu lange unterschätzt, auch die Wirkungen der Sprüche auf sein Denken und Reden.  

23 Zweierlei Gewicht ist dem HERRN ein Gräuel, und eine falsche Waage ist nicht gut.

            Was würde der Spruchdichter zu den Manipulationen der Auto-Industrie sagen? Da geht es im Prinzip ja auch um gefälschte Messwerte – nicht mit der Waage, sondern mit der Abgas-Technik Kann es sein, über diesem Handeln steht: dem HERRN ein Gräuel? Kann es sein, es steht mehr auf die Spiel als das Vertrauen der Märkte und der Kunden zu verlieren? Vertun sie zu allen Überfluss auch noch das Wohlwollen Gottes? In Wolfsburg, Stuttgart, München und anderswo?

            Es wird wohl so sein, auch da greift der Tun-Ergehens-Zusammenhang, den die Schriften der Hebräischen Bibel fast schon wie ein Naturgesetz betrachten: aus dem falschen Tun wird falsches, lebensfeindliches Wesen folgen. Oder, um einen Klassiker zu zitieren: „Das ist der Fluch der bösen Tat,dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“(F. Schiller, Die Piccolomini, V/1)  

            Bei Jesus, dem Übersetzer der Sprüche in seine Zeit, klingt das so: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“(Matthäus 7, 16 – 18)

            Es ist eine harte Konsequenz, die bei Jesus anklingt: Betrügereien lassen ein Licht auf die fallen, die so betrügen. Das sind keine Kavaliers-Delikte, sondern Wesensäußerungen. Noch Fragen?  

24 Jedermanns Schritte bestimmt der HERR. Welcher Mensch versteht seinen Weg?

       Es geht nicht um ein abstraktes Gesetz, auch nicht um unabänderliche  Vorherbestimmung. Es geht wohl eher um eine Ermutigung zum Vertrauen: Gott wird leiten. „Ein Mensch geht oft Schritte, die er gar nicht geplant hat. Plötzlich findet er sich an der richtigen Stelle und fragt sich rückblickend: Wie bin ich dahin gekommen?“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 194) Es geht, so lese ich. um ein dankbares Staunen.  

            So wie es im Lied des Begleitsängers meines Lebens, Reinhard Mey, anklingt.

„Doch, sicher, ab und zu mach‘ ich mir schon Gedanken
Manchmal sogar les‘ ich mir selber aus der Hand
Um zu erfahr’n, was ich längst weiß, denn meine Schranken
Und meine Fehler, glaub‘ mir, sind mir gut bekannt
Und ich weiß auch, dass ich genau dieselben Fehler
Wieder und wieder machen musste, und ich seh‘
All‘ meine Wege und alle Schritte mussten dahin führ’n, wo ich steh‘

Weißt du, ich fand mich oft zu Unrecht angegriffen
Heut‘ scheint es, dass mich nichts mehr trifft, kaum etwas streift
Ich habe mich an meinesgleichen glattgeschliffen
So, wie das Wasser einen Stein am and’ren schleift
Doch unverwundbar bin ich dadurch nicht geworden
Verschloss’ner nur, und ich geb‘ wen’ger von mir hin
Alles Gesagte, alles Getane machten mich zu dem, der ich bin.                          R. Mey, All meine Wege 1977

            Es ist schon viel gewonnen, wenn eine*r sein Leben so demütig anschauen lernt. Der Spruchdichter hätte wohl seine Freude daran.

Du heiliger und barmherziger Gott, Du hast mich werden lassen, der ich heute bin. Auf diesem Weg gab es Schmerzen, Sackgassen, Wartezeiten, die mir viel Kraft abverlangt haben. Manchmal habe ich die Spur wechseln müssen, musste mich neu orientieren. Du hast mich nicht gradlinig gehen lassen, sondern mir öfters Umwege zugemutet

Bis heute bin ich dankbar für Erfahrungen großen Glücks.Neben mir hat Unglück und Leid Menschen getroffen und ich bin frei davon gekommen. Verdient hatte ich das nie.

Dass Du in mir den Glauben eingepflanzt hast, dass Du mich zu Deinen Leuten gerufen hast, dass Du mich als Deinen Boten erwählt hast, darüber kann ich nie genug danken. Das war kein Lebensplan, den ich angestrebt habe, aber Du hast es so gewollt. Ich will Deine Güte preisen. Ich will Deinen Namen rühmen. Ich will Dich loben. Allein und in der Gemeinde, in Zeit und Ewigkeit. Dein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Amen