Kein Privatbesitz

Sprüche 18, 8 – 17

8 Die Worte des Verleumders sind wie Leckerbissen und gehen einem glatt ein. 9 Wer lässig ist in seiner Arbeit, der ist ein Bruder des Verderbers.

            Es gibt Worte, die eingehen wie Butter. Die so logisch erscheinen. Dabei sind sie nichts als Gerüchte. Schmeicheleien ohne Substanz. Halbwahrheiten, die nur eines können: den, der sie hört, vergiften. Solche Flüstereien setzen sich im Inneren fest. Sie werden geglaubt. Oft nur, weil sie den eigenen Vor-Urteilen entsprechen und diese bestätigen. Vielleicht ist das die Verbindung zwischen den Sätzen: wer mit der Wahrheit lässig umgeht, wird auch in seiner Arbeit nicht präzise sein, sondern eher lässig. Fahrlässig. Und je nachdem, wo so jemand arbeitet, ist seine Fahrlässigkeit lebensgefährlich.    

10 Der Name des HERRN ist eine feste Burg; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt.

            Das ist der Kontrapunkt gegen die Sätze zuvor. Wo Worte trügerisch sind und Arbeit nicht verlässig geleistet wird, da ist es umso wichtiger, eine feste Burg zu kennen, einen Fluchtpunkt zu haben für das eigene Denken, Reden und Handeln. schēm„Der Name steht im AT oft für die Person. Jahwe selber ist also dieser feste Turm der Zuflucht.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 170) Es ist das Bild, das sich durch viele Psalmen hin zieht: Gott ist der Ort, an dem wir geborgen sind. Gott ist der Ort, an dem wir Zuflucht finden. Gott ist der Ort, an dem uns Trost und Hilfe zuteilwerden. Gott ist der Ort, an dem wir Barmherzigkeit erfahren. Das alles wird zugänglich im Namen des HERRN.

11 Des Reichen Habe ist ihm wie eine feste Stadt und dünkt ihn eine hohe Mauer. 12 Vor dem Sturz ist das Herz eines Mannes stolz; und ehe man zu Ehren kommt, muss man demütig sein.

            Ausgelöst von diesem Blick wird der nächste Spruch angehängt: Für reiche Leute ist oftmals ihre Habe wie solch eine Zuflucht. Wie eine feste Stadt. Umgeben von schützenden Einzäunungen. Es ist wie die Vorwegnahme der Wirklichkeit heute, wo manche Villa abgeschirmt ist durch Mauerwerk, Bewegungsmelder. In manche höchstpreisigen Wohnanlagen kommt man nur, wenn man sich beim Wachpersonal ausweisen kann. Und das in Frankfurt, mitten in Deutschland, nicht nur in den Luxusarealen in Kalifornien.

            Vielleicht klingt hier auch leise Skepsis an gegenüber einem Denken, das sagt. „Der Reiche braucht nicht zu Gott zu eilen, denn er hat seine Sicherheit im Tresor“  (W. Dietrich, ebda.) Der Volksmund heute variiert „Geld ist nicht alles, aber es beruhigt.“ Glaubt man allerdings Donald Duck, dann macht es auch unruhig, weil die ständige Angst vor Dieben da ist, vor dem Verlust des Geldes. Auch das wird mitklingen: Die Gefahr des Reichtums besteht auch darin, dass er stolz machen kann, abgehoben von den Habenichtsen, hochmütig, arrogant.    

13 Wer antwortet, ehe er hört, dem ist’s Torheit und Schande.

            Es ist die Krankheit so mancher Talk Show. Alle Beteiligten wissen, was sie sagen werden. Sie müssen gar nicht zuhören, was ein anderer sagen wird. Sie haben ihren Monolog schon geübt und fertig. die andere Krankheit – ich kenne sie auch nur zu gut: Dem anderen ins Wort fallen. Ihn gar nicht erst ausreden lassen. Weil man ja weiß, was der andere sagen wird. Ein Gespräch kommt so nicht zustande. 

14 Wer ein mutiges Herz hat, weiß sich auch im Leiden zu halten; wenn aber der Mut darniederliegt, wer kann’s tragen? 15 Ein verständiges Herz erwirbt Einsicht, und das Ohr der Weisen sucht Erkenntnis.

            Tapferkeit beruht weniger auf Kraft als vielmehr auf Herzensstärke. Auch hier wieder: Das Handeln unseres Lebens entscheidet sich an der inneren Verfassung, im Herzen. lēb. In der Personmitte. Das gilt auch und erst Recht für den Umgang mit Leiden. Es scheint hier von den Männern die Rede zu sein: „Vielleicht: Mannesmut vermag Krankheit standhaft zu dulden.“ (H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 76) Aus vielen Besuchen im Krankhaus habe ich den Eindruck: es ist nicht überall und bei jedermann so weit her mit dem „Mannesmut“. Frauen sind auch an dieser Stelle häufig das stärkere Geschlecht. Tapferer, mutiger.     

16 Das Geschenk des Menschen schafft ihm Raum und bringt ihn vor die großen Herren. 17 Ein jeder hat zuerst in seiner Sache recht; kommt aber der andere zu Wort, so findet sich’s.

            Es ist ein Dauerthema in den Sprüchen: Bestechung. Korruption. Geschenke befestigen die Freundschaft. Von dem Makedonier-König Philipp ist das Wort überliefert: „Keine Mauer ist so hoch und steil, dass ein Esel mit einem Sack Gold sie nicht bewältigen könnte.“ Wenn ein Thema so häufig in den Sprüchen angesprochen ist, dann doch wohl,  weil es weitverbreitete Praxis ist.  Es kann kein Zweifel sein – diese Praxis ist in Israel zwar da, aber sie wird in den Sprüchen wieder und wieder befragt, kritisiert. Auch hier.

            Auch mit den Satz, der wie ein Gegenpol ist, wie ein Rat für Richter, um zu gerechten Urteilen zu kommen. Audiatur et alters pars. Man muss auch die Gegenpartei hören. Wer nur die eine Seite gehört hat, weiß noch nicht alles. Das gilt ja auch für das eigene Denken: Nur wer die Wahrheit der Anderen mit in den Blick nimmt, wer ihnen unterstellt, dass sie auch ein Interesse und Anteil an der Wahrheit haben, wird  in einen echten Dialog eintreten können.

            Das gilt ja auch und erst recht für das Gespräch über den Glauben. Wer sich im Exklusiv-Besitz der Wahrheit glaubt, kann nicht wirklich mit anderen ein offenes Gespräch führen. Christen können wissen, dass sie nicht die Wahrheit haben, wie man ein Buch hat, sondern dass sie an die Wahrheit, an Jesus Christus gebunden sind. Aber er, als die Wahrheit in Person, ist uns immer voraus – und nie einfach identisch mit den Sätzen, die wir über ihn zu sagen wissen.  

 

Heiliger, barmherziger Gott, bei Dir bin ich geborgen, still wie ein Kind. In Dir finde ich mein Zuhause. Deine Worte richten mich auf. Deine Nähe tröstet mich. Dein Vertrauen stärkt mir den Mut. Das alles glaube ich und spüre ich – täglich neu seit vielen Jahrzehnten.

Hilf Du mir, dass ich daraus keinen Privatbesitz mache. Hilf Du mir, dass in meinem Umgehen für andere spürbar wird, dass es in der Nähe Trost gibt, dass gute Worte neuen Mut geben können, dass man nicht vergeblich auf Hilfe hoffen muss. Hilf Du, dass ich zusammen mit anderen, die Zuflucht in Dir in unserer Welt glaubwürdig werden lasse. Amen