Unverdient

Sprüche 17, 1 – 17

1 Besser ein trockner Bissen mit Frieden als ein Haus voll Geschlachtetem mit Streit.

            Wer wollte widersprechen? Wo der Frieden   Platz gefunden hat, da ist gut sein. Wo Streit herrscht, möchte keine*r sich allzu gerne und allzulange aufhalten.  Es ist fast noch ein bisschen näher am Leben: „Besser ein trockener Bissen und Ruhe dabei als ein Haus voll Opferfleisch und Streit.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985 S. 156)

            In Gedanken sehe ich hinter diesem Wort die Auseinandersetzungen im Haus Eli, wo der Vater seinen Söhnen sagt: „Warum tut ihr solches? Denn ich höre diese bösen Dinge, die ihr tut, vom ganzen Volk. Nicht doch, meine Söhne! Denn das Gerücht, von dem ich reden höre in des HERRN Volk, ist nicht gut. Wenn jemand gegen einen Menschen sündigt, so kann es Gott entscheiden. Wenn aber jemand gegen den HERRN sündigt, wer soll es dann für ihn entscheiden? Aber sie gehorchten der Stimme ihres Vaters nicht.“(1. Samuel 2, 23-25) Es wird böse enden.

2 Ein kluger Knecht wird herrschen über einen schandbaren Sohn und wird mit den Brüdern das Erbe teilen. 3 Wie der Tiegel das Silber und der Ofen das Gold, so prüft der HERR die Herzen.

            Auch hinter diesen Worten könnte biblische Erzählung stehen – vom Aufstieg des Sklaven Josef bis zum zweiten Mann in Ägypten. Ein Aufstieg, der ihn hat reich werden lassen, so dass er in der Tat mit den Brüdern teilen konnte. Es ist Gottes Art, dass er auch durch harte Wege die Herzen prüft. Erneut ist Josef ein Beispiel für diese Sicht. Aus dem hochmütigen Naseweis der Jugend wird ein reifer Mann, der im Alter Versöhnung mit denen sucht, die ihn verletzt haben.    

4 Ein Böser achtet auf böse Mäuler, und ein Falscher hört gern auf schändliche Zungen .5 Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben.

            . Es gibt eine Logik, die sich darin zeigt, dass jemand nur die Worte wahrnimmt, die die eigene Sicht auf die Welt bestätigen. Der Zyniker hört nur die Zyniker, der Böse nur auf die mit bösen Sprüchen, der Falsche nur auf die Lügengeschichten. Heute heißt das: man lebt in der Blase seiner eigenen Meinung. Man hört nur auf, die genauso denken wie man selbst. Das gilt nicht nur für politische Überzeugungen. Das gilt genauso für die Sicht auf die Welt.Unter Gleichgesinnten ist man sich der Zustimmung sicher.

            Es ist ein Satz, der sich tief eingeprägt hat: Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer. Ein Satz, der die unverschämte Arroganz derer angreift, die vom hohen Ross auf die herabschauen, die es nicht bringen, die es nicht geschafft haben. „Wenn einer schon nicht helfen will, soll er den Unglücklichen wenigstens nicht verhöhnen.“(W. Dietrich, aaO. S. 160) Der gedankliche Hintergrund ist die Parteilichkeit Gottes, für die Armen, für die Niedrigen, für die Verlierer.

6 Der Alten Krone sind Kindeskinder, und der Kinder Ehre sind ihre Väter.

            Die Hochachtung der Geschlechterfolge ist Anschauung fast aller Schriften Israels. Das zeigt sich nicht zuletzt in  den zahlreichen Geschlechterlisten, die heutige Leser fast immer nur langweilen. Kinderlosigkeit ist ein großer Schmerz, Kinder sind Gabe Gottes. Und umgekehrt ist es eine Freude, zu  alten Eltern aufblicken zu dürfen. Im Denken der Bibel sind die Alten nie eine Last.  Der Satz: „Ich will meinen Kindern nicht zur Last fallen“ ist im Mund eines/einer biblischen Alten geradezu undenkbar.

7 Es steht einem Toren nicht wohl an, von hohen Dingen zu reden, viel weniger einem Edlen, dass er mit Lügen umgeht.

            Es wäre besser, sich nicht zu Dingen zu äußern, von denen man nichts versteht. „Wenn du doch geschwiegen hättest“ – ein Rat, den so mancher gehört hat, der sich vorlaut in Gespräche eingeschaltet hat. Es ist eine Art Selbstentlarvung, die dabei geschieht – man entblößt sich in seiner Unkenntnis.

8 Ein Geschenk ist ein Zauberstein dem, der es gibt; wohin er sich kehrt, hat er Erfolg. 9 Wer Verfehlung zudeckt, stiftet Freundschaft; wer aber eine Sache aufrührt, der macht Freunde uneins.

            Das sind Sätze, die zwiespältig ankommen. Natürlich bestärken Geschenke Freundschaften. Aber es gibt, nicht erst heute, die Frage, wann Geschenke nicht mehr nur Geschenke, sondern Korruptionsversuche sind. Auch das wird heute in solchen Regelsätzen nachgefragt: wann wird das Zudecken einer Verfehlung zur unzulässigen Vertuschung? Es steht unserer Zeit gut an, dass sie solche Regeln nicht nur auf ihre Praktikabilität hin hört, sondern auch auf ihre ethische Verantwortlichkeit hin befragt.

10 Ein Scheltwort dringt tiefer bei dem Verständigen als hundert Schläge bei dem Toren. 11 Ein böser Mensch trachtet stets zu widersprechen; aber ein grausamer Bote wird über ihn kommen. 12 Besser einer Bärin begegnen, der die Jungen geraubt sind, als einem Toren in seiner Torheit.

            Es gibt Offenheit und Verschlossenheit für Kritik. Die Behauptung hier: Der Tor ist verschlossen für Kritik, der Vernünftige dagegen ist kritikfähig. Er hört sie und hört in ihr die Möglichkeit, Fehler zu beheben, sich zu bessern, sein Handeln zu korrigieren. Es scheint ein innerer Zusammenhang zu sein: „Der Böse protestiert gegen jeden und gegen alles. (W. Dietrich, aaO. S. 162) Er ist der geborene Störenfried. Ohne jeden erkennbaren Grund und Anlass. Solche Menschen sind gefährlicher als eine Bärin.   

13 Wer Gutes mit Bösem vergilt, von dessen Haus wird das Böse nicht weichen. 14 Wer Streit anfängt, gleicht dem, der dem Wasser den Damm aufreißt. Lass ab vom Streit, ehe er losbricht!

            Verrückte Welt. Gutes wird mit Bösem vergolten. Aus nichtigem Grund bricht einer Streit vom Zaun. Wo es so zugeht, ist es gefährlich, in der Nähe zu sein. Besser auf Abstand halten. In jeder Gemeinschaft, die auf Dauer angelegt ist, die das miteinander fördern will, ist anderes gefordert, das genaue Gegenteil: Das Suchen nach Wegen der Verständigung, das Vergelten von Bösem mit Gutem. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“(Römer 12, 17 – 18) Es ist eine vernünftige und zugleich fromme Ethik, die so denkt.

15 Wer den Schuldigen gerecht spricht und den Gerechten schuldig, die sind beide dem HERRN ein Gräuel.

            Hier geht es um innerweltliche Gerichtsverfahren. Ein Richter, der so das Recht verdreht, das geht nicht. „In beiden Fällen verlässt der Richter ja die Rechtsgrundlage.“ (W. Dietrich, aaO. S. 163) Vermutlich ist es ein Satz, der sich gegen Gefälligkeitsurteile richtet. Gegen gekaufte Rechtsprechung. Gegen die „Geschenke, die wie ein Zauberstein“ (s.o.)  wirken.

            Gänzlich anders ist dieser Satz, wenn er theologisch gelesen wird. So ist ja Gottes Handeln, wie es in Jesus bezeugt wird – er rechtfertigt die Gottlosen und lässt die, die auf ihre eigene Gerechtigkeit bauen, leer. Geradezu musterhaft dargestellt in der Erzählung Jesus: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.  Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!  Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“(Lukas 18. 10- 14)  Gott stellt sich mit seinem Gnadenhandeln außerhalb unserer normalen Rechtsordnung!  Das macht es mit der Gnade so schwierig. 

16 Was soll dem Toren Geld in der Hand, Weisheit zu kaufen, wo er doch ohne Verstand ist? 17 Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren.

            Weisheit ist nicht käuflich. Weisheit kann nicht auf dem Markt erworben werden. Darum gibt es reiche Leute, die gleichwohl erschreckend töricht“ sind – in den Augen der Sprüche. Sie leben mit falschen Prioritäten.

            Schließlich: in der Not zeigt sich, wer es gut mit einem meint.  Wer es ernst meint mit dem Freund und Bruder sein. Wer es sich etwas kosten lässt.

Zum Weiterdenken:

            Es geht immer um das verlässliche, tragfähige Miteinander. der scheinbar so zufällige Reigen dieser Sprüche hat darin seine Zielrichtung. Nicht zuletzt dadurch, dass er die aufmerksam Lesenden zu Stellungnahme nötigt: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist mir wichtig? Worauf vertraue ich?  Das alles ist in den Sprüchen nicht in eine systematische Reflexion gefasst. Aber die so einfachen, fast naiven Sätze nötigen dazu, sich für Wege zu entscheiden. Sie appellieren an Einsicht und an ein Tun, das den eigenen Einsichten auch tatsächlich folgt. Wer den Sätzen zustimmt, innerlich sagt: Stimmt! ist herausgefordert zu entsprechenden Lebensschritten, wenn man sich nicht selbst zum Narren machen will.  

 

Du barmherziger Gott, Deine Maßstäbe sind anders. Wir urteilen nach dem,was wir wissen, was vor Augen ist. Du urteilst nach dem, wie es
Deinem Wesen entspricht. Du willst, dass wir leben. Gerechte und Ungerechte, Toren und Weise, Törinnen und weise Frauen.

Du schenkst, was wir uns nie erwerben könnten – Leben aus Deiner Güte.Darüber lobe und preise ich Dich. Amen