Gute Worte tun gut

Sprüche 16, 18 – 33

18 Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. 19 Besser niedrig sein mit den Demütigen als Beute austeilen mit den Hoffärtigen.

            Es klingt nach fremder Verfügung – aber es ist wohl so etwas wie eine Eigengesetzlichkeit gemeint. Wer zugrunde gehen soll… Der überzogene Glaube an die eigenen Möglichkeiten trägt häufig schon die Ursachen eines Absturzes in sich. Es gibt  Selbstvertrauen, das sich als hohl erweist, als nicht tragfähig. So wie es Kumpanei gibt, die bei der ersten Probe zerbricht.  

20 Wer auf das Wort merkt, der findet Glück; und wohl dem, der sich auf den HERRN verlässt! 21 Ein Verständiger wird gerühmt als ein weiser Mann, und liebliche Rede mehrt die Einsicht. 22 Klugheit ist ein Brunnen des Lebens dem, der sie hat; aber die Strafe der Toren ist ihre Torheit. 23 Des Weisen Herz redet klug und mehrt auf seinen Lippen die Lehre.

    Unermüdlich wiederholt: Das Wort achten ist gute Wege finden.  Gemeint ist sicherlich im Vordergrund zunächst „die Belehrung der Weisen“. (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 152) Man wird nicht dümmer, wenn man auf die hört, die vor einem selbst Vorsprung an Lebenserfahrung haben. Es gehört zur Sichtweise der Umwelt des Spruchdichters, dass der Weg zu einem guten Leben durch das Achten auf die Erfahrungen früherer Zeiten geahnt wird, die die Weisen vermitteln.

            Diese Überzeugung steht nicht nur hinter den Sprüchen – sie steht auch hinter den Geschichtsbüchern Israels. Auf sie verweist auch Paulus zurück. „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“(Römer 15,4) Das ist von Paulus her gewiss keine Einladung zu fundamentalistischem Glauben an die Bibel, wohl aber eine Einladung, aus der Weisheit dieser Schriften zu schöpfen.

24 Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

  Das kennt wohl jeder: Gute Worte tun gut. So mancher wird durch einen Besuch aufgerichtet, durch freundliche Worte. Das ist nicht als Therapie einsetzbar – aber es ist manchmal mehr als eine medizinische Therapie vermag. Es gibt ein Gesundwerden an Leib und Seele, das aus dem Hören freundlicher Worte Kraft gewinnt.    

25 Manchem scheint ein Weg recht; aber zuletzt bringt er ihn zum Tode.

            Selbst-Täuschung. Nicht jeder Weg ist ein guter Weg. Nicht immer ist es ein guter Rat: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Es gibt bei Wanderungen Wege, die sich als Sackgassen erweisen. Es gibt auch Lebenswege, die sich als Sackgassen entpuppen. Der Spruchdichter würde sicher auch nicht zustimmen: „Der Weg ist das Ziel.“ An manchem Ziel gibt es ein böses Erwachen. Es fällt nicht gleich auf – hier wird schlicht wiederholt, was schon früher gesagt ist – der inhaltlich gleiche Satz steht schon in 14,12.  Es ist ein pädagogisches Mittel, das in den Sprüchen verwendet wird: Stete Wiederholung führt irgendwann – vielleicht – zur Einsicht. 

26 Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn; denn sein Mund treibt ihn an.

            Was bringt Menschen dazu zu arbeiten? Eine leicht idealistische Antwort unserer Zeit: Sie wollen sich in ihrer Arbeit selbst verwirklichen. Hinter der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens steht dieser Gedanke: Menschen würden noch viel lieber arbeiten, wenn sie nicht irgendwelchen ökonomischen Zwängen unterworfen wären, wenn ihr Lebensunterhalt sozusagen von vornherein auskömmlich gesichert würde.  

            Die Sprüche zeigen sich skeptisch: Es ist der Hunger, der zum Arbeiten führt. Es ist die Sicherung der eigenen Existenz, die Leute schaffen lässt. Oder, wie Bert Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Das ist weit entfernt von einer Sicht, die Arbeit als eine Art Sinnstiftung für den Menschen sieht.  Es geht schlicht ums Sattwerden, ums Überleben.     

            Ich habe von Soziologen gelernt: Frühere Zeiten folgten dem Konzept einer Überlebensgesellschaft. Dahinein gehört auch das Denken der Sprüche Salomo. Wir dagegen heute folgen dem Konzept einer Erlebnisgesellschaft. Darauf kommt es an, ob etwas ein Mehrwert als Erlebnis bringt – die Tasche von Gucci, der PKW von BMW, der Wein vom Rheingau, die Kreuzfahrt zum Nordkap. „Heute treibt uns in unseren Breiten weniger der Hunger als vielmehr das Streben nach Luxus.“(W. Dietrich, aaO. S. 154) Das Ergebnis dieses Wandels schlägt sich auch im ungehemmten Anstieg des Verbrauchs von Lebensgütern nieder. Wir verzehren die Zukunft unserer Enkel. Man gönnt sich ja sonst nichts!    

27 Ein heilloser Mensch gräbt nach Unheil, und auf seinen Lippen ist’s wie brennendes Feuer. 28 Ein falscher Mensch richtet Zank an, und ein Verleumder macht Freunde uneins. 29 Ein Frevler verlockt seinen Nächsten und führt ihn auf keinen guten Weg. 30 Wer mit den Augen winkt, denkt nichts Gutes; und wer mit den Lippen andeutet, vollbringt Böses.

            Es ist ein Kontrast-Bild: eben noch hat der Sammler die wohltuende Wirkung guter Worte ins Blickfeld gerückt. Jetzt zeigt er, was Worte alles anrichten können: Unheil, Zank,  sie sind Brandbeschleuniger. Sie entzweien Menschen. Sie verlocken auf die schiefe Bahn. Manchmal genügt ein Blick-Kontakt. Worte können heilen und Worte können zerstören. Rufmord braucht keine Messer – es genügen gezielt gestreute Gerüchte.

 „Als gesuchter Beichtvater, der täglich bis zu zwölf Stunden im Beichtstuhl verbrachte, habe Philipp Neri Bußen auferlegt, die „nicht nur sehr originell“, sondern auch von hohem „glaubenspädagogischen Wert“ waren, schrieb Wodrazka. Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: „Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt.“

Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: „Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht.“ Daraufhin Philipp: „Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen.“

            Man wird schon darüber nachdenken dürfen (und müssen), wie viele Menschen in Zeiten von Facebook, Instagram, Twitter Opfer von bösartig verbreiteten Unwahrheiten und Halbwahrheiten geworden sind. Sich wehren gegen den unsichtbaren Denunzianten, gegen den Intriganten, gegen den Gerüchte-Streuer?  Umso wichtiger ist es, zu sehen, was einer sagt, wie er es sagt. An Gesichtern Gedanken abzulesen. Die Mimik, die Körpersprache eines Menschen zu erkennen. Da sind die Sprüche voll auf der Höhe der Zeit.  

31 Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden. 32 Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.

     Graue Haare sind mehr als ein Alterszeichen. Sie sind, unsere Zeit würde hier wohl zögern zuzustimmen, eine Krone der Ehre. Man altert in Ehren und man altert überhaupt und ehrenhaft auf den Weg der Gerechtigkeit. Es ist die Überzeugung, die wiederholt an anderer Stelle in den Sprüche verhandelt wird: Unrecht hat lebensverkürzende Wirkungen, Gerechtigkeit aber ist eine lebensverlängernde Maßnahme.

     Das Glück kommt zu dem, der warten kann. Man kann es nicht erjagen – es entzieht sich. Aber man kann sich selbst und die eigenen Süchte und Sehnsüchte beherrschen lernen und so den Weg zu einer tiefgegründeten Zufriedenheit finden.

       Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“ Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“ „Woher wisst Ihr, dass das Wetter so sein wird, wie Ihr es liebt?“ „Ich habe die Erfahrung gemacht, mein Freund, dass ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“

33 Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie der HERR will.

            Wir sind nicht die Herren unseres Schicksals. Auch die nicht, die sich auf ein günstiges Los verlassen. Es gehört über lange Zeit hin zur Kultur und zur religiösen Praxis Israels, Entscheidungen durch das Los herbei zu führen. Vielfältige Geschichten werden darüber erzählt. Urim und Thummim sind Los- und Orakel-Steine des Hohenpriesters in Israel. Das Los hilft bei der Zuteilung der Siedlungsräume in Israel. Das Los hilft, Missetäter zu stellen. Das Los entscheidet über Kriegszüge.

            Der Satz hier erinnert daran: Es ist nicht der das Los werfende Mensch, der entscheidet, wie es fällt. Das ist Einspruch gegen jede Los-Manipulation. Es ist der HERR, der auch im Los mit seinem Willen zugegen ist. Nicht das Los, Gott entscheidet!    

 

Heiliger Gott, davon lebt die Welt, dass Du sie ins Leben gerufen hast, dass Du über ihr Dein Wort gesagt hast, dass Du sie in Deinem Wort geordnet hast. Davon, Du gnädiger Gott, leben wir, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir einander Mut zusprechen, die Traurigen trösten, die Verzagten aus ihrer Angst holen. Davon leben wir, dass Du uns freigesprochen hast in Deinem Sohn – Jesus Christus – und alle Anklagen damit Null und Nichtig geworden sind.

Ich bete Dich an, Du Wort ob allen Worten. Amen