Gott gibt keinen auf

Sprüche 16, 1 – 9

1 Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird. 2 Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister. 3 Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

            Wir hätten es wohl gerne so, dass wir die Herren unserer Tage sind. Dass wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. Das große Zauberwort unserer Epoche – Autonomie – gehört nicht zum positiven Wortschatz der Sprüche. Wir sind nicht die Herren unserer Zeit. Jesus erinnert daran: „Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ (Matthäus 6,27)  Wir leben mehr, als wir es uns meistens eingestehen, vom Empfangen als aus unserer eigenen Fähigkeit. Wir sind nicht die Meister unseres Lebens. Das einzusehen ist ein Schritt auf de Weg zu lebensgerechter Demut.  

            Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften: Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. Wer sich in der Bibel auskennt, hört es sozusagen synchron: „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ (Psalm 37,5) Oder aus dem Neuen Testament: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15) Es ist Gott, der die Wege öffnet.

4 Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.

            Was für eine Herausforderung an unser Denken. Das klingt nach Vorherbestimmung, aus der es kein Ausweichen gibt. „Mag es der letzte, jäh über den Gottlosen hereinbrechende Unglückstag sein oder das Jüngste Gericht, deutlich wird, dass Gottlosigkeit nicht immer ungestraft bleiben wird.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 147) So gelesen verliert das Wort seine Schärfe. Auch der andere Ausleger weicht zurück: „Alles ist zu einem bestimmten Zweck von Gott gemacht worden. Als eine etwas überspitzte Formulierung dieses allgemeinen Satzes kommt uns die Behauptung vor, der Frevler sei nur geschaffen, damit die Vergeltung Gottes an ihm offenbar werden könne.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 68) Diese überspitzte Folgerung aber liegt in der Logik des allgemeinen Satzes und hat kirchengeschichtlich ihre – nur zu oft verhängnisvollen – Auswirkungen in der Lehre von der doppelten Prädestination. Der zum Heil und der zum Unheil.    

            Man wird sich in dieser Auseinandersetzung nicht um eine eigene Sicht herum mogeln können. Ich für mein Teil halte diesen Worten entgegen, dass Gott alle will. Das Heil der Welt. Dass es nicht seine Absicht ist, dass ihm auch nur eine*r verloren gehe.   

            Ich halte es mit der Kinder-Theologie im Kinderlied:

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt
 Weißt du, wie viel Wolken gehen weit hin über alle Welt
Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.“                                                                              
W. Hey 1837, EG 511

            Das ist noch nicht Allversöhnung. Aber es ist der scharfe Widerspruch gegen eine Lehre von der doppelten Prädestination. Gott erschafft nicht und nichts für den Untergang, zielgerichtet für das Verderben. Das Ziel für sein Erschaffen ist immer Leben in seinem halôm.

 5 Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben. 6 Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des HERRN meidet man das Böse.

            Was freilich für den Spruchdichter unaufgebbar ist: Gott stellt sich gegen alle stolze Selbstsicherheit. Gegen allen Hochmut, der sich für Homo deus, Gottmensch hält. „Wer sich nicht vor Gott demütigt, sondern stolz auf sich selbst vertraut, wird nicht ungestraft bleiben.“ (H. Ringgren, ebda.) Wobei das gestraft werden ein durchaus weltlicher Vorgang ist – die Folgen des eigenen Tuns holen einen ein.

7 Wenn eines Menschen Wege dem HERRN wohlgefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen. 8 Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht.

            Gott ist der große Friedensstifter. Gott hilft dazu, dass alte Feinde sich versöhnen, dass sie Schritte aufeinander zu tun können, dass die tiefen Gräben des Unrechtes zugeschüttet und überwunden werden können. In der Erzähltradition Israel finden sich dafür wunderbare Einzelszenen: Jakob und Esau: „Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.“(1. Mose 33, 4) Die Antwort Jakos: „Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen.“(1. Mose 33, 10) Oder die Versöhnung zwischen Joseph und seinen Brüdern: „Seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht.(1. Mose 50, 18 – 21) Hinter aller Versöhnung steht Gott.

            Es folgt einer der Besser-Sprüche. Es ist nah an der deutschen Spruchweisheit: „Ein gute Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.“ Wer mit sich selbst nicht einig sein kann, weil sein Gewissen ihn verklagt, der ist arm dran – und wäre er noch so reich. Darum ist Neid auf die Reichen in keiner Weise angesagt. 

9 Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.

            Es geht ja nicht ohne Planen. Es geht auch nicht ohne die Suche nach einer Perspektive. Nach Orientierung. Wer nicht weiß, wo er hin will, irrt ziellos umher. Es fällt auf – der Wechsel von Weg im ersten Teil zu Schritt im zweiten. „Gott lässt den Weg nicht irgendwie gut gehen, sondern hat ein großes Ziel im Auge, auf das er jeden einzelnen Schritt, jedes Wegstückchen ausrichtet.“(W. Dietrich, aaO. S. 149)

            Gleich siebenmal habe ich über diese Worte bei Trauungen gepredigt. Versucht, die zukünftigen Eheleute einzuweisen in das Vertrauen, dass sie ihr Planen den Wegweisungen Gottes anpassen dürfen. Dass er Schritt für Schritt leiten wird.  Es ist eine Einladung zu einem ausgesprochen kühnen Vertrauen.

„So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich!
Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt.
Wo du wirst geh´n und stehen, da nimm mich mit.“                                                                            J. Hausmann 1862,  EG 376

            Es braucht eine Fülle an Erfahrungen, bis jemand zu solchen Worten kommt. Erfahrungen von Glück und von Schmerz. Vor allem aber: Erfahrungen Gottes im eigenen Leben.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

         Autonomie – Im strengen Wortsinn: Jede*r ist sich selbst Maß und Ziel, jede*r sein eigenes Gesetz. Es gibt kein Gesetz außerhalb. So denken die Sprüche gerade nicht. Sie sehen das Glück des Menschen darin, dass er seiner Bestimmung durch Gott folgt. Dass er seine Wege ehrfürchtig – in der Furcht des Herrn – sucht und findet. Staunend über das Geschenk jeden neuen Tages und dankbar für alle Möglichkeiten in diesen Tagen.

    Wenn Autonomie modern ist, bin ich kein moderner Mensch, Ich bin nicht autonom. Mein Einkommen setzt mir Grenzen. Meine Einbindung in den Familienbund setzt mir Grenzen. Mein Körper setzt mir klare Grenzen: Ich höre immer weniger. Wenn es ans Bezahlen geht, kann ich die Cent-Stücke nur mir  Brille unterscheiden. Ich kann keine anspruchsvolle Bergwanderung mehr bewältigen. Meine Lebenszeit ist begrenzt.

            Kurz: ich bin begrenzt. Frei in ich nur in dem Maß. in dem ich meine Grenzen annehme, in dem ich akzeptiere, dass Gott mir diese Grenzen zumutet, weil er glaubt, dass ich an ihnen wachsen und reifen werde. Das ist die Aufgabe, die sich uns in der zweiten Lebenshälfte stellt: an den eigenen Grenzen wachsen und reifen. Akzeptieren lernen, dass es zu Ende geht mit den selbstbestimmten Wegen. Fromm gesprochen: akzeptieren, dass Gott die Regie unseres Leben neu übernimmt. Von Jesus höre ich: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“(Johannes 21,18) Es mag sein, dieses Führen delegiert Gott – an Pflegekräfte, an Ärzte, an Angehörige. So ist er inkognito mit auf dem Weg.

 

Mein Gott, mit meinem Vertrauen ist es oft nicht so weit her, wenn die Dinge nicht so gehen, wie ich es mir erhofft habe. Ich verliere das Ziel aus den Augen, ich traue meinen Schritten nicht mehr, ich fürchte mich vor Entscheidungen. Ich brauche die Erinnerung, immer wieder, dass Du es gut mit uns machen wirst, dass wir unsere Wege Dir anvertrauen dürfen, dass Du keinen verloren gibst. Auch keinen, der sich selbst schon aufgegeben hat.

Stärke Du mich täglich neu im Vertrauen auf dich. Amen