Das Herz – die Person-Mitte

Sprüche 15, 13 – 18

13 Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut.

            Man kann es einem Menschen ansehen, wie „drauf“ ist. Den meisten jedenfalls. Nu denen mit einem Pokergesicht nicht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen unserer inneren Verfassung und unserem Gesichtsausdruck. Wobei es schon stimmt, dass die Aufforderung „Mach ein anderes Gesicht“ in der Regel ins Leere läuft. Wir können nicht „ein anderes Gesicht machen“. 

            Es ist gut, dass aus diesen Einsichten keine Aufforderung abgeleitet wird: „Wir sind dazu aufgerufen, jede Gelegenheit zum Freuen zu nützen und dem Kummer nicht allzu viel Raum in unserem Denken zu lassen.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 140f.) Genau das steht nicht da! Die Sprüche beschreiben, sie befehlen nicht.   

14 Des Klugen Herz sucht Erkenntnis; aber der Toren Mund geht mit Torheit um.

            Zum dritten Mal steht hier das Herz im Blick – lēb. „In der geläufigsten Form lēb kommt es im hebräischen Alten Testament 598 mal, in der Form lēbāb 252 mal vor.“(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testamentes, München 1974, s. 66)  Das Interesse gilt dabei nicht dem Organ, das medizinisch betrachtet so wichtig ist. Es gilt dem Wesen, der Personmitte, die sich im Herzen finden. „In den weitaus meisten Fällen werden vom Herzen intellektuelle, rationale Funktionen ausgesagt, also genau das, was wir dem Kopf und genauer dem Hirn zuschreiben.“(H. W. Wolff, aaO. S. 77)  Im Herzen fallen die Entscheidungen über die Wege des Menschen.

            Vielleicht darf man von daher so übertragen: Kluge Menschen wissen, dass sie viel mehr nicht wissen als sie wissen. Toren dagegen glauben, sie wüssten schon alles und müssten nichts mehr dazu lernen. Darum sind kluge Herzen auch offen für Kritik. „Jede Kritik ist eine kostenlose Unternehmensberatung. … Wer sich kontinuierlich Kritik gegenüber immunisiert und keinen Rat von außen einholt, wird wie ein Messer sein, das schon lange nicht mehr geschliffen wurde, stumpf, ineffektiv und irgendwie unbrauchbar.“(V. Kessler, Kritisieren ohne zu verletzen, Lernen von den Sprüchen Salomos, Giessen 2019, S. 29)Man könnte auch sagen  und würde bei dem Spruchdichter wahrscheinlich Zustimmung finden: „Wer mich nicht (mehr) kritisiert, liebt mich nicht.“

15 Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest. 16 Besser wenig mit der Furcht des HERRN als ein großer Schatz, bei dem Unruhe ist. 17 Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.

            Es ist die innere Verfassung, die darüber entscheidet, wie wir die äußerlichen Lebensumstände wahrnehmen. Wenn einer neben der Spur ist, freut ihn nichts. Wenn einer festsitzt im Gefängnis seiner trüben Gedanken, gibt es keinen Hoffnungsschimmer. Nicht einmal das Essen schmeckt mehr. Und der eigene Besitz löst nur Ängste aus – weil er ja von überall her bedroht ist. Es scheint, diese Haltung hat Jesus vor Augen, wenn er mahnt: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,20)    

            Es ist ein Appell an die Einsicht, an das Einfühlungsvermögen, an die Urteilsfähigkeit der Leser*innen. Besser, wenig – besser, nur…. Wer würde nicht zustimmen, dass die Qualität eines Festmahles nicht an der Menge der Speisen hängt sondern an der Atmosphäre, am Miteinander. wo Streit und Hass ist, verschlägt es einem auch den Appetit. „Für einen Gast ist es angenehmer, gern gesehen und zu einem Teller Suppe eingeladen zu werden als bei einem Festmahl offensichtlich lästig zu sein.“(W. Dietrich, aaO. S. 142) Wer würde da nicht zustimmen?

18 Ein zorniger Mann richtet Zank an; ein Geduldiger aber stillt den Streit.

            Was ist gefährlich am Zorn? Es gibt doch auch den „heiligen Zorn“, so wie er Jesus ergreift, als er den Tempel reinigt. Gefährlich ist der Zorn wohl vor allem, weil er häufig keine Distanz mehr kennt.  Nur noch Aufregung, nur noch Impulsivität. Da ist kein Raum mehr zum Abwägen der eigenen Worte, zum Überlegen, was sie anrichten könnten. Man haut seine Sätze raus – und schüttet Öl ins ohnehin schon brennende Feuer. Es kommt dazu, der andere hört nicht mehr nur Worte, sondern Angriffe, Kränkungen.

            Zuhören. Noch einmal zuhören – nicht den Friedensapostel geben – das signalisiert allzu leicht Überlegenheit, die nur umso mehr aufregt. Ein Geduldiger kann auch nach der Wahrheit des Anderen fragen und auf sie zu antworten suchen. Das ist nicht einfach und auch nicht immer von Erfolg gekrönt, so dass sich die Gemüter beruhigen. Aber manchmal gelingt es und der Streit verlöscht wie ein Feuer, dem man die Luft entzogen hat.   

Herausforderung an unser Denken und Glauben

            Vor über dreißig Jahren die Frage an mich: „Brauchst du eigentlich immer die negative Folie, damit das Evangelium zum Leuchten kommen kann?“ Weil ich mir auf dem falschen Fuß erwischt vorkam, hat sich mir die Frage so eingeprägt  und ich geben sie weiter an die Sprüche. Es würde doch reichen, die positiven Sätze über die Gerechten zu sagen: Sie erhalten, was sie begehren. Ihre Hoffnungen und ihr Warten erleben Erfüllung. Sie sind vor Unwetter in Sicherheit. Sie werden alt. Ihr Leben ist in Ordnung.

            Reicht das nicht, weil der Vorwurf nahe liegt: Nur Wunschbilder. Nur schöner Schein, erkauft durch Ausblenden der harten Realität. Reicht es nicht, weil die Warnung fehlt, was werden wird, wenn man den Weg der Gerechtigkeit verlässt? Braucht es die Warnungen wie die Bilder auf der Zigarettenschachtel, möglichst schrill, weil die Anziehungskraft des guten Lebens zu gering ist? Heile Welt – da ist nichts los.

            Weit darüber hinaus gefragt: Geht es, darauf zu verzichten, mit der Hölle zu drohen, nicht die Angst vor dem Verlorengehen zu schüren? Frohe Botschaft ohne Drohbotschaft. Evangelium ohne die dunkle Folie des Gerichtes. Es ist eine ernsthafte Frage. Mir persönlich liegt es nahe, so zu denken: Die Ungerechtigkeit trägt in sich selbst schon genug Strafpotential. Da muss nicht noch Drohung mit einem zornigen Gott und dem ultimativen Gericht dazu kommen.  

 

Du heiliger Gott, Du willst uns als eine Wohltat für andere, mit einem frohen Herzen, mit einem langen Atem. Du willst uns als Menschen, die dem Frieden dienen, die anderen einen Raum zum Leben öffnen, die sich freundlich um die mühen, die es schwer haben, mit sich selbst und mit dem Leben.

Du willst, dass wir Deine Güte ausstrahlen, die Du uns schenkst, grundlos einfach so. Amen