Die vergessene Übung: Geduld

Sprüche 14, 29 – 34

29 Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit. 30 Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben; aber Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.

            Es klingt wie ein Einspruch gegen unsere schnelle Zeit, gegen die Ungeduld, die heute auf allen Ebenen zu herrschen scheint. Ein Lob der Geduld. Ein Lob der Langsamkeit. Damit etwas tief in uns verankert ist, raucht es Zeit,  oftmals viel Zeit. Die Geduld ist die Weisheit hinter allen Ritualen. sie leben davon, dass sie nicht eilig sind, sondern wieder und wieder wiederholt werden.

       Es gibt eine Fülle von Sprüchen aus anderen Zusammenhängen und Kulturen, die alle um das Thema Geduld kreisen: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ (Sprichwort aus Sambia) – „Man kann nicht heute Apfelbäume pflanzen und schon im nächsten Jahr die Früchte ernten.“(Berthold Beitz) – „Geduld ist der Schlüssel zur Freude.“
(Arabisches Sprichwort)

„Man darf nie weniger geschwind tun, wenn etwas geschehen soll, als wenn man auf die Stunde einhalten will. Ein Fußgänger auf der Baslerstraße drehte sich um und sah einen wohlbeladenen Wagen schnell hinter sich hereilen. „Dem muß es nicht arg pressieren“, dachte er. – „Kann ich vor Torschluß noch in die Stadt kommen?“ fragte ihn der Fuhrmann. – „Schwerlich“, sagte der Fußgänger, „doch wenn Ihr recht langsam fahrt, vielleicht. Ich will auch noch hinein.“ -„Wie weit ist’s noch.“ „Noch zwei Stunden.“ – „Ei“, dachte der Fuhrmann, „das ist einfältig geantwortet. Was gilt’s, es ist ein Spaßvogel. Wenn ich mit Langsamkeit in zwei Stunden hineinkomme“, dachte er, „so zwing ich’s mit Gechwindigkeit in anderthalben, und hab’s desto gewisser.“ Also trieb er die Pferde an, daß die Steine davonflogen und die Pferde die Eisen verloren. Der Leser merkt etwas. „Was gilt’s, denkt er, „es fuhr ein Rad vom Wagen?“ Es kommt dem Hausfreund auch nicht darauf an. Eigentlich aber, und die Wahrheit zu sagen, brach die hintere Achse. Kurz der Fuhrmann mußte schon im nächsten Dorf über Nacht bleiben. An Basel war nimmer zu denken. Der Fußgänger aber, als er nach einer Stunde durch das Dorf ging und ihn vor der Schmiede erblickte, hob er den Zeigfinger in die Höhe. „Hab ich Euch nicht gewarnt“, sagte er, „hab ich nicht gesagt: Wenn Ihr langsam fahrt?“            (J. P. Hebel, Der verachtete Rat, 1815)

            Es ist ein Gedanke, der einem schon kommen kann: mit dem Verlust der Ewigkeit als dem weiten Horizont des Lebens hat die Ungeduld die Oberhand gewonnen. Alles muss in die wenigen Jahren hineingepackt werden, die wir da sind. Nichts darf versäumt werden, denn nichts kann wiederholt werden. Für das Leben gibt es keine Reset-Taste und keine Repeat-Taste, nur die Echtzeit. Kein Wunder, dass alles eilig geworden ist. 

            Geduld lernen – das ist zuallererst ein Lernprogramm für den Umgang mit sich selbst. Das fängt sehr klein und bescheiden an: „Mir zugestehen, dass ich ein Leben lang ein Anfänger bleiben darf.  Ich fange heute neu mit mir an. Ich weiß, dass ich dazu geduldig werde sein müssen – mit mir selbst, weil ich mich ja zu kennen glaube, weil ich nicht aus dem Gedächtnis streichen kann, woran ich gestern und vorgestern Schiffbruch erlitten habe. Und wenn ich mir selbst eine zweite und dritte Chance geben möchte, dann stehen meine Erinnerungen und Erfahrungen da und flüstern mir zu: Es wird nichts werden. Es wird nur wieder die Wiederholung des ewig Gleichen sein. Da fängt der Kampf der Geduld an – in der Form des Ringens um das Vertrauen auf die Gnade des Neuanfangs.“(P.-U. Lenz, Tiefe Wurzeln wachsen langsam, Giessen 2008, S. 61) Geduld ist der Versuch, so etwas wie Gelassenheit zu lernen. 

            Gelassenheit kann wohl nur da wachsen, wo eine*r sich mit allem, auch mit den Versäumnissen des eigenen Lebens in den Händen Gottes geborgen weiß.  Wo eine*r glauben lernt, dass es genug ist, dass jeder Tag seine eigene Plage hat, sein eigenes Maß, seine eigenen Aufgaben. Und dass von Gott her nicht mehr verlangt ist, als sein Tagwerk redlich zu verrichten. Gott hält nichts von den Programmen zur Arbeitsverdichtung.  

31 Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.

            Es ist ein Satz, wie er nicht in das Denken der Zeiten passt – damals wohl nicht und heute auch nicht. Der Einwand liegt so rasch auf der Hand: Was ist Gewalt? Wir sind doch keine Leute, die durch die Straßen laufen und andere verprügeln. So entschuldigen sich Leute, die sich irgendwie angesprochen fühlen. Aber es gibt nicht nur diese rohe Gewalt der Schlägertrupps, der Hooligans.

            Es gibt die andere, die strukturelle Gewalt. Die den einen unten im Elend festhält und den anderen immer höher steigen lässt. Die dem einen den Zugang zu Wasser, Brot, Arbeit versperrt, weil Andere daraus ihren Gewinn ziehen. Es gibt die Gewalt, die der öffentlichen Meinung nicht nur die Themen,  sondern auch die  Wertungen zuschreit und andere sind vom Zugang zu den öffentlichen Medien ausgegrenzt. Es gibt diese Art Gewalt, die sich verkleidet, die sich der eilfertigen Handlanger bedient, die sich nie die Hände schmutzig machen muss. 

Es gibt die emotionale Gewalt, die sich schlicht in Sprüchen zeigt. ein Lehrer lässt seine Schülerin hundertmal schreiben: „Ich bin eine Gans, nur ohne Federn.“ Das ist pädagogischer Machtmissbrauch, emotionale Gewalt in ihrer übelsten Form. Geeignet, Selbstbewusstsein zu zerstören. Nur gut, dass das Mädchen eine Mutter hatte, die ihr beigestanden hat mit den Worten: „Das schreibst du nicht. Ich habe keine Gans geboren.“

            Das Urteil der Sprüche aber geht weit über den Satz hinaus: das ist unfair und ungerecht. vielleicht auch undemokratisch. „Wer den Geringen unterdrückt, versündigt sich nicht nur, weil er das Gebot der Nächstenliebe übertritt, sondern auch, weil er Gott verhöhnt, der den Armen seinen Mitmenschen anbefohlen hat.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, s. 136)Auf den ersten Blick geht es hier nur um Umgang mit dem einzelnen Geringen, dem einzelnen Armen. Aber wir heute lernen: es geht auch im die strukturelle Gewalt, die ganze Völker, ganze Kontinente  zu Armen macht, zu Notleidenden. Das Hören auf diese Worte wird in unserer Zeit auch so zum Ausdruck kommen müssen, dass Christ*innen sich für eine gerechtere Verteilung der Mittel engagieren, für eine gerechtere Weltordnung, für den achtsamen Umgang mit den Ressourcen, die alle nötig haben – Wasser, saubere Luft, Nahrung, Sicherheit vor Gewalt….. 

32 Der Gottlose besteht nicht in seinem Unglück; aber der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. 33 Im Herzen des Verständigen ruht Weisheit, und inmitten der Toren wird sie offenbar.

            Es braucht ein festes Herz, um durch Querschläge und Schicksalsschläge nicht aus der ahn zu geraten. Es braucht den festen Halt in Gott, damit einer sein Unglück tragen kann. Was hier gesagt ist, ist nahe an dem Zeugnis des Psalms:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;                     denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“           Psalm 23,4

    Vielleicht gehört das ja zum Programm der Sprüche, dass sie „fromme“ Sätze, auch Gebete so umwandeln, dass daraus allgemeine Lebensregeln werden können, mit dem ungesagten Zusatz: wer so lebt, ist richtig unterwegs. Nicht jeder ist für „Frommes“ aufgeschlossen.  Darum ist der Umweg, geistliche Einsichten in allgemeine Weisheit zu verwandeln, ein Weg hin zu denen, die dem Religiösen gegenüber skeptisch sind. 

34 Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben. 35 Ein kluger Knecht gefällt dem König, aber einen schändlichen trifft sein Zorn.

            Was macht ein Volk zu einem „Leuchtpunkt“, zu einem Beispiel für andere? Glaubt man dem, was in Talk Shows so genannt wird, dann ist es zuerst die wirtschaftliche Leistungskraft. Der allgemeine Wohlstand. Der Erfolg als Exportnation. Vielleicht auch noch der Spitzenplatz in Sachen technischer Fortschritt und universitären Leistungen. Wie anders dagegen die Sprüche: Gerechtigkeit erhöht ein Volkşedākāʼ – die Gerechtigkeit geht allem anderen voran. Es ziert ein Volk mehr als alle Erfolge und Spitzenleistungen, dass es gerecht zugeht, dass für alle der Raum zum Leben geöffnet ist, dass niemand von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen wird.

            Der Apostel Jakobus buchstabiert diese so allgemein wirkenden Sätze  im Blick auf die christliche Gemeinde durch. „Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?“(Jakobus 2,5)  Wer um diesen Satz herum nachschaut, sieht: Dieser Umgang mit den Armen ist auch unter Christen nicht wie von selbst gegeben. Er muss geübt werden, weil er den Spielregeln der normalen Gesellschaft nicht entspricht.

            Schließlich: Tüchtige Leute sind immer gut angesehen – ob der Chef nun ein König oder einfach ein Vorgesetzter ist. Allerdings: ein kluger Knecht ist keiner, der nach oben buckelt und der nach unten tritt. Sachbezogen und fachkundig in der Arbeit, höflich und zuvorkommende im Umgang, klar in den eigenen Werten – das ist  der Mitarbeiter – so statt Knecht -, der seine Arbeit gut macht.

 

Du heiliger Gott, Du willst unsere Nachdenklichkeit. Du willst, dass wir unser Leben vernünftig ordnen, dass wir uns leiten lassen von guten Worten, hinhören auf die Weisheit, die frühere Zeiten gesammelt haben.

Lehre uns doch in unserer schnellen Zeit, dass wir für manche Einsicht Zeit brauchen, das Tempo verlangsamen müssen, weil wir in der Gefahr stehen, uns selbst zu verlieren, während wir immer eilig unterwegs sind.

Lass uns zur Ruhe kommen vor Dir. Lass uns unsere Sinne sammeln in Dir. Lass uns hören auf Dein Wort. Amen