An Gottes Segen ist alles gelegen

Sprüche 10, 22 – 32

22 Der Segen des HERRN allein macht reich, und nichts tut eigene Mühe hinzu.

            Segen – das ist Geschehen, das sich unserer Machbarkeit entzieht. Segen des HERRN erst recht. Es kann eine*r viele Kinder haben, aber dass sie ein „Kindersegen“ sind, steht auf einem anderen Blatt. Es kann eine*r viel Geld haben, dass es jedoch ein Geldsegen ist, steht gleichfalls auf einem anderen Blatt. Gott segnet, wo und wie und wann er will. Diese Unableitbarkeit ist dem Segen eigen. „Der Segen Gottes kommt ohne menschliche Anstrengung.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 47) Das ist gleichwohl keine Einladung zur Faulheit. Wohl aber zum Vertrauen

23 Ein Tor hat Lust an Schandtat, aber der einsichtige Mann an Weisheit. 24 Was der Frevler fürchtet, das wird ihm begegnen; und was die Gerechten begehren, wird ihnen gegeben.

            Diese Form prägt die Sprüche: Sie sind Denken in Gegensatz-Paaren. Die dunkle Folie des Gottlosen, des Narren, des Frevlers dient als Warnung und als Leuchthilfe. Sie lässt das Leben des Gerechten umso heller strahlen. Gedankenlosigkeit und Einsicht stehen einander gegenüber, die Furcht, die unfrei macht und die hoffnungsvolle Erwartung. „Der Gerechte kann auf die Erfüllung seiner Wünsche im Schlaf warten und sich ihrer Erfüllung freuen.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 110) Es mag sein, wir mögen solche Schwarz-Weiß-Zeichnungen nicht. Aber sie haben ihr Recht in ihrer Holzschnitt-Haftigkeit, weil sie zu Entscheidungen nötigen: Wie will ich leben? Wer will ich sein?

25 Wenn das Wetter daherfährt, ist der Frevler nicht mehr; der Gerechte aber besteht ewiglich. 26 Wie Essig den Zähnen und Rauch den Augen tut, so tut der Faule denen, die ihn senden. 27 Die Furcht des HERRN mehrt die Tage; aber die Jahre der Gottlosen werden verkürzt. 28 Das Warten der Gerechten wird Freude werden; aber der Gottlosen Hoffnung wird verloren sein. 29 Der Weg des HERRN ist des Frommen Zuflucht; aber für die Übeltäter ist er Verderben. 30 Der Gerechte wird nimmermehr wanken; aber die Frevler werden nicht im Lande bleiben.

            Es ist ein ganzes Sammelsurium an Warnungen in Richtung derer, die das Leben der Frevler nicht kritisch anschauen. Sie sind unbeständig, wetterwendisch. „Jäh und plötzlich überrascht ihn der Tod.“(H. Ringgren, aaO. S. 46)Die Lebenszeit wird verkürzt! Weil sie ihre Zeit vertun? Bis heute gibt es Todesanzeigen für Hochbetagte zwischen 85 und 100: „Plötzlich und unerwartet verstarb…“ Das zeigt etwas von der Torheit, die hier mitklingt. 

            Jedenfalls: Der Spielraum für das Leben der Gerechten wird größer! Ihre Lebenszeit hat eine andere Qualität. Womöglich gar nicht, was die Zahl der Jahre angeht. Wohl aber, was das Leben in diesen Jahren angeht. Das Warten der Gerechten wird Freude werden. Es sind subjektive Erfahrungen, die hinter solchen Worten stehen! Keine Lebensweisheiten in der Form eherner, immer gültiger Gesetze.

 31 Aus dem Munde des Gerechten sprießt Weisheit; aber die falsche Zunge wird ausgerottet. 32 Die Lippen der Gerechten wissen, was wohlgefällt; aber der Mund des Frevlers weiß Dinge zu verdrehen.

            „Da die Sprüche sich mit dem Alltag des menschlichen Lebens Beschäftigen, thematisieren sie auch Kommunikationsprobleme.“ (V. Kessler, Kritisieren ohne zu verletzen, Lernen von den Sprüchen Salomos, Giessen 2019, S. 6) Hier den Umgang mit der Wahrheit. Wir leben in einer Zeit der Fake News. Alle Tage wieder gibt es Meldungen, deren Wahrheitsgehalt gleich Null ist. Die aber wie bösartige Geschwulste wuchern und das miteinander vergiften. Kein Feuer ohne Rauch, kein Rauch ohne Feuer – es wird schon etwas dran sein: So denken Menschen und übernehmen unkritisch ungeprüft, was sie gehört, gesehen, gelesen haben.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Fake News sind keine Erfindung unserer Zeit – der Intrigant und Gerüchte-Verbreiter ist eine Figur aller Zeiten. Die Sprüche nennen ihn Frevler, weil er Leben aus purer Lust am Zerstören in Gefahr bringt. Gerüchte gibt es schon immer – sie laufen auch früher schon rasch. Nur das heutige Verbreitungs-Tempo ist der modernen Technik geschuldet. Es geht rasend schnell, sozusagen in Echtzeit: Halbwahrheiten, Andeutungen, Gerüchte – die ganze Palette wird bedient.  Und zurückholen, wenn sich die Gerüchte als Unwahrheit erweisen? Geht nicht. Was einmal in der Welt ist, wird nicht „gelöscht“. Das gilt nicht nur für das Internet.   

            Von Philippo Neri, Im Mittelalter Seelsorger in Rom  wird erzählt:

             „Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: „Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt.“

            Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: „Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht.“ Daraufhin Philipp: „Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen.“

            Man wird durchaus sagen dürfen – hinter halbwahren Worten und Meldungen steckt oft Bösartigkeit. Die sie verbreiten, „kümmern sich nur darum, wie sie anderen durch Entstellungen, Verdrehungen und Falschmeldungen schaden können.“(W. Dietrich, aaO. S. 110) Der große Unterschied zur Zeit der Entstehung der Sprüche: Damals sind solche falschen Zungen in ihrer Reichweite beschränkt – sie gehen nur von Mund zu Mund. Heute laufen Meldungen in Sekunden um die Welt – und manche sind geeignet, irreparable Entscheidungen herbei zu führen. Jüngsten Beispiel: der Brexit, der mit einem Gemisch von Ressentiments, Halbwahrheiten und Lügen initiiert worden ist. Und viele sind darauf – gutgläubig, naiv – hereingefallen. 

 

Mein Gott, danke für alles Achten auf unser Leben. Danke für alles Warnen, das uns helfen will, behutsam zu sein, achtsam umzugehen mit dem, was wir tun, mit dem, was wir sagen, mit dem, der an unserer Seite unterwegs ist. Du willst, dass unser Leben in Worten und Werken anderen gut tut. . Leite Du uns dazu durch Dein Wort, durch Deinen Geist. Amen