Bewahren vor dem falschen Leben

Sprüche 10, 6 – 12

6 Segen ruht auf dem Haupt des Gerechten; aber auf die Gottlosen wird ihr Frevel fallen. 7 Das Andenken des Gerechten bleibt im Segen; aber der Name der Gottlosen wird verwesen.

            In diesem Tonfall der Gegenüberstellung Gerechter -Frevler geht es weiter. Jetzt aber nicht mehr konkret auf Fleiß und Auskommen, Armut oder Faulheit bezogen, sondern allgemein: Segen auf dem Haupt des Gerechten, die Gottlosen aber werden von ihrem Frevel eingeholt.

Man könnte auf die Idee kommen – der Psalm hat für diese Gedanken Pate gestanden:

„Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht                                                          noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.                                                         Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,                                                            aber der Gottlosen Weg vergeht.“                Psalm 1, 4 – 6

            Es ist eine „ausgesprochen optimistische Stimmung, gebaut auf das feste Vertrauen der gerechten Weltordnung.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 45) Gutes tun tut gut und zahlt sich aus. Gott antwortet mit Wohlergehen auf das Handeln, das sich an seinen Weisungen orientiert. Es ist eine Lebenshaltung, die sich auch in modernen Zeiten wieder finden lässt. „Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Das Leben gelingt meistens einigermaßen. Nicht immer leider, aber meistens gelingt es allen Widrigkeiten und Fehlern zum Trotz. Eltern machen nicht alles falsch und trotz ihrer Fehler werden aus den meisten Kindern tüchtige Leute.“(G. Hartmann, Erfrische Geist und Sinn, Frankfurt 1997, S. 29)

            Es ist eine Eigenart dieser Wort-Sammlung, dass sie zwar nüchtern die Realität des Bösartigen in der Welt sieht, aber dennoch auf den guten Ausgang hofft, darauf, dass sich das Gute – Gottes Güte – durchsetzen wird. Dass am Ende der Segen bleibt.

8 Wer weisen Herzens ist, nimmt Gebote an; wer aber ein Narrenmaul hat, kommt zu Fall. 9 Wer in Unschuld lebt, der lebt sicher; wer aber verkehrte Wege geht, wird ertappt werden.

            Es ist eine Verknüpfung, die grundsätzlich ist: „Die Gebote sind die Lehren der Weisen.“ (H. Ringgren, aaO. s. 47) In dem Sinn, dass die weisen Herzens sind, die sich von ihnen leiten lassen. Aber auch in der Weise, dass sie die Gebote ihrerseits lehren. „ Dies sind die Gesetze und Gebote und Rechte, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, dass ihr sie tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen, damit du dein Leben lang den HERRN, deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, auf dass du lange lebest. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. (5. Mose 6, 1 – 2. 6-7)

            Es ist die spürbare Nähe zu der Hochachtung des Gesetzes, die in den Worten der Sprüche eine eigene Stärke gewinnt. Das Gebot wird hier nicht einfach formal eingeschärft. Es wird durch seine Lebenstauglichkeit als gute Wegweisung begründet. Was sich in Handlungen zeigt, das zeigt sich auch in den Worten. Der Weise, Besonnene geht mit seinen Worten entsprechend um.

10 Wer mit den Augen winkt, schafft Verdruss, und wer ein Narrenmaul hat, kommt zu Fall. 11 Des Gerechten Mund ist ein Brunnen des Lebens; aber auf die Gottlosen wird ihr Frevel fallen. 12 Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle Übertretungen zu.

            Die Sprüche werden nicht müde vor eiligem Reden zu warnen, vor den vielen Worten. Vor dem leichtfertigen Geschwätz. Es ist ein auffälliges Zeichen, wie hier in einem kurzen Satz dagegen gehalten ist. Des Gerechten Mund ist ein Brunnen des Lebens. Dieser Satz „lebt“ von der Erfahrung in einem heißen Land, das ständig von Trockenheit bedroht ist: Brunnen sind Orte, an denen das Leben bewahrt wird. Es gibt ein Reden, das dem Leben Tiefgang gibt und das den Rücken stärkt. Daran liegt dem Sprüche-Sammler.  

            Und umgekehrt gilt die gleiche Regel: Das falsche Leben führt ins Scheitern. Der Törichte redet alles aus sich heraus und vergeht sich schon in seinen Worten. Ein Narrenmaul kommt zu Fall „Der Schwatzhafte nimmt sich keine Zeit zum Hören. Er weiß ja schon alles, zumindest besser als die anderen. So schwafelt er noch beim Sturz.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 106f.) Was für ein Gegensatz zu einer Zeit, in der die Narretei genannt Kabarett, sich geradezu seuchenartig ausbreitet und ihre Erfolge in Heller und Pfennig feiern kann.

            Und dann steht da, mitten in Worten, die ich irgendwie nur als richtig zur Kenntnis nehme, der Satz, der mich unmittelbar anspricht: Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle Übertretungen zu. Durch den ersten Teil wird klar: es geht nicht um Friede, Freude, Eierkuchen. Es geht um ein Umgehen, das dem Hass die Liebe entgegen stellt, dem Aufrechnen die Vergebung, der Feindschaft die Versöhnung. Um ein Verhalten, das aus der Sackgasse der Anklagen herausführt. Es ist wie ein späte Echo auf diese Worte: „Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu«“(1. Petrus 4,8) Vergebung ist also, so lese ich, nicht nur eine Sache der Barmherzigkeit, sondern auch ein Gebot der Weisheit

Was mich beschäftigt

            Es ist ein scharfer Kontrast – hier der Gerechte, dort der Frevler, Gottlose. Eine Typisierung, die auf Entweder-oder hinausläuft, die keine Zwischentöne kennt. Das lässt sie wie alle solche Versuche gefährlich sein.  Es gibt Narrenmäuler, die es bis in höchste Ämter schaffen – wie Donald Trump und sein „Prince of Whales“ belegen. Es gibt Gerechte, die am Leben scheitern. Es ist nicht ausgemacht, der Hoffnung der Sprüche zum Trotz, dass Gott das Schicksal so verteilt, dass es „stimmig“ ist, dem Regelwerk der Weisheit entspricht.  

            Dieses Schwarz-Weiß in den Worten provoziert. Es stellt die Frage: wo stehst du? Wo siehst du dich? Es wäre einfacher, wenn es Zwischentöne gäbe, die Möglichkeit zu sagen: In mir stecken beide, der Gerechte und der Narr. Das ist aber nicht vorgesehen. So leibt nur ein Lesen dieser Worte, das zum Nachdenken über sich selbst anleitet und vor der hochmütigen Selbstgewissheit bewahrt: Ich gehöre immer zu den Guten.   

 

Mein Gott und Herr, hilf mir zu Worten, die das Leben stärken. Hilf mir zu hören, was mir gut tut, was mich korrigiert. Hilf mir zu sagen, was anderen gut tut, was sie in ihrem Vertrauen stärkt. Gib mir ein Herz, das sich öffnet zum Guten, und sich dem Bösen verweigert, geleitet durch Deinen Geist. Amen