Meine Lehrer

Philipper 4, 1 – 9

1 Also, meine lieben Schwestern und Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.

            Sätze der Ermutigung. Sätze, in denen Sehnsucht mitschwingt. Keine Polemik mehr, sondern Zuneigung und Verbundensein bestimmen diese Worte. „Eine Handvoll Bitten, Wünsche, Ermahnungen, Ermunterungen, sozusagen auf gut Glück hineingeworfen in die Gemeinde.“(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, s. 128)  Und in allem ist die Hochachtung zu hören. Meine Freude und meine Krone. Was ihn äußerlich schmückt und innerlich froh sein lässt – das ist die Gemeinde. Ich überlege: in wie vielen der Gemeinden, die Paulus gegründet hat, hat er Anderes erlebt – Misstrauen, Vorbehalte, Skepsis. Hier dagegen: Freude. Von ihnen hofft er, dass sie fest bleiben. Stabil,  würden wir sagen. Beständig und treu.

            Diese kurze Notiz zeigt: dass Christen stabil und treu im Glauben sind, versteht sich nicht von selbst. Es ist Herausforderung, fest zu stehen. Es geht Paulus um Festhalten am Bekenntnis. „Wozu ein Bekenntnis, wenn nicht daran festzuhalten wäre?“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 137) Festzuhalten nach außen und auch sich selbst darin festzuhalten. Das alles ist Aufgabe und es ist Bitte zugleich. Wohl auch Teil der Fürbitte des Paulus. 

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.         J. Stegemann 1627  EG 347

2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie „eines“ Sinnes seien in dem Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

            Paulus bleibt bei seinem Thema: Feststehen, beständig werden. Gefährdet wird das sicher durch Druck von außen. Aber vor allem auch durch Uneinigkeit im Inneren. Gibt es Unstimmigkeiten zwischen Evodia und Syntyche, dass Paulus so ermahnt – diesmal wirklich ermahnt? „Ob die beiden Frauen zusammenarbeiten und dabei in Zwist geraten sind oder ob sich aufgrund verschiedener Ansichten ein Konflikt gebildet hat, wissen wir nicht.“(Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 139) Nur: Die Gemeinde soll nicht zusehen, wie sich Leute entzweien, die gemeinsam für das Evangelium gekämpft haben.

            Es ist nicht die Art des Paulus, solche Unstimmigkeiten einfach als gegeben hinzunehmen.             Darum stellt er ihnen Leute zur Seite. Helfer. Friedensstifter. Weil sie gebraucht werden, auch als Prellbock zwischen Personen, die es miteinander nicht leicht haben. Es ist eine auffällige Anrede:  Σύζυγε. Jochgenosse („zusammengejocht, verbunden“. Gemoll, aaO. S. 698) – so redet er einen, den sie wohl in Philippi alle kennen, direkt an. Wie harmlose klingt die deutsche Übersetzung Gefährte! „Offensichtlich steht der Angesprochene, bildlich gesprochen, mit Paulus wie ein Ochse in einem Zweiergespann. Er zieht am selben Joch und arbeitet damit auf demselben Feld.“(P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 92)  Ihn, der mit ihm, Paulus, auch die Lasten des Weges wie ein Jochgenosse geteilt hat, will er einspannen für diese beiden Frauen.

            Die beiden Frauen sind ja doch,  Streit hin oder her, Mitarbeiterinnen, συνεργάι, die mit Paulus für das Evangelium eingestanden sind. Das darf nie übersehen werden. Und sie sind wie alle anderen, die mit Paulus unterwegs sind, Leute, deren Namen im Buch des Lebens stehen. Wie könnte Paulus sie da sich selbst und ihren Unstimmigkeiten überlassen.

            Es ist das zentral-Thema des Briefes, das auch hier erneut am Schluss des Briefes wieder anklingt. Eines Sinnes sein, τ ατ φρονεν. Es miteinander aushalten, sich gegenseitig achten, einander nahe bleiben. So geht es zu in dem Herrn, ν κυρίῳ. Es ist wie ein Rückgriff auf seine Worte vor dem Christushymnus: „Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“(2,5) Glauben im Sinn des Paulus ist zuerst und zuletzt ein Gemeinschafts-Projekt und lässt sich nur im Ringen um das Miteinander leben.

 4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!

            ΧαίρετεFreut euch. Gleich mehrfach steht das in diesem Brief und gibt ihm seine eigene Färbung. Es ist das erste Wort, das Jesus nach dem Bericht des Matthäus-Evangeliums als Auferstandener spricht – dort mit seid gegrüßt (Matthäus 28,9) übersetzt. Das griechische Wort lässt beide Deutungen zu. Vielleicht ist es ja so, dass im Gruß immer die Einladung zur Freude mitschwingt.

Es wirkt wie eine Begründung der Aufforderung, besser Einladung zur Freude, dass Paulus darauf verweist: Der Herr ist nahe! Wo Jesus nahe ist, wo Menschen in seiner Nähe sind, da ist Raum zur Freude. Und Menschen, die in der Nähe Jesu sind, werden das ausstrahlen. Auf ihnen liegt ein Glanz, der nicht verborgen bleiben kann. 

            Dieser Ruf zur Freude deckt nichts zu. „Trübsal und Freude sind im Christenleben keine Gegensätze.“ (G. Friedrich,  aaO. S. 168) Aber Paulus zeigt mit seinem Ruf in die Freude einen Weg, Spaltungen, Widersprüche, Uneinigkeiten, auch Trübsal zu überwinden. In der gemeinsamen Freude. Die Gemeinde hat immer mehr Grund zur Freude als zum Streit. 

            Sie hat schließlich einen Zufluchtsort. Gott. Er hat ein „offenes Ohr“ für alles, Sorgen, Bitten. Flehen, Danksagung, Tränen und Lachen. Sorgenfreiheit ist ein Privileg. „Menschen denken, dass wer alles hat, sich nicht sorgen muss, Genau das sollen die Philipper erkennen: Sie gehören den Herrn, der alles hat und der für sie sorgt.“(P. Wick/K. Offermann, aaO. S. 103)  Einmal mehr, will mir scheinen, greift Paulus auf Jesus-Worte zurück, die ihm vertraut sind: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“(Matthäus 6,33) Es ist fester Bestand-Teil der Botschaft, eben nicht nur des Paulus: Wir dürfen mit allen Anliegen, Ängsten, Zweifeln, Sorgen zu Gott gehen. Er sorgt für uns. 

7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren

            Wie oft habe ich diese Sätze selbst gesagt – als Segenswort nach einer Predigt. Wie oft sie gehört.  Es ist ja so wahr: das Herz bewahren ist nicht unsere eigene Sache. Wir können uns schützen, vielleicht sogar panzern. Aber die Gefahr dabei ist immer, dass das Herz erstarrt und eng wird. Wo der Frieden Gottes Herzen bewahrt, da ist Weite und Güte und Freundlichkeit. Der Friede Gottes verträgt sich nicht mit Engherzigkeiten jeder Art, auch nicht mit der Unvernunft. Aber er überschreitet auch die engen Grenzen der Vernunft.

            Achtmal im ganzen Brief verwendet Paulus den Ausdruck „in Christus Jesus.“  Das ist nie ein frommes Sahnehäubchen. Sondern es ist die Wirklichkeit, in der Paulus die Gemeinde, die einzelnen Christinnen und Christen sieht. Hier also: Sie sind dem Leib Christi einverleibt und damit in Christus Jesus. Sie werden bestimmt in ihrem Handeln durch diese Wirklichkeit. Und sie sind unterwegs dorthin, zeitlich, räumlich, wo diese Wirklichkeit sich erfüllt, sichtbar wird, offenbar wird – und bleibt. Der Friede Gottes – schalom – bewirkt, dass sie nie aus dem Lebensraum, dem Heilsraum in Jesus Christus herausfallen werden. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Lebenswirklichkeit, Lebensgrund, Lebensgewinn, Lebensziel – alles zusammen: in Christus Jesus. 

8 Weiter, Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!

            So ähnlich könnte auch ein philosophischer Zeitgenosse schreiben.  Die Ethik, die Paulus von seiner Gemeinde erwartet, ist nicht bloß christliche Sonder-Ethik. Sie hat gehörigen Anteil an dem, was auch in der Welt als Werte anerkannt ist. Das ist ein bleibender Ansatzpunkt für das Gespräch in der Welt, in der wir leben. 

9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

            An manchen Stellen aber geht sie über das, was allgemein anerkannt ist, hinaus. Dafür steht Paulus ein. Und selbstbewusst genug fordert er seine Lieblingsgemeinde in Philippi. In diesem ethischen Überschuss orientiert euch an mir! Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir – das ist die ganze Bandbreite der Begegnungen mit dem Apostel. Er ist Prediger und Weggefährte, Lehrer und Seelsorger, Bruder und Mitchrist. Sie können sehen, wie er lebt und gelebt hat, wie er umgegangen ist mit Menschen und jetzt mit ihnen umgeht. In allem können sie sehen, was ihn leitet: Der Glauben an den Gott, der sich Sünder Recht sein lässt.  

Was mich beschäftigt

            „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne. Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen.“ (F. Nietzsche, Zarathustra II, Von den Priestern) Das ist die bleibende Anfrage eines Glaubenskritikers an die Atmosphäre, die von Gottesdiensten ausgeht. Sie kann sich auf Paulus berufen! Strahlen unsere Gottesdienste Freude an dem nahen Herrn aus? Manchmal, so erlebe ich, wirken Gottesdienste mehr wie Lehrveranstaltungen als wie Feste der Freude, auch die für die ich selbst mit verantwortlich bin. Das Lachen, das Glück, die Freude, der Jubel – das alles bleibt zu oft auf der Strecke. So wirkt die Freude an Gott und am Glauben wie ein bloßes Lippenbekenntnis.   

            Das kann daran liegen, dass das Leben nicht so leicht ist, seine eigenen Lasten hat. Damit aber kennt sich Paulus auch aus. Es kann auch an einer Verwechselung liegen, die als typisch deutsch gilt: Tiefsinn wird mit langweiliger Gelehrsamkeit verwechselt. Es kann auch am Naturell liegen. Es gibt Menschen, die eher schwermütig sind und die es mit dem leichten Sinn so leicht nicht haben. Gerade für die aber, die die Lasten des Lebens tatsächlich als Belastung erfahren, ist es umso wichtiger, diese Aufforderung an sich heran zu lassen: Das Leben nicht nur schwer, sondern auch leicht zu nehmen, weil der Herr nahe ist, der trägt – Schwermütige und Leichtsinnige in gleicher Weise.

            Ich kenne, auch aus eigenen Lebensphasen, eine Praxis, die aus der Aufzählung des Paulus ein Gebetsformular ableiten will. Erst dann ist richtig gebetet, wenn es über das Bitten und Flehen hinaus zur Danksagung kommt. Ich glaube nicht, dass Paulus so gelesen sein will. Er zählt einfach auf. Mehr nicht. Kein Formular. Schon gar keines, das über richtiges und falsches Beten entscheidet.

Mein Gott, immer schon war mein Glauben „nachmachen“ – den Eltern nachmachen, manchen Freunden nachmachen, manchen geistlichen Lehrern nacheifern und nachmachen. Ich habe immer die gebraucht, an denen Du mir gezeigt hast, wie Glauben geht.

Beter haben mich Beten gelehrt. Andere den Umgang mit Deinem Wort. Bei ein paar Leuten habe ich gesehen, wie Festhalten an einem Menschen geht, auch an einem schwierigen, einem hoffnungslosen Fall.  

Es sind Leute, deren Namen nie in der Presse erschienen ist, die keine kirchlichen Würden erhalten haben, die mich die Treue gelehrt haben -zu Dir, zu Deinem Wort, Deinen Menschen, der Welt. Für sie alle danke ich Dir. Amen