Einsatz und Geschenk

Philipper 2, 12 – 18

12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. 13 Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

            Jetzt landet Paulus wieder in der Realität. Schließt an die vorangegangenen Worte an: Also. Darum. στε. Wieder so unscheinbar und doch wichtig, weil es zeigt: eines folgt aus dem anderen.Was er jetzt sagen wird, sind nur Konsequenzen, die sich aus dem Singen des Hymnus ergeben. Man kann nicht solche Lieder singen und weitermachen wie gehabt. Was er jetzt sagen wird, sagt er geliebten Leuten.γαπητοί μου.Meine Geliebten.“ So herzlich ist seine Beziehung zu ihnen. Das braucht er aber auch, weil das, was er sagen wird, ja fordert, herausfordert. 

            Es ist eine ziemlich große Herausforderung an die Lieben: „Paulus bringt nach dem Hymnus eine Sklavenethik ins Spiel. Die Philipper sollen sich wie vorbildliche Sklaven verhalten.“(P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 56) Weil Christus sich doch zum Sklaven gemacht hat. Paulus zieht die Gedanken über Christus aus dem Hymnus weiter aus – bis in die Alltags-Ethik.

           Es ist, was man gerne als Paradoxie bezeichnet. Weil es zweispurig gedacht ist. Setzt euch ganz ein für eure Seligkeit. Und zugleich: Gott macht alles. 100% Tun des Menschen, Mühe, Anstrengung, 100% Geschenk Gottes, Gnade. Beides zugleich und beides ganz. Und der Verstand heutzutage fragt sofort: wie denn nun – es geht doch nur entweder oder? Ganze Hingabe – ganz Geschenk – ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist es nicht.

            „Glauben und „gehorchen“ lagen für Paulus so nahe beieinander, dass er die Formel „Glaubensgehorsam“ bilden konnte.“(W. De Boor, aaO. S. 85) Zu einem ungeteilten, unbedingten Glauben, der konkrete Lebensschritten hervorbringt, ruft Paulus.Und weiß doch gleichzeitig: Glaube ist immer Geschenk. Paulus ruft zum Gehorsam, weil er den schenkenden Gott kennt. Weil er weiß: alles im Leben ist Geschenk und wir sind es Gott schuldig.

            Das „Denn“ – wieder so ein unscheinbares Allerwelts-Wort:γάρ – verbindet zwei Sätze, die wir nur getrennt und als Gegensatz denken können. Entweder der Mensch oder Gott handelt. Entweder wir sind unseres Glückes Schmied, meinetwegen auch verantwortlich für unsere Seligkeit oder aber: Gott ist alles. So denkt Paulus nicht. Er sieht nicht zwei Willen, die unverbunden nebeneinander oder gar gegeneinander stehen. Er könnte nichts damit anfangen, dass 100% Willen Gottes die Autonomie des Menschen unmöglich machen. Sondern er sieht die 100% des menschlichen Willens eingehüllt und aufgehoben in dem ihn umgreifenden Willen Gottes. Und der bringt dieses menschliche Wollen an sein göttliches Ziel. „Für Paulus ist das Werk des Menschen ein Handeln, das unverzichtbar, immer jedoch mit dem gnädigen Wirken Gottes verschränkt ist. Der Mensch ist also nicht Schöpfer, aber er ist Mitarbeiter Gottes.“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 81)  

            Vielleicht muss man wieder einmal Sätze des Paulus ein wenig „tiefer hängen“. Paulus schreibt hier nicht über menschliche Willensfreiheit an sich, abstrakt, theoretisch, auch nicht über den unfreien Willen. Sondern er will, dass die Philipper tun, was sie sollen. Dass sie tun, was dem Heilswillen Gottes in ihrem Leben entspringt und entspricht. „Gottes Werk besteht darin, dass sein Willen sich in unserem Wollen verwirklicht, so dass das Wollen wie das Vollbringen oder anders ausgedrückt der Gehorsam von ihm kommt.“(G. Friedrich, aaO. S. 155) Alle diese Worte zielen auf den Alltag als den Ort, an dem die Gnade gelebt wird und nicht auf eine Theorie über den Alltag.   

            Jesus legt, was Paulus hier sagt, uns als Bitte in den Mund: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“(Matthäus 6,10) Dieser Wille geschieht, in der Hingabe unseres Willens an ihn und im Tun unseres Lebens. Zu ihm gewandt, von ihm geleitet. Darum geht es Paulus: Die Philipper sollen zu tun üben, was dem Willen Gottes entspricht.                

14 Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, 15 damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt, 16 dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens, mir zum Ruhm an dem Tage Christi, sodass ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich gearbeitet habe.

  Jetzt wird Paulus anspruchsvoll: Es reicht nicht das einfache Tun. Es soll auch noch mit wunderbaren Motiven verbunden sein, mit einer inneren und äußeren Haltung: ohne Murren und ohne Zweifel, ohne Tadel und lauter, ohne Makel. Vorbildlich. Anders als die Welt. Anders auch als das Volk Israel auf dem Weg der Wüstenwanderung – der ist ja von Murren und Meckern begleitet. Das ist kein Wort gegen Diskussionen, auch nicht gegen das Nachfragen: Warum? „Das Problem solcher Diskussionen ist nicht die Diskussion an sich, sondern die Skepsis, die sich hinter ihr verbirgt.“ Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 82) Die Paulus-Worte sind also Worte gegen eine Kultur des Misstrauens, die  immer davon ausgeht, dass Autorität nur angemaßt sein könnte und darum ständig unter Missbrauchs-Verdacht zu stehen hat. Es kann ja kein Zweifel sein: die höchste Gemeindeautorität ist für Paulus Gott selbst 

            Wir haben es uns ein bisschen angewöhnt: „Christen sind nicht besser, sie haben es nur besser.“ Weil Gott nicht so streng mit ihnen ist. Solche Sätze würden Paulus den Zorn ins Gesicht treiben. Weil sie alles untergraben, was ihm wichtig ist.  Er will, dass Christen alternativ leben – im wahrsten Sinn des Wortes: „alternatus“ ist der neu, von oben Geborene. Der aus dem Geist lebt und aus dem Geist handelt. 

            Paulus hat nicht das Bild von den Christ*innen, dass sie alles mitmachen, aber zusätzlich am Sonntag in die Kirche und vielleicht sogar einmal im Leben zur Beichte gehen. Er will, dass sie erkennbar anders leben. Sie sollen Lichter in der Welt sein. Orientierungspunkte für die, die mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht leben.

            Das ist, befremdlich, ein Schlaglicht auf die Weltsicht des Paulus. Er sieht diese Welt nicht im Großen und Ganzen auf einem guten Weg. Man muss nur hier und da ein wenig nachhelfen. Sondern er sieht die Welt in einer tiefen Verlorenheit. Auf dem Holzweg. In der Sackgasse. Verdorben und verkehrt. γενεά σκολις κα διεστραμμένης, eine verkehrte, verdrehte, schielende Zeit. „Eine Welt, wo einer gegen den anderen steht, wo darum das ganze Leben verkehrt und verdreht ist,“(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, S. 86) die den klaren Blick verloren hat und die abgrundtief verdorben ist, weil sie verirrt und verwirrt ist.

            Es ist eine Sicht auf die Welt, wie sie auch den einen oder anderen Psalm prägt.

„HERR, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?                       Weil der Frevler Übermut treibt, müssen die Elenden leiden;                                      sie werden gefangen in den Ränken, die er ersann.                                                       Denn der Frevler rühmt sich seines Mutwillens,                                                            und der Habgierige sagt dem HERRN ab und lästert ihn.                                           Der Frevler meint in seinem Stolz,                                                                                      Gott frage nicht danach.                                                                                                        »Es ist kein Gott«, sind alle seine Gedanken.                                                                      Er fährt fort in seinem Tun immerdar.                                                                            Deine Gerichte sind ferne von ihm,                                                                                       er handelt gewaltsam an allen seinen Feinden.                                                               Er spricht in seinem Herzen: »Ich werde nimmermehr wanken,                                es wird für und für keine Not haben.«                                                                                      Sein Mund ist voll Fluchens, voll Lug und Trug;                                                                   seine Zunge richtet Mühsal und Unheil an.“                       Psalm 10, 1 – 7

           Würde Paulus heute leben – er hätte reichlich Anschauungsmaterial für seine Überzeugung. Klimakrise, Staaten getrieben von nationalem Egoismus, verweigerte Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen weltweit, Gewinnmaximierung durch Waffenlieferungen ohne Ende, und, und, und. …  Er würde, auch wenn es nicht sonderlich originell ist, einstimmen können in den Chor der Kritiker von heute: Es gibt keine Werte mehr, die alle für gültig halten, keine große Erzählung mehr, der alle glauben und folgen, keine Vision mehr, die alle eint. Alles fällt auseinander. 

            Im Evangelium klingt der gleiche Befund so: „Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“(Matthäus 9,36) Das soll die Gemeinde von ihrem Umfeld unterscheiden: In dieser wirren und orientierungslosen Zeit haben die Christen einen Hirten. Einen, der sich zu den Niedrigen hält, der sich um die Geschlagenen kümmert, der die Heimatlosen sammelt.

            Konkret dadurch, dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. Bei Wort des Lebens darf der Bibelleser/ die Bibelleserin heute wohl mithören: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ (Johannes 1, 14) Und auch „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“(Johannes 14,6) So wäre diese Wendung ein Hinweis auf die Christus-Predigt des Apostels.So wie er es nach Korinth schreibt: „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.“(1. Korinther 2,2)

 Ich übersetze und erweitere: daran sollen und dürfen sie in Philippi festhalten im Glauben an Jesus Christus – an der zweiten, dritten, vierten Chance für Sünder, an der Wahrheit, auch wenn sie Nachteile bringt, an der Hoffnung über den Tod hinaus, an der Erwartung, dass Menschen sich ändern können, weil sie Gott vertrauen lernen. An der Vernunft, die alles sucht, was dem Frieden dient und die Gewalt ächtet. An der Gerechtigkeit, die sich darauf richtet, den Schwachen zu schützen, dem Nutzlosen Leben zu ermöglichen, dem Sterbenden Würde zu bewahren. Kurz: an einem Leben, das in der Spur Christi bleibt. 

            Im Folgenden wird Paulus persönlich: wenn ihr das tut, dann achtet ihr mein Werk bei euch, meine Verkündigung. Dann weiß ich: alles, was ich euch getan, gesagt und gegeben habe, war nicht umsonst. Was für ein Wagnis: Das Leben der Gemeinde als Bestätigung für die eigene Verkündigung zu betrachten! Mir zum Ruhm an dem Tage Christi. Aber auch was für ein Vertrauensbeweis an die Gemeinde: Ihr seid mein Ruhm.Der gleiche Paulus, der sonst sagt: das mit demRühmen geht gar nicht.

17 Und wenn ich auch geopfert werde bei dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen. 18 Darüber sollt ihr euch auch freuen und sollt euch mit mir freuen.

Wie zur Korrektur sagt Paulus: Es geht nicht um mich. Mag sein, mit ihm geht es zu Ende, es gibt keine Wende zum Guten für ihn aus der Gefangenschaft. Dann wird er eben geopfert. Aber das steht  nur neben dem „Opfer“, das die Philipper vollbringen in ihrem Weg des Glaubens. Das ist das Opfer, auf das der Apostel hofft.  So wie er es auch – später? – nach Rom schreibt: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Römer 12,1) Wenn es dazu kommt, dass die Gemeinde so lebt, dann ist das für Paulus Grund zur Freude. Eine Freude, die er mit der Gemeinde teilen will und die die Gemeinde mit ihm teilen soll.

Was mich beschäftigt:

          Man könnte so denken: Geschenke sind Geschenke. Aber – sie wollen auch ausgepackt werden. Wenn ich ein Geschenk nicht auspacke, ist es nicht wirklich bei mir angekommen.  Unser Glaube ist ganz Geschenk. Ich habe nichts dazu getan, dass Gott in seinem Herzen beschlossen hat: ich lasse mir diesen Menschen recht sein, mit allem, was auch gegen ihn spricht. Ich öffne ihm den Weg zu mir trotz allem womit er sich selbst den Weg verbaut haben mag. Aber nun gilt es, mit diesem Geschenk umzugehen, aus ihm zu leben. Den offenen Weg zu nützen. Die empfangene Freundlichkeit mit anderen zu teilen. Auch zu feiern, dass ich so ein beschenkter Mensch bin. Zu üben, dieses Geschenk. Tag für Tag wertschätzend zu praktizieren. Dieses Auspacken ist meine Sache.

    Praktisch: in allem, was ich tue und lebe, schöpfe ich aus dem Geschenk und verfolge keine anderen Zwecke. Ich besuche Menschen im Krankenhaus, einfach, weil ich glaube, dass es ihnen gut tun kann, dass sich jemand Zeit für sie nimmt. Nachfragt. Zuhört. Ich will mit diesem Besuchen nichts für mich herausschlagen. Keine Fleiß- und keine Pluspunkte sammeln, weder bei Gott noch bei den Menschen.   

 

Mein Gott, Dich will ich fürchten und lieben. Deinen Willen will ich suchen und tun, so gut ich es vermag. Von Dir will ich mir alles schenken lassen, was es zu meiner Seelen Seligkeit braucht. Meine leeren Hände halte ich Dir hin, damit Du sie füllst.

Und alles, was Du mir gibst, mir gegeben hast, will ich nehmen als Deine Gabe und damit handeln, so gut ich es vermag, in Deiner Spur, mein Jesus. Amen