Der Christus-Hymnus

Philipper 2, 5 – 11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

            Keine Einheitsgesinnung, aber eine Gesinnung, eine Lebenspraxis, die dem Lebensraum entspricht. So sieht Paulus die Gemeinde: als Lebensraum, als Raum des Heils, bestimmt dadurch, dass sie eine Gemeinschaft in Christus Jesus ist. „Da Jesus Christus zu einem Heilsraum geworden ist und er diesen durch und durch prägt, ist auch seine Gesinnung maßgebend für die, die in diesem Heilsraum sind.“(P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 44) Für alle. Dieser Lebensraum prägt das Denken, das „Sinnen“ – über sich selbst, aber auch über die anderen und das Miteinander. Dieses in-ihm-Sein ist mehr als nur an ihn glauben, Sätze über ihn für wahr und richtig und schön zu halten. Es ist die Existenzgrundlage, die alles verändert. Das Vorzeichen vor der Klammer, das alles bestimmt, was in der Klammer folgt.

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz

            Schon auf den ersten Blick fällt die Gliederung in zwei „Strophen“ auf. Zunächst geht es um den Weg hinab, in die Tiefe der Welt, in die Tiefe der menschlichen Existenz. Das ist das erste, zentrale Kennzeichen dieses Hymnus, dieses Liedes der ersten Gemeinde, das Paulus zitiert, wohl doch, weil es ihm viel bedeutet: Es beschreibt den Weg Jesu nach unten. Als einen Weg der Entäußerung. Als einen Weg, den er freiwillig, ganz in der Zustimmung zum Willen des Vaters,  auf sich nimmt. Er lässt seine göttliche Gestalt und Wirklichkeit fahren und wird Mensch, einer wie wir. Getrieben von der Liebe zu uns. Er hält sein göttliches Sein nicht als Raub  – ρπαγμόϛ, „Raub, Beute“ (Gemoll, aaO. S. 125) – fest, als etwas, das man an sich rafft.   

            Raub ist ein ungewöhnlich derbes Wort für einen Hymnus. Seine Wahl mag sich von daher erklären, dass es ein Gegenbild gibt: Adam im Paradies mit seinem Begehren der Frucht, um zu werden wie Gott. Jesus aber „verkehrte die Zielrichtung der „Selbstverwirklichung“ Adams als Streben nach der absoluten Höhe der Gottgleichheit in die entgegengesetzte Zielrichtung der „Erniedrigung“ aus der göttlichen Höhe in die Tiefe der Menschen; und diese wurde Christi Weise, Gott gehorsam zu sein.“ (U. Wilkens, aaO. S. 247)  So also signalisiert schon diese Wortwahl, dass es in Jesus um eine „Weltenwende“ geht. In ihm, der so nach unten kommt und geht, nimmt die Geschichte der Welt einen neuen Anfang.

            Dieser Weg, den Jesus geht, ist ein Weg des Gehorsams. πήκοος. „Hörend, hörig, gehorsam, untertänig.“(Gemoll, aaO. S. 765) Abgeleitet ist das Wort von ắκούω,hören, auf jemand hören, Gehör schenken.“ Der Gehorsam kommt also aus dem Hören. Ich ergänze für mich: aus dem Hören auf eine vertraute Stimme. Nicht einfach auf einen Befehl. „Glaube ist wesenhaft Gehorsam“(U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 1, Neukirchen 2002, S. VI) Dieser Satz ist völlig falsch verstanden, wenn er als Aufruf zur blinden Unterwerfung verstanden wird, wenn er so etwas wie Kadaver-Gehorsam zu fordern geeignet sein soll. Er ist nur dann richtig, wenn er den Gehorsam gegen eine vertrauenswürdige Stimme meint.

            Es geht um den Gehorsam, der aus dem Vertrauen, aus der Beziehung erwächst. Man könnte zugespitzt sagen: Das Johannes-Evangelium kreist um diese Beziehung des Vertrauens und der Liebe und bringt sie auf den Punkt: „Ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30) Und im Hohenpriesterlichen Gebet sagt Jesus zum Vater: „Du hast mich geliebt, ehe denn die Welt gegründet war.“(Johannes 17,24) Aus dieser tiefen Beziehung der Liebe erwächst der Gehorsam bis zum Äußersten. Bis zum Tode am Kreuz.        

. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

             An Jesus, der so den Weg ins Sterben geht, leuchtet  die Zukunft auf, die unsere Welt hat. So ist Gott: Sein Erbarmen lässt nicht im Tod, sein Erbarmen reicht bis in die Hölle der Gottesferne und wandelt in Heil, was Menschen in ihrem Eigensinn angerichtet haben. Dieser Weg der Hingabe wird kein Weg ins Leere. Das Hören des Sohnes findet seine Antwort im Tun des Vaters. „Den bis zum Äußersten erniedrigten Gekreuzigten hat er in die höchste Höhe erhoben.“ (U. Wilkens, aaO. S.248)

Dieser Hymnus ist von Anfang bis Ende  auf das konzentriert, was geschieht – durch Jesus, durch Gott. Konzentriert darauf, den Weg Jesu zu beschreiben – aus den Himmelshöhen in die Tiefen der menschlichen Existenz und des Todes und von dort wieder in die himmlische Herrlichkeit. Es ist wohl mit verdichtete Beschreibung des Weges Jesu – aus der himmlischen Herrlichkeit in den Stau der Erde, bis zum tiefsten Punkt der Welt, dem Kreuz. Und dort, ausgerechnet dort kommt es zur Wende, von Gott gewollt und gemacht. Er macht aus der Erniedrigung Erhöhung, aus dem Erniedrigten der Erhöhten. Es ist Gottes Weg und Tat, der aus dem Weg ganz nach unten zum Weg in die Herrlichkeit wird.

Wie sollten wir, diesen Heilswillen Gottes vor Augen, noch unsere Knie beugen vor den Todesmächten der Welt? Erst ganz am Schluss kommen auch wir in diesem Hymnus vor. Heute schon üben wir ein, was unsere Zukunft ist: der große Lobgesang, die staunende Anbetung des erhöhten Christus. Christen nehmen immer Zukunft vorweg, singend, betend, handelnd tun sie so, als wäre die Zukunft Christi schon Wirklichkeit, mitten in unserer Welt. Wer so glaubt, so singt, so betet, der wird auch so handeln, dass er sich nicht mehr vor den Herren der Welt bückt, der dient dem Leben, weil der Tod ja ausgespielt hat.

            Man könnte ein wenig spöttisch sagen: Wenn Paulus nicht weiter weiß, singt er. Zitiert er Liedtexte. Man kann es aber auch ganz anders sehen: Er spürt, dass er mit seinem Sagen, seinem Argumentieren an eine Grenze kommt. Aber weil er nicht verstummen will, greift er diesen Hymnus auf. Manches lässt sich angemessen nur so sagen, dass wir es singen. Ein großes Staunen liegt über diesem Gesang. Und mir geht es so, dass ich irgendwie fassungslos und staunend hinter diesen Worte her denke und singe.

            Das gleiche Staunen über Jesus Christus, höre ich in einem Gedicht

geburt                                                                                                                                             ich wurde nicht gefragt                                                                                                             bei meiner zeugung                                                                                                                        und die mich zeugten                                                                                                                wurden auch nicht gefragt                                                                                                          bei ihrer zeugung                                                                                                                  niemand wurde gefragt                                                                                                          außer dem einen                                                                                                                          und der sagte

ja

ich wurde nicht gefragt                                                                                                              bei meiner geburt                                                                                                                         und die mich gebar                                                                                                                       wurde auch nicht gefragt                                                                                                          bei ihrer geburt                                                                                                                           niemand wurde gefragt                                                                                                          außer dem einen                                                                                                                       und der sagte

ja                                            Kurt Marti

         „Und er sagt ja“ – zu dem Aufbruch aus der Herrlichkeit des Himmels in die Niedrigkeit der Erde.  Ja dazu, Jude zu sein unter römischer Besatzung, Wanderprediger ohne festen Wohnsitz,  ein Mensch, der ganz abhängig ist von geschenkter Gastfreundschaft. 

            Sein Ja führt ihn in die Reihen der  Sünder, führt ihn zu denen, deren Leben vielfältig gebrochen ist, deren Hoffnungen  zerbrochen sind, deren Leben unheil geworden ist, losgelöst aus der Verbindung zu Gott. Sein Ja führt ihn ganz nach unten, an die Seite der Hoffnungslosen, an den tiefsten Punkt der Erde, bis in die Hölle der Gottesferne, bis in den Schrei: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wie sollten wir anders als voller Staunen auf dieses Ja blicken?

            Und doch fragen wir, frage ich sofort: Woher lebt er dieses Ja? Und noch einmal treibt die Frage weiter, weil sie ja nicht mit einer Auskunft erledigt ist: Ist es nicht doch blinder Gehorsam?  Willenlose Hingabe? Fraglose und zweifelsfreie Unterwerfung?

            Als er am Jordan steht, in den Reihen der Sünder, – vielleicht waren auch ein paar Sünderinnen dabei? – da hört er eine Stimme vom Himmel: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ Das ist das Ja, das sein Leben trägt, ihn hinführt zu den Zerbrochenen, hinführt zu den Hoffnungslosen, hinführt zu den Gottfernen. Und als er den Weg  in das eigene Zerbrechen geht, da bleibt dieses Ja über ihm. Und als sich alle erschreckt und voller Abscheu abwenden, da bleibt dieses Ja über ihm. 

            Ich glaube: Das Ja des Sohnes und das Ja des Vaters im Himmel – beides sucht sein Echo in unserem Leben. Das erhofft Gott, dass wir Ja sagen zu dem Weg, auf den wir gestellt sind, auch wenn manches auf diesem Weg uns schwer werden will. Aber es mag auch sein, dass uns das Ja zu unserem eigenen Weg leichter wird, wenn wir das glauben lernen, mühsam genug glauben lernen: Über mir steht das Ja Gottes: Du bist meine geliebte Tochter. Du bist mein geliebter Sohn. Und dieses Ja nimmt Gott nie zurück – auch nicht, wenn unser Leben unter die Räder kommt, zermalmt wird, gebrochen wird. An Jesus  sehen wir: Er lebt aus dem Ja Gottes und er stirbt hinein in das Ja Gottes, auch in dem Schrei der letzten Todesangst.     

            Darum“ – so heißt es in der Mitte des Hymnus. Unscheinbar δι κα. In Wahrheit aber: Weltenwende, Zeitenwende. Nicht nur eine Wende im Geschick Jesu. Hier wird ein neues Ja und gleichzeitig neuer Anfang markiert! „Darum“ – das ist die neue Antwort Gottes auf das selbstvergessene, anvertraute Ja seines Christus, in der sein Ja festhält.

Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha.             Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!             Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu;             ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.                                                     F. von Bodelschwingh 1938, EG 93

            Es ist das Ziel der Welt, nicht nur das Ziel Jesu. Alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. Die Welt vollendet sich im Lobpreis des Herrn Jesus Christus. Es ist das Ziel der Welt und das Ziel des je eigenen Lebens: Die Anbetung Jesu, auf die keinen Schatten mehr fällt. Und in der Anbetung Jesu die Ehre des Vaters. Eine Sicht, die Paulus verbindet mit dem Seher auf Patmos und seinen Lobgesängen im Himmel.         

Was mich beschäftigt:

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt und wieder himmelhochjauchzend. Wir sagen das manchmal ein bisschen abfällig, weil wir darin wankelmütiges Verhalten zu erkennen glauben. Nur: so geht es im Leben zu. Abstürze inbegriffen, auch nach Höhenflügen. Wieder aufstehen ist eine der Forderungen, die sich oft stellen. Wer nach Niederlagen liegen bleibt, hat endgültig verloren.

            Es ist gut, sich den Unterschied deutlich zu machen. Jesus geht seinen Weg aus dem Himmel zur Erde und dann noch tiefer und wieder zurück für uns. Es ist der Heilsweg, auf dem er die Welt heimholt. auf dem er uns den Weg ins Vaterhaus frei macht. Zugleich aber ist sein Weg Muster für unsere Lebenswege. Das kann und soll uns Mut machen, wenn uns das Auf und Ab unserer Wege durchschüttelt und an Grenzen bringt, manchmal auch darüber hinaus fordert.

            Manchmal frage ich mich selbst, warum dieser Hymnus mir einer der liebsten Bibeltexte ist. Ich kann es nicht wirklich begründen. Sehr subjektiv: vielleicht „liebe“ ich diesen Hymnus gerade deshalb, weil ich in ihm das Versprechen Gottes lese, dass der Tiefpunkt des Lebens durch sein Handeln, seine Treue, zum Wendepunkt wird. Meine Vermutung: ich fühle mich befreit von dem ewigen Kreisen um das eigene Ich, von dem unaufhörlichen Fragen, ob mein Glauben dem Leben standhalten wird. Von dem sich selbst Einmauern in Angst und Schmerz. Befreit, weil mir hier eine andere Blickrichtung gezeigt wird. So wie ich es – wieder – in einem Hymnus aus unseren Tagen höre. 

Sieh nicht an, was du selber bist in deiner Schuld und Schwäche.                           Sieh den an, der gekommen ist, damit er für dich spreche.                                            Sieh an, was dir heut widerfährt, heut, da dein Heiland eingekehrt,                        dich wieder heimzubringen auf adlerstarken Schwingen.

Sieh nicht, wie arm du Sünder bist, der du dich selbst beraubest.                                Sieh auf den Helfer Jesus Christ! Und wenn du ihm nur glaubest,                               dass nichts als sein Erbarmen frommt und dass er dich zu retten kommt,       darfst du der Schuld vergessen, sei sie auch unermessen.                                                            J. Klepper 1937, EG-W 539

 

Dich will ich loben. Dich will ich preisen. Dich, der den Himmel verlassen hat, die Herrlichkeit preisgegeben, um sich einzulassen mit der Erde, unser Leben zu teilen, die Angst und die Freude, den Schmerz und das Glück, geboren werden und sterben.

Dich will ich loben, Dich will ich preisen, weil Du so den Weg frei gemacht hast, ihn für uns schon einmal gegangen bist, den Weg durch den Tod in das Vaterhaus, damit wir ihn im Nachgehen auch finden.

Dich, Jesus Christus, will ich loben und preisen, heute schon, auch unter Tränen, so wie ich mit aller Welt Dich loben und preisen werde in Ewigkeit. Amen