Eines Sinnes – miteinander

Philipper 2,1 – 4

2,1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr „eines“ Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

            Jetzt erinnert Paulus die Gemeinde an ihre Fundamente, an die Grundwerte des Evangeliums und der Ekklesia. Was wir als Anfrage, vielleicht gar als verhaltene Anklage lesen, ist doch in Wahrheit mur ein Aufmerksam-Machen. Es ist keine Mängelliste, die er ihnen in Philippi vorhält. sondern im Gegenteil: Ihr seid schon so unterwegs. Diese Grundwerte  habt ihr und sie kennzeichnen euch als die Gemeinde in Philippi: Ermahnung, Trost, Gemeinschaft Liebe, Barmherzigkeit. Alles nicht bloß „natürliche“ Fähigkeiten und Eigenarten, sondern in Christus, in der Kraft des Geistes, aus der Liebe zu ihm geworden. Es kennzeichnet die Art, wie Paulus denkt, dass er der Gemeinde das alles nicht als hohe Ziele vor Augen stellt, sondern sie erinnert: Das ist die Wirklichkeit, in der ihr lebt. So geht es doch unter euch schon zu. Das ist eure „Atmosphäre“.         

Wie wir miteinander leben, miteinander reden, miteinander leiden soll die Liebe widerspiegeln..“(M. Buchholz 1990) Die Liebe Christi. Was es dafür braucht ist Anteilnahme und Anteilgabe. Es geht nicht ohne das sich öffnen zu den anderen hin. Ohne das Teilen und Mitteilen von Ängsten, Sorgen, Hoffnungen und Freuden, von Lasten und Glückserfahrungen. Es ist sofort zu verstehen, wie lieblos der Satz ist: Was geht es mich an, wie es den anderen geht.

Der andere Satz ist nicht weniger lieblos: Meine Sorgen sind meine Sorgen, meine Ängste sind meine Ängste. Sorgen, Ängste Freuden behalte ich für mich, mache ich allein mit mir aus. Es ist die Herausforderung an den einzelnen Christenmenschen, männlich, weiblich: Was ist meine Gefahr – dass ich mich selbst einkerkere, keinen an mich heranlasse oder dass ich gleichgültig am Leben anderer vorbei gehe.

      Gemeinschaft entsteht nur durch Öffnen, voreinander und füreinander. Theoretisch ist das alles so klar. Die Schwierigkeiten fangen da an, wo es praktisch wird. Immer neu stellt sich die Frage. Will ich das wirklich, dass jemand weiß, wie es mir geht, wie es da drin aussieht, wo die Dämonen wohnen, die unerfüllten Wünsche abgelegt sind, die verstummte Sehnsucht. Oder singe ich auch, musikalisch schön, operettenhaft: „Wie es da drin aussieht, geht keinen etwas an.“   

            Und dann: daran haltet fest. Das alles geht nicht wie von selbst. Es muss gewollt werden. Die Gemeinde und jede und jeder einzelne in ihr muss darum ringen. kämpfen: Das macht mehr und mehr zu dem bestimmenden Element eures Miteinanders. Seid „eines“ Sinnes, habt gleiche Liebe, seid einmütig und einträchtig. Keine Aufforderung zur Uniformität. Auch keine Aufforderung, die eigene Individualität aufzugeben, sich selbst aufzulösen in das Einheits-Grau einer Christlichkeit hinein. Wohl aber die Aufforderung, darum zu ringen, beieinander zu bleiben, sich gegenseitig als Brüder und Schwestern zu achten. Allem zu widerstehen, was Nebensächlichkeiten zu Hauptsachen und damit zu Trennungsgründen hoch-stilisieren will.

3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, 4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

            Es ist merkwürdig: Paulus mahnt hier als erstes nicht lehrmäßige Einheit an, sondern ermutigt zu einem Leben in der Achtung vor dem Anderen. Das scheint für ihn, vielleicht nicht das wichtigste, aber doch ein sehr wesentliches Kennzeichen von Gemeinde des Christus zu sein – die Achtung vor dem Anderen. Dem Bruder, der Schwester. „Wer demütig ist, setzt seinen eigenen Vorteil hintenan und ist auf das wohl des Anderen bedacht. Er denkt vom Anderen her und sucht das zu tun, was dem Anderen förderlich ist.“ (G. Friedrich, aaO.  S.148) Sich selbst zurückzunehmen, weil er, sie Raum zum Leben braucht. Sich selbst leicht zu nehmen, damit er, damit sie ernst genommen ist. Auch in dem, wo er oder sie vielleicht nicht so ist, wie ich es mir erhoffe und wünsche. 

„Es ist kein Zufall, dass gerade in diesem intimsten Gemeindebrief des Paulus die Mahnung zur Demut zentrale Bedeutung bekommt.“ (U. Wilkens, aaO. S. 244) Während alles andere, was Paulus an Verhaltensweisen anführt, auch im Umfeld der Gemeinde durchaus anerkannt und hoch geachtet  wird – die Demut ist keine Tugend, auf die sie in Griechenland „abfahren“. „In der vor- und außerchristlichen Literatur der griechisch-römischen Welt kommt das Wort  ταπεινοφροσύνη nur sehr selten vor. Alles „Niedrige“ gilt als verachtenswert, sowohl sozial als Haltung und Gesinnung von Sklaven, wie auch moralisch.“  (U. Wilkens, ebda.) Die viel spätere Kritik Nietzsches am Christentum, dem er eine Sklavenmoral und Verherrlichung des Schwachen vorgeworfen hat, hat hier ihre frühe Vorstufe. Umgekehrt muss man aber gerade deshalb sagen: mit seiner Forderung nach Demut unterstreicht Paulus die Differenz der Gemeinde zu ihrer Umwelt. Darin ist er meilenweit entfernt von Anpassung.     

            Mit seiner Forderung nach Demut knüpft Paulus aber an dem an, was er aus den Schriften Israels gelernt hat. „Denn er erniedrigt die Hochmütigen; aber wer seine Augen niederschlägt, dem hilft er.“ (Hiob 22,29) Und der Evangelist weiß aus dem Mund der Maria: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“( Lukas 1, 52) Im Umfeld „der Essener war „die Niedrigen“(anawim) geradezu zur Selbstbezeichnung der Frommen in ihrer Gemeinschaft geworden.“ (U. Wilkens, aaO. S. 245) Für Paulus ist das insgesamt ein Gedankengebäude, das er immer wieder aufgreift und seinen Gemeinden nahe bringt: „Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen.“ Römer 12,16)

            „Liebe und Demut kann dazu führen, dass ich dem anderen mit der Ehrerbietung begegne, die der natürliche Mensch nur denen entgegen bringt, die ihm in ihrer Stellung übergeordnet sind. Ich kann den anderen wichtiger nehmen als mich selbst, auch wenn er der Schwächere und Unbegabtere ist.“ (W. De Boor, aaO. S.72f.) Diese Sätze lesen sich wie eine einzige Kampfansage gegen Karriere-Denken und gegen den Kampf um die besten Plätze, gegen den Zwang zur Selbst-Inszenierung, wie er heute flächendeckend zu gelten scheint. 

            Paulus aber erinnert die Gemeinde in Philippi daran: Ihr seid Gemeinde in Christus, in der Kraft des Geistes. Nicht euer eigener Verein, der nach Mehrheitsbeschlüssen so oder auch ganz anders aussehen kann. Wenn sie das zu Herzen nehmen, dann kann sich der gefangene Paulus von Herzen freuen. Dann machen sie seine Freude vollkommen!

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben

            Es gibt eine Neigung, durchaus auch heutzutage, wegen irgendwelcher eigener Ansichten gleich den status confessionis, den Bekenntnis-Notstand, auszurufen. Den Punkt, an dem sich Kirche-Sein entscheidet. Zu sagen: `Wenn das geschieht, gelehrt wird, dann ist das keine Kirche mehr, nicht meine Kirche mehr.‘ Als ob die Kirche jemals „meine Kirche“ gewesen wäre, eine Gemeinde jemals „meine Gemeinde“.

            „Wir kennen ein berühmtes Beispiel dafür aus der Geschichte unserer Kirche: Luther und Zwingli. Beide haben Jesus Christus neu verstehen lernen dürfen, aber jeder auf seine ihm eigene Weise. Und das ist dann hervorgetreten und hat zu einer scharfen Scheidung geführt, so dass Luther Zwingli in Marburg sagen musste: „Ihr habt einen anderen Geist als wir!“ und Zwingli nicht nachgeben konnte.“(E. Thurneysen, aaO. S. 63f.)

            Das ist nicht mehr meine Kirche – wo nur noch moderne Lieder gesungen werden, wo am Altar getanzt wird, wo gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden. Das ist nicht mehr meine Kirche, wo Frauen nicht Priesterin werden dürfen, wo festgehalten wird an der Lehre vom Sühn-Opfer-Tod Jesu, wo Kindern noch nicht das Abendmahl gereicht wird. Jeder und jede hat so seine Bilder davon, was nicht mehr seine, ihre Kirche ist. Die einen die Bilder, in denen alles beliebig wird, die anderen die Bilder, in denen alles wie im 16. Jahrhundert erstarrt und tief gefroren wirkt. Und im Streit geht der Blick dafür verloren, dass solcher Streit die Strahlkraft des Evangeliums verdunkelt.    

Was mich bewegt

            Es ist relativ leicht, diese Passage des Paulus als eine Aufforderung zum einen intensive Miteinander zu lesen. Es hilft auch, sich klar zu machen, dass hinter diesen Worten die Erfahrung verbindlicher Kleingruppen steht, nicht die Erfahrung eher anonymer Großgemeinden. Doppelte, vielleicht dreifache Hauskreisgröße, mehr nicht. Da kennt man sich noch so aus der Nähe, dass man am Gesicht ablesen kann, was den anderen beschäftigt, bedrückt, plagt.

            Achtung, es wird persönlich. Das alles ist leicht zu verstehen. Schwierig wird es, wenn ich mir klar mache: Das trifft meine Sehnsucht, nach Zuwendung, intensiver Begegnung, innerer Verständigung. Zugleich aber kenne ich mich und meine Tendenz zum Rückzug. Ich brauche nicht jeden Tag, dass einer auf der Matte steht, mich prüfend ansieht, fragt: Was ist? Ich weiß, dass ich dann leicht zumache, abwehre, mich verweigere. Gemeinschaft ist keine Einbahnstraße, Trost und Ermutigung sind es auch nicht. Es raucht den Willen, sich darauf einzulassen. Bei allen. Auch bei mir.

 

Mein Gott, es geht nur miteinander auf Deinem Weg, nur im Festhalten an der Liebe, in der beständigen Geduld mit den Anderen, die ja auch mit mir Geduld haben müssen.
Mein Gott. Du willst, dass wir einander mit Deinen Augen sehen lernen, immer die geliebte Tochter, den geliebten Sohn sehen, was auch immer wir an Taten und Verhalten auch noch wahrnehmen. Lehre Du es mich, in dem Menschen mir gegenüber, was auch immer er glaubt und wie auch immer er lebt, den oder die zu sehen, für  die Du Dich gegeben hast. Amen