Gemeinschaft – glaubensnotwendig

Philipper 1, 27 -30

27 Wandelt nur würdig des Evangeliums Christi, damit – ob ich komme und euch sehe oder abwesend von euch höre – ihr in „einem“ Geist steht und einmütig mit uns kämpft für den Glauben des Evangeliums 28 und euch in keinem Stück erschrecken lasst von den Widersachern, was ihnen ein Anzeichen der Verdammnis ist, euch aber der Seligkeit, und das von Gott.

            Genug Blick auf Paulus und seine Situation. Es ist, als drehe der Apostel sich um und nehme seine Leser*innen wahr. Er spricht sie an, direkt, mahnend, ermutigend. „Wenn nur ihr nicht von eurem Wege abweicht, sondern Kurs haltet!(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, S. 46) Unabhängig davon, ob Paulus nun kommen kann oder nicht, die Philipper sollen ihren Weg des Glaubens durchhalten. Sich in ihrem Tun und Lassen am Evangelium orientieren. Sich durch das Evangelium leiten lassen. Es kennzeichnet nicht nur hier das Denken des Paulus: Es gibt ein Verhalten, das dem Evangelium entspringt und entspricht. Seiner Würde gemäß ist. Wir würden heute sagen können: Verhalten, das kompatibel mit dem Evangelium ist. 

            Konkreter wird Paulus nicht, weil: „Worin dieses „würdige“ Tun und Leben heute und hier besteht, das kann den Philippern ein andrer aus der Ferne nicht vorschreiben, das können sie aber selber in der Bruderschaft herausfinden.“(W. De Boor, aaO. S 65) Aber daran liegt Paulus schon: Das Evangelium verpflichtet zu einer eindeutigen Lebenspraxis. Das wird Paulus nicht müde zu sagen und zu schreiben: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“(Römer 12,2) Es ist sein Vertrauen in die Gemeinden, dass sie  an dieser Stelle die richtigen Schritte tun werden.

            Der Hinweis auf die Widersacher  – ντικειμένοι – lässt nur einen Schluss zu. In der Gemeinde oder im Umfeld der Gemeinde muss es Gegenwind gegeben haben. „Absender und Adressaten wissen um die Details des Konfliktes, so dass sie gar nicht erst benannt werden müssen.“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 50)Wir heute wissen das nicht und tappen so ein wenig im Dunkeln.  Immerhin – dieser magere Hinweis verhindert, die Gemeinde in Philippi für eine Art „heile Welt“ zu halten.

            Wichtig ist: Dieses Leben entsprechend dem Evangelium ist keine nur individuelle Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Gemeinde und es gelingt auch – nur –  indem sie in Philippi in „einem“ Geist stehen und einmütig sind. „Sie sollen zusammen für den Glauben des Evangeliums kämpfen, so als ob sie nur eine einzige Seele gemeinsam haben.“ P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 40)  Christsein ist miteinander sein. Füreinander da sein. Nur so kann der Einzelne, die Einzelne in einer Umwelt, die die Christen durchaus misstrauisch beobachtet, als Christ überleben.

29 Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden, 30 habt ihr doch denselben Kampf, den ihr an mir gesehen habt und nun von mir hört.

            Glauben an Christus und Leiden um seinetwillen gehören zusammen. Wo der Glaube seine Lebensgestalt gewinnt, sich äußert in Wertentscheidungen, in Parteinahmen, in Widerspruch gegen das, „was man so tut“, da ist es fast unausweichlich, dass es zu Konflikten mit dem eigenen Umfeld kommt. „Es ist geradezu ein Zeichen dafür, dass ihr auf dem rechten Weg seid, wenn Widerstand und Verfolgung aufbricht.“(E. Thurneysen, aaO. S. 57) Zur Erfahrung, dass die Christen der Welt fremd sind, ohne deshalb gleich weltfremd, naiv zu sein. Solche Fremdheit aber kann auch Leiden mit sich bringen. 

            Paulus ermutigt die Gemeinde. Nüchtern, weil er weiß, was auf sie zukommen kann. Aber zugleich doch auch bestimmt, weil er will, dass sie am Evangelium bleiben und ihm Raum geben im Denken, Reden und Handeln. Eine Ermutigung auf festem Grund: „Von Gott stammt der Geist der Einheit, von Gott der Wille zur Einheit, von ihm die Standhaftigkeit und Gewissheit, dass der Kampf um die Wahrheit des Evangeliums nicht umsonst und auch nicht ohne Sieg ist.“(Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 53) Aber: das ist ein Kampf und es wird nicht ohne Kampf gehen. „Unerschrockenheit, die dem Gegner keine Konzessionen macht, gehört zur Haltung der Gemeinde. Bei diesem Kampf geht es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern viel radikaler: Um Errettung und ewiges Verderben.“(G. Friedrich, aaO. S. 146) 

            Vorsichtiger formuliert: Es geht um ein Bewahren der eigenen Identität als Christen, auch im Widerstreit. Wo man aber die eigene Identität womöglich kampflos oder angstbesetzt preisgibt, da verliert man nicht nur etwas, sondern sich selbst, verliert auch die Achtung vor sich selbst, weiß nicht mehr, was das ist: würdig. ξίως. An dem Leben, das dem Evangelium seine Würde zu-misst, hängt auch die Würde der Christen selbst. Das haben sie in Philippi an Paulus sehen können – seinen Kampf, aber auch seine Bewährung in solchem Kämpfen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Wir haben es uns angewöhnt, die Freiheit eines Christenmenschen zuallererst als eine individuelle Freiheit zu sehen. Jeder kann und darf nach seiner Fasson selig werden. Es kann keinen Zweifel geben – Paulus würde nicht zustimmen. Er glaubt, dass keiner im Alleingang in den Himmel kommt, selig werden wird. „Ihr habt gewiss jedes seine eigene Art, Christus zu sehen und zu verstehen, aber… ihr müsst in einem Geiste stehen und in einer Seele kämpfen für den Glauben des Evangeliums, sonst seid ihr keine Gemeinde.“(E. Thurneysen, aaO. S. 53) 1943 geschrieben, mit dem Blick auf die tife Gefährdung der Gemeinde unter der Nazi-Herrschaft. Ob es zu solcher Einsicht erst dann kommt, wenn die Bedrängnis von außen so groß ist, dass wir es nicht mehr übersehen können: allein gehst du ein – auch als Christ.

Das Wort „Kampf“ – γν, unser Wort Agonie hat hier seinen Ursprung –   ist uns fremd geworden, wenn es darum geht, den Weg des Glaubens zu beschreiben. Die Zeit der Glaubenskriege ist bei uns in Europa Gott sei Dank vorbei. Sie hat früher viele Wunden geschlagen. Ist deshalb auch die Zeit der Glaubenskämpfe schon vorbei? Paulus sieht seine Gemeinde in diesen Kampf hineingestellt. Das ist nicht nur das Ringen der Einzelnen mit Zweifeln, mit Fragen, mit verschwimmender Gewissheit. Es ist auch das Umgehen mit dem Gegenwind, den es auf dem Weg des Glaubens unausweichlich – so Paulus – gibt.    

Weltweit wird so etwas sofort verstanden. Christ*innen in Indonesien, in China, in den islamischen Ländern wissen, wovon Paulus spricht. Wir in Europa sind von solchen Kämpfen weit weg. Leiden um Christi willen. Vielleicht fangen wir an, etwas von diesem Gegenwind zu ahnen. Das sind keine eingeworfenen Fensterscheiben, keine Prügelattacken, keine Drohungen und Strafprozesse. Aber der Weg in die offensichtliche Minderheit hat gerade angefangen Und damit auch der Entzug der so langegenossenen Hochachtung.

Die es ernst mit ihrem Glauben an Christus meinen werden allmähliche Fremde in ihrer Umwelt, spöttisch und ein bisschen argwöhnisch betrachtet.  Sonderlinge in den Augen der Anderen, irgendwie von gestern. Sie geraten unter Rechtfertigungsdruck: Warum machst du da mit? Das ist vielleicht die Form des Kampfes, der Leiden um Christi willen, der wir uns zu stellen haben werden.  

 

Herr, es fällt mir schwer nach zu sprechen: Wenn ich nur dich habe frage ich nichts nach Himmel und Erde. Mein Herz hängt an so vielem – an Menschen, die mir lieb sind, an Aufgaben und an Deiner Kirche.

Und doch habe ich es wohl zu lernen: Wenn ich nur Dich habe…. Damit ich es fröhlich leben kann, frei zu geben und zu tun, was heute noch meine Aufgabe ist. Dir zu dienen.

Auch das habe ich zu lernen: Es geht nicht im Alleingang. Du wirst mir verloren gehen, wenn ich allein bleibe in meinen Dich-Haben-Wollen, mich von den Brüdern und Schwestern entferne, die Gemeinschaft mit ihnen preisgebe, weil ich glaube, dass ich mir selbst genügen kann mit meinem Glauben.

Gib Du mir, dass ich immer wieder die Gemeinschaft suche mit Brüdern und Schwestern, Deinen Namen anzurufen und auszurufen. Amen