Hauptsache: Christus

Philipper 1, 12 – 26

12 Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. 13 Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, 14 und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.

            Man merkt es nicht gleich, schon gar nicht am Tonfall:Hier schreibt ein Gefangener. alles spricht dafür, dass er nicht erst seit kurzer Zeit inhaftiert ist. „In Frage kommen deshalb nur die zweijährige Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea, bevor er nach Rom verschifft worden ist, oder die daran anschließende Gefangenschaft in Rom, wo Paulus unter Hausarrest stand.“(P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchen 2018, S. 14) Es spricht viel für Rom.

Auffällig: Kein Lamento über Haft-Bedingungen, obwohl die sicherlich in der Zeit der Antike alles andere als beschaulich sind. Sondern im Gegenteil: Aus dieser Gefangenschaft ist Gutes geworden, es ist alles zur Förderung des Evangeliums geraten. „Vom Evangelium kann er nur sagen, dass es ihm gut geht.“ (G. Friedrich, aaO. S. 141) Ein eingesperrter Bote des Evangeliums – aber die Botschaft geht weiter. Bis in die Gefängniszellen hinein. Zurückhaltend, aber doch deutlich berichtet Paulus, „welchen Eindruck sein Christuszeugnis überall unter den Gefängnisbeamten erweckt.“(U. Wilkens, aaO. S. 243) Es hat sich herum gesprochen im Gefängnis, im ganzen Prätorium: der da einsitzt, ist anders als die meisten. Kein Verbrecher, kein Betrüger, Lügner, Dieb, sondern er trägt seine Fesseln für Christus.  

            Es ist gut, dass Paulus nicht aktiv formuliert: “Ich konnte hier Soldaten von Jesus sagen“(W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Philipper, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S 52) Aber das wird es wohl gewesen sein – befragt nach seinem Haftgrund hat er nicht von Jesus, dem Christus geschwiegen, sondern erzählt. „Gepredigt“. Das Wort geredet ohne Scheu. Und er hat Gehör gefunden.

            Über  das Gefängnis hinaus ist die Wirkung der Gefangenschaft positiv. Die Brüder – vermutlich auch die Schwestern – haben durch das Beispiel Mut gewonnen und Angst verloren, einzustehen für das Wort.  φόβως. „Furchtlos.“ Das ist alles andere als selbstverständlich. Es ist Zeichen, Frucht des Glaubens. „Die Mehrheit der Mitchristen in der Stadt lässt sich durch sein Vorbild zu verstärktem missionarischen  Zeugnis bewegen.“(U. Wilkens, ebda.) Sie verstecken sich nicht mit ihrem Christsein und mit ihrer Botschaft. Sie werden erkennbar als Christen. 

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: 16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; 17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. 18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

            Paulus ist nicht blind. Auch nicht vertrauensselig. Aber er begegnet uns in diesen Worten ungewöhnlich großzügig. Er macht sich nichts vor: Es gibt Christen, die predigen Christus aus Neid und Streitsucht. „Es gibt solche, die mögen den Apostel nicht recht. Er ist ihnen unsympathisch.“(E. Thurneysen, Der Brief des Paulus an die Philipper, Basel 1943, S. 40) Er hat hier wohl Leute vor Augen, mit denen er im Dauerdisput ist, die  seine Art der Verkündigung nicht achten. Ihre Inhalte und ihren Stil. Die sie vielmehr für einen Irrweg halten. Es ist kein tolles Motiv, was er ihnen unterstellt: sie möchten mir Trübsal bereiten. „Sie wollen seine Lage zu einer Verkündigung aus persönlichem Ehrgeiz und Feindseligkeit gegen ihn ausnutzen, um ihm zu schaden.“ (U. Wilkens, ebda.)Als ob es nicht schlimm genug wäre, Grund genug zur äußeren und inneren Bedrängnis, θλψις, dass er gefangen ist. Nein, sie wollen ihn auch noch zusätzlich kränken – und wohl auch die Zeit seiner Gefangenschaft nützen, um ihre Sicht des Evangeliums nach vorne zu bringen.  

            Und da nun sagt Paulus: wie auch immer: Wenn nur Christus verkündigt wird. Das spricht er ihnen nicht ab: sie sind Christus-Boten. „Paulus verurteilt die Gegner trotz ihrer persönlichen Attacken nicht, er wirft ihnen auch nicht falschen Glauben vor, sondern attestiert ihnen Christus (richtig) zu verkündigen und wenn sie dabei Erfolg haben sollten, freut er sich darüber.“(Chr. Schluep-Meier, Der Philipperbrief/Der Philemonbrief, Neukirchen 2014, S. 40) Was auch immer an ihren Motiven höchst fragwürdig sein mag: Sie sind Zeugen Jesu. Und darauf kommt es zuerst und zuletzt an. Daran hält er sich fest, auch wenn es ihm nicht so ganz leicht fallen wird.

            Kein Zweifel: Paulus freut sich über die, die ihm innerlich verbunden sind, die ihm nahe sind, die seine Verkündigung weiter führen. Aber er achtet auch die, die anders predigen als er. Wie viel Streit hätte sich in der Christenheit durch all die Jahrhunderte vermeiden lassen, wenn wir diese Großherzigkeit und Großzügigkeit des Paulus gelernt und beherzigt hätten. Wenn nur Christus verkündigt wird. Wie viel Streit um „chicken shit“ hat die Christenheit belastet und oft genug entzweit.

            Es klingt wie ein innerer Befehl des Gefangenen Paulus an sich selbst: so freue ich mich darüber. Und weil das so einfach nicht mit dem sich Freuen ist, wiederholt er es als Anweisung an sich selbst gleich noch einmal.

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, 20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. 21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

            Das sind starke Worte eines willensstarken Mannes: ich werde mich auch weiterhin freuen. Sofort steht da die Frage im Raum: Kann man sich das so vornehmen? Kann man das so bei sich beschließen und es sogar anderen sagen?Es ist keine grundlose Freude. Paulus ist – so lese ich ihn jedenfalls – keine optimistische Frohnatur. Aber er hat Grund zur Freude, den er auch benennen kann.

Was auch immer geschehen wird, es muss zum Heil ausgehen ες σωτηρίαν – genau übersetzt: zur Rettung. Das ist nicht einfach platt: Alles wird gut. Aber es ist die Hoffnung, die Paulus hat, gestärkt durch das Wissen um die Fürbitte der Gemeinde, dass er durchhalten wird in seinem Bekennen, dass er  in seinem Zeugnis im Licht Christi ist. Dass die Herrlichkeit Christi an ihm aufleuchten wird. Nach Rom wird der gleiche Apostel Paulus schreiben: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“(Römer 8,28) Das ist diese innere Freiheit, die nicht an den Umständen des Lebens hängt, sondern die an ihm, Christus hängt.  

            Was er nach Rom schreiben wird, das klingt hier schon an: Alles wird zum Heil ausgehen Auf jeden Fall – es sei durch Leben oder durch Tod. Paulus vertritt keine optimistische Weltsicht, auch kein Wohlfühl-Evangelium, nach dem Motto „Christen kann nichts passieren.“ Sondern er legt Zeugnis ab für seine innerste, tiefste Bindung: Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

Das ist die Konsequenz seines Taufverständnisses: Mit Christus in den Tod gegeben, lebt nun der Christ in Christus. „Das irdische Leben ist erfasst und erfüllt von Christus.“ (G. Friedrich, aaO. S. 144)  Darum kann Paulus auch an anderer Stelle schreiben: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“(Galater 2,20)

Es ist die Freiheit eines Gefangenen, die sich hier zeigt, die unfassbare Freiheit eines, der in seinem Innersten gebunden ist. „In seinem Leben wie in seinem Sterben geht es allein um Christus, dem er gehört und dem er dient.“(U. Wilkens, aaO. S. 243) Aus der Zugehörigkeit erwächst das Dienen, und nicht umgekehrt: Paulus dient nicht, um dazu zu gehören.

22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 23 Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.

            Paulus weiß: wir bestimmen nicht, wann es Zeit ist zu gehen. Wir haben kein Recht dazu, den Weg des Lebens aus eigenem Gutdünken, Überdruss oder der Sehnsucht nach dem Himmel abzukürzen. Auch dann nicht, wenn der Weg beschwerlich ist und die Ruhe bei Gott verlockend. Die Sehnsucht nach Gott darf nicht dazu führen, den Platz in der Zeit zu verlassen, den Gott uns angewiesen hat. Auch dann nicht, wenn oft genug die Fragen bedrängen: Wie lange muss ich meine Bedrängnisse noch durchstehen? Wie lange ist mir die Last des Lebens – es ist manchmal fast nur noch Last – auferlegt?

            Es ist wohl so: „Die Spannung zwischen seinem Sehnen und Gottes möglichem Plan scheint ihm schwer zuzusetzen.“(Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 45) Es ist hart, das aushalten zu müssen. Und doch:  Paulus, der so denkt, kann der Tod nicht mehr schrecken, aber auch das Leben nicht. Diesen Paulus kann aber auch die Aussicht auf die Herrlichkeit bei Christus nicht zu selbstmörderischen Aktionen verführen. Er eignet sich nicht als Märtyrer, der möglichst rasch in den Himmel will. Paulus weiß: das wäre Flucht vor den Aufgaben in der Zeit. „Wird er freikommen, so wird sein Leben weiterer Missionsarbeit gewidmet sein.“ (U. Wilkens, ebda.)

            Es sind wohl Sätze wie diese, die dazu geführt haben, dass in der alten Kirche streng darüber gewacht worden ist, dass sich keiner zum Martyrium drängt. Niemand darf es darauf anlegen, als Opfer im Zirkus zu landen. Es wäre ein feiger Ausweg aus den Aufgaben und Bedrängnissen der Zeit. Ob das nicht auch in anderen Religionen so gesehen werden könnte: Wer sich selbst in den Himmel exportieren will aus der Mühsal der Zeit, der widerspricht dem Weg Gottes. Und ob diese Sätze des Paulus nicht auch zu hören wären in der aufgeregten Debatte um das schöne, selbstbestimmte Sterben?

25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

            Weil er weiß, dass er noch gebraucht wird, dass er noch zu arbeiten hat, will er bleiben und hofft er auf sein Bleiben. Hofft auf eine neue Freiheit auch aus der Gefangenschaft, auf ein Wiedersehen von Angesicht zu Angesicht, nicht erst im Himmel, sondern noch in Philippi. Das alles nicht mühsam, trübselig und mit zusammengebissenen Zähnen, sondern erwartungsvoll. Es ist eine Hilfe, sich von der Verlockung des Todes zu lösen,  dass er in den Blick nimmt: Die Gemeinde hat etwas davon, dass ich bleibe. μεν  steht da – und damit eines der Hauptworte, mit denen das Johannes-Evangelium Christsein beschreibt. Christsein ist bleiben.

Sein Bleiben wird ja zur Förderung und zur Freude im Glauben dienen. So wie jetzt schon der Gefängnisaufenthalt. Wie viel mehr dann erst die Freiheit. Andere haben „etwas“ – Trost, Hoffnung, Zuversicht –  davon, dass Paulus da ist, auch im Gefängnis. Wie viel mehr werden sie davon haben, wenn er wieder freikommen wird. Das sieht Paulus: Ich hae auszuhalten mit meinem Leben, weil die anderen mich noch nötig haben zur Stärkung ihres Gottvertrauens. „Paulus sieht schon vor sich, wie es bei seinem Besuch in Philippi nach diesen Jahren sein wird.“ (W. De Boor, aaO. S.63) Er weiß: Ich habe der Gemeinde noch etwas zu geben – Beiträge zur Freude, zum Glauben, zum Rühmen Gottes.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Ernüchternd Einsicht: Wir sind nicht in allem einig, wir Christen. Es geht unter uns erschreckend „menschlich“ zu. Es gibt Neid und Streitsucht, es gibt Eigennutz. Gegenseitige Verurteilungen. Es gibt alle Unzulänglichkeiten, die auf der menschlichen Unzulänglichkeits-Skala aufgeführt sind, nach oben offen. Wir sind nicht die Guten, wenigstens nicht wie von selbst. Das alles „ist eine traurige, aber auch in der Kirche verbreitete Realität.“(Chr. Schluep-Meier, aaO. S. 41) Es ist deutlich zu spüren, wie sich Paulus zu seiner Haltung durchkämpfen muss. Wenn nur Christus verkündigt wird… Das ist der Haltepunkt für ihn, der ihm die innere Distanz zu denen ermöglicht, die ihm zusätzlich zu seinen misslichen Umständen der Gefangenschaft auch noch die Seele beschweren. Daraus erwächst eine Gelassenheit, die ihn frei sein lässt. Solche Gelassenheit ist nicht billig zu haben.   

Manchmal, mein Gott, kommt uns das Leben leicht vor, schön und lebenswert. Manchmal aber geht es uns hart an , so hart, dass uns aller Mut und alle Lust zum Leben schwinden will. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.

Du aber hältst an uns fest. Du willst, dass wir uns dem Leben stellen, uns  nicht entziehen, nicht dem Schmerz und nicht der Angst, sondern standhalten mit unserer kleinen Kraft. Du willst uns stärken, weil Du uns brauchst in dieser Welt, uns verzagte Leute mit unserem kleinen Glauben. Amen