Gib uns ein festes Herz

Sprüche 24, 10 – 20

 10 Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist.

             Einmal mehr gibt es verwirrende Übersetzungs-Varianten: „Zeigst du dich schlaff am Tag der Bedrängnis, so ist deine Kraft beschränkt.“(Schlachter) –     „Zeigst du dich lässig am Tag der Bedrängnis, so wird auch deine Kraft bedrängt.“(Einheitsübersetzung) – „Du magst dich für stark halten – ob du es bist, zeigt sich erst in der Not“(Gute Nachricht) Einig sind sich alle darin, dass es in Zeiten der Not herauskommen wird, wie es um die Standfestigkeit eines Menschen bestellt ist. In guten Zeiten stark sein ist keine Kunst. In schweren Zeiten nicht aufgeben – das ist gefragt.

Darum fordert der unbekannte Schreiber Jahrhunderte später von der jungen christlichen Gemeinde: Macht also die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest!“(Hebräer 12,12) Der gleiche Schreiber weiß auch, wie es zu solcher Festigkeit kommt: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“(Hebräer 12,9) So zu denken würd dem Spruchdichter gefallen.

 11 Errette, die man zum Tode schleppt, und entzieh dich nicht denen, die zur Schlachtbank wanken. 12 Sprichst du: »Siehe, wir haben’s nicht gewusst!«, fürwahr, der die Herzen prüft, merkt es, und der auf deine Seele achthat, weiß es und vergilt dem Menschen nach seinem Tun.

Misch dich ein. Es ist eine ungewöhnliche Aufforderung. Nur wenig später wird es in der gleichen Spruchsammlung heißen: „Wer vorübergeht und sich mengt in fremden Streit, der ist wie einer, der den Hund bei den Ohren zwackt.“(26,17) Hier dagegen ganz im Gegenteil: nicht wegsehen! Sich nicht heraushalten. Die Sprüche sind kein Rezeptbuch. Sie sind Worte, die uns nicht ersparen, unsere Situation richtig und vernünftig einzuschätzen. Es geht in ihnen um Situations-Ethik. Nicht um Worte, die immer und überall und unabänderlich immer das gleiche Verhalten fordern. „Gib uns ein festes Herz“ weiterlesen

König Alkohol?

Sprüche 23, 29 – 35

29 Wer hat Weh? Wer hat Leid? Wer hat Zank? Wer hat Klagen? Wer hat Wunden ohne Grund? Wer hat trübe Augen?

            Eine Frage folgt der anderen. Sechsmal wird so gefragt – fast als würde das ganze Leben abgeschritten. Vor dem inneren Auge der Lesenden entsteht das Bild einer Jammergestalt. Da ist einer, der fix und fertig ist. Nicht mehr kann, nicht mehr will. Der sich selbst nicht mehr kennt und nicht mehr helfen kann. „Man könnte diesen Spruch als Auffächerung des unordentlichen Wesens verwenden.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 230) Zank, Klagen, Wunden, trübe Augen – das alles signalisiert eine trübsinnige Existenz. Er/sie stiert nur noch so vor sich hin.  

30 Die bis in die Nacht beim Wein sitzen und kommen, gemischten Wein zu kosten. 31 Sieh den Wein nicht an, wie er so rot ist und im Glase so schön steht: Er geht glatt ein, 32 aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter.

            Rückblende: Der so dasitzt, der hat ja anders angefangen. Er ist verlockt worden. Vom Wein, der so gut aussieht. Von der Atmosphäre, in der man so schön beieinander ist. „Dort wo man singt, das lass dich ruhig nieder“ – Wein, Weib und Gesang. Es ist das Versprechen unbeschwerter Geselligkeit. Auch von Vergessen der Alltagssorgen. Es gibt diese seltsame Leichtigkeit des Seins, wenn man seine Sorgen in einem Glas Wein ertränkt hat – wobei jeder weiß: ein Glas wird nicht genügen.

            Nur: Was sich als Entlastung angeboten hat, entpuppt sich als Gefährdung. „Der schöne rote Wein verwandelt sich im Körper in (Nerven-)Gift. Wie die Begegnung mit einer Schlange, gar der Biss einer Giftschlange einem Spaziergang ein furchtbares Ende bereitet, so gefährlich, ja tödlich sind die Folgen des Weins.“(W. Dietrich, aaO. S. 231)Wer einmal am Bett eines im Alkohol Abgestürzten gestanden hat, weiß, das hier nichts übertrieben ist.  

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Hinhören – Hinschauen

Sprüche 21, 13 – 31

13 Wer seine Ohren verstopft vor dem Schreien des Armen, der wird einst auch rufen und nicht erhört werden.

            Im Mittelmeer ertrinken Menschen. In Europa geht alles seinen Gang. Geht es uns nichts an, was vor unserer Haustür geschieht.  „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“(M. Niemöller, Ostern 1976) Das Weghören und Schweigen fällt auf die zurück, die sich dem Schreien verweigern.

            Es ist die Mahnung, die  auch in den Sprüchen steht, die hier das andere Verhalten einfordert: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“(31, 8-9) Man wird sich hüten müssen, die Herausforderung in diesen Worten zurück zu weisen mit dem Fragen: wer sind denn die, die nicht selbst für sich reden können? Wer sind denn die, deren Schreie wir hören sollten? Es gibt das Schreien in der Nähe, vor der eigenen Haustür und das Schreien in der Ferne – und beides kommt an unser Ohr. Die Frage ist: wozu bewegt es uns?

14 Eine heimliche Gabe stillt den Zorn und ein Geschenk im Verborgenen den heftigen Grimm. 15 Dem Gerechten ist es eine Freude, zu tun, was recht ist, aber den Übeltätern ist es ein Schrecken. 16 Ein Mensch, der vom Wege der Klugheit abirrt, wird weilen in der Schar der Toten. 17 Wer gern in Freuden lebt, wird Mangel haben; und wer Wein und Salböl liebt, wird nicht reich. 18 Der Frevler wird als Lösegeld gegeben für den Gerechten und der Verächter für die Frommen.

            Es braucht nicht den großen Auftritt. Es braucht nicht die große Öffentlichkeit. Gutes tun kann man auch im Verborgen, ohne Pressemitteilung. Wieder hat Jesus genau gelesen und ausgelegt: „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,“ (Matthäus 6,3) Es hat seinen Wert in sich, anderen zu helfen. Auch dann, wenn es öffentlich unbemerkt bleibt. Was es dafür braucht, ist die Fähigkeit, wegzublicken von sich selbst, einen weiteren Horizont als das eigene Wohlergehen zu haben.

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Jesu Lehrbuch?

Sprüche 20, 19 – 24

19 Wer Geheimnisse verrät, ist ein Verleumder, und mit dem, der den Mund nicht halten kann, lass dich nicht ein.

            Es sind Meldungen, die (für mich) verstörend sind, irritierend, ärgerlich: Da zitiert der Nachrichtensprecher in der öffentlich-rechtlichen Medienanstalt wieder und wieder aus Papieren, die „streng vertraulich“, gar „geheim“ sind. Und es scheint, als wäre das normal. Als müsste man geradezu froh sein, dass wieder einmal ein „Geheimnisträger das Wasser nicht halten konnte“. Ist es nicht ein Rechtsbruch, aus solchen Papieren Meldungen zu kreieren? Ist es nicht Rechtbruch, Geheimnis-Verrat, ein Straftatbestand, solche Papiere weiter zu geben? Der Spruchdichter nennt die Geheimnisverräter Verleumder. Er warnt ausdrücklich davor, sich mit solchen Leuten einzulassen, den Mund nichthalten können.

            Es ist ein schmaler Grat, der hier ins Blickfeld rückt. Es gibt ja auch die Leute, die geheime Machenschaften aufdecken – oft unter Gefahr für die  eigene Freiheit, die eigene Reputation, oder gar das eigene Leben. Whistleblower. Ohne solche Leute wäre der Skandal um die Gefängnisse in Abu Greiph nie herausgekommen. Ohne solche Leute wäre so manche Steuerhinterziehung in Millionenhöhe nie aufgeflogen. Inzwischen gibt es so etwas wie einen minimalen Rechtsschutz für diese Art von Geheimnis-Verrat. Es bleibt Abwägungssache, wie der einzelne Fall zu sehen ist.  Aber es hat oftmals einen faden Beigeschmack, weil durch solche öffentliche Transparenz auf der einen Seite Vertrauen zwar hergestellt wird, aber gleichzeitig Vertrauen zerstört wird.

20 Wer seinem Vater und seiner Mutter flucht, dessen Leuchte wird verlöschen in der Finsternis. 21 Das Erbe, nach dem man zuerst sehr eilt, wird zuletzt nicht gesegnet sein.

            Es ist ein Dauerthema in Israel: wie geht man richtig mit Vater und Mutter um? Die Frage stellt sich nicht so sehr für die Heranwachsenden, die 13 -17-jährigen. Sie haben schlicht zu gehorchen Sie stellt sich vor allem für die erwachsenen Kinder. Was heißt es für sie:  „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“(2. Mose 20,12) Die Verheißung, die mit diesem Gebot verbunden ist, wird hinfällig für den, der seinen Eltern flucht. Er verkürzt, so muss man wohl verstehen, damit die eigene Lebenszeit und verfällt der Finsternis. Einmal mehr: die böse Tat fällt auf den Täter zurück. 

            Ich übertrage ein wenig salopp: Wer es nicht abwarten kann mit dem Erben, der wird darüber nicht glücklich werden. Weil die Eltern ihm den Gefallen eines „sozialverträglichen Frühablebens“ nicht tun? Weil er das innere Bild des gierigen Erben nie mehr loswerden wird?

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Was prägt mich?

Sprüche 19, 16 – 23

16 Wer das Gebot bewahrt, der bewahrt sein Leben; wer aber auf seinen Weg nicht achtet, wird sterben. 17 Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN, und der wird ihm vergelten, was er Gutes getan hat.

            Immer wieder die gleiche Frage: was verbindet den ersten Spruch – stichos – mit dem zweiten? Oder stehen sie einfach zufällig hintereinander, wie der Schreiber sich von Einfall zu Einfall gehangelt hat? so zu denken ist möglich, leuchtet mir aber dennoch nicht immer ein . Hier auch nicht.

            In beiden Sprüchen geht es um die Bewahrung des Lebens – einmal des eigenen Lebens und zum zweiten des Lebens des Armen.  Um das eigene Leben zu bewahren gilt es, sich am Gebot zu orientieren. Das Gebot, Gottes tora ist gute Wegweisung für den Weg des Lebens. wer sich an dieses Gebot hält, wird vor Irrwegen bewahrt, braucht sich nicht davor zu fürchten, dass er auf schlüpfrigen Boden gerät. vielleicht darf man sagen: Die Gebote sind für das soziale Miteinander was die Naturgesetze für das Umgehen mit den Lebensgegebenheiten sind.  Richtschnur und Grenze in einem.

            So passt dann auch der zweite Satz. Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN. Es ist wohl nicht auszuschließen, dass dieser Satz der gedanklich Hintergrund für das Gleichnis Jesu ist:  „Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25, 34-40) Die Hinwendung zum Armen entspricht der Wegweisung Gottes. Wer einem Armen Gutes tut, der erweist sich Gott gegenüber als freundlich. Wenn man so will: Diakonie ist Gottesdienst. Handfest und praktisch.

18 Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist, aber lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten. 19 Großer Grimm muss Strafe leiden; denn willst du ihm steuern, so wird er noch größer.

            Auch hier wieder ist ein innerer Zusammenhang möglich. Pädagogik – Erziehung muss sich hüten vor dem Zorn, der Wut. Sie sind nur Zeichen der Resignation und der Hoffnungslosigkeit. Hinweis darauf, dass eine*r daran zweifelt, dass es noch Sinn macht, sich mit den Sprösslingen abzumühen. Man darf die richtige Zeit auch in der Erziehung nicht verpassen: „Denn es gibt ein „zu spät“, einen Zeitpunkt, von dem an er seinen Weg allein gehen muss. Dann kommt die Zeit der Bewährung für alle Erziehungsarbeit.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 181) Das gilt, ob junger Mann, Jüngling oder Fräulein, junges Mädchen.

            Problematisch ist der Unterton: Was, wenn es nichts wird? Wenn der Sohn, die Tochter nicht „geraten“ sind? Es gibt diese quälende Frage: Was haben wir falsch gemacht, dass der Weg unseres Kindes, ob Sohn oder Tochter, so aus den Fugen gerät? Ein erfahrener Seelsorger hat es mich gelehrt: das ist die falsche Frage. Unfruchtbar, weil sie nichts mehr ändern kann. Was war, war. Die richtige Frage heißt: Wie können wir heute helfen, auf neue Wege zu finden – im Respekt davor, dass wir es mit jungen Erwachsenen zu tun haben.

            Es wird wohl so sein – die meisten Eltern kennen diesen Augenblick völliger Ratlosigkeit: Alles probiert in Liebe, Güte, auch mit Strenge und nichts verfängt. Heutzutage verzichtet man dann aufs Töten. Aber so mancher Junge, manches Mädchen erlebt sich abgeschrieben und aufgegeben. Von Eltern und Lehrern, von der Gesellschaft. Das kann schlimmer sein als der brutale Totschlag, weil es „lebenslänglich“ ist.   

            Der Spruch will bewahren vor einem Grimm, der alle Schranken einreißt, vor Züchtigung, die das Maß verliert. „Nie darf sie Selbstzweck werden, unkontrollierter Ausbruch des Jähzornes oder sogar der Rache. (W. Dietrich, ebda.) Es gibt Grimm, Wut, Zorn, der sich gegen den richtet, der ihm unterliegt. Der sich wie ein Krebsgeschwür, wie Gift in die Seel frisst und alle Möglichkeiten eines neuen Anfangs vernichtet. Dem gilt es entschlossen entgegen zu treten, weil die Chance, solche Grimm zu steuern gleich Null ist.   

20 Höre auf Rat und nimm Zucht an, dass du hernach weise seist. 21 In eines Mannes Herzen sind viele Pläne; aber zustande kommt der Ratschluss des HERRN.

            Leben im Alleingang, Leben, das auf alle anderen verzichten kann – das ist nicht die Vorstellung der Sprüche. Sie sehen den Menschen als einen der auf Rat angewiesen ist und der durch den Rat anderer Gewinn hat. Wer sich raten lässt, kann irgendwann selbst seine Pläne kritisch sichten lernen. Er wird mit der Vielzahl der Wünsche im Herzen umgehen lernen – entweder so, dass er Prioritäten findet oder so, dass er danach fragen lernt, wie Gott seine Wünsche und Hoffnungen ansieht. „Nicht alle unser Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“(D. BonhoefferWiderstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 569)

22 Der Mensch wünscht sich Güte, und ein Armer ist besser als ein Lügner.

            Manchmal verwirren Übersetzungen mehr als sie klären: „Gewinn für den Menschen ist seine Mildtätigkeit, und besser ein armer als ein verlogener Mann.“(Elberfelder) –  „Die Bereitwilligkeit eines Menschen ist für seine Liebesbetätigung bestimmend, und besser ist ein Armer als ein Lügner.“(Menge) – „Die Zierde des Menschen ist seine Güte, und ein Armer ist besser als ein Mann, der betrügt.“(Schlachter 2000) – „Für andere da zu sein, zeichnet einen Menschen aus. Es ist besser, arm zu sein als unehrlich.“(Neues Leben) Was den zweiten Satzteil angeht, sind sich alle einig: besser arm als unehrlich. O dieser Satz mehrheitsfähig ist in einer Gesellschaft wieder unseren? Theoretisch gewiss, aber auch praktisch?

            Umstritten ist  der erste Teil: Läuft es auf ein Lob des „Gutmenschen“ hinaus? Dann wäre, was heute wie ein Schimpfwort wirkt, doch in Wahrheit eine Zierde? Stimmt es: „Der Wert eines Menschen ist so groß wie seine Liebe.“(W. Dietrich, aaO. S. 183) Ich für mein Teil plädiere für einen anderen Satz. Der Wert eines Menschen ist so groß wie die Liebe, die ihm zuteil wird – und Gott geht in seiner Liebe bis zum Äußersten – für jeden von uns!

            Gleichwohl. Ein guter Mensch zu sein ist ein lohnendes Ziel. Und das zeigt sich darin, dass es anderen gut geht, wenn sie mit so einem Menschen zu tun bekommen. Gute Menschen tun nicht nur Gutes, sie tun einfach auch gut. Dadurch, dass sie da sind.    

23 Die Furcht des HERRN führt zum Leben; man wird satt werden und sicher schlafen, von keinem Übel heimgesucht.

            Unermüdlich wiederholt und variiert der Spruchdichter seinen Schlüsselsatz: Die Furcht des HERRN führt zum Leben. Sie macht verständig, sie macht weise, sie hilft, die richtigen Wege zu gehen. Ganz handfest: Sie hilft auch zu ruhigem Schlaf.

„Muss nur noch kurz die Welt retten
Danach flieg‘ ich zu dir
Noch 148 Mails checken
Wer weiß was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel
Muss nur noch kurz die Welt retten
Und gleich danach bin ich wieder bei dir.“

                                   T. Benzko, CD Wenn Worte meine Sprache wären, 2012

            Wer unter dieser Devise unterwegs ist, der wird es schwer haben mit ruhigem Schlaf. Darf man so weit gehen, darüber nachzudenken, ob Schlafstörung Hinweis darauf sein können, dass es mit unserer Gottesfurcht und unserem Gottvertrauen nicht so weit her ist. Dass wir manchmal vergessen, dass wir nicht Gott sind und die Welt am Laufen halten müssen. Dass wir ruhig schlafen gehen dürfen – die Welt wird sich weiter drehen.  Genau so denkt der Psalmbeter:  

„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“             Psalm 4,9

Mein Gott, was für ein Mensch möchte ich sein? Ich bin so oft hin und her gerissen. Gut möchte ich sein, liebevoll, aber auch nicht so sanft, dass man mich nicht ernst nimmt. Ein Wegweiser möchte ich sein und helfen, dass andere ihre Leben ordnen können. Zu richtigen Schritten, zu mutigen Entscheidungen, zu geduldigem Durchhalten möchte ich helfen. Nicht durch Befehlen, nicht durch Fordern, durch Vorleben.

Aber wie oft spüre ich, dass es nicht so weit her ist bei mit selbst mit den richtigen Schritten, den mutigen Entscheidungen, dem geduldigen Durchhalten. An wie vielen Stellen bin ich gescheitert, an den Umständen, mehr noch – an mir selbst.

Es ist gut, sich zu erinnern: Du hältst an uns fest. Du lässt uns nicht fallen. Du fängst jeden Morgen neu mit uns an, hoffnungsvoll und in großer Geduld. Deine Gnade veraltet nicht.

Das darf ich sein – ein Mensch, den Deine Gnade trägt. Dafür danke ich Dir. Darüber lobe ich Dich. Amen

Kein Privatbesitz

Sprüche 18, 8 – 17

8 Die Worte des Verleumders sind wie Leckerbissen und gehen einem glatt ein. 9 Wer lässig ist in seiner Arbeit, der ist ein Bruder des Verderbers.

            Es gibt Worte, die eingehen wie Butter. Die so logisch erscheinen. Dabei sind sie nichts als Gerüchte. Schmeicheleien ohne Substanz. Halbwahrheiten, die nur eines können: den, der sie hört, vergiften. Solche Flüstereien setzen sich im Inneren fest. Sie werden geglaubt. Oft nur, weil sie den eigenen Vor-Urteilen entsprechen und diese bestätigen. Vielleicht ist das die Verbindung zwischen den Sätzen: wer mit der Wahrheit lässig umgeht, wird auch in seiner Arbeit nicht präzise sein, sondern eher lässig. Fahrlässig. Und je nachdem, wo so jemand arbeitet, ist seine Fahrlässigkeit lebensgefährlich.    

10 Der Name des HERRN ist eine feste Burg; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt.

            Das ist der Kontrapunkt gegen die Sätze zuvor. Wo Worte trügerisch sind und Arbeit nicht verlässig geleistet wird, da ist es umso wichtiger, eine feste Burg zu kennen, einen Fluchtpunkt zu haben für das eigene Denken, Reden und Handeln. schēm„Der Name steht im AT oft für die Person. Jahwe selber ist also dieser feste Turm der Zuflucht.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 170) Es ist das Bild, das sich durch viele Psalmen hin zieht: Gott ist der Ort, an dem wir geborgen sind. Gott ist der Ort, an dem wir Zuflucht finden. Gott ist der Ort, an dem uns Trost und Hilfe zuteilwerden. Gott ist der Ort, an dem wir Barmherzigkeit erfahren. Das alles wird zugänglich im Namen des HERRN.

11 Des Reichen Habe ist ihm wie eine feste Stadt und dünkt ihn eine hohe Mauer. 12 Vor dem Sturz ist das Herz eines Mannes stolz; und ehe man zu Ehren kommt, muss man demütig sein.

            Ausgelöst von diesem Blick wird der nächste Spruch angehängt: Für reiche Leute ist oftmals ihre Habe wie solch eine Zuflucht. Wie eine feste Stadt. Umgeben von schützenden Einzäunungen. Es ist wie die Vorwegnahme der Wirklichkeit heute, wo manche Villa abgeschirmt ist durch Mauerwerk, Bewegungsmelder. In manche höchstpreisigen Wohnanlagen kommt man nur, wenn man sich beim Wachpersonal ausweisen kann. Und das in Frankfurt, mitten in Deutschland, nicht nur in den Luxusarealen in Kalifornien.

            Vielleicht klingt hier auch leise Skepsis an gegenüber einem Denken, das sagt. „Der Reiche braucht nicht zu Gott zu eilen, denn er hat seine Sicherheit im Tresor“  (W. Dietrich, ebda.) Der Volksmund heute variiert „Geld ist nicht alles, aber es beruhigt.“ Glaubt man allerdings Donald Duck, dann macht es auch unruhig, weil die ständige Angst vor Dieben da ist, vor dem Verlust des Geldes. Auch das wird mitklingen: Die Gefahr des Reichtums besteht auch darin, dass er stolz machen kann, abgehoben von den Habenichtsen, hochmütig, arrogant.    

13 Wer antwortet, ehe er hört, dem ist’s Torheit und Schande.

            Es ist die Krankheit so mancher Talk Show. Alle Beteiligten wissen, was sie sagen werden. Sie müssen gar nicht zuhören, was ein anderer sagen wird. Sie haben ihren Monolog schon geübt und fertig. die andere Krankheit – ich kenne sie auch nur zu gut: Dem anderen ins Wort fallen. Ihn gar nicht erst ausreden lassen. Weil man ja weiß, was der andere sagen wird. Ein Gespräch kommt so nicht zustande. 

14 Wer ein mutiges Herz hat, weiß sich auch im Leiden zu halten; wenn aber der Mut darniederliegt, wer kann’s tragen? 15 Ein verständiges Herz erwirbt Einsicht, und das Ohr der Weisen sucht Erkenntnis.

            Tapferkeit beruht weniger auf Kraft als vielmehr auf Herzensstärke. Auch hier wieder: Das Handeln unseres Lebens entscheidet sich an der inneren Verfassung, im Herzen. lēb. In der Personmitte. Das gilt auch und erst Recht für den Umgang mit Leiden. Es scheint hier von den Männern die Rede zu sein: „Vielleicht: Mannesmut vermag Krankheit standhaft zu dulden.“ (H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 76) Aus vielen Besuchen im Krankhaus habe ich den Eindruck: es ist nicht überall und bei jedermann so weit her mit dem „Mannesmut“. Frauen sind auch an dieser Stelle häufig das stärkere Geschlecht. Tapferer, mutiger.     

16 Das Geschenk des Menschen schafft ihm Raum und bringt ihn vor die großen Herren. 17 Ein jeder hat zuerst in seiner Sache recht; kommt aber der andere zu Wort, so findet sich’s.

            Es ist ein Dauerthema in den Sprüchen: Bestechung. Korruption. Geschenke befestigen die Freundschaft. Von dem Makedonier-König Philipp ist das Wort überliefert: „Keine Mauer ist so hoch und steil, dass ein Esel mit einem Sack Gold sie nicht bewältigen könnte.“ Wenn ein Thema so häufig in den Sprüchen angesprochen ist, dann doch wohl,  weil es weitverbreitete Praxis ist.  Es kann kein Zweifel sein – diese Praxis ist in Israel zwar da, aber sie wird in den Sprüchen wieder und wieder befragt, kritisiert. Auch hier.

            Auch mit den Satz, der wie ein Gegenpol ist, wie ein Rat für Richter, um zu gerechten Urteilen zu kommen. Audiatur et alters pars. Man muss auch die Gegenpartei hören. Wer nur die eine Seite gehört hat, weiß noch nicht alles. Das gilt ja auch für das eigene Denken: Nur wer die Wahrheit der Anderen mit in den Blick nimmt, wer ihnen unterstellt, dass sie auch ein Interesse und Anteil an der Wahrheit haben, wird  in einen echten Dialog eintreten können.

            Das gilt ja auch und erst recht für das Gespräch über den Glauben. Wer sich im Exklusiv-Besitz der Wahrheit glaubt, kann nicht wirklich mit anderen ein offenes Gespräch führen. Christen können wissen, dass sie nicht die Wahrheit haben, wie man ein Buch hat, sondern dass sie an die Wahrheit, an Jesus Christus gebunden sind. Aber er, als die Wahrheit in Person, ist uns immer voraus – und nie einfach identisch mit den Sätzen, die wir über ihn zu sagen wissen.  

 

Heiliger, barmherziger Gott, bei Dir bin ich geborgen, still wie ein Kind. In Dir finde ich mein Zuhause. Deine Worte richten mich auf. Deine Nähe tröstet mich. Dein Vertrauen stärkt mir den Mut. Das alles glaube ich und spüre ich – täglich neu seit vielen Jahrzehnten.

Hilf Du mir, dass ich daraus keinen Privatbesitz mache. Hilf Du mir, dass in meinem Umgehen für andere spürbar wird, dass es in der Nähe Trost gibt, dass gute Worte neuen Mut geben können, dass man nicht vergeblich auf Hilfe hoffen muss. Hilf Du, dass ich zusammen mit anderen, die Zuflucht in Dir in unserer Welt glaubwürdig werden lasse. Amen

Unverdient

Sprüche 17, 1 – 17

1 Besser ein trockner Bissen mit Frieden als ein Haus voll Geschlachtetem mit Streit.

            Wer wollte widersprechen? Wo der Frieden   Platz gefunden hat, da ist gut sein. Wo Streit herrscht, möchte keine*r sich allzu gerne und allzulange aufhalten.  Es ist fast noch ein bisschen näher am Leben: „Besser ein trockener Bissen und Ruhe dabei als ein Haus voll Opferfleisch und Streit.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985 S. 156)

            In Gedanken sehe ich hinter diesem Wort die Auseinandersetzungen im Haus Eli, wo der Vater seinen Söhnen sagt: „Warum tut ihr solches? Denn ich höre diese bösen Dinge, die ihr tut, vom ganzen Volk. Nicht doch, meine Söhne! Denn das Gerücht, von dem ich reden höre in des HERRN Volk, ist nicht gut. Wenn jemand gegen einen Menschen sündigt, so kann es Gott entscheiden. Wenn aber jemand gegen den HERRN sündigt, wer soll es dann für ihn entscheiden? Aber sie gehorchten der Stimme ihres Vaters nicht.“(1. Samuel 2, 23-25) Es wird böse enden.

2 Ein kluger Knecht wird herrschen über einen schandbaren Sohn und wird mit den Brüdern das Erbe teilen. 3 Wie der Tiegel das Silber und der Ofen das Gold, so prüft der HERR die Herzen.

            Auch hinter diesen Worten könnte biblische Erzählung stehen – vom Aufstieg des Sklaven Josef bis zum zweiten Mann in Ägypten. Ein Aufstieg, der ihn hat reich werden lassen, so dass er in der Tat mit den Brüdern teilen konnte. Es ist Gottes Art, dass er auch durch harte Wege die Herzen prüft. Erneut ist Josef ein Beispiel für diese Sicht. Aus dem hochmütigen Naseweis der Jugend wird ein reifer Mann, der im Alter Versöhnung mit denen sucht, die ihn verletzt haben.    

4 Ein Böser achtet auf böse Mäuler, und ein Falscher hört gern auf schändliche Zungen .5 Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben.

            . Es gibt eine Logik, die sich darin zeigt, dass jemand nur die Worte wahrnimmt, die die eigene Sicht auf die Welt bestätigen. Der Zyniker hört nur die Zyniker, der Böse nur auf die mit bösen Sprüchen, der Falsche nur auf die Lügengeschichten. Heute heißt das: man lebt in der Blase seiner eigenen Meinung. Man hört nur auf, die genauso denken wie man selbst. Das gilt nicht nur für politische Überzeugungen. Das gilt genauso für die Sicht auf die Welt.Unter Gleichgesinnten ist man sich der Zustimmung sicher.

            Es ist ein Satz, der sich tief eingeprägt hat: Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer. Ein Satz, der die unverschämte Arroganz derer angreift, die vom hohen Ross auf die herabschauen, die es nicht bringen, die es nicht geschafft haben. „Wenn einer schon nicht helfen will, soll er den Unglücklichen wenigstens nicht verhöhnen.“(W. Dietrich, aaO. S. 160) Der gedankliche Hintergrund ist die Parteilichkeit Gottes, für die Armen, für die Niedrigen, für die Verlierer.

6 Der Alten Krone sind Kindeskinder, und der Kinder Ehre sind ihre Väter.

            Die Hochachtung der Geschlechterfolge ist Anschauung fast aller Schriften Israels. Das zeigt sich nicht zuletzt in  den zahlreichen Geschlechterlisten, die heutige Leser fast immer nur langweilen. Kinderlosigkeit ist ein großer Schmerz, Kinder sind Gabe Gottes. Und umgekehrt ist es eine Freude, zu  alten Eltern aufblicken zu dürfen. Im Denken der Bibel sind die Alten nie eine Last.  Der Satz: „Ich will meinen Kindern nicht zur Last fallen“ ist im Mund eines/einer biblischen Alten geradezu undenkbar.

7 Es steht einem Toren nicht wohl an, von hohen Dingen zu reden, viel weniger einem Edlen, dass er mit Lügen umgeht.

            Es wäre besser, sich nicht zu Dingen zu äußern, von denen man nichts versteht. „Wenn du doch geschwiegen hättest“ – ein Rat, den so mancher gehört hat, der sich vorlaut in Gespräche eingeschaltet hat. Es ist eine Art Selbstentlarvung, die dabei geschieht – man entblößt sich in seiner Unkenntnis.

8 Ein Geschenk ist ein Zauberstein dem, der es gibt; wohin er sich kehrt, hat er Erfolg. 9 Wer Verfehlung zudeckt, stiftet Freundschaft; wer aber eine Sache aufrührt, der macht Freunde uneins.

            Das sind Sätze, die zwiespältig ankommen. Natürlich bestärken Geschenke Freundschaften. Aber es gibt, nicht erst heute, die Frage, wann Geschenke nicht mehr nur Geschenke, sondern Korruptionsversuche sind. Auch das wird heute in solchen Regelsätzen nachgefragt: wann wird das Zudecken einer Verfehlung zur unzulässigen Vertuschung? Es steht unserer Zeit gut an, dass sie solche Regeln nicht nur auf ihre Praktikabilität hin hört, sondern auch auf ihre ethische Verantwortlichkeit hin befragt.

10 Ein Scheltwort dringt tiefer bei dem Verständigen als hundert Schläge bei dem Toren. 11 Ein böser Mensch trachtet stets zu widersprechen; aber ein grausamer Bote wird über ihn kommen. 12 Besser einer Bärin begegnen, der die Jungen geraubt sind, als einem Toren in seiner Torheit.

            Es gibt Offenheit und Verschlossenheit für Kritik. Die Behauptung hier: Der Tor ist verschlossen für Kritik, der Vernünftige dagegen ist kritikfähig. Er hört sie und hört in ihr die Möglichkeit, Fehler zu beheben, sich zu bessern, sein Handeln zu korrigieren. Es scheint ein innerer Zusammenhang zu sein: „Der Böse protestiert gegen jeden und gegen alles. (W. Dietrich, aaO. S. 162) Er ist der geborene Störenfried. Ohne jeden erkennbaren Grund und Anlass. Solche Menschen sind gefährlicher als eine Bärin.   

13 Wer Gutes mit Bösem vergilt, von dessen Haus wird das Böse nicht weichen. 14 Wer Streit anfängt, gleicht dem, der dem Wasser den Damm aufreißt. Lass ab vom Streit, ehe er losbricht!

            Verrückte Welt. Gutes wird mit Bösem vergolten. Aus nichtigem Grund bricht einer Streit vom Zaun. Wo es so zugeht, ist es gefährlich, in der Nähe zu sein. Besser auf Abstand halten. In jeder Gemeinschaft, die auf Dauer angelegt ist, die das miteinander fördern will, ist anderes gefordert, das genaue Gegenteil: Das Suchen nach Wegen der Verständigung, das Vergelten von Bösem mit Gutem. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“(Römer 12, 17 – 18) Es ist eine vernünftige und zugleich fromme Ethik, die so denkt.

15 Wer den Schuldigen gerecht spricht und den Gerechten schuldig, die sind beide dem HERRN ein Gräuel.

            Hier geht es um innerweltliche Gerichtsverfahren. Ein Richter, der so das Recht verdreht, das geht nicht. „In beiden Fällen verlässt der Richter ja die Rechtsgrundlage.“ (W. Dietrich, aaO. S. 163) Vermutlich ist es ein Satz, der sich gegen Gefälligkeitsurteile richtet. Gegen gekaufte Rechtsprechung. Gegen die „Geschenke, die wie ein Zauberstein“ (s.o.)  wirken.

            Gänzlich anders ist dieser Satz, wenn er theologisch gelesen wird. So ist ja Gottes Handeln, wie es in Jesus bezeugt wird – er rechtfertigt die Gottlosen und lässt die, die auf ihre eigene Gerechtigkeit bauen, leer. Geradezu musterhaft dargestellt in der Erzählung Jesus: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.  Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!  Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“(Lukas 18. 10- 14)  Gott stellt sich mit seinem Gnadenhandeln außerhalb unserer normalen Rechtsordnung!  Das macht es mit der Gnade so schwierig. 

16 Was soll dem Toren Geld in der Hand, Weisheit zu kaufen, wo er doch ohne Verstand ist? 17 Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren.

            Weisheit ist nicht käuflich. Weisheit kann nicht auf dem Markt erworben werden. Darum gibt es reiche Leute, die gleichwohl erschreckend töricht“ sind – in den Augen der Sprüche. Sie leben mit falschen Prioritäten.

            Schließlich: in der Not zeigt sich, wer es gut mit einem meint.  Wer es ernst meint mit dem Freund und Bruder sein. Wer es sich etwas kosten lässt.

Zum Weiterdenken:

            Es geht immer um das verlässliche, tragfähige Miteinander. der scheinbar so zufällige Reigen dieser Sprüche hat darin seine Zielrichtung. Nicht zuletzt dadurch, dass er die aufmerksam Lesenden zu Stellungnahme nötigt: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist mir wichtig? Worauf vertraue ich?  Das alles ist in den Sprüchen nicht in eine systematische Reflexion gefasst. Aber die so einfachen, fast naiven Sätze nötigen dazu, sich für Wege zu entscheiden. Sie appellieren an Einsicht und an ein Tun, das den eigenen Einsichten auch tatsächlich folgt. Wer den Sätzen zustimmt, innerlich sagt: Stimmt! ist herausgefordert zu entsprechenden Lebensschritten, wenn man sich nicht selbst zum Narren machen will.  

 

Du barmherziger Gott, Deine Maßstäbe sind anders. Wir urteilen nach dem,was wir wissen, was vor Augen ist. Du urteilst nach dem, wie es
Deinem Wesen entspricht. Du willst, dass wir leben. Gerechte und Ungerechte, Toren und Weise, Törinnen und weise Frauen.

Du schenkst, was wir uns nie erwerben könnten – Leben aus Deiner Güte.Darüber lobe und preise ich Dich. Amen 

Gute Worte tun gut

Sprüche 16, 18 – 33

18 Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. 19 Besser niedrig sein mit den Demütigen als Beute austeilen mit den Hoffärtigen.

            Es klingt nach fremder Verfügung – aber es ist wohl so etwas wie eine Eigengesetzlichkeit gemeint. Wer zugrunde gehen soll… Der überzogene Glaube an die eigenen Möglichkeiten trägt häufig schon die Ursachen eines Absturzes in sich. Es gibt  Selbstvertrauen, das sich als hohl erweist, als nicht tragfähig. So wie es Kumpanei gibt, die bei der ersten Probe zerbricht.  

20 Wer auf das Wort merkt, der findet Glück; und wohl dem, der sich auf den HERRN verlässt! 21 Ein Verständiger wird gerühmt als ein weiser Mann, und liebliche Rede mehrt die Einsicht. 22 Klugheit ist ein Brunnen des Lebens dem, der sie hat; aber die Strafe der Toren ist ihre Torheit. 23 Des Weisen Herz redet klug und mehrt auf seinen Lippen die Lehre.

    Unermüdlich wiederholt: Das Wort achten ist gute Wege finden.  Gemeint ist sicherlich im Vordergrund zunächst „die Belehrung der Weisen“. (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 152) Man wird nicht dümmer, wenn man auf die hört, die vor einem selbst Vorsprung an Lebenserfahrung haben. Es gehört zur Sichtweise der Umwelt des Spruchdichters, dass der Weg zu einem guten Leben durch das Achten auf die Erfahrungen früherer Zeiten geahnt wird, die die Weisen vermitteln.

            Diese Überzeugung steht nicht nur hinter den Sprüchen – sie steht auch hinter den Geschichtsbüchern Israels. Auf sie verweist auch Paulus zurück. „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“(Römer 15,4) Das ist von Paulus her gewiss keine Einladung zu fundamentalistischem Glauben an die Bibel, wohl aber eine Einladung, aus der Weisheit dieser Schriften zu schöpfen.

24 Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

  Das kennt wohl jeder: Gute Worte tun gut. So mancher wird durch einen Besuch aufgerichtet, durch freundliche Worte. Das ist nicht als Therapie einsetzbar – aber es ist manchmal mehr als eine medizinische Therapie vermag. Es gibt ein Gesundwerden an Leib und Seele, das aus dem Hören freundlicher Worte Kraft gewinnt.    

25 Manchem scheint ein Weg recht; aber zuletzt bringt er ihn zum Tode.

            Selbst-Täuschung. Nicht jeder Weg ist ein guter Weg. Nicht immer ist es ein guter Rat: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Es gibt bei Wanderungen Wege, die sich als Sackgassen erweisen. Es gibt auch Lebenswege, die sich als Sackgassen entpuppen. Der Spruchdichter würde sicher auch nicht zustimmen: „Der Weg ist das Ziel.“ An manchem Ziel gibt es ein böses Erwachen. Es fällt nicht gleich auf – hier wird schlicht wiederholt, was schon früher gesagt ist – der inhaltlich gleiche Satz steht schon in 14,12.  Es ist ein pädagogisches Mittel, das in den Sprüchen verwendet wird: Stete Wiederholung führt irgendwann – vielleicht – zur Einsicht. 

26 Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn; denn sein Mund treibt ihn an.

            Was bringt Menschen dazu zu arbeiten? Eine leicht idealistische Antwort unserer Zeit: Sie wollen sich in ihrer Arbeit selbst verwirklichen. Hinter der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens steht dieser Gedanke: Menschen würden noch viel lieber arbeiten, wenn sie nicht irgendwelchen ökonomischen Zwängen unterworfen wären, wenn ihr Lebensunterhalt sozusagen von vornherein auskömmlich gesichert würde.  

            Die Sprüche zeigen sich skeptisch: Es ist der Hunger, der zum Arbeiten führt. Es ist die Sicherung der eigenen Existenz, die Leute schaffen lässt. Oder, wie Bert Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Das ist weit entfernt von einer Sicht, die Arbeit als eine Art Sinnstiftung für den Menschen sieht.  Es geht schlicht ums Sattwerden, ums Überleben.     

            Ich habe von Soziologen gelernt: Frühere Zeiten folgten dem Konzept einer Überlebensgesellschaft. Dahinein gehört auch das Denken der Sprüche Salomo. Wir dagegen heute folgen dem Konzept einer Erlebnisgesellschaft. Darauf kommt es an, ob etwas ein Mehrwert als Erlebnis bringt – die Tasche von Gucci, der PKW von BMW, der Wein vom Rheingau, die Kreuzfahrt zum Nordkap. „Heute treibt uns in unseren Breiten weniger der Hunger als vielmehr das Streben nach Luxus.“(W. Dietrich, aaO. S. 154) Das Ergebnis dieses Wandels schlägt sich auch im ungehemmten Anstieg des Verbrauchs von Lebensgütern nieder. Wir verzehren die Zukunft unserer Enkel. Man gönnt sich ja sonst nichts!    

27 Ein heilloser Mensch gräbt nach Unheil, und auf seinen Lippen ist’s wie brennendes Feuer. 28 Ein falscher Mensch richtet Zank an, und ein Verleumder macht Freunde uneins. 29 Ein Frevler verlockt seinen Nächsten und führt ihn auf keinen guten Weg. 30 Wer mit den Augen winkt, denkt nichts Gutes; und wer mit den Lippen andeutet, vollbringt Böses.

            Es ist ein Kontrast-Bild: eben noch hat der Sammler die wohltuende Wirkung guter Worte ins Blickfeld gerückt. Jetzt zeigt er, was Worte alles anrichten können: Unheil, Zank,  sie sind Brandbeschleuniger. Sie entzweien Menschen. Sie verlocken auf die schiefe Bahn. Manchmal genügt ein Blick-Kontakt. Worte können heilen und Worte können zerstören. Rufmord braucht keine Messer – es genügen gezielt gestreute Gerüchte.

 „Als gesuchter Beichtvater, der täglich bis zu zwölf Stunden im Beichtstuhl verbrachte, habe Philipp Neri Bußen auferlegt, die „nicht nur sehr originell“, sondern auch von hohem „glaubenspädagogischen Wert“ waren, schrieb Wodrazka. Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: „Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt.“

Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: „Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht.“ Daraufhin Philipp: „Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen.“

            Man wird schon darüber nachdenken dürfen (und müssen), wie viele Menschen in Zeiten von Facebook, Instagram, Twitter Opfer von bösartig verbreiteten Unwahrheiten und Halbwahrheiten geworden sind. Sich wehren gegen den unsichtbaren Denunzianten, gegen den Intriganten, gegen den Gerüchte-Streuer?  Umso wichtiger ist es, zu sehen, was einer sagt, wie er es sagt. An Gesichtern Gedanken abzulesen. Die Mimik, die Körpersprache eines Menschen zu erkennen. Da sind die Sprüche voll auf der Höhe der Zeit.  

31 Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden. 32 Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.

     Graue Haare sind mehr als ein Alterszeichen. Sie sind, unsere Zeit würde hier wohl zögern zuzustimmen, eine Krone der Ehre. Man altert in Ehren und man altert überhaupt und ehrenhaft auf den Weg der Gerechtigkeit. Es ist die Überzeugung, die wiederholt an anderer Stelle in den Sprüche verhandelt wird: Unrecht hat lebensverkürzende Wirkungen, Gerechtigkeit aber ist eine lebensverlängernde Maßnahme.

     Das Glück kommt zu dem, der warten kann. Man kann es nicht erjagen – es entzieht sich. Aber man kann sich selbst und die eigenen Süchte und Sehnsüchte beherrschen lernen und so den Weg zu einer tiefgegründeten Zufriedenheit finden.

       Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“ Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“ „Woher wisst Ihr, dass das Wetter so sein wird, wie Ihr es liebt?“ „Ich habe die Erfahrung gemacht, mein Freund, dass ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“

33 Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie der HERR will.

            Wir sind nicht die Herren unseres Schicksals. Auch die nicht, die sich auf ein günstiges Los verlassen. Es gehört über lange Zeit hin zur Kultur und zur religiösen Praxis Israels, Entscheidungen durch das Los herbei zu führen. Vielfältige Geschichten werden darüber erzählt. Urim und Thummim sind Los- und Orakel-Steine des Hohenpriesters in Israel. Das Los hilft bei der Zuteilung der Siedlungsräume in Israel. Das Los hilft, Missetäter zu stellen. Das Los entscheidet über Kriegszüge.

            Der Satz hier erinnert daran: Es ist nicht der das Los werfende Mensch, der entscheidet, wie es fällt. Das ist Einspruch gegen jede Los-Manipulation. Es ist der HERR, der auch im Los mit seinem Willen zugegen ist. Nicht das Los, Gott entscheidet!    

 

Heiliger Gott, davon lebt die Welt, dass Du sie ins Leben gerufen hast, dass Du über ihr Dein Wort gesagt hast, dass Du sie in Deinem Wort geordnet hast. Davon, Du gnädiger Gott, leben wir, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir einander Mut zusprechen, die Traurigen trösten, die Verzagten aus ihrer Angst holen. Davon leben wir, dass Du uns freigesprochen hast in Deinem Sohn – Jesus Christus – und alle Anklagen damit Null und Nichtig geworden sind.

Ich bete Dich an, Du Wort ob allen Worten. Amen

Gott gibt keinen auf

Sprüche 16, 1 – 9

1 Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird. 2 Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister. 3 Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

            Wir hätten es wohl gerne so, dass wir die Herren unserer Tage sind. Dass wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. wir unsere Pläne umsetzen, dass wir unser Geschick leiten und lenken – wie es uns gefällt. Das große Zauberwort unserer Epoche – Autonomie – gehört nicht zum positiven Wortschatz der Sprüche. Wir sind nicht die Herren unserer Zeit. Jesus erinnert daran: „Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ (Matthäus 6,27)  Wir leben mehr, als wir es uns meistens eingestehen, vom Empfangen als aus unserer eigenen Fähigkeit. Wir sind nicht die Meister unseres Lebens. Das einzusehen ist ein Schritt auf de Weg zu lebensgerechter Demut.  

            Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften: Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. Wer sich in der Bibel auskennt, hört es sozusagen synchron: „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ (Psalm 37,5) Oder aus dem Neuen Testament: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15) Es ist Gott, der die Wege öffnet.

4 Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.

            Was für eine Herausforderung an unser Denken. Das klingt nach Vorherbestimmung, aus der es kein Ausweichen gibt. „Mag es der letzte, jäh über den Gottlosen hereinbrechende Unglückstag sein oder das Jüngste Gericht, deutlich wird, dass Gottlosigkeit nicht immer ungestraft bleiben wird.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 147) So gelesen verliert das Wort seine Schärfe. Auch der andere Ausleger weicht zurück: „Alles ist zu einem bestimmten Zweck von Gott gemacht worden. Als eine etwas überspitzte Formulierung dieses allgemeinen Satzes kommt uns die Behauptung vor, der Frevler sei nur geschaffen, damit die Vergeltung Gottes an ihm offenbar werden könne.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 68) Diese überspitzte Folgerung aber liegt in der Logik des allgemeinen Satzes und hat kirchengeschichtlich ihre – nur zu oft verhängnisvollen – Auswirkungen in der Lehre von der doppelten Prädestination. Der zum Heil und der zum Unheil.    

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Das Herz – die Person-Mitte

Sprüche 15, 13 – 18

13 Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut.

            Man kann es einem Menschen ansehen, wie „drauf“ ist. Den meisten jedenfalls. Nu denen mit einem Pokergesicht nicht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen unserer inneren Verfassung und unserem Gesichtsausdruck. Wobei es schon stimmt, dass die Aufforderung „Mach ein anderes Gesicht“ in der Regel ins Leere läuft. Wir können nicht „ein anderes Gesicht machen“. 

            Es ist gut, dass aus diesen Einsichten keine Aufforderung abgeleitet wird: „Wir sind dazu aufgerufen, jede Gelegenheit zum Freuen zu nützen und dem Kummer nicht allzu viel Raum in unserem Denken zu lassen.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 140f.) Genau das steht nicht da! Die Sprüche beschreiben, sie befehlen nicht.   

14 Des Klugen Herz sucht Erkenntnis; aber der Toren Mund geht mit Torheit um.

            Zum dritten Mal steht hier das Herz im Blick – lēb. „In der geläufigsten Form lēb kommt es im hebräischen Alten Testament 598 mal, in der Form lēbāb 252 mal vor.“(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testamentes, München 1974, s. 66)  Das Interesse gilt dabei nicht dem Organ, das medizinisch betrachtet so wichtig ist. Es gilt dem Wesen, der Personmitte, die sich im Herzen finden. „In den weitaus meisten Fällen werden vom Herzen intellektuelle, rationale Funktionen ausgesagt, also genau das, was wir dem Kopf und genauer dem Hirn zuschreiben.“(H. W. Wolff, aaO. S. 77)  Im Herzen fallen die Entscheidungen über die Wege des Menschen.

            Vielleicht darf man von daher so übertragen: Kluge Menschen wissen, dass sie viel mehr nicht wissen als sie wissen. Toren dagegen glauben, sie wüssten schon alles und müssten nichts mehr dazu lernen. Darum sind kluge Herzen auch offen für Kritik. „Jede Kritik ist eine kostenlose Unternehmensberatung. … Wer sich kontinuierlich Kritik gegenüber immunisiert und keinen Rat von außen einholt, wird wie ein Messer sein, das schon lange nicht mehr geschliffen wurde, stumpf, ineffektiv und irgendwie unbrauchbar.“(V. Kessler, Kritisieren ohne zu verletzen, Lernen von den Sprüchen Salomos, Giessen 2019, S. 29)Man könnte auch sagen  und würde bei dem Spruchdichter wahrscheinlich Zustimmung finden: „Wer mich nicht (mehr) kritisiert, liebt mich nicht.“

15 Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest. 16 Besser wenig mit der Furcht des HERRN als ein großer Schatz, bei dem Unruhe ist. 17 Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.

            Es ist die innere Verfassung, die darüber entscheidet, wie wir die äußerlichen Lebensumstände wahrnehmen. Wenn einer neben der Spur ist, freut ihn nichts. Wenn einer festsitzt im Gefängnis seiner trüben Gedanken, gibt es keinen Hoffnungsschimmer. Nicht einmal das Essen schmeckt mehr. Und der eigene Besitz löst nur Ängste aus – weil er ja von überall her bedroht ist. Es scheint, diese Haltung hat Jesus vor Augen, wenn er mahnt: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,20)    

            Es ist ein Appell an die Einsicht, an das Einfühlungsvermögen, an die Urteilsfähigkeit der Leser*innen. Besser, wenig – besser, nur…. Wer würde nicht zustimmen, dass die Qualität eines Festmahles nicht an der Menge der Speisen hängt sondern an der Atmosphäre, am Miteinander. wo Streit und Hass ist, verschlägt es einem auch den Appetit. „Für einen Gast ist es angenehmer, gern gesehen und zu einem Teller Suppe eingeladen zu werden als bei einem Festmahl offensichtlich lästig zu sein.“(W. Dietrich, aaO. S. 142) Wer würde da nicht zustimmen?

18 Ein zorniger Mann richtet Zank an; ein Geduldiger aber stillt den Streit.

            Was ist gefährlich am Zorn? Es gibt doch auch den „heiligen Zorn“, so wie er Jesus ergreift, als er den Tempel reinigt. Gefährlich ist der Zorn wohl vor allem, weil er häufig keine Distanz mehr kennt.  Nur noch Aufregung, nur noch Impulsivität. Da ist kein Raum mehr zum Abwägen der eigenen Worte, zum Überlegen, was sie anrichten könnten. Man haut seine Sätze raus – und schüttet Öl ins ohnehin schon brennende Feuer. Es kommt dazu, der andere hört nicht mehr nur Worte, sondern Angriffe, Kränkungen.

            Zuhören. Noch einmal zuhören – nicht den Friedensapostel geben – das signalisiert allzu leicht Überlegenheit, die nur umso mehr aufregt. Ein Geduldiger kann auch nach der Wahrheit des Anderen fragen und auf sie zu antworten suchen. Das ist nicht einfach und auch nicht immer von Erfolg gekrönt, so dass sich die Gemüter beruhigen. Aber manchmal gelingt es und der Streit verlöscht wie ein Feuer, dem man die Luft entzogen hat.   

Herausforderung an unser Denken und Glauben

            Vor über dreißig Jahren die Frage an mich: „Brauchst du eigentlich immer die negative Folie, damit das Evangelium zum Leuchten kommen kann?“ Weil ich mir auf dem falschen Fuß erwischt vorkam, hat sich mir die Frage so eingeprägt  und ich geben sie weiter an die Sprüche. Es würde doch reichen, die positiven Sätze über die Gerechten zu sagen: Sie erhalten, was sie begehren. Ihre Hoffnungen und ihr Warten erleben Erfüllung. Sie sind vor Unwetter in Sicherheit. Sie werden alt. Ihr Leben ist in Ordnung.

            Reicht das nicht, weil der Vorwurf nahe liegt: Nur Wunschbilder. Nur schöner Schein, erkauft durch Ausblenden der harten Realität. Reicht es nicht, weil die Warnung fehlt, was werden wird, wenn man den Weg der Gerechtigkeit verlässt? Braucht es die Warnungen wie die Bilder auf der Zigarettenschachtel, möglichst schrill, weil die Anziehungskraft des guten Lebens zu gering ist? Heile Welt – da ist nichts los.

            Weit darüber hinaus gefragt: Geht es, darauf zu verzichten, mit der Hölle zu drohen, nicht die Angst vor dem Verlorengehen zu schüren? Frohe Botschaft ohne Drohbotschaft. Evangelium ohne die dunkle Folie des Gerichtes. Es ist eine ernsthafte Frage. Mir persönlich liegt es nahe, so zu denken: Die Ungerechtigkeit trägt in sich selbst schon genug Strafpotential. Da muss nicht noch Drohung mit einem zornigen Gott und dem ultimativen Gericht dazu kommen.  

 

Du heiliger Gott, Du willst uns als eine Wohltat für andere, mit einem frohen Herzen, mit einem langen Atem. Du willst uns als Menschen, die dem Frieden dienen, die anderen einen Raum zum Leben öffnen, die sich freundlich um die mühen, die es schwer haben, mit sich selbst und mit dem Leben.

Du willst, dass wir Deine Güte ausstrahlen, die Du uns schenkst, grundlos einfach so. Amen