Der Ort der Verschonung

  1. Samuel 24, 1 – 25

 1 Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda! 2 Und der König sprach zu Joab, seinem Feldhauptmann, der bei ihm war: Geh umher in allen Stämmen Israels von Dan bis Beerscheba und zählt das Kriegsvolk, damit ich weiß, wie viel ihrer sind.

             So sind biblische Bücher. Sie kümmern sich nicht um eine ordentliche Chronologie. Nach den letzten Worten Davids wird gewissermaßen zurück geblendet in frühere Zeiten. Vor seinem Ende.

Nichts wird erklärt. Der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie. Warum das so kommt, bleibt im Dunkel. Es gibt nicht den Ehrgeiz zu wissen, wie es zu Gotte Zorn kommt. Was der Auslöser ist. Wie schwierig dieser grundlose Zorn empfunden worden ist, zeigt sich in der Parallel-Überlieferung der Chronik. „Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.“(1. Chronik 21,1) So wird Gott zwar vordergründig entlastet, nur einfacher wird es damit auch nicht.

Abermals zeigt nur: das Entflammen des Zornes Gottes ist kein Einzelfall. auch gott wiederholt sich manchmal.

Es wäre verblüffend einfach, auch ein wenig logisch. Die Volkszählung ist ein Einfall des Königs. Er will Planungssicherheit – sowohl was die Zahl möglicher Krieger angeht als auch, was zukünftige Steuerzahler betrifft. Jeder verantwortungsbewusste König braucht solche Informationen. Auch David.  So beauftragt er seinen Mann für schwierige Missionen, Joab.

 Was daran ist zu tadeln? So fragt man heute im Wissen, dass verlässliche Zahlen unverzichtbar sind für vernünftige Planungen. Der Einwand: „Eine Erhebung zu militärischen Zwecken wird offenbar deshalb verurteilt, weil es nicht menschliche Kampfkraft, sondern Gottes Macht ist, die dem König zu Siegen über seine Feinde verhilft.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 141) Dann wäre die Anordnung der Volkszählung ein Versuch, sich von der Abhängigkeit von Gott zu lösen, sich von Gottes Macht zu emanzipieren.

 3 Joab sprach zu dem König: Der HERR, dein Gott, tue zu diesem Volk, wie es jetzt ist, noch hundertmal so viel hinzu, dass mein Herr, der König, seiner Augen Lust daran habe; aber warum verlangt es meinen Herrn, den König, solches zu tun? 4 Aber des Königs Wort stand fest gegen Joab und die Hauptleute des Heeres.

             Merkwürdig: Ausgerechnet der Feldhauptmann versucht ihm, die Zählung auszureden. Ihm genügt die derzeitige Truppenstärke. Und wenn mehr gebraucht werden, kann man sie aktuell einberufen. Ahnt Joab also etwas, was der König nicht sehen will? So etwas wie den Zorn Gottes hinter dem Einfall des Königs?  Der König aber setzt sich durch – gegen alle, die ihm sein Vorhaben ausreden wollen.

 So zog Joab mit den Hauptleuten des Heeres aus von dem König, um das Volk Israel zu zählen. 5 Und sie gingen über den Jordan und lagerten sich bei Aroër zur Rechten der Stadt, die mitten im Bachtal liegt, nach Gad und nach Jaser zu 6 und kamen nach Gilead und zum Land der Hetiter nach Kadesch zu und darauf nach Dan und in die Gegend von Sidon. 7 Dann kamen sie zu der festen Stadt Tyrus und allen Städten der Hiwiter und Kanaaniter und zogen hinaus in das Südland Judas nach Beerscheba.  8 So durchzogen sie das ganze Land und kamen nach neun Monaten und zwanzig Tagen nach Jerusalem zurück. 9 Und Joab gab dem König die Summe des Volks an, das gezählt war. Und es waren in Israel achthunderttausend streitbare Männer, die das Schwert führten, und in Juda fünfhunderttausend Mann.

             Sie müssen gehorchen und führen die Erhebung sorgfältig durch: Nach mehr als neun Monaten Dienstreise kommen sie zurück mit ihrer Meldung an den König, die diesen doch aufs Äußerste zufrieden stellen muss. In Israel achthunderttausend streitbare Männer, die das Schwert führten, und in Juda fünfhunderttausend Mann. Das ist ein Riesenheernicht nur für damalige Verhältnisse, auch für heutige. Ob diese Zahlen mit Vorsicht zu bewerten sind? Das mag wohl sein, tut aber nichts zur Sache.   

 10 Aber das Herz schlug David, nachdem das Volk gezählt war. Und David sprach zum HERRN: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Und nun, HERR, nimm weg die Schuld deines Knechts; denn ich habe sehr töricht getan.  

            Hätte David nicht allen Grund, mit dem Erfolg der Zählung zufrieden zu sein? Es kommt anders. „Wie es dazu kam, dass David das Herz schlug, ist unbekannt.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 312) Es kommt kein Prophet, der ihn konfrontiert: „Du bist der Mann.“(12,7) Es kommt keiner, der ihn im Auftrag Gottes verklagt, ihm seine Schuld vorhält. Man muss also annehmen: Ihm schlägt das Gewissen, weil ihm seine eigenen Motive bewusst werden. Darum ruft er zu Gott um Vergebung.

Es sind Worte, die an den Bußpsalm erinnern:

„Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet,                                in dessen Geist kein Falsch ist!                                                                                              Denn da ich es wollte verschweigen,                                                                    verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.                             Darum bekannte ich dir meine Sünde,                                                                              und meine Schuld verhehlte ich nicht.                                                                               Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen.                             Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.“                   Psalm 32, 2- 3. 5

 Es ist Unvernunft, Torheit, die ihn mit dieser Volkszählung so hat handeln lassen. Er hat die Weisheit, die in der Gottesfurcht liegt, außer Acht gelassen.

11 Und als David am Morgen aufstand, kam des HERRN Wort zu Gad, dem Propheten, Davids Seher: 12 Geh hin und rede mit David: So spricht der HERR: Dreierlei lege ich dir vor; erwähle dir eins davon, dass ich es dir tue. 13 Gad kam zu David und sagte es ihm an und sprach zu ihm: Willst du, dass sieben Jahre lang Hungersnot in dein Land kommt oder dass du drei Monate vor deinen Widersachern fliehen musst und sie dich verfolgen oder dass drei Tage Pest in deinem Lande ist? So bedenke nun wohl, was ich antworten soll dem, der mich gesandt hat.

             Geradezu parallel zu dieser Einsicht kommt das nächtliche Wort Gottes zu Gad, einem der von David angestellten und geachteten Seher. Er stellt im Auftrag Gottes David vor die Wahl. Sieben Jahre Hungersnot, drei Monate Flucht, drei Tage Pest. Dieses Angebot ist „ein klassisches Ensemble göttlicher Strafen.“(K. Vom Orde, aaO. S. 313) David wird zu wählen haben –  es gibt folglich kein völliges Entgehen vor Strafe. der Seher mahnt zu einer klugen Entscheidung, die sich über die Folgen im Klaren ist. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil die Entscheidung zur Volkszählung keine kluge war.

. 14 David sprach zu Gad: Es ist mir sehr angst, aber lass uns in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; ich will nicht in der Menschen Hand fallen. 15 Da ließ der HERR die Pest über Israel kommen vom Morgen an bis zur bestimmten Zeit, sodass von dem Volk starben von Dan bis Beerscheba siebzigtausend Mann.

             Die Antwort Davids ist sprichwörtlich geworden. „Lieber in die Hände Gottes als in die Hände von Menschen fallen.“ Weil es bei Gott vielleicht doch noch Hoffnung auf Barmherzigkeit gibt. „David zieht es jedenfalls vor, Gott selbst anheimzufallen, dessen zum Erbarmen bereites Herz ihm sicher ist.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 340) Dass seine Wahl der Strafe von der Zeitfrage bestimmt sein könnte – möglichst kurz- , wird nicht erwogen.

 16 Als aber der Engel seine Hand ausstreckte über Jerusalem, um es zu verderben, reute den HERRN das Übel, und er sprach zum Engel, der das Verderben anrichtete im Volk: Es ist genug; lass nun deine Hand ab! Der Engel des HERRN aber war bei der Tenne Araunas, des Jebusiters.

             „Der Engel des Herrn ist eine Personifizierung des Unglücks.“ (K. vom Orde, aaO. S. 314) Aber auch dann gilt noch, dass Gott hinter diesem Unglück steht. Von David hieß: „da schlug ihm das Herz“. Von Gott: Ihn reute das Übel. Er kann dem Engel, der sein Werk tut, nicht unberührt zusehen. Er fällt ihm in den Arm, lässt ihn die Strafaktion abbrechen. Israel glaubt an einen Gott, den sein Zorn reuen kann, den seine Strafen reuen können, der sich nicht scheut, sein Handeln zu wiederrufen. Nur in seiner treue bleibt er treu.

Auf den ersten Leserblick ist es nur eine geographische Notiz: Der Abbruch dieser Strafaktion ist mit der Tenne Araunas verbunden, die sich im Besitz eines Jebuisters befindet: Es gibt also noch Menschen aus der ursprünglichen Einwohnerschaft, die Eigentümer der einen oder anderen Liegenschaft in  Jerusalem sind.

 17 Da aber David den Engel sah, der das Volk schlug, sprach er zum HERRN: Siehe, ich habe gesündigt, ich habe die Missetat getan; was haben diese Schafe getan? Lass deine Hand gegen mich und meines Vaters Haus sein!

             Nicht nur Gott, auch David sieht, was da als Vernichtung im Volk im Gange ist. Und so wie es Gott trifft, so trifft es auch David und führt ihn zu dem erneuten Schuldbekenntnis: Siehe, ich habe gesündigt, ich habe die Missetat getan. Er sieht Unschuldige für seine Schuld leiten. Diese Art „Stellvertretung“ will er nicht. Deshalb seine Bitte, die doch nicht weniger als das eigene Leben in Frage stellt.

Die Reihenfolge allerdings ist wichtig: Der Einstellungsbefehl der Strafhandlung an den Engel geht der Einsicht Davids und seinem Gebet voraus! Gott sieht früher als David ruft.  „Nicht Davids Gebet, sondern des Herrn Erbarmen endet die Pest.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 341)Darf man also so weit gehen zu sagen: Das Erbarmen Gottes hat allemal Vorsprung vor der Bitte um Erbarmen. Dass die Pest damit vorüber ist, wird nicht mehr ausdrücklich erwähnt. Das folgt erst später.

 18 Und Gad kam zu David an jenem Tage und sprach zu ihm: Geh hinauf und errichte dem HERRN einen Altar auf der Tenne Araunas, des Jebusiters. 19 Da ging David hinauf, wie Gad ihm gesagt und der HERR ihm geboten hatte. 20 Und als Arauna aufschaute, sah er den König mit seinen Knechten zu ihm herüberkommen und ging hinaus und fiel nieder vor dem König auf sein Angesicht zur Erde 21 und sprach: Warum kommt mein Herr, der König, zu seinem Knecht? David sprach: Um von dir die Tenne zu kaufen und dem HERRN einen Altar zu bauen, damit die Plage vom Volk weiche.

             Erneut kommt der Prophet. Mit einer Anweisung an David: Er soll diesen Ort, an dem das Ende der Pest eingeleitet worden ist, zum Altar-Bau nützen. Mehr nicht. Damit ist jedoch gegeben: An diesem Altar kann es zur Sühne für die Schuld Davids kommen. Daraus wird bei David ein Kauf-Auftrag! Weil David versteht: Es geht nicht um einmalige Sühne, sondern um einen dauerhaften Sühne-Ort. Er macht sich auf den Weg zu Arauna, um mit ihm über den Handel ins Vernehmen zu kommen.  Der sieht den König kommen und huldigt ihm, indem er sich zur Erde wirft und fragt nach seinem Begehren.

 22 Aber Arauna sprach zu David: Mein Herr, der König, nehme und opfere, wie es ihm gefällt. Siehe, da sind die Rinder zum Brandopfer und auch die Dreschschlitten und das Geschirr der Rinder als Brennholz; 23 das alles gibt Arauna dem König. Und Arauna sprach zum König: Der HERR, dein Gott, sei dir gnädig.

             Die Antwort Araunas ist die Antwort an einen Herrscher, der alle Macht hat, sich zu nehmen, was er will. Es wirkt fast, als wolle er mit seiner Bereitschaft zur Lieferung von Opfertieren und Brenn-Material dem möglichen Zugriff des Königs zuvorkommen. Verbunden ist dieses Angebot mit einem Segenswort: Der HERR, dein Gott, sei dir gnädig. Hinter diesem Segenswunsch könnte unausgesprochen stehen: Und so wie er dir gnädig sein soll, sei du es auch mir gegenüber.

 24 Aber der König sprach zu Arauna: Nicht doch, sondern ich will dir’s abkaufen für seinen Preis; denn ich will dem HERRN, meinem Gott, nicht Brandopfer darbringen, die ich umsonst habe. So kaufte David die Tenne und die Rinder für fünfzig Schekel Silber. 25 Und David baute daselbst dem HERRN einen Altar und opferte Brandopfer und Dankopfer.

             Der König aber will den Platz nicht geschenkt. Er will ich erwerben. „Der Platz des Heiligtums soll nicht heidnischer Großmut verdankt werden, sondern in aller Form erworben sein.“ (H. W. Hertzberg, aaO: S. 342) Dahinter steht: Brandopfer, die David umsonst erhält, sind ja gar nicht wirklich seine Brandopfer. Es muss schon ihn selbst etwas gekostet haben.  Man wird sicherlich feststellen dürfen: der hier notierte Kaufpreis ist nicht sonderlich hoch. Eine ganz andere, eher angemessene Summe wird in der Chronik genannt: „So gab David dem Arauna für den Platz Gold im Gewicht von sechshundert Schekel.“(1. Chronik 21, 25)

             David baut den Altar und opfert Brandopfer und Dankopfer.

Und der HERR wurde dem Land wieder gnädig, und die Plage wich von dem Volk Israel.

Jetzt ist alles getan und Das Land steht wieder in der Gnade Gottes. Die Plage ist gewichen. O man aus diesem Schluss-Satz herauslesen muss, dass der Handel um die Tenne noch während der Pest-Zeit stattgefunden hat, steht für mich dahin. Ich halte es auch für möglich, dass dieser Abschluss auf das ganze Geschehen zielt: das Land ist zur Ruhe gekommen. „Der  Platz zum Tempel ist da und der Mann, der ihn bauen soll, kann kommen.“  (H. W. Hertzberg, aaO. S. 342)

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es ist eine tragende Zuversicht in solchem Erzählen, „dass es dem Menschen möglich ist, Gottes Hand im Lauf der Welt zu erkennen.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 128) David erfährt das in seinem Leben, wie Gott an ihm, mit ihm und auch durch ihn handelt. bis zum Schluss.

Es ist sicherlich im Blick des Erzählers kein Zufall. Es ist mehr als nur ein „Nachtragsabschnitt“ ( K. vom Orde, aaO: S. 315)  auch wenn das in exegetischer Sicht wohl richtig beobachtet ist. Der Tempel wird errichtet werden an der Stelle, an der der das Straf-Gericht Gottes zum Stehen gekommen ist. Das ist wie eine Überschrift über den Tempel, die seine herausragende Funktion bestimmt: Er soll Ort der Verschonung sein, der gnädigen Gegenwart Gottes.

Über den Text hinaus gelesen und gedeutet, ist das auch die Funktion, die bis heute Kirche zugedacht ist: Ort der Verschonung, Ort der gnädigen Gegenwart Gottes. Darin sehe ich die Verkündigung, auch und gerade im Gottesdienst vorgeprägt: sie ist nicht so sehr theologische Lehre über Gott als vielmehr der Zuspruch: Gott ist gnädig. Dir, Du versammelte Gemeinde. Dir, der du mit deinen Lebenslasten hier bist.

Kirche als Ort der Verschonung – das  ist meine Hoffnung in allem Tun, das von unseren Kirchen ausgeht, von den Gebäuden und den Menschen, die Kirche sind.

 

Du Gott, heilig und barmherzig, geduldig und von großer Güte. Dir sei Dank für alle Orte, an denen Du uns Dein Verschonen erfahren lässt. Für alle Barmherzigkeit, die uns neu Räume des Lebens öffnet. Für alle Güte, die es uns erlaubt, Dich anzubeten, Dir die Ehre zu geben.

Dank sei Dir, dass Dein Erbarmen unserem Rufen zuvorkommt, dass Du schon längst in Dir beschlossen hast, gnädig zu sein und es uns in Jesus vor Augen hältst – in seinen weit geöffneten Armen, mit Denen du uns empfangen willst.

Gib uns, dass wir kommen. Amen

Ein Gedanke zu „Der Ort der Verschonung“

  1. So viele Dinge, die mir aus dem Leben von David noch nicht, oder auch nicht mehr bewußt waren – wunderbar erklärt durch Ihre Kommentare. Herzlichen Dank für Ihre große Mühe

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