Letzte Worte

  1. Samuel 23, 1 – 7

 1 Dies sind die letzten Worte Davids. Es spricht David, der Sohn Isais, es spricht der Mann, der hoch erhoben ist, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der Liebling der Lieder Israels:

             Letzte Worte. Sie haben wie von selbst besonderes Gewicht, erst recht, wenn es die letzten Worte einer bedeutenden Persönlichkeit sind. Dass es sich bei David um ein herausragende Persönlichkeit handelt, wird mehrfach unterstrichen.  Der Mann, der hoch erhoben ist, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der Liebling der Lieder Israels. Diese Worte können wirken, als würde sie ein anderer über David sagen. Staunend, verehrend. Aber: „Heute mehren sich wieder die Stimmen, die, der Überlieferung folgend, David als den Verfasser des Liedes mindestens von V. 3 an betrachten.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 330)

Ob also dieser Auftakt eine Selbstaussage Davids ist, kann offen bleiben. Aber er hat gewusst, dass er nicht von sich aus, aus seiner Herkunft her hoch erhoben war. Man könnte auch lesen: den Gott erhob. Er hat wohl gewusst, dass es Gott ist, der ihn erhoben hat. Er hat gewusst, dass er sich nicht selbst gesalbt hat, sondern gesalbt worden ist.  Durch Samuel und das Volk ist er der Gesalbte des Gottes Jakobs geworden. „Ausdrücklich ist damit die theologische Legitimation seiner Stellung beschrieben.“ (ebda.)

In welcher Weise der Liebling der Lieder Israels zu verstehen ist kann offen bleiben. David ist besungen worden als Krieger, als König und ihm werden ungezählt Psalmen zugeschrieben. Beide Deutungen sind für den Satz möglich – Sänger und Besungener.

2 Der Geist des HERRN hat durch mich geredet, und sein Wort ist auf meiner Zunge.

             Das ist im Grund fast ein prophetischer Anspruch. Oder doch nur ein Königlicher?  Es gibt die Vorstellung, dass der, der zum König erhoben wird, „für seine Führungsaufgabe mit dem Geist Gottes begabt wird.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002; S. 296) In Israel ist der König ja nicht irgendein Funktionsträger, sondern eben eine sakrale Gestalt. Ein Erwählter. Und wen Gott erwählt, den rüstet er auch mit den entsprechenden „Fähigkeiten“ aus. Übrig geblieben ist bei uns als Weisheit, im Volksmund, manchmal auch nur als Hoffnung oder Erwartung: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu.“

 3 Es hat der Gott Israels zu mir gesprochen, der Fels Israels hat geredet: Wer gerecht herrscht unter den Menschen, wer herrscht in der Furcht Gottes, 4 der ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, am Morgen ohne Wolken, da vom Glanz nach dem Regen das Gras aus der Erde sprießt.

             Es geht weiter, wenn auch verändert: Gott, so bezeugt es der Sänger, hat zu mir gesprochen. darf man zurückschließen: Nur weil Gott zu ihm gesprochen hat, konnte es auch so sein, dass der Geist durch ihn redete. Erst kommt das Hören, dann das Reden.

Was Gott gesagt hat, ist eine Art Regenten-Regel: Gerecht herrschen ist der Gottesfurcht folgen. Ganz nahe bei dem Wort aus der Weisheit Israels: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“(Sprüche 1,7) Wobei es hier nie um eine formale Größe geht, sondern inhaltlich gefüllt eben um Gerechtigkeit. Um das, was Menschen fördert, was ihnen dient. Im Hintergrund steht sicher so ein Wort wie schālôm – Frieden, Wohlergehen in jeder Weise. Dem zu dienen ist Königsrecht.

Und wer so herrscht, wird zum Licht des Morgens. Der wird strahlen wie die Sonne. So steht es schon Richterbuch: „Die ihn aber lieb haben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“(Richter 5,31) Vorlage für ein Lied aus unserer Zeit:

„Die Gott lieben werden sein wie die Sonne                                                                      die aufgeht in ihrer Pracht.“                        P. Strauch;

             Strahlende Menschen – das sind im Denken der Schriften die, die die Gerechtigkeit Gottes widerspiegeln. So wird man zum Licht in der Welt. So denken die Schriften Israels, so zeigt es auch das Neue Testament: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“(Johannes 8,12) und weit darüber hinausgehend, dann auf Menschen, wie du und ich, Jünger*innen, bezogen: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“(Matthäus 5,14) Immer geht es darum, dass Leben zum Widerschein der Güte Gottes wird.

Der Glanz, der von David ausgeht, ist nicht in seiner Macht zu suchen, sondern in seinem Herrschen in Gerechtigkeit. Ganz so, wie er es auf dem Rückweg nach Jerusalem praktiziert hat. Die Gnadenerweise gegen „Schimi, Mefi-Boschet, Barsillai „(2. Samuel 19) strahlen mehr als alle Siege in den Kämpfen zuvor.

5 Ist nicht so mein Haus vor Gott? Denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, in allem wohl geordnet und gesichert. All mein Heil und all mein Begehren wird er gedeihen lassen.

             Der Blick wandert zurück – zu der Verheißung, die Nathan ihm überbracht hat, als er Abstand nehmen musste von seiner Idee, Gott ein Haus zu bauen. Dieses Erinnern lässt ihn fragen: Ist nicht so mein Haus vor Gott? Das hatte ihm Nathan ja im Auftrag Gottes zugesagt: Gott wird dir dein Haus bauen. Der zukünftige Bestand der Dynastie der Daviden hängt nicht an ihrer Qualität, er hängt allein an der Treue Gottes. In dieser Treue werden sich alle seine Wünsche, Hoffnungen erfüllen. Gott steht dafür ein.  

6 Aber die ruchlosen Leute sind allesamt wie verwehte Disteln, die man nicht mit der Hand fassen kann; 7 sondern wer sie angreifen will, muss Eisen und Spieß in der Hand haben; sie werden mit Feuer verbrannt an ihrer Stätte.

             Braucht es diese dunkle Folie?  Ruchlose Leute. „Teufelsmenschen“.(H. W. Hertzberg, aaO. S. 331) Man verletzt sich, wenn man sie ungeschützt angreifen will. Sie sind wie verwehte Disteln.  Wie von selbst stellt sich die Erinnerung ein:

„Aber so sind die Gottlosen nicht,                                                                                        sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.                                                                       Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht                                                                noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.                                                         Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,                                                               aber der Gottlosen Weg vergeht.“                            Psalm 1, 4 – 6

Auch da ist es so: Der Psalm lebt von der Gegenüberstellung hier die Gerechten, da die Gottlosen. Es ist Davids Erfahrung: Man kann sich an manchen Menschen die Finger verbrennen. Nicht alle sind leicht anzufassen. Bei manchen braucht es Schutzmaßnahmen, um sich nicht selbst zu verletzen. Es bleibt die offene Frage: Ist David aus seinem Bezeihung zu den Söhnen der Zeruja, an deren Händen so viel Blut klebt, unbeschädigt heraus gekommen, unverletzt an Leib und Seele?

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben: 

             „Das Ganze ist eine prophetische Deutung dessen, was David war und erfuhr.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Das Leben eines Menschen wird verknüpft mit Gott. David ist nicht zu verstehen ohne das, was Gott in sein Leben hinein gewirkt hat. Auch wenn über weite Strecke in seinem Leben die Gegenwart Gottes nicht ausdrücklich benannt wird.  Damit ist eine Aufgabe auch an die heutigen Leser*innen gestellt: wie bringen wir die Wege unseres Lebens mit Gott zusammen?

Letzte Worte – das gibt diesen Worten ihr großes Gewicht. Seit vielen Jahren habe ich den Liedtext und die Melodie im Ohr:

„Letze Worte – was werden meine sein, was werden deine sein?                            Was fällt uns wohl zum guten Schluss noch ein?                                                      Letzte Worte – ob dann sich niederschlägt, was unser Leben prägt                         und ob uns das durch diese Stunde trägt?“                                                                                                         M. Siebald, LP Zeitpunkte, Holzgerlingen 1978

             Persönlich gesagt: Mir ist nicht so wichtig, welche letzten Worte ich finden werde. Wichtiger ist mir, dass Gott das letzte Wort über mich haben wird. Und da hoffe ich auf sein Ja.

 

Du heiliger Gott, weil ich nicht weiß, nicht wissen kann, was mir am Ende zu sagen bleibt, ob ich überhaupt noch Worte finden werde oder nicht längst verstummt bin, versunken in ein gnädiges Vergessen, hoffe ich auf Dich.

Darauf traue ich, dass Du mich rufen wirst, bei meinem Namen, aus den Toten. Dass Du mir sagen wirst: Was immer gegen Dich spricht – ich spreche für Dich. Ich spreche dich frei.

Mehr muss ich heute nicht wissen, mehr auch nicht glauben. Amen