Wie geht Versöhnung?

  1. Samuel 21, 1 – 14

 Es ist ein vorsichtiges Urteil, das jedoch von den meisten Auslegern geteilt wird: Es folgen Texte, die eigentlich an anderer Stelle, früher stehen müssten. Diese Anordnungen „lassen die restlichen Abschnitte als eine Art Anhang erkennen.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 278)

1 Es war eine Hungersnot zu Davids Zeiten drei Jahre nacheinander. Und David suchte das Angesicht des HERRN, und der HERR sprach: Auf Saul und auf seinem Hause liegt eine Blutschuld, weil er die Gibeoniter getötet hat. 2 Da ließ der König die Gibeoniter rufen und sprach mit ihnen.

             Eine Hungersnot im Land. Nichts Ungewöhnliches. Sie wird  nicht sonderlich sorgfältig datiert: Zur Zeit Davids. Der immerhin vierzig Jahre König ist. Geht es also um Frühzeit, Machthöhepunkt oder die Endphase? Das interessiert nicht.  Nur ihre Härte wird erkennbar: drei Jahre nacheinander.

Das treibt den König zur Ursachenforschung und die Suche führt ihn zum Gottesorakel. Auf Saul und auf seinem Hause liegt eine Blutschuld. In Kurzfassung: Es liegt an Sauls Sippe. Es geht um alte Schuld des vorigen Königs. Keiner tritt eine Erbe an, dessen Vorgeschichte keine Rolle spielt, nicht zur Belastung werden kann. Auch David nicht.

 Die Gibeoniter aber gehörten nicht zu den Israeliten, sondern waren übrig geblieben von den Amoritern. Und die Israeliten hatten ihnen einen Schwur geleistet; jedoch suchte Saul sie auszurotten in seinem Eifer für Israel und Juda.

             Die Ursachenforschung wird durch eine Erklärung weiter geführt. Saul wollte die Gibeoniter ausrotten. Ganz. Sie waren übrig geblieben im Krieg gegen die Amoriter, weil die Israeliten ihnen das Überleben geschworen hatten. An diesen erschlichenen Schwur hatte sich Saul nicht gebunden gefühlt. Es wirkt ein bisschen verharmlosend: „Freilich klingt der Text so, als habe Saul versucht, die Gibeoniter gleichzuschalten im Sinne einer nationalen Politik, die mit Sonderrechten aufzuräumen trachtete“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 315) Was aber Tat oder Untat Sauls gewesen sein könnte, lässt sich gleichwohl nicht mehr exakt ergründen.

 3 Da sprach David zu den Gibeonitern: Was soll ich für euch tun? Und womit soll ich Sühne schaffen, dass ihr das Erbteil des HERRN segnet?

             David sucht, unabhängig von alten Unklarheiten,  den Ausgleich mit den Gekränkten. „Das ist Gutmachung: der Einbruch in die Würde und das Recht des Gekränkten wird durch eine sonst nicht geschuldete Leistung an ihn anerkannt und sinnbildlich gut gemacht.“(L. Köhler, Theologie des Alten Testaments, Tübingen 1947, S. 202) Er will Ausgleich und Versöhnung. Vielleicht hat das auch zu der Einordnung der Episode an dieser Stelle geführt, passt sie doch auf den ersten Blick gut zu dem Verhalten Davids auf seiner Rückkehr nach Jerusalem.            

 4 Die Gibeoniter sprachen zu ihm: Es ist uns nicht um Gold noch Silber zu tun bei Saul und seinem Hause, auch steht es uns nicht zu, jemand zu töten in Israel. Er sprach: Was wollt ihr dann, dass ich für euch tun soll? 5 Sie sprachen zum König: Von dem Mann, der uns zunichtegemacht hat und der uns vertilgen wollte, dass uns nichts bleibe in allen Landen Israels – 6 von seinen Söhnen soll man uns sieben Männer geben, dass wir sie hinrichten vor dem HERRN im Gibea Sauls, des Erwählten des HERRN. Der König sprach: Ich will sie euch herausgeben.

             Die Haare stehen den heutigen Leser*innen wohl zu Berge. Die Gibeoniter verlange die Auslieferung von sieben Männer aus der Saul-Sippe, um sie hinrichten zu können. Ausgerechnet im Gibea Sauls,der Heimat des früheren Königs.“ Es geht um mehr als um eine bloße Hinrichtung – man könnte von einem Opfer vor dem HERRN ausgehen, nicht einfach nur von Todesstrafe. Sie wissen,  was sie verlangen, wen sie verlangen – Nachfahren des Erwählten des HERRN. Das verleiht dem ganzen Geschehen noch einmal besonderes Gewicht.

David stimmt ohne weitere Verhandlungen zu. Er wird sie ausliefern. So viel ist ihm die Versöhnung und Entschuldigung wert.

7 Aber der König verschonte Mefi-Boschet, den Sohn Jonatans, des Sohnes Sauls, um des Eides des HERRN willen, der zwischen ihnen war, zwischen David und Jonatan, dem Sohn Sauls. 8 Aber die beiden Söhne der Rizpa, der Tochter Ajas, die sie Saul geboren hatte, Armoni und Mefi-Boschet, dazu die fünf Söhne der Merab, der Tochter Sauls, die sie dem Adriël geboren hatte, dem Sohn Barsillais aus Mehola, nahm der König 9 und gab sie in die Hand der Gibeoniter. Die richteten sie hin auf dem Berge vor dem HERRN. So kamen diese sieben auf einmal um und starben in den ersten Tagen der Ernte, wenn die Gerstenernte anfängt. 

Bei der Auslieferung übergeht David Mefi-Boschet, den Sohn Jonatans. Die Treue dem Freund gegenüber wird bewährt in der Verschonung des Sohnes. Andere sieben Enkel Sauls aber werden ausgeliefert und sterben, auf dem Berge vor dem HERRN. Es handelt sich offenkundig um eine bedeutende Opferstätte, deren Namen nicht ausdrücklich genannt werden muss.

  10 Da nahm Rizpa, die Tochter Ajas, ein Sackgewand und breitete es für sich aus auf dem Fels am Anfang der Ernte, bis Regen vom Himmel auf die Toten troff, und ließ am Tage die Vögel des Himmels nicht an sie kommen noch des Nachts die Tiere des Feldes. 11 Und es wurde David angesagt, was Rizpa, die Tochter Ajas, Sauls Nebenfrau, getan hatte.

             Der Zusammenhang der Hinrichtung zur Hungersnot wird durch das Handeln der Rizpa verdeutlicht. Sie bedeckt die Hingerichteten, sie „hält ihre Totenwache so lange, bis der Regen kommt.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 316)  Ihr Verhalten wird an David gemeldet. Damit er eingreift? Es unterbindet?

  12 Und David ging hin und nahm die Gebeine Sauls und die Gebeine seines Sohnes Jonatan von den Bürgern von Jabesch in Gilead. Die hatten sie vom Platz in Bet-Schean heimlich weggenommen, wohin die Philister sie gehängt hatten zu der Zeit, da die Philister Saul schlugen auf dem Berge Gilboa. 13 Und David brachte die Gebeine Sauls und die Gebeine seines Sohnes Jonatan von dort herauf, und sie sammelten die Gebeine derer, die man hingerichtet hatte, 14 und begruben sie mit den Gebeinen Sauls und seines Sohnes Jonatan im Lande Benjamin in Zela im Grab seines Vaters Kisch und taten alles, wie der König geboten hatte.

             David ist nicht mehr so unterwegs, dass er dazwischen schlägt. Es könnte sogar sein, dass er durch diese rührende Haltung der Rizpa seinerseits bewegt wird. Er holt die Gebeine Sauls und die Gebeine seines Sohnes Jonatan aus Jabesch. Dort waren sie lange aufbewahrt. Jetzt sorgt David für eine würdige Bestattung. Und mit ihnen werden auch die Hingerichteten aus Gibeon beigesetzt. Alle in Zela im Grab seines Vaters Kisch. Im Grab sind sie vereint und durch das gemeinsame Grab im Sippengrab werden sie gewürdigt. Sie sind versammelt zu den Vätern.

Der Vorgang dieser gemeinsamen Beisetzung mag ein Hinweis sein: Diese Geschichte gehört im Grunde in die Frühzeit des Königs David. Es ist schwer vorstellbar, dass sich das alles erst nach der Flucht vor Absalom abgespielt haben könnte. Es passt besser in die Zeit, in der David ganz Israel unter seiner Hand zu einigen sucht.

 Danach wurde Gott dem Lande wieder gnädig.

             Der Regen ist gekommen. Die Hungersnot überstanden. Das wird in einem knappen Satz gedeutet. Gott hat sich dem Land wieder gnädig zugewendet.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Mit den Worten „Opfer müssen gebracht werden“ soll Otto Lilienthal gestorben sein, seinen Absturz gedeutet haben. Ist das archaisches Denken, so wie es sich in dieser Episode auch spiegelt? Unsere Zeit ist dem Opfergedanken abhold. Aber ständig werden Opfer produziert. Kriegsopfer, Opfer des Straßenverkehrs, Opfer des Fortschritts, Opfer bei der Konsolidierung von Firmen. Wir nennen das gerne anders – es sind Kollateralschäden, Menschen werden freigesetzt, Menschen werden abgehängt. Müssen wir uns nicht ehrlich machen? Es gibt den harten Satz ausgerechnet von  Albert Schweitzer: „Leben ist immer Leben, das auf Kosten anderen Lebens gelebt wird.“ Wenn das wahr ist, haben wir also keinen Anlass, auf David und seine Versöhnungsbemühungen moralisch herab zu blicken. Wir leben auch davon, dass andere Opfer werden.

 

Jesus, mein Gott und Herr, was ist der Preis der Versöhnung? Sieben Leben? Siebzig Leben? Unser Leben?

Du nimmst auf Dich, uns mit Dir zu versöhnen, uns durch Deine Hingabe den Weg frei zu machen, dass wir uns wieder trauen, den Weg zum Vaterherzen Gottes zu gehen, den Du uns geöffnet hast.

So machen wir uns auf den Weg, belastet, unter Schmerzen, aus dem Dunkel der Welt – hin zu Dir, hin zu dem Vater. Du wartest auf uns. Amen