Dreimal Gnade

  1. Samuel 19,9b – 41

 Als Israel geflohen war, ein jeder zu seinen Zelten, 10 stritt sich alles Volk in allen Stämmen Israels, und sie sprachen: Der König hat uns errettet aus der Hand unserer Feinde und uns erlöst aus der Hand der Philister und hat jetzt aus dem Lande fliehen müssen vor Absalom. 11 Aber Absalom, den wir über uns gesalbt hatten, ist gefallen im Kampf. Warum seid ihr nun so still und holt den König nicht wieder zurück?

             Das Volk ist noch nicht einig. Manche erinnern an die früheren Leistungen Davids. Er hat doch erfolgreich die Philister zurück gedrängt. Was macht es da, dass er vor Absalom fliehen musste. Auch das klingt an: es hat sich erwiesen, dass es falsch war Absalom zum König zu salben. Es wirkt, als würden sie im Tod Absaloms ein Gottesurteil sehen. Warum also still halten und nicht dem König zurückholen?

12 Es kam aber die Rede ganz Israels vor den König. Und der König sandte zu den Priestern Zadok und Abjatar und ließ ihnen sagen: Redet mit den Ältesten in Juda und sprecht: Warum wollt ihr die Letzten sein, den König zurückzuholen in sein Haus? 13 Ihr seid meine Brüder, von meinem Gebein und Fleisch; warum wollt ihr denn die Letzten sein, den König zurückzuholen? 14 Und zu Amasa sprecht: Bist du nicht von meinem Gebein und Fleisch? Gott tue mir dies und das, wenn du nicht Feldhauptmann sein sollst vor mir dein Leben lang an Joabs statt.

             David  erfährt, wie die Stimmung im Land ist Es spricht sich bis Mahanajim herum. Er will die Situation nützen und sendet Botschaft an die Ältesten von Juda. Es ist Zeit zur Umkehr. Es sind Versöhnungsangebote, begründet in der Zusammengehörigkeit: meine Brüder, von meinem Gebein und Fleisch. Ausgesprochen weitgehend an den Mann, den Absalom zu seinem Heerführer gemacht hatte, an Amasa. Auch ihn erinnert er an die Zusammengehörigkeit. Zugleich allerdings will er ihn auch locken mit einer Karriere-Zusage. Amasa soll auf Joab folgen als Feldhauptmann. Steckt hinter diesem Angebot der Ärger, die Scham, dass David nicht vergessen kann und will, dass Joab Absalom getötet hat, dass Joab ihn genötigt hat, die Trauer um den Sohn hinter sich zu lassen?

Es stellt sich die Frage: Ist das nur eine Ankündigung für zukünftige Entscheidungen oder vollzieht David hier eine Personal-Entscheidung, um diesen Joab, der ihm unheimlich ist, aus seiner Nähe zu entfernen? Der Text ist hier nicht eindeutig. Es wird sich später zeigen: „Einen Joab bootet man nicht so leicht aus.“ (W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 193) So weit aber ist es jetzt noch nicht, auf dem Weg zurück.

 15 Und er wandte das Herz aller Männer Judas wie eines Mannes Herz, und sie sandten hin zum König: Komm zurück, du und alle deine Knechte! 16 So kam der König zurück. Und als er an den Jordan kam, waren die Männer Judas nach Gilgal gekommen, um dem König entgegenzuziehen und den König über den Jordan zu führen.

    Die Männer Judas sind gewonnen. sie wollen ihren König wiederhaben und er kommt wieder – über den Jordan. Was im Bericht nun folgen wird, sind Begegnungen auf dem Rückweg nach Jerusalem. Auf diesem Weg kommen ihm viele entgegen – hier zuerst die Männer Judas, die nach Gilgal kommen, um beim Übergang über den Jordan behilflich zu sein.

 17 Und Schimi, der Sohn Geras, der Benjaminiter, der in Bahurim wohnte, zog eilends mit den Männern von Juda hinab dem König David entgegen 18 und mit ihm tausend Mann von Benjamin, dazu auch Ziba, der Knecht des Hauses Saul, mit seinen fünfzehn Söhnen und zwanzig Knechten, und sie gelangten an den Jordan, bevor der König kam, 19 und durchschritten die Furt, damit sie das Haus des Königs hinüberführten und täten, was ihm gefiele..

             Es naht – gleichfalls eilends – ein zweiter Trupp. Tausend Mann von Benjamin, dazu auch noch Ziba, der ihm auch auf der Flucht begegnet war mit seinen Leuten. Sie alle kommen zum Jordan und unterstützen  den König. Wegbereiter seiner Rückkehr.

Schimi aber, der Sohn Geras, fiel vor dem König nieder, als dieser über den Jordan gehen wollte, 20 und sprach zum König: Mein Herr rechne es mir nicht als Schuld an und denke nicht mehr daran, dass dein Knecht sich an dir vergangen hat an dem Tage, da mein Herr, der König, aus Jerusalem ging, und der König nehme es nicht zu Herzen. 21 Denn dein Knecht erkennt, dass ich gesündigt habe. Und siehe, ich bin heute als Erster vom ganzen Hause Josef gekommen, dass ich meinem Herrn, dem König, entgegenzöge

 Jetzt wird das Spot-Light auf eine Einzel-Figur gerichtet. Auch sie kennen die Leser*innen schon. Schimi hatte David auf dessen Flucht hemmungslos beschimpft und verflucht. Jetzt kommt er als Erster vom ganzen Hause Josef, um sich zu unterwerfen, um sich von seinem früheren Verhalten zu distanzieren.  Es wirft kein gutes Licht auf ihn; er ist ein wankelmütiger Mensch, der dazu neigt, sein Fähnchen nach dem wind zu richten.

 22 Aber Abischai, der Sohn der Zeruja, hob an und sprach: Sollte Schimi nicht sterben, da er doch dem Gesalbten des HERRN geflucht hat? 23 David aber sprach: Was hab ich mit euch zu schaffen, ihr Söhne der Zeruja, dass ihr mir heute zum Satan werden wollt? Sollte heute jemand sterben in Israel? Meinst du, ich wisse nicht, dass ich heute wieder König über Israel geworden bin? 24 Und der König sprach zu Schimi: Du sollst nicht sterben. Und der König schwor es ihm.

             Abischai, Joabs Bruder will es ihm nicht durchgehen lassen. Er hatte ihn schon für seine Schimpfkanonaden töten wollen. Daran erinnert er: Dieser Flucher muss doch aus der Welt geschaft werden. Vielleicht muss man ergänzen, damit seine Flüche hinfällig sind. David weist ihn schroff zurück und geht dabei auf Distanz: Was hab ich mit euch zu schaffen, ihr Söhne der Zeruja,. Es sind die gleichen Worte, mit denen er schon auf der Flucht (16,10) Abischais Ansinnen abgewehrt hatte. Nur hier wirken sie noch einmal schärfer – nicht nur Joab, auch Abischai ist dabei, David zur Last zu werden.

Seine Abwehr gilt auch dem, dass er sich nicht zur Rache verführen lassen will. Das würde ja einer Versöhnung sehr im Weg stehen,  wenn David jetzt als Rächer heimkehrte. „Neue Herrschaftsübernahme verlangt Amnestie.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 302) So wäre Abischai für ihn ein Satan, ein Verführer zu falschen Schritten. Es scheint, David gewinnt wieder neu Durchblick für das, was geboten ist.  Schimi darf leben.

25 Mefi-Boschet, der Sohn Sauls, kam auch herab, dem König entgegen. Und er hatte seine Füße und seinen Bart nicht gereinigt und seine Kleider nicht gewaschen von dem Tage an, da der König weggegangen war, bis zu dem Tag, da er wohlbehalten zurückkäme. 26 Als er nun nach Jerusalem kam, dem König zu begegnen, sprach der König zu ihm: Warum bist du nicht mit mir gezogen, Mefi-Boschet? 27 Und er sprach: Mein Herr und König, mein Knecht hat mich betrogen. Dein Knecht dachte: Ich will einen Esel satteln und darauf reiten und zum König ziehen, denn dein Knecht ist lahm. 28 Dazu hat er deinen Knecht verleumdet vor meinem Herrn, dem König. Aber mein Herr, der König, ist wie der Engel Gottes; tu, was dir wohlgefällt. 29 Meines Vaters ganzes Haus hätte ja den Tod erleiden müssen von meinem Herrn, dem König; du aber hast deinen Knecht gesetzt unter die, die an deinem Tisch essen. Was hab ich weiter für Recht oder Anspruch, zum König um Hilfe zu schreien? 30 Der König sprach zu ihm: Was redest du noch weiter? Nun bestimme ich: Du und Ziba, teilt das Ackerland miteinander. 31 Mefi-Boschet sprach zum König: Er nehme ihn auch ganz, nachdem mein Herr und König wohlbehalten heimgekommen ist.

             Eine zweite Begegnung wird berichtet, mit Mefi-Boschet, dem Sohn Sauls. Der macht sich auf den Weg zu David, weil er zurecht rücken will, was er als üble Nachrede durch Ziba befürchten muss. Der hatte ihn bei David als Überläufer verleumdet. Er kann nicht sicher sein, dass David ihm glauben wird, wenn er versucht, diese Verleumdungen zu korrigieren. Erst recht, wenn er sich von David so gestellt sieht:  Warum bist du nicht mit mir gezogen, Mefi-Boschet? So bleibt diesem Saul-Enkel nur eines: an die Großherzigkeit des Königs zu appellieren. Das tut er, indem er ihn erinnert, dass er doch schon zuvor das Haus Sauls verschont hat, dass er ihm schon einmal Gnade erwiesen hat.

So liefert auch er sich dem Urteilsspruch Davids bedingungslos aus: Aber mein Herr, der König, ist wie der Engel Gottes; tu, was dir wohlgefällt.  Davids Urteil ist geschickt. Er muss nicht entscheiden, ob die aktuelle Version Mefi-Boschets die Wahrheit ist oder die früheren Worte Zibas. Sie müssen miteinander auskommen, sie sind aneinander gebunden. „Ein salomonisches Urteil.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 303) Ob man so weit gehen muss? Jedenfalls eine kluge Entscheidung. Der Saul-Enkel ist der Zweite, der auf dem Heimweg Davids Gnade findet. Er ist mit Davids Entscheid einverstanden.

 32 Und Barsillai, der Gileaditer, kam herab von Roglim und zog mit dem König an den Jordan, um ihn über den Jordan zu geleiten. 33 Und Barsillai war sehr alt, achtzig Jahre. Er hatte den König versorgt, als er in Mahanajim war; denn er war ein Mann von großem Vermögen. 34 Und der König sprach zu Barsillai: Du sollst mit mir ziehen, ich will dich versorgen bei mir in Jerusalem. 35 Aber Barsillai sprach zum König: Was ist’s noch, das ich zu leben habe, dass ich mit dem König hinaufziehen sollte nach Jerusalem? 36 Ich bin heute achtzig Jahre alt. Wie kann ich noch unterscheiden, was gut oder böse ist, und schmecken, was ich esse oder trinke, und hören, was die Sänger oder Sängerinnen singen? Warum sollte dein Knecht meinen Herrn, den König, noch beschweren? 37 Dein Knecht wird ein kleines Stück mit dem König über den Jordan gehen. Warum will mir der König so reichlich vergelten? 38 Lass deinen Knecht umkehren, dass ich sterbe in meiner Stadt bei meines Vaters und meiner Mutter Grab. Siehe, da ist dein Knecht Kimham, den lass mit meinem Herrn, dem König, ziehen und tu ihm, was dir wohlgefällt. 39 Der König sprach: Kimham soll mit mir ziehen, und ich will ihm tun, was dir wohlgefällt; auch alles, was du von mir begehrst, will ich dir tun. 40 Und als das ganze Volk über den Jordan gegangen war und der König auch, küsste der König den Barsillai und segnete ihn. Und er kehrte zurück an seinen Ort.

  Es folgt ein Dritter: Barsillai. Ein sehr alter Mann, achtzig Jahre. Er war David treu geblieben, schon auf der Flucht, schon vor dem Sieg. Einer, der David aus seinem Vermögen unterstützt hatte. Nun will ihn David belohnen. Ihn mitnehmen nach Jerusalem. An den Hof.

Barsillai lehnt dankend ab. Er beruft sich auf sein Alter. Da wird man irgendwie unsicher, verliert die Fähigkeit, sich einzufinden, die richtigen Worte zu sagen, die richtigen Schritte zu tun. Wie kann ich noch unterscheiden, was gut oder böse ist, und schmecken, was ich esse oder trinke, und hören, was die Sänger oder Sängerinnen singen? Es scheint, er wolle sagen: ich tauge nicht für das Intrigen-Spiel eines Königshofes. Er nennt aber einen Ersatzmann, seine Sohn Kimham. David stimmt zu. So trennen sich die Wege am Jordan.  Unter dem Segen des Königs kehrt Barsillai zurück an sein Ort.  „Als ein Mann, der alt und lebenssatt stirbt.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 262)

41 Und der König zog hinüber nach Gilgal, und Kimham zog mit ihm. Und das ganze Volk von Juda hatte den König hinübergeführt und auch die Hälfte des Volks von Israel. 42 Und siehe, da kamen alle Männer von Israel zum König und sprachen zu ihm: Warum haben dich unsere Brüder, die Männer von Juda, gestohlen und haben den König und sein Haus über den Jordan geführt und alle Männer Davids mit ihm? 43 Da antworteten alle Männer von Juda denen von Israel: Der König steht uns doch näher; warum zürnt ihr darüber? Meint ihr, dass wir vom König Nahrung und Geschenke empfangen haben? 44 Aber es antworteten die Männer von Israel denen von Juda: Wir haben zehnfachen Anteil am König und sind auch die Erstgeborenen vor euch. Warum habt ihr uns denn so gering geachtet? Und haben wir nicht zuerst davon geredet, uns unsern König zurückzuholen? Aber die von Juda redeten noch heftiger als die von Israel.

             Man könnte denken: Der Friede ist wieder hergestellt. Es trifft die Situation nicht wirklich. In der Begegnung zwischen dem Volk aus Juda und den Männern von Israel zeigt sich: Es ist nur eine dünne Tünche. Unter der Decke brodelt es weiter. Die aus Juda wissen: Der König steht uns doch näher. Die Antwort der anderen: Wir stehen für zehn Stämme, nicht nur für einen, darum haben wir zehnfachen Anteil am König und sind auch die Erstgeborenen vor euch. Eifersucht ist ein schlechter Ratgeber. Der Konflikt köchelt.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Ist das eine auch historisch glaubhafte Schilderung? Oder sind es nur schöne Bilder wie in Buch und Film „Herr der Ringe“, in dem die „Rückkehr des Königs“ ein einziges Fest der Freude ist. Hier also: Der König, der vertrieben war, kehrt zurück als einer voller Huld und Gnade? Passt das zu dem König, der doch seinen Aufstieg zur Macht eher frei von Skrupel betrieben hatte? Normal wäre: nach so einem gescheiterten Putsch rollen Köpfe. Die Leser*innen von heute haben Anschauungsmaterial genug in der Türkei der letzten Jahre.

David reagiert anders. Er ist der König, der sich anders leiten lässt. Schon in seiner Trauer um Absalom. Erst recht jetzt auf dem Weg nach Jerusalem. Er will kein neues Blutvergießen, er will Gnade, auch denen gegenüber, die sich gegen ihn gestellt hatten. Ist das der beginnenden Altersmilde geschuldet? Hat er genug vom Blutvergießen für die Macht? Es gibt ja auch Stimmen, die dieses David-Bild geschönt finden.

Es ist, als wäre diese Rückkehr des Königs wie ein Muster für die Rückkehr, die wir von Jesus erhoffen. Wenn er kommen wird, wiederkommen wird. Nicht Abrechnung, nicht Gericht, sondern Gnade. Gnade auch für die, die ihm fern und fremd waren. Er kommt als Retter und nicht, um die Welt zu richten (Johannes 3,17)   Warum nur haben wir so oft den richtenden Christus groß ausgemalt – in Mosaiken von Kirchenkuppeln, in den Worten des Glaubensbekenntnisses – und so selten, dass seine Pracht Gnade sein wird? Warum nur haben wir die Angst vor ihm genährt und ihn so den Menschen entfernt und entfremdet, statt die Freude auf sein Kommen ins helle Licht zu rücken.

Manchmal scheint es: wir gleichen zu oft dem Sohn der Zeruja, der die Gnade als den großen Lebensgrund irgendwie nicht zu verstehen scheint, weil sie ihn zum Umdenken und Umkehren zwingen würde.

 

 

Das wünschen wir uns von Dir, Du heiliger Erbarmer: Gnade um Gnade, Güte ohne Grenzen. Vergebung.

So sind wir im Normalfall nicht. Unsere Gnade ist begrenzt. Unsere Güte sucht die Reue. Und unsere Vernunft mahnt zur Vorsicht: Nur Gnade geht nicht. Sie kann auch missbraucht werden.

Lass es mich nie vergessen: Ich lebe von der Vergebung, von Deiner, die Du ohne Grenzen schenkst bis zum Äußersten, und von der Vergebung, die mir Menschen gewähren.

Lehre mich, aus der Vergebung zu leben, auch so, dass ich selbst vergebe, ohne Sorge, es könnte zu viel werden. Amen