Bei der Wahrheit bleiben?

  1. Samuel 18, 19 – 19,9a

 19 Ahimaaz, der Sohn Zadoks, sprach: Lass mich doch laufen und dem König die gute Botschaft bringen, dass der HERR ihm Recht verschafft hat gegen seine Feinde. 20 Joab aber sprach zu ihm: Du bist heute nicht der Mann für eine gute Botschaft. An einem andern Tag darfst du eine Botschaft bringen, aber heute nicht; denn des Königs Sohn ist tot.

Der Priestersohn Ahimaaz will David informieren. Weil er zu glauben schein, dass es eine gute Botschaft ist, dass die Feinde besiegt sind. Joab jedoch weiß es besser. Wichtiger als der Sieg wird für David  das andere sein, dass  des Königs Sohn tot ist. Wer diese Nachricht überringt, ist gefährdet. Der Zorn Davids könnte ihn treffen.

  21 Und Joab befahl einem Kuschiter: Geh hin und sage dem König an, was du gesehen hast. Und der Kuschiter neigte sich vor Joab und lief hin. 22 Ahimaaz aber, der Sohn Zadoks, sprach abermals zu Joab: Komme, was da will, ich möchte auch laufen, dem Kuschiter nach. Joab sprach: Was willst du laufen, mein Sohn? Du hast keine gute Botschaft zu bringen. 23 Ahimaaz sprach: Komme, was da will, ich laufe. Er sprach zu ihm: So lauf! Da lief Ahimaaz auf dem Weg durchs Jordantal und kam dem Kuschiter zuvor.

             Ahimaaz aber lässt sich nicht zurückhalten. Er liefert dem von Joab beauftragten Kuschiter einen regelrechten Wettlauf und kommt ihm zuvor.

 24 David aber saß zwischen den beiden Toren. Und der Wächter ging aufs Dach des Tores an der Mauer und hob seine Augen auf und sah einen Mann laufen allein 25 und rief und sagte es dem König an. Der König aber sprach: Ist er allein, so ist eine gute Botschaft in seinem Munde. Und als der Mann immer näher kam, 26 sah der Wächter einen andern Mann laufen und rief in das Tor: Siehe, da kommt noch ein Mann allein. Der König aber sprach: Der ist auch ein guter Bote. 27 Der Wächter sprach: Ich sehe den ersten laufen, wie Ahimaaz, der Sohn Zadoks, läuft. Und der König sprach: Es ist ein guter Mann und bringt eine gute Botschaft. 28 Ahimaaz aber rief und sprach zum König: Friede! Und er fiel nieder vor dem König auf sein Antlitz zur Erde und sprach: Gelobt sei der HERR, dein Gott, der die Leute, die ihre Hand gegen meinen Herrn, den König, erhoben haben, dahingegeben hat.

 Beide Läufer werden David angekündigt und von beiden erhofft der König sich gute Botschaft. Ahimaaz wird vorgelassen und verkündigt den Sieg über die Feinde. Frieden ruft er aus. Das ist seine Botschaft an den König.

29 Der König aber sprach: Geht es auch dem jungen Absalom gut? Ahimaaz sprach: Ich sah ein großes Getümmel, als Joab des Königs Knecht und mich, deinen Knecht, sandte, aber ich weiß nicht, was es war. 30 Der König sprach: Tritt zur Seite und stell dich dahin. Und er trat zur Seite und blieb stehen. 31 Siehe, da kam der Kuschiter und sprach: Hier gute Botschaft, mein Herr und König! Der HERR hat dir heute Recht verschafft gegen alle, die sich gegen dich auflehnten. 32 Der König aber sprach zu dem Kuschiter: Geht es dem jungen Absalom gut? Der Kuschiter sprach: Es müsse den Feinden meines Herrn, des Königs, ergehen, wie es dem jungen Mann ergangen ist und auch allen, die sich böswillig gegen dich auflehnen.

             Es kennzeichnet David, dass er sogleich weiterfragt: Was ist mit dem jungen Absalom? Der ist ihm, so zeigt sein Fragen wichtiger als der Sieg! Ahimaaz scheint die Warnungen Joabs im Ohr zu haben, deshalb vermeidet er eine Klar Auskunft. So geht es weiter, diesmal ist der Kuschiter an der Reihe. Auch er meldet den Sieg, Als aber David weiterfragt, nach Absalom, hört er die ungeschminkte Wahrheit. Hart formuliert, aus der Sicht dessen, der gekämpft hat, der sich nicht auskennt mit der inneren Vefassung Davids. Es ist geradezu rücksichtlos: Es müsse den Feinden meines Herrn, des Königs, ergehen, wie es dem jungen Mann ergangen ist und auch allen, die sich böswillig gegen dich auflehnen. An Klarheit lässt dieser Satz nichts zu wünschen übrig.

1 Da erbebte der König und ging hinauf in das Obergemach des Tores und weinte, und im Gehen rief er: Mein Sohn Absalom! Mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn! 2 Und es wurde Joab angesagt: Siehe, der König weint und trägt Leid um Absalom.

             Wortlos geht David, zieht sich zurück und klagt. Er ist tief getroffen. Sein Klagen um den toten sohn Absalom ist so laut, dass es alle hören und es auch Joab zu Ohren kommt.

 3 So wurde aus dem Sieg an diesem Tag eine Trauer unter dem ganzen Kriegsvolk; denn das Volk hatte an diesem Tage gehört, dass sich der König um seinen Sohn gräme. 4 Und das Kriegsvolk stahl sich weg an diesem Tage in die Stadt, wie sich Kriegsvolk wegstiehlt, das sich schämen muss, weil es im Kampf geflohen ist. 5 Der König aber hatte sein Angesicht verhüllt und schrie laut: Ach, mein Sohn Absalom! Absalom, mein Sohn, mein Sohn!

             Was für eine schräge, verfahrene Situation: die sich ihres Sieges freuen möchten, die auf Lob durch den König hoffen, schleichen bedrückt herum. Sie sind wie Leute, die eine Schlacht verloren haben, schlimmer noch, die geflohen sind. Es muss seine Männer hart treffen: Der König freut sich nicht ihres Sieges, sondern er trauert um den, der ihn so gefährdet hat. „Der als Vater trauernde David hätte als König den Sieg zu feiern, einen für David freilich verloren gegangenen Sieg.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 281) Dennoch ist diese so öffentliche Trauer ein Affront für seine Männer und wie ein Verzicht auf das Königtum. David will in dieer Stunde nicht König sein, sondern nur Vater.

Man wird fragen müssen: Was richtet diese Klage unter den Männern Davids an? Müssen sie sich nicht von ihm regelrecht verstoßen fühlen? Es mag sein: „Der Erzähler versteht den König, wenn er auch sein Verhalten nicht billigt.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 298) Was sich David hier „leistet“, ist im höchsten Grade staatsgefährdend.

 6 Joab aber kam zum König ins Haus und sprach: Du hast heute schamrot gemacht alle deine Knechte, die dir heute das Leben gerettet haben und deinen Söhnen, deinen Töchtern, deinen Frauen und Nebenfrauen, 7 weil du lieb hast, die dich hassen, und hasst, die dich lieb haben. Denn du lässt heute merken, dass dir nichts gelegen ist an den Hauptleuten und Knechten. Ja, ich merke heute wohl: Wenn nur Absalom lebte und wir heute alle tot wären, das wäre dir recht. 8 So mache dich nun auf und komm heraus und rede mit deinen Knechten freundlich. Denn ich schwöre dir bei dem HERRN: Wirst du nicht herauskommen, so wird kein Mann bei dir bleiben diese Nacht. Das wird für dich ärger sein als alles Übel, das über dich gekommen ist von deiner Jugend auf bis hierher.

             Es ist einmal mehr Joab, der initiativ wird. Er stellt den König und er stellt sich vor seine Männer. Er benennt diesen Widerspruch im Wesen Davids – König will er sein und Vater. „David erweist als zwiespältige Gestalt, die bei aller Erfahrung und Überlegenheit den harten Zwängen königlicher Macht nicht gerecht wird.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 139) Jedenfalls nicht jetzt. Joab aber nötigt ihn, sich zwischen diesen beiden Rollen zu entscheiden. Das kennzeichnet diesen Heerführer. Er ist hart, auch skrupellos, aber er versteht es auch, die Interessen der Macht des Königs zu wahren. Er dient dem König, nicht dem Vater.

Es sind starke Worte, die Joab wählt. Aber vermutlich würde er mit sanften Worten das Ohr dieses weinenden Mannes auch nicht erreichen. Du hast lieb, die dich hassen, und hasst, die dich lieb haben.  Es ist widersinnig, wie David sich verhält. Ein Affront gegen alle, die für ihn gekämpft haben. So schonungslos offen spricht er mit David. Und lässt ihm keine Wahl: entweder wird er in Trauer versinken und darüber seine Männer verlieren: so wird kein Mann bei dir bleiben diese Nacht. – oder er verabschiedet sich von seinem Schmerz und kehrt zurück zu seiner Aufgabe als König. Sonst wird alles, was er zuvor auf sich genommen hat, vergeblich sein.

 9 Da stand der König auf und setzte sich ins Tor. Und man sagte es allem Kriegsvolk: Siehe, der König sitzt im Tor. Da kam alles Volk vor den König.

           Seine klaren Worte erreichen den König. Er holt David aus seiner emotionalen Falle. Der steht auf, stellt sich und setzt sich in das Tor. Dorthin kommen sie nun – die Männer, die die Schlacht geschlagen haben. Das Volk, das ihm treu geblieben ist. Der König nimmt – so wird man zu verstehen haben – die Parade des siegreichen Heeres ab, der Königstreuen und ehrt sie damit. So wird er äußerlich seinem Amt gerecht. Wie es in ihm aussieht, spielt jetzt keine Rolle. David funktioniert.

Joab tadelt David aus der Sicht dessen, der das Staatswohl im Blick hat. Aber er hat vermutlich keine Ahnung, was er dem Vater David mit seinen Worten zumutet. David aber lässt sich in die Pflicht nehmen. Der Vater tritt hinter den König zurück. Der Schmerz aber bleibt.

 Was mich beschäftigt:

Gibt es Siegesnachrichten, auf die kein Schatten fällt? Gibt es Siegesnachrichten, die nicht die Kehrseite haben, dass Väter und Mütter ihrer Kinder beraubt worden sind? Durch die Sieger, aber auch auf den Seiten der Sieger. „Das Schwert frisst bald diesen, bald jenen.“ (11,25) So hat David den Tod des Uria kommentiert, Ohne jede erkennbare mitfühlende Emotion. Jetzt hat das Schwert ihn getroffen in seinem Sohn. Ihn zum Betroffenen gemacht. Da gibt es kein Halten mehr für die Tränen. Es ist eine Art Verlogenheit an den Särgen, auf denen Fahnen liegen. Die offizielle Staats-Trauer  ist vermutlich ein notwendiger Akt, ein Pflicht-Zeremoniell. Die Tränen der Betroffenen werden anderswo geweint.

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Der Konflikt innerhalb der Rollen, die ein Mann, eine Frau wahrzunehmen hat, ist unausweichlich. Es lässt sich nicht immer alles auf die Reihe bringen – Vater, Mutter, die Aufgaben in der Gesellschaft, die Rolle als Vorgesetzter, Freund, als Lehrerin, als ehrenamtlich engagierte Person. Und wenn Trauer nach einem greift, werden oft genug alle anderen Rollen zur Last. „Mir ist jetzt nicht nach Auferstehungs-Predigt“ sagt ein Freund, der Woche für Woche am Bett seiner querschnittsgelähmten Tochter steht. Es ist nicht ausgemacht, nicht von vornherein entschieden, welche Rolle wann den Vorrang hat. Es gibt kein Drehbuch dafür, keine Blaupause. Es ist gut, wenn es dann jemand gibt, der den Mut hat, auch mit harten Worten zu klaren Schritten zu helfen.

 

Du, Gott,  bist klar in Deinem Wort. Du nennst das Gute gut, das Böse böse. Du lässt uns nicht im Zweifel, wenn es um Deine Wahrheit geht. Es ist die schmerzhafte Wahrheit, die wir uns gerne ersparen, die uns frei macht. Deine Wahrheit macht frei.

Hilf Du uns, dass wir bei der Wahrheit bleiben, auch der unbequemen Wahrheit, der ungelegenen Wahrheit, der Wahrheit auch, die einsam machen kann. Stärke Du uns dazu durch Deinen Geist. Amen