Töten aus Verantwortung?

  1. Samuel 18, 1 – 18

 1 Und David ordnete das Kriegsvolk, das bei ihm war, und setzte über sie Hauptleute über Tausend und über Hundert 2 und stellte ein Drittel des Volks unter Joab und ein Drittel unter Abischai, den Sohn der Zeruja, Joabs Bruder, und ein Drittel unter Ittai, den Gatiter.

             David als König ordnet das Heer und vor allem bestellt er die Heerführer. Die beiden Brüder Joab und Abischai und den Gatiter Ittai. Sie führen die Streitmacht Davids.

 Und der König sprach zum Kriegsvolk: Ich will auch mit euch ausziehen. 3 Aber das Kriegsvolk sprach: Du sollst nicht ausziehen, denn wenn wir fliehen oder die Hälfte von uns stirbt, so werden sie unser nicht achten; aber du bist wie zehntausend von uns. So ist’s nun besser, dass du uns von der Stadt aus helfen kannst. 4 Der König sprach zu ihnen: Was euch gefällt, das will ich tun. Und der König trat ans Tor, und das ganze Kriegsvolk zog aus zu Hundert und zu Tausend.

             David möchte selbst mit in den Kampf. Er will nicht zurückstehen, nicht wie früher, vor Rabba. Aber seine Männer verwehren es ihm. Weil sie wissen: Er hilft uns mehr, wenn er die Schlacht von hinten her ordnet, „Formal klingt die militärische Kompetenz Davids an, die schon zu Sauls Zeiten vom Volk besungen worden war.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 233) Darum ist das Votum der Männer  kein Zeichen eines Misstrauens gegen den Krieger David. Es ist eher Vorsicht. Was, wenn der König im Kampf fiele – das wäre ein härterer Verlust als zehntausend von uns. Weil der König als König auch eine Symbolfigur ist, deren Verlust schlimme Folgen hätte .

 5 Und der König gebot Joab und Abischai und Ittai und sprach: Schont mir den jungen Absalom! Und das ganze Kriegsvolk hörte es, als der König allen Hauptleuten Absaloms wegen diesen Befehl gab.

             Der Kampf steht bevor, aber Davids ganze Sorge gilt seinem Sohn, dem jungen Mann Absalom. Ihn will er schützen, ihn sollen seine Krieger im Kampf schonen. Ob wirklich zutrifft: „Es könnte sein, dass der alternde König die ganze Aktion Absaloms als einen „jugendlichen dummen Streich“ ansah.“ (K. vom Orde, aaO. S. 234) Es kann aber auch sein, hier meldet sich wieder die Schwäche des Vaters David, wie sie schon gegenüber der Gewalttat Amnons sichtar geworden war. Der König ist im eigenen Haus zu sanft. Ob Joab diese „Schwäche“ Davids dadurch unterbinden wollte, dasss er ihn aus dem Kampfgeschehen  fern hielt? Dann wäre es ihm ganz recht gewesen, dass David in der Stadt zurückblieb und nicht an vorderster Front anwesend sein konnte.

 6 Und als das Volk hinauskam aufs Feld Israel entgegen, kam es zum Kampf im Walde Ephraim. 7 Und das Volk Israels wurde dort geschlagen von den Knechten Davids, sodass an diesem Tag eine große Schlacht geschah – zwanzigtausend Mann. 8 Und der Kampf breitete sich dort aus über die ganze Gegend, und der Wald fraß an diesem Tage viel mehr Volk, als das Schwert fraß.

             Es kommt zur Schlacht im Waldland von Ephraim. Das Heer Absaloms – als das Volk Israels im Text bezeichnet – wird vernichtend geschlagen.  Zwanzigtausend Mann fallen, die Mehrzahl(?) im unwegsamem Waldgelände. .

 9 Und Absalom begegnete den Knechten Davids und ritt auf einem Maultier. Und als das Maultier unter eine große Eiche mit dichten Zweigen kam, blieb sein Haupt an der Eiche hängen, und er schwebte zwischen Himmel und Erde; denn sein Maultier lief unter ihm weg. 10 Als das ein Mann sah, tat er’s Joab kund und sprach: Siehe, ich sah Absalom an einer Eiche hängen.

             Dort ereilt auch Absalom das Schicksal. Er bleibt beim Ritt  auf einem Maultier in den Zeigen eines Baumes hängen. Seine Haarpracht – so wissen manche Textvarianten – wird ihm zum Verhängnis. Ein Mann Joabs sieht ihn dort. Er schwebte zwischen Himmel und Erde. Es wirkt wie bittere Ironie: das, was ihn als schönen Mann über alle anderen hinaushob, ausgerechnet das wird ihm zur Falle. In seiner Schönheit gefangen. Tödliche Eitelkeit.

 11 Und Joab sprach zu dem Mann, der’s ihm kundgetan hatte: Wenn du das gesehen hast, warum schlugst du ihn nicht gleich zu Boden? So hätte ich dir zehn Silberstücke und einen Gürtel gegeben. 12 Der Mann sprach zu Joab: Wenn du mir tausend Silberstücke in meine Hand gewogen hättest, so hätte ich dennoch meine Hand nicht an des Königs Sohn gelegt; denn der König gebot dir und Abischai und Ittai vor unsern Ohren: Gebt ja acht auf den jungen Absalom! 13 Oder wenn ich heimtückisch an ihm gehandelt hätte, würdest du selbst dich gegen mich stellen, weil dem König ja nichts verborgen bleibt.

             Joab erhält Meldung und tadelt den Melder: Warum hast du es nicht Ende gebracht? Der aber hat den Befehl Davids gehört – schont Absalom – und diesen Befehl als absolut bindend befolgt. Nicht für viel Geld würde er gegen das Gebot des Königs verstoßen. Es haben doch alle gehört, was David forderte.

 14 Joab sprach: Ich kann nicht so lange bei dir verweilen. Da nahm Joab drei Stäbe in seine Hand und stieß sie Absalom ins Herz, als er noch lebend an der Eiche hing. 15 Und zehn Knappen, Joabs Waffenträger, umringten Absalom und schlugen ihn tot.

Joab aber folgt nicht den Befehl Davids, sondern der eigenen Einsicht. Ein lebender Absalom bliebe eine. ständige Gefahr für David. Ein Unruhestifter, wenn er mit dem Leben davon käme. „Joab tut daher das einzig Richtige, wenn er ihn gegen den erklärten Willen des Königs tötet.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 138) Wobei es in der Lesart des Textes nur eine voraussichtlich tödliche Wunde ist, die Joab dem Königssohn zufügt. Den Rest besorgen seine Männer.  Joab hat im Interesse der Staatsräson als Staatsmann gehandelt, während David nur Familienvater sein wollte.

 16 Da ließ Joab die Posaune blasen, und das Volk jagte Israel nicht weiter nach; denn Joab gebot dem Volk Halt. 17 Und sie nahmen Absalom und warfen ihn im Wald in eine große Grube und legten einen sehr großen Haufen Steine auf ihn. Und ganz Israel floh, ein jeder in sein Zelt.

             Der Kampf ist vorüber. die Schlacht geschlagen. Die Verfolgung des Heeres wird abgebrochen. Aus Milde? Aus Rücksicht? Oder aus Klugheit? Bürgerkriege sind gefährlich,  wenn sie mit letzter Bitterkeit geführt werden. Absalom wird im Wald in eine Grube geworfen, mit Steinen bedeckt.

 18 Absalom aber hatte sich eine Säule aufgerichtet, als er noch lebte; die steht im Königsgrund. Denn er sprach: Ich habe keinen Sohn, der metinen Namen im Gedächtnis hält. Und er nannte die Säule nach seinem Namen, und sie heißt auch bis auf diesen Tag »Absaloms Mal«.

             Dort steht, so weiß es der Text, bis zum Zeitpunkt der Niederschrift eine Säule, die Absalom hat errichten lassen. Das mag so wirken, als hätte er sein Ende an diesem Ort geahnt. Absaloms Mal. Das ist jedenfalls nicht das Absalom Grab, jad ʼabschālôm, das sich im Kidrontal bei Jerusalem findet.

Was mich beschäftigt:

Joab ist wie der düstere Schatten Davids. An seinen Händen ist das Blut derer, die seinen König gefährden könnten. Es wäre passend,  wenn Joab nicht nur einmal David sagte: „Du weißt besser nicht, was ich tue.“ Dieser kalte Machtmensch ist von absoluter Loyalität David gegenüber. Ohne diesen Sohn der Zeruja wäre David wohl nur eine kurze Episode in der Reihe der Könige Israels und nicht über vierzig Jahre hin König.

In diesem ganzen Kampf-Bericht kein Wort von Gott. Er spielt – an diesem Tag – keine Rolle. Nicht einmal als Deutung im Hintergrund. Es ist, als wäre Gott für die Dauer dieser Schlacht im Walde Ephraim. abgetaucht. einfach nicht anwesend.

 

Mein Gott, Töten, weil es die Staatsräson verlangt? Ich lese das und mir sträubt sich alles. Es mag sein, es ist vernünftig. Aber es ist doch auch gegen alle Menschlichkeit

Ich lese und bin froh. Ich habe nie eine Waffe tragen müssen. Es ist mir erspart geblieben, für den Staat, in dem ich lebe, zu kämpfen, zu töten. Es ist mir erspart geblieben, über fremdes Leben zu entscheiden.

Gib Du doch, dass wir Wege zum Frieden suchen, die den Waffen wehren.Gib, dass wir uns auf die Seite der Opfer stellen. Gib Du auch, dass wir denen beistehen, sie nicht moralisch verurteilen, die an unserer Stelle zu den Waffen greifen mussten. Amen