Zurück geworfen

  1. Samuel 17, 5 – 23

 5 Aber Absalom sprach: Lasst doch auch Huschai, den Arkiter, rufen und hören, was er dazu sagt. 6 Und als Huschai hinein zu Absalom kam, sprach Absalom zu ihm: Das und das hat Ahitofel geredet; sage du, sollen wir’s tun oder nicht?

             Es ist ein erneutes Zeichen der Unsicherheit. Absalom will auch Huschai hören, was er dazu sagt. Weil es ihm nicht reicht, den Vorschlag und Plan Ahitofels zu haben.  Weil er glaubt, dass viele Berater auch zu gutem, noch besserem  Rat führen?

 7 Da sprach Huschai zu Absalom: Der Rat, den Ahitofel diesmal gegeben hat, ist nicht gut. 8 Und Huschai sprach weiter: Du kennst deinen Vater und seine Leute, dass sie stark sind und zornigen Gemüts wie eine Bärin auf dem Felde, der die Jungen geraubt sind. Dazu ist dein Vater ein Kriegsmann und wird seinen Leuten auch des Nachts keine Ruhe gönnen. 9 Siehe, er hat sich jetzt vielleicht verkrochen in irgendeiner Schlucht oder sonst einem Versteck. Wenn’s dann geschähe, dass gleich zu Anfang einige unter ihnen fallen, und es käme das Gerücht auf: Das Volk, das Absalom nachfolgt, ist geschlagen worden, 10 so würde jedermann verzagt werden, auch wenn er ein Krieger ist und ein Herz hat wie ein Löwe. Denn es weiß ganz Israel, dass dein Vater ein Held ist und tapfere Leute bei sich hat. 11 Darum rate ich, dass du zu dir versammelst ganz Israel von Dan bis Beerscheba, so viel wie der Sand am Meer, und dass du selbst in den Kampf ziehst. 12 So wollen wir ihn überfallen, wo wir ihn finden, und wollen über ihn kommen, wie der Tau auf die Erde fällt, dass wir von ihm und allen seinen Männern nicht einen einzigen übrig lassen. 13 Zieht er sich aber in eine Stadt zurück, so soll ganz Israel Stricke an die Stadt legen und sie ins Tal schleifen, dass man nicht einen Stein mehr dort finde.

             Der Rat Huschais ist ein Wortschwall, „ein Meisterstück orientalischer Beredsamkeit.“.(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 289)  Sortiert man die vielen Worte, so ist die Rede im Vordergrund zunächst eine Warnung. David ist nicht zu unterschätzen. Dieser gewesen König ist ein Kriegsmann, erfahren im Kampf und er wird kämpfen wie eine Bärin. Was wäre, wenn der sofortige Angriff misslingt? Würden sich dann nicht viele abwenden?  Würde nicht auch tapferen Leute der Mut sinken? Das ist wohl bedacht an den jungen Usurpator der Königs-Würde gerichtet, der in seinem Ratsuchen seine eigene Unsicherheit nur zu deutlich zeigt.

Huschai legt nach. Darum ist es besser, nicht gleich zu handeln, sondern sich sorgfältig vorzubereiten. Erst das ganze Volk hinter sich zu bringen, von Dan bis Beerscheba, so viel wie der Sand am Meer. Auch das ist Teil des Rates: Absalom selbst soll das Heer führen und sich nicht durch irgendwen vertreten lassen. Eine Spitze gegen Ahitofel, der sich als Truppen-Führer angeboten hatte? Es ist ein Rat, der so recht zu einem Zögerer passt. Alles muss perfekt vorbereitet sein, dann wird es gelingen. Damit wird der Rat im Hintergrund, sozusagen im Sub-Text, zur Mahnung, langsam zu machen,  sich Zeit zu nehmen.

14 Da sprachen Absalom und jedermann in Israel: Der Rat Huschais, des Arkiters, ist besser als Ahitofels Rat. So schickte es der HERR, dass der kluge Rat Ahitofels verworfen wurde, damit der HERR Unheil über Absalom brächte.

     Huschai hat überzeugt. Alle um Absalom herum. Es ist der Kommentar aus der Perspektive dessen, der das Ende kennt: Der hervorgerufene Stimmungsumschwung ist Werk des Herrn,  damit der HERR Unheil über Absalom brächte. So zeigt es sich hier: Gott war in dieser Angelegenheit nie neutral, nie abwartend, wer denn wohl siegen würde. Er war immer schon auf der Seite Davids, wie schon zu Sauls Zeiten.

 15 Und Huschai sprach zu den Priestern Zadok und Abjatar: So und so hat Ahitofel Absalom und den Ältesten in Israel geraten, ich aber habe so und so geraten. 16 So sendet nun eilends hin und lasst David sagen: Bleibe nicht über Nacht an den Furten der Wüste, sondern geh gleich hinüber, damit der König nicht vernichtet werde und das ganze Volk, das bei ihm ist.

             Huschai lässt diese gute Nachricht sofort an David übermitteln, damit der weiß, wie er sich verhalten muss, über den Jordan gehen, hin auf sicheres Gebiet.

 17 Jonatan aber und Ahimaaz standen bei der Quelle Rogel; und eine Magd ging von Zeit zu Zeit hin und brachte ihnen Nachricht, die sie dem König David weitersagten; denn sie durften sich in der Stadt nicht sehen lassen. 18 Es sah sie aber ein Knabe und sagte es Absalom an. Da gingen die beiden eilends fort und kamen in das Haus eines Mannes in Bahurim; der hatte einen Brunnen in seinem Hofe. Dahinein stiegen sie. 19 Und die Frau nahm eine Decke und breitete sie über das Brunnenloch und streute Körner darüber, sodass man nichts merkte. 20 Als nun die Knechte Absaloms zu der Frau ins Haus kamen, sprachen sie: Wo sind Ahimaaz und Jonatan? Sie sprach zu ihnen: Sie gingen weiter zum Wasser. Und als die Knechte Absaloms sie suchten und nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück. 21 Und als sie weg waren, stiegen jene aus dem Brunnen und gingen hin und sagten’s dem König David an und sprachen zu David: Macht euch auf und geht eilends über den Fluss, denn Ahitofel hat gegen euch den und den Rat gegeben.

             Es folgt eine Zwischenszene, auf den ersten Blick ohne Belang. Sie zeigt aber, wie nicht nur Gott auf der Seite Davids ist, sondern auch einzelne Leute aus dem Volk sind ihm wohl gesonnen. Hier eben eine Frau in Bahurim. Sie wirkt wie eine späte Nachahmerin der Rahab in Jericho, die die Kundschafter Israels verborgen hatte (Josua 2). Sie versteckt die Boten vor den Knechten Absaloms und bleibt doch irgendwie bei der Wahrheit, wenn sie sagt: Sie gingen weiter zum Wasser. Als die Luft rein ist, können sie ihren Auftrag erfüllen und ihre Nachricht an David überbringen

 22 Da machte sich David auf und das ganze Volk, das bei ihm war, und sie gingen über den Jordan, und als es lichter Morgen wurde, gab es nicht einen, der nicht über den Jordan gegangen wäre.

             David reagiert sofort und folgt dem Rat, der ihm zuteil geworden ist. Da ist kein Raum für lange Beratungen. Der eine Rat reicht.

23 Als aber Ahitofel sah, dass sein Rat nicht ausgeführt wurde, sattelte er seinen Esel, machte sich auf und zog heim in seine Stadt und bestellte sein Haus und erhängte sich und starb und wurde begraben in seines Vaters Grab.

             Noch einmal wird im Gang der Erzählung umgeblendet – auf Ahitofel. Er, dessen Rat verworfen wurde, verlässt die Stadt Jerusalem, verlässt damit auch Absalom, weil er weiß oder ahnt: Das Spiel ist aus. Er ordnet in Gifo, seiner Stadt, noch seine Dinge und dann bringt er sich um. Erhängt sich. Warum, wird man fragen dürfen.

Es ist außergewöhnlich – Selbstmord ist im Grunde kein Weg für den Menschen der  alttestamentlichen Zeit in Israel, weil er ja die Gabe des Lebens eigenmächtig nimmt und Gott das Leben vorenthält.  Eine Verzweiflungstat – aus Furcht vor der zukünftigen Rache Davids? Oder eine Tat aus Frust, dass er nicht der Ratgeber Absaloms bleiben konnte, weil Huschai ihn verdrängt hatte?  Also Verärgerung und fehlgeleiteter Ehrgeiz? Es gibt keine Antwort auf diese Fragen. Es gibt nur die Notiz er wurde begraben in seines Vaters Grab. Er wird nicht einfach ehrlos verscharrt.

Was mich beschäftigt:

Was wie ein neutraler Bericht klingt, ist in Wahrheit doch gefärbt. Bestimmt vom Ende her. Bestimmt von der Überzeugung, dass David der erwählte König des HERRN ist und Absalom ein Usurpator, einer, der nach der Macht greift, die ihm nicht zusteht. Der Aufstand des Absalom richtet sich, so gesehen, nicht nur gegen David, sondern gegen Gott selbst. Darum auch ist er zum Scheitern verurteilt.

 

Manchmal ist es so. Nachtschwarze Verzweiflung kann nach uns greifen. Wir sehen kein gutes Ende mehr. Wir sehen nicht mehr, dass wir helfen können, einen guten Weg zu finden.

Dann, mein  Gott, sind wir zurückgeworfen, nicht auf uns, sondern ganz auf Dich. Du musst bewahren. Du musst Deine Nähe schenken. Du musst das Licht im Dunkel sein, damit wir nicht dem Dunkel anheimfallen. Herr, erbarme Dich. Amen