Guter Rat ist teuer

  1. Samuel 16, 15 – 17,4

 15 Aber Absalom und alles Volk, die Männer Israels, kamen nach Jerusalem und Ahitofel mit ihm. 16 Als aber Huschai, der Arkiter, Davids Freund, zu Absalom hineinkam, rief er Absalom zu: Es lebe der König! Es lebe der König! 17 Absalom aber sprach zu Huschai: Ist das deine Treue zu deinem Freunde? Warum bist du nicht mit deinem Freunde gezogen?

Szenenwechsel hin zu Absalom. Er zieht in Jerusalem ein, mit großem Gefolge, unter anderen den früheren Ratgeber Davids, Ahitofel. Dort, im verlassenen Haus des Königs(?) tritt ihm Huschai, ausdrücklich gekennzeichnet als Davids Freund, huldigend entgegen. Er mischt sich unter den Kreis, der um Absalom ist. Es scheint, er ist eine Einzelstimme, nicht nur einer, der mit-ruft, wenn alle rufen: Es lebe der König!

             Dieses Rufen, diese Huldigung fällt Absalom auf, so dass er nachfragt. Was ist mit dir und David? Mit der Treue zu ihm? Sagst du dich so schnell von deinem Freund los? Was machst du noch hier?Liegt in diesem Fragen Gefahr für Huschai und ist es ein, wenn auch gelindes Misstrauen, das Absalom so fragen lässt? „Ein solch schneller Sinneswandel musste dem jungen Herrscher verdächtig vorkommen.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 216) Die Fragen erfordern Antworten.

18 Huschai aber sprach zu Absalom: Nein! Sondern wen der HERR erwählt und dies Volk und alle Männer in Israel, zu dem gehöre ich und bei dem will ich bleiben. 19 Zum andern, wem diene ich? Ist es nicht sein Sohn, dem ich diene? Wie ich deinem Vater gedient habe, so will ich auch vor dir sein.

            Huschai zögert nicht. Er argumentiert geschickt – in dem er darauf verweist, dass er in seiner Huldigung nur nachvollzieht, was geschehen ist. Wen der HERR erwählt und dies Volk und alle Männer in Israel, zu dem gehöre ich. Das muss Absalom doch hören als eine Anerkennung dessen, was in Hebron geschehen ist. Er ist der rite erwählte und in Hebron durch das Volk bestätigte König. Heißt im Klartext: Gott steht hinter dieser Wahl! Es ist nur ein Zusatzargument: Immerhin hält Huschai doch so auch der Davids-Dynastie die Treue – wie dem Vater, so dem Sohn. Damit sind die Nachfragen Absaloms an der Oberfläche für ihn befriedigend beantwortet. Huschai bleibt unter denen in der Nähe des neuen Königs.

 20 Und Absalom sprach zu Ahitofel: Gebt euren Rat, was sollen wir tun? 21 Ahitofel sprach zu Absalom: Geh ein zu den Nebenfrauen deines Vaters, die er zurückgelassen hat, um das Haus zu bewahren, so wird ganz Israel hören, dass du dich bei deinem Vater stinkend gemacht hast; dann werden alle, die zu dir stehen, desto kühner werden. 22 Da machten sie Absalom ein Zelt auf dem Dach, und Absalom ging zu den Nebenfrauen seines Vaters vor den Augen ganz Israels.

             Absalom könnte sich bestätigt fühlen. Aber sein Fragen zeigt Unsicherheit. Er hat sich „die weiteren Schritte, die erforderlich sind, um die gewonnene Macht zu sichern, noch gar nicht überlegt.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 136) Er ist abhängig von seinen Ratgebern. Die müssen ihn leiten. An erster Stelle dieser Ratgeber steht Ahitofel. Der rät zu „juristischen“ Schritten: Er soll die Neben-Frauen des Vaters nehmen und zu ihnen eingehen. Das hat nichts mit Lust zu tun, mit überbordender Männlichkeit. Es ist ein Rechtsakt, in der Absalom an dieser Stelle das Erbe des Vaters in Anspruch nimmt und antritt. Als wäre David tot.

Absalom gehorcht. Er vollzieht mit den Nebenfrauen den Geschlechtsakt – öffentlich, vor den Augen ganz Israels. Man wird aus heutiger Sicht in diesem Vorgehen nur Missachtung der Frauen sehen können. Es ist im Grunde brutaler Missbrauch. Niemand kommt auf die Idee, die Frauen zu fragen. Ihre Gefühle interessieren nicht. Sie sind Figuren im Machtspiel, sonst nichts.

 23 Wenn damals Ahitofel einen Rat gab, war das, als wenn man Gott um etwas befragt hätte; so viel galten alle Ratschläge Ahitofels bei David und bei Absalom.

             Dieser Satz wirkt wie eine Zwischenbemerkung aus späterer Zeit. Ist es eine Art Entschuldigung für den Rat und für den, der ihn befolgt hat? „Absaloms unselige Tat, sich die Frauen seines Vaters zu nehmen, wird mit dem hohen Ansehen das der Ratgeber besaß, nicht entschuldigt.“ (K. vom Orde, aaO. S. 218) Sie wird vielmehr in ihrer Logik, die jedes Moralgesetz mit Füßen tritt, dennoch richtig erklärbar. Sie ist ein Machtakt.

1 Und Ahitofel sprach zu Absalom: Ich will zwölftausend Mann auswählen und mich aufmachen und David nachjagen in dieser Nacht 2 und will ihn überfallen, solange er matt und verzagt ist. Wenn ich ihn dann erschrecke und das ganze Kriegsvolk, das bei ihm ist, flieht, will ich den König allein erschlagen 3 und das ganze Kriegsvolk zu dir zurückbringen, wie die junge Frau zu ihrem Mann zurückkehrt.

Dem ersten Rat folgt der nächste, nicht weniger klug. Ahitofel setzt darauf, dass David innerlich erschüttert und äußerlich ermüdet ist. Darum gilt es, die Verfolgung sofort aufzunehmen. Dazu will der Ratgeber zwölftausend Mann auswählen, sie anführen und den alten König angreifen. Und: er selbst, Ahitofel, will David erschlagen. Er nimmt es auf, so muss man wohl verstehen, was sonst keiner tun würde: den Gesalbten des Herrn zu töten. Der ist David ja noch immer. Ahitofel weiß: Eile ist geboten.

Ein Erfolg dieser nächtlichen Jagd würde den noch gar nicht wirklich ausgebrochenen Krieg und Kampf und damit den Kampf um die Macht sofort beenden. Die Truppen Davids würden, herrenlos geworden, den Weg zu Absalom finden, so wie eine junge Frau nach dem Streit reumütig zurückkehrt zu ihrem Mann.  

 Du trachtest ja nur einem Mann nach dem Leben, aber das ganze Volk soll in Frieden bleiben. 4 Die Rede gefiel Absalom gut und allen Ältesten in Israel.

             Es ist ein guter, ein durchdachter Plan, „nicht zuletzt deswegen, weil dann durch eine allgemeine Amnestie sofort Friede im Land werden könnte.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 289) Leser*innen der neutestamentlichen Bücher der Bibel könnten sich erinnert fühlen: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“(Johannes 11, 50) Die gleiche Logik hat hier das Wort. Es ist eine Logik, die sofort einleuchtet – damals, später und heute. Darum ist es auch kein Wunder, dass alle Ältesten in Israel sofort zustimmen, genau wie Absalom selbst. wird doch so die Verhältnismäßigkeit im Blutvergießen gewahrt.

Was mich beschäftigt:

Der ganze Abschnitt wirkt wie eine Reportage aus dem Kanzleramt, aus dem Regierungssitz, aus dem Weißen Haus. Berater ergreifen das Wort. Geleitet nur von der einen Überlegung, wie sie die Macht sichern können. Es ist das Machtspiel, das hier vorgeführt wird. In diesem Machtspiel ist kein Raum für moralische Skrupel. Die zehn Frauen sind nur Spielfiguren und der Totschlag am König nur eine mögliche Variante. Wer sich in diesem Spiel um die Macht von moralischen Bedenken leiten lässt, ist fehl am Platz.

Man muss die Schwäche der Gegenseite nutzen, solange sie am Boden liegt. In meinen Jugendtagen haben ich es anders gelernt, als ungeschriebenes Gesetz: wer am Boden liegt, wird nicht getreten. Die Spielregeln im Machtspiel sind andere als die Spielregeln eines ordentlichen Miteinanders jenseits der Macht.

Das Bild des Ratgebers wird ohne jede moralische Verurteilung gezeichnet. Ahitofel ist zu Absalom übergegangen. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Ratgeber. Er ist ein Mann mit genauer Vorstellung für das Nächstliegen und  kühlem Weitblick. Ein guter Berater eben für jeden, der ihn in Dienst nimmt. Es ist eine Frage, die der Text nicht an der Person des Ahitofel verhandelt, ob ein Ratgeber nicht auch eine Art Treuepflicht hat und damit auch die Aufgabe, zu fragen, wem er dient. Dass Absalom streng genommen ein Putschist ist, scheint Ahitofel nicht zu interessieren.

 

Heiliger, barmherziger Gott, habe dank für alle, due uns guten Rat gegeben haben, die uns Wege des Lebens gewiesen haben, auf denen wir Deine Güte gefunden haben.

Bewahre uns davor, dass wir beratungsresistent werden. Gib uns, dass wir guten Rat erkennen und falsche Ratgeber durchschauen.

Habe Dank für alle Ratgeber, die uns vor falschen Wegen gewarnt haben, die uns geholfen haben, auf Dein Wort zu achten, unsere Grenzen zu respektieren und in allem suchen nach Wegen Deine Stimme zu hören. Amen