Schimi – mehr als nur ein Schreihals

 2. Samuel 16, 1 – 14

 1 Und als David ein wenig von der Höhe hinabgegangen war, siehe, da begegnete ihm Ziba, der Knecht Mefi-Boschets, mit einem Paar gesattelter Esel; darauf waren zweihundert Brote und hundert Rosinenkuchen und hundert frische Früchte und ein Schlauch Wein. 2 Da sprach der König zu Ziba: Was willst du damit machen? Ziba sprach: Die Esel sollen für das Haus des Königs sein, um darauf zu reiten, und die Brote und die Früchte sind für die Leute zum Essen und der Wein zum Trinken, wenn sie müde werden in der Wüste.

             Noch eine Begegnung auf der Flucht. Diesmal Ziba, der Mann, dem David die Verwaltung der Ländereien Mefi-Boschets übertragen hatte. Er ist mit Proviant unterwegs. Für wen? Ist es nur eine geschickte, rasche Reaktion, dass Ziba sagt: für das Haus des Königs. Dann würde er sich als Unterstützer Davids zu erkennen geben.

 3 Der König sprach: Wo ist der Sohn deines Herrn? Ziba sprach zum König: Siehe, er blieb in Jerusalem; denn er denkt: Heute wird mir das Haus Israel meines Vaters Königtum zurückgeben. 4 Der König sprach zu Ziba: Siehe, es soll dein sein alles, was Mefi-Boschet hat. Ziba sprach: Ich neige mich; lass mich Gnade finden vor dir, mein Herr und König.

David fragt weiter – nach dem Sohn deines Herrn? „Der Herr, der hier gemeint ist, war Saul, dem Zia ursprünglich gedient hatte.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, s. 211) Der Sohn ist Mefi-Boschet. Die Auskunft Zibas ist eindeutig: Er ist in Jerusalem geblieben, weil er hofft, dass er von den Wirren profitieren kann, dass am Ende doch der Mann aus dem Geschlecht Sauls König werden wird. Es lohnt sich für Zia, dass er seinen Herren so anschwärzt: David übergibt  ihm  alles, was Mefi-Boschet hat. Ist das voreilig? Vertrauensselig? Es ist doch in der augenblicklichen Situation nur ein symbolischer Akt – David hat gar nicht die Macht, diese Besitzwechsel voran zu bringen. Allerdings ist es kaltblütig berechnet – David verpflichtet sich diesen Ziba.

5 Als aber der König David ach Bahurim kam, siehe, da kam ein Mann von dort heraus, vom Geschlecht des Hauses Saul, der hieß Schimi, der Sohn Geras; der kam heraus und fluchte 6 und warf mit Steinen nach David und allen Knechten des Königs David, obwohl das ganze Kriegsvolk und alle Helden zu seiner Rechten und Linken waren. 7 So aber rief Schimi, als er fluchte: Hinaus, hinaus, du Bluthund, du ruchloser Mann! 8 Der HERR hat über dich gebracht alles Blut des Hauses Sauls, an dessen statt du König geworden bist. Jetzt hat der HERR das Königtum gegeben in die Hand deines Sohnes Absalom; und siehe, nun steckst du in deinem Unglück, denn du bist ein Bluthund.

            Noch eine Begegnung auf dem Fluchtweg. In Bahurim – einem Ort auf dem Weg zwischen Jerusalem und Jericho. In der Weglosen Einöde. dort Tritt David ein Mann aus der Saul-Sippe entgegen. Schimi. Er wirft mit Steinen nach David. Er hat keine Furcht vor den Männern, die um David sind. Und er beschimpft ihn. Was er sagt, ist eine einzige große Anklage. Bluthund, nennt er ihn, du ruchloser Mann!

 Aus dem Mund des Schimi kommen alle Anklagen, die wohl im Volk in Umlauf sind. „Möglich ist, dass er David an der Ermordung Abners und Ischbaals die Schuld gibt, wenn nicht gar am Tode Sauls selbst – von Uria ganz zu schweigen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, s. 284) Dass David immer nahe war, immer begünstigt, wenn Blut geflossen ist, dass er oft davon profitiert hat. Dass er auf dem Weg zur Macht skrupellos jeden aus dem Weg räumen ließ, der ihm gefährlich werden konnte.     

     Es ist eine unheimliche Art Gottesentscheid, den Schimi sieht: So wie David das Königtum von Saul gestohlen hat, so nimmt es sich jetzt Absalom. Die Taten früherer Tage fallen auf David zurück.

 9 Aber Abischai, der Sohn der Zeruja, sprach zu dem König: Sollte dieser tote Hund meinem Herrn, dem König, fluchen dürfen? Ich will hingehen und ihm den Kopf abschlagen. 10 Der König sprach: Ihr Söhne der Zeruja, was hab ich mit euch zu schaffen? Lasst ihn fluchen; wenn der HERR ihm geboten hat: Fluche David!, wer darf dann sagen: Warum tust du das?

             Die Zeruja-Söhne sind immer mit Lösungen rasch bei der Hand. Er will Schimi erschlagen wie einen toten Hund.David aber will das nicht. Was, wenn der Fluchende nur sagt, was Gott ihn sagen geheißen hat? Was, wenn Schimi nur die Wahrheit sagt? Man kann die Wahrheit nicht totschweigen, indem man die totschlägt, die sie sagen. In diesen Worten wird wieder etwas sichtbar von dem David früherer Tage, der nicht den eigenen Vorteil sucht, der in der Höhle von En-Gedi nicht zum Mörder wird. Es ist für einen Augenblick, als wäre David des Mordens um der Macht willen leid.     

 11 Und David sprach zu Abischai und zu allen seinen Knechten: Siehe, mein Sohn, der von meinem Leibe gekommen ist, trachtet mir nach dem Leben; warum nicht auch jetzt der Benjaminiter? Lasst ihn ruhig fluchen, denn der HERR hat’s ihm geboten. 12 Vielleicht wird der HERR mein Elend ansehen und mir mit Gutem vergelten sein heutiges Fluchen.

          Irgendwie klingt es, als sei David durch die ganze Aufstandsgeschichte erschüttert bis in die Tiefen seiner Seele. Da ist kein Kampfeswille, um die Macht zu behaupten. Da ist vielmehr Resignation. Was, wenn hinter dem allem der HERR steht?  Weil gegen ihn steht, was er getan hat. Es ist durchaus doppeldeutig: Das Wort für mein Elendbeʽonjȋ-kann in einer anderen Form auch als baʽawônȋmeine Schuld gelesen werden. (vgl. H. W. Hertzberg, aaO. S. 284) Dann ginge es hier womöglich auch um ein Schuldeingeständnis des David und um seine Hoffnung auf Lösung von Gott her. Von daher kann ich das Urteil des Exegeten verstehen und einordnen: „Hier weiß ein Mensch des ATs um das Jahr 1000, dass er in der Führung Gottes steht“ (L. Köhler, Theologie des Alten Testaments, Tübingen 1947, S. 80)

 13 So ging David mit seinen Leuten des Weges; aber Schimi ging am Hang des Berges entlang, neben ihm her, und fluchte und warf mit Steinen nach ihm und bewarf ihn mit Erdklumpen. 14 Und der König kam mit allem Volk, das bei ihm war, müde an den Jordan und ruhte dort aus.

           David geht weiter – des Weges. Und Schimi geht mit und schreit ihm nach und beschimpft ihn und bewirft ihn mit Erdklumpen, mit Dreck. Alles ohne Folgen. Diese wenigen Worte zeichnen das Bild eines innerlich erschöpften Königs, am Jordan. Ruhebedürftig.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben.:

Begegnungen auf dem Fluchtweg. Scheinbar zufällig. Aber sie sind nicht zufällig. „Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.« (A. Schweitzer) In beiden Begegnungen lässt sich David nicht hinreißen. Kaltblütig verpflichtet er sich Ziba. Er nützt einen Spielraum, den er im Moment gar nicht hat. Noch einmal anders und ausgesprochen modern: Er unterstellt, dass Schimi nur seine Rolle spielt in dem großen Drama, eine Rolle, die ihm Gott zugedacht hat. Er soll David daran erinnern, dass Gott auch verwerfen kann. Dass der Grund, auf dem sein Königtum steht, nicht ein Rechtsanspruch ist. Gott hat ihn erhöht. Und darum gilt: In allem ist David von Gott abhängig.

Auch die Geschicht Davids ist nicht die Geschichte eines großen Mannes, sondern die eines fehlsamen Menschen.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 285) Keine Heiligenlegende aus dem Mittelalter. Es ist eine Frage an die Bilder unserer Zeit: Gestehen wir es denen „da oben“ zu, dass sie manchmal müde sind, erschöpft? Gestehen wir es ihnen zu, dass ihnen die Wege ihrer Vergangenheit zu schaffen machen? Gefallen wir uns in der Rolle des Schimi, der dem Flüchtling David  fluchte, mit Steinen warf und ihn mit Erdklumpen bewarf. Immerhin: Schimi macht das von Angesicht zu Angesicht, nicht über facebook, Twitter oder die Nachrichten. Auch nicht als Schreiber oder Sprecher von „seriösen Kommentaren“ in den Medien der Zeit.

 

Was ist, mein Gott, wenn wir auf der Flucht sind? Vor den Anklagen der Vergangenheit? Vor den Gespenstern unserer Fehler? Was ist, wenn wir nicht weiter wissen, weil uns das Glück verlassen hat, unsere Pläne gescheitert sind?

Behalten wir es dann noch im Blick, dass Du der Herr des Geschehens bist und bleibst, auch des Geschehens, das uns mit unseren Fehlern, unserer Schuld und Sünde, unserem Stolpern  konfrontiert?

Gib Du, dass wir uns auch dann an Dich halten, wenn alles gegen uns spricht, alle sich gegen uns wenden, weil wir es glauben: Du bist der Herr und Du bist treu. Amen