Beistand in der Not

 2. Samuel 15, 13 – 37 

13 Da kam einer, der sagte es David an und sprach: Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom zugewandt. 14 David aber sprach zu allen seinen Knechten, die bei ihm in Jerusalem waren: Auf, lasst uns fliehen! Denn hier wird kein Entrinnen sein vor Absalom. Eilt, dass wir gehen, damit er uns nicht einholt und uns ergreift und Unheil über uns bringt und die Stadt schlägt mit der Schärfe des Schwerts.

             David wird von einem – wer das ist, tut nichts zur Sache – informiert über das, was im Gange ist. Es ist für den König eine Katastrophen-Nachricht: Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom zugewandt. Das heißt doch: David ist in seinem Volk völlig isoliert. Aber endlich möchte man sagen: Die alte Tatkraft und Urteilsfähigkeit sind David nicht gänzlich verloren gegangen. Er weiß, dass es jetzt keinen offenen Kampf um Jerusalem geben kann. Flucht ist angesagt. So erspart man auch der Stadt, dass sie zum Schlachtfeld wird. Das ist ein letzter Rest königlicher Weitsicht und Verantwortung.

 15 Da sprachen die Knechte des Königs zu ihm: Ganz wie unser Herr und König will; siehe, wir sind deine Knechte. 16 Und der König zog hinaus und sein ganzes Haus ihm nach. Der König aber ließ zehn Nebenfrauen zurück, das Haus zu bewahren. 17 Und als der König und alles Volk, das ihm nachfolgte, hinauskamen, blieben sie stehen beim letzten Hause. 18 Und alle seine Knechte zogen an ihm vorüber; dazu alle Kreter und Pleter, auch alle Gatiter, sechshundert Mann, die von Gat ihm nachgefolgt waren, zogen an dem König vorüber.

Es wirkt, als hätten die Knechte des Königs noch nicht jedes Vertrauen zu ihm verloren. „Es ist ein Glück für David, dass sein ihn umgebender Hofstaat nicht nur seine Ergebenheit vor den König zum Ausdruck brachte, sondern auch seinen Fähigkeiten, die rechten Entscheidungen zu trennen, traute.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, s. 203) Es gilt erst einmal, den ganzen Apparat- so ist wohl hier sein ganzes Haus zu lesen – in Sicherheit zu bringen. Sie alle nimmt er mit Kreter und Pleter, auch alle Gatiter, sechshundert Mann. Die Leute aus Gat sind Philister! Zurück bleibt Davids Harem. Seine Nebenfrauen.

 19 Und der König sprach zu Ittai, dem Gatiter: Warum gehst auch du mit uns? Kehre um und bleibe bei dem König, denn du bist ein Ausländer und von deiner Heimat hierhergezogen. 20 Gestern bist du gekommen und heute sollte ich dich mit uns hin und her ziehen lassen? Ich gehe nun, wohin ich gehen muss. Du aber kehre um und bring deine Brüder zurück; dir widerfahre Barmherzigkeit und Treue. 21 Ittai antwortete dem König und sprach: So wahr der HERR lebt und so wahr mein Herr und König lebt: Wo immer mein Herr, der König, ist, es gerate zum Tod oder zum Leben, da wird dein Knecht auch sein. 22 David sprach zu Ittai: So komm und zieh vorüber! Da zog Ittai, der Gatiter, vorüber und alle seine Männer und der ganze Tross, der bei ihm war.

Aus den vielen, die mit David ziehen, wird einer hervorgehoben. Ittai, der Gatiter.   Wir wissen nicht, was diesen Philister dazu gebracht hat, sich zu David zu halten. Es scheint, er ist noch nicht lange ein Mann Davids. – Gestern bist du gekommen. so stellt ihm David frei, die Seiten zu wechseln und sich dem König, gemeint ist Absalom!, anzuschließen. David redet sich die Verhältnisse nicht schön. Die stärkere Macht ist auf Absaloms Seite.

Man kann überlegen: Hört Ittai in den Worten Davids eine Treue-Probe? Jedenfalls ist seine Antwort eindeutig. Er wird bei David bleiben. Mag sein, es  klingt hier über das eine biblische Buch hinaus der Satz aus einem anderen Buch an – auch da gesprochen in der Situation, dass Wege sich trennen könnten: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.(Ruth 1, 16-17) Auch da ist es die Fremde aus anderem Volk, die dem Glied Israels die Treue verspricht. David nimmt an und hat so einen treuen Mann gewonnen.  

23 Und das ganze Land weinte mit lauter Stimme, während das ganze Kriegsvolk vorüberzog. Und der König ging über den Bach Kidron, und das ganze Kriegsvolk zog weiter auf dem Wege, der zur Wüste geht.

             Wie denn nun? So fragt man ein wenig verwundert. Hier ist davon die Rede, dass das ganze Land weinte – obwohl doch vorher berichtet war: Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom zugewandt. Es ist der Eindruck der Zerrissenheit, der sich hier aufdrängt. „Der König hat auf seiner Seite nur mehr seine Söldner, überwiegend Ausländer, während das Volk einem Gegenkönig anhängt.“ (W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 192)  

24 Und siehe, Zadok war auch da und alle Leviten, die bei ihm waren, und sie trugen die Lade des Bundes Gottes und stellten sie nieder. Und Abjatar brachte Opfer dar, bis das ganze Kriegsvolk aus der Stadt vorübergezogen war. 25 Aber der König sprach zu Zadok: Bringe die Lade Gottes in die Stadt zurück. Werde ich Gnade finden vor dem HERRN, so wird er mich zurückbringen, dass ich sie und ihre Stätte wiedersehe. 26 Spricht er aber: Ich habe kein Gefallen an dir – siehe, hier bin ich. Er mach’s mit mir, wie es ihm wohlgefällt. 27 Und der König sprach zu dem Priester Zadok: Sieh doch, kehre zurück in die Stadt mit Frieden und mit euch eure beiden Söhne, Ahimaaz, dein Sohn, und Jonatan, der Sohn Abjatars! 28 Siehe, ich will warten bei den Furten in der Wüste, bis von euch Botschaft kommt und mir Kunde bringt. 29 So brachten Zadok und Abjatar die Lade Gottes zurück nach Jerusalem und blieben dort.

 Trotz des Aufbruchs ist noch Zeit, einiges zu regeln. Wohl am Wichtigsten: Die Lade bleibt in Jerusalem David unterbindet das Vorhaben der Priester und Leviten um Zadok, die Lade mit auf die Flucht zu nehmen. Sie gehört nach Jerusalem Es ist ein regelrechtes Gottesurteil, das David vor sich sieht. Werde ich Gnade finden vor dem HERRN, so wird er mich zurückbringen, dass ich sie und ihre Stätte wiedersehe  Es ist sicherlich vom Text her gewollt – ein Kontrastprogramm zu dem eigenmächtigen Sohn!

Immerhin, es ist wie ein Versprechen einer späteren Rückkehr  – er lässt Lade und Priester zurück. Die Priester um Zadok und seine Söhne sollen ihn auf dem Laufenden halten. Sie sind als Informanten in der Nähe des Feindes hoffentlich nützlich. So verbindet sich Frömmigkeit mit nüchterner Instruktion für geheimdienstliche Tätigkeit.

 30 David aber ging den Ölberg hinan und weinte, und sein Haupt war verhüllt, und er ging barfuß. Auch alles Volk, das bei ihm war, hatten ein jeder sein Haupt verhüllt und gingen hinan und weinten. 31 Und als David gesagt wurde, dass Ahitofel im Bund mit Absalom sei, sprach er: HERR, mache den Ratschlag Ahitofels zur Torheit!  

            Es liegt viel Schmerz in diesem Abschied von Jerusalem. Weiß doch keiner, ob er die Stadt jemals wieder sehen wird. David erfährt, dass sein Ratgeber Ahitofel die Seite gewechselt hat, sich mit Absalom verbündet hat. Ausgesprochen nüchtern fällt Davids Reaktion aus: Reisende kann man nicht aufhalten – Aber Ahitofels Ratschläge sollen seinem Namen entsprechen. Feine Ironie.

 32 Und als David auf die Höhe kam, wo man Gott anzubeten pflegte, siehe, da begegnete ihm Huschai, der Arkiter, mit zerrissenem Rock und Erde auf seinem Haupt. 33 Und David sprach zu ihm: Wenn du mit mir gehst, wirst du mir eine Last sein. 34 Wenn du aber in die Stadt zurückkehrst und zu Absalom sprichst: Ich will dein Knecht sein, König; wie ich zuvor deines Vaters Knecht war, will ich nun dein Knecht sein –, so könntest du mir zugut den Ratschlag Ahitofels zunichtemachen. 35 Auch sind die Priester Zadok und Abjatar mit dir. Alles, was du hörst aus des Königs Hause, sollst du den Priestern Zadok und Abjatar sagen. 36 Siehe, es sind bei ihnen ihre beiden Söhne: Ahimaaz, Zadoks Sohn, und Jonatan, Abjatars Sohn. Durch die könnt ihr mir alles zukommen lassen, was ihr hören werdet.

Noch ein Einzelbild aus dieser Auszugsgeschichte. Auf dem Ölberg kommt Huschai, der Arkiter, mit zerrissenem Rock und Erde auf seinem Haupt. Das alles sind Trauerzeichen. David sieht ihn, kennt ihn und reagiert sofort. Er schätzt ihn ein als einen Mann, auf den er sich verlassen kann. Und setzt ihn darum ein als eine Art „Geheimwaffe“. Er soll sich Absalom andienen, mit nur einem Ziel: die Ratschläge Ahitofels zu unterlaufen, sie unglaubwürdig zu machen. Eine Hilfe für Huschai – er ist nicht der einzige David-Getreue. Er wird Hilfe haben, Leute,  die er als Boten nützen kann.

  37 So kam Huschai, der Freund Davids, in die Stadt. Und Absalom zog in Jerusalem ein.

 Ist Absalom listig – das kann David auch. Er schmuggelt ihm einen Ratgeber – den Freund Davids! – unter seine Leute, der vorgeben wird, von David abgefallen zu sein. Absalom zieht in Jerusalem ein und weiß nicht, wer da  – zeitgleich mit ihm – in die Stadt gekommen ist. Wen er später in seinem Gefolge haben wird.

 

Mein Gott, es ist schwer zu lernen, nicht über das Unheil zu klagen, tatenlos und folgenlos, sondern den Spielraum zu nützen, der noch bleibt. Wenn der Handlungs-Spielraum eng geworden ist, zählen die Freunde umso mehr. Die, auf die man sich verlassen kann, wenn man vom Glück verlassen ist. Die, auf die man bauen kann, wenn alle Pläne eingestürzt sind.

Öffne Du uns die Augen, dass wir die sehen, die zu uns stehen. Dass wir Dich sehen, der unsichtbar zu uns steht. Amen