Diebstahl 2.0 – Herzen stehlen

  1. Samuel 15, 1 – 12

 1 Und es begab sich danach, dass Absalom sich einen Wagen anschaffte und Rosse und fünfzig Mann, die seine Leibwache waren. 

 Absalom hat lange genug warten müssen. Jetzt beginnt er mit den Vorarbeiten für die eigene Macht. „Er legt sich einen bespannten Streitwagen zu – eine moderne und höchst wirksame Waffengattung, deren sich sein Vater David noch nicht bedienen mochte – und stellt sich eine 50 Mann starke  Leibwache. zusammen, deutlicher konnte er kaum signalisieren, dass er der kommende starke Mann im Staate war.“(W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 188)Das ist mehr als nur standesgemäßes Auftreten des möglichen Thronfolgers..

 2 Auch machte sich Absalom des Morgens auf und trat an den Weg bei dem Tor. Und wenn jemand einen Rechtsstreit hatte und deshalb zum König vor Gericht gehen wollte, rief ihn Absalom zu sich und sprach: Aus welcher Stadt bist du? Wenn der dann sprach: Dein Knecht ist aus dem und dem Stamm Israels, 3 so sprach Absalom zu ihm: Siehe, deine Sache ist gut und recht; aber du hast keinen beim König, der dich hört. 4 Und Absalom sprach: Oh, wer setzt mich zum Richter im Lande, dass jedermann zu mir käme, der einen Streit oder eine Rechtssache hat, damit ich ihm zum Recht helfe!

             Die Art, wie Absalom agiert, würde man, übertragen auf die neue Zeit Straßenwahlkampf nennen. Er gibt den Volkstribun. Das zieht immer und zu allen Zeiten: Der König ist zu weit weg. Er hat das Ohr nicht bei den Menschen. Die Sorgen der normalen,  kleinen Leute sind ihm fremd – und gleichgültig. Er beklagt öffentlich, dass er nicht Richter sein kann – so als wäre das die Rechtsposition des israelitischen Königs. Er beansprucht darin nicht nur einen Titel – šofe ba aræ – sondern indirekt die Position seines Vaters.

Er schlägt sich angeblich auf die Seite der kleinen Leute- es klingt geradezu nach Parteinahme – aber du hast keinen beim König, der dich hört. Insgesamt wird man sagen müssen: „Er treibt eine sehr wirkungsvolle Stimmungsmache gegen den Vater.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 131)  Vielleicht darf man annehmen, dass es im Volk auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit mit der Art gab, wie David die Aufgabe des Richters handhabte. Die Texte sagen dazu allerdings nichts. 

 5 Und wenn jemand ihm nahte und vor ihm niederfallen wollte, so streckte er seine Hand aus und ergriff ihn und küsste ihn. 6 Auf diese Weise tat Absalom mit ganz Israel, wenn sie vor Gericht kamen zum König. So stahl Absalom das Herz der Männer Israels.                

Er gibt den huldvollen Kronprinzen, der eigentlich nur das Ziel hat, „wieder zu einer Zeit zurück, in der es die – modernen – monarchischen Rangordnungen noch nicht gab.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 197)  In Wahrheit aber ist er, so das harte Urteil des Textes, ein Dieb der Herzen. Daran stimmen wird, dass sch sein Verhalten herumspricht und ihm Sympathien sichert.

7 Nach vier Jahren sprach Absalom zum König: Ich will hingehen und mein Gelübde in Hebron erfüllen, das ich dem HERRN gelobt habe. 8 Denn dein Knecht hat ein Gelübde getan, als ich in Geschur in Aram wohnte, und gesprochen: Wenn mich der HERR nach Jerusalem zurückbringt, so will ich dem HERRN einen Gottesdienst halten. 9 Der König sprach zu ihm: Geh hin mit Frieden! Und er machte sich auf und ging nach Hebron.

             Es ist eine lange Zeit für einen ungeduldigen Menschen – vier Jahre. Der Weg nach Hebron – den Segen Davids hat er dafür. Hebron – hier hat Davids Aufstieg angefangen. Hier ist Absalom geboren. Es zeigt sich in diesem Weg doppeltes – sein Sinn für Symbolik und politischer Pragmatismus. Er will den Aufruhr gegen David im Süden starten, wohl auch, weil er sich sicher darin glaubt, dass die Stämme aus dem Norden ihn sowieso unterstützen werden.

Es ist ein plumpes Täuschungsmanöver. Er spielt dem Vater Frömmigkeit vor – ein Opferfest, für ein Gelübde, das er vor vier Jahren abgelegt haben will. Ob David über dieser Verzögerung nicht Verdacht hätte schöpfen müssen, steht dahin. Er lässt ihn ziehen  mit seinem Segen. Geh hin mit Frieden!  Der so Gesegnete hat allerdings keinen Frieden im Sinn.

10 Absalom aber hatte Kundschafter ausgesandt in alle Stämme Israels und sagen lassen: Wenn ihr den Schall der Posaune hört, so ruft: Absalom ist König geworden zu Hebron.  

Absalom hatte längst konspirative Vorbereitungen getroffen. Kundschafter – Werber in eigener Sache, Agenten und Mittelsmänner, vor allem nach Norden zu den Stämmen dort gesandt. Sie sollen auf den Schall der Posaune warten. „Das Schofar, ein Blasinstrument aus Widderhorn, kündigte königliche Nachrichten an oder proklamierte einen neuen König.(K. vom Orde, aaO. s. 199) Hier ist das letztere mit dem Signal gemeint – sie sollen Absalom zum König ausrufen. Werden sie das tun, so stellen sie sich damit auf seine Seite.

11 Es gingen aber mit Absalom zweihundert Mann von Jerusalem, die geladen waren, und sie gingen ohne Argwohn und wussten nichts von der Sache. 12 Als aber Absalom die Opfer darbrachte, sandte er auch zu Ahitofel, dem Giloniter, Davids Ratgeber, und ließ ihn holen aus seiner Stadt Gilo. Und die Verschwörung wurde stark, und es sammelte sich immer mehr Volk um Absalom.

             Mit Absalom ziehen zweihundert Mann von Jerusalem. Sie sind ahnungslose Weggefährten. Sie glauben sich zu einem Opfer eingeladen, sind aber in Wahrheit dabei, in die Verschwörung hinein verstrickt zu werden. Wer wird ihnen glauben, wenn sie sagen: wir wussten von nichts.

Anders steht es um den Mann, der in Hebron dazu stößt. Ahitofel, der Großvater der Batseba. Ratgeber Davids. Sein Name freilich ist nicht gerade ein Gütezeichen für einen Berater: „Bruder der Torheit“. Ob damit sein Abfallen von David schon vor dem Ergebnis des Putsches gekennzeichnet ist?

Das alles findet statt, ohne dass der Name des Königs, David, auch nur die geringste Rolle spielt.

Was mich beschäftigt:

„Auf das Ganze gesehen,  ist Absaloms Unternehmen ein Versuch, den weitere Gang der Geschichte des Gottesvolkes eigenmächtig zu bestimmen.“ (H. W. Hertzberg, aaO. S. 278) Er ist ein Putschist, einer, der die Grenzen des Machbaren ausloten will. Ein Real-Politiker. Einer, der mit populistischen Methoden auf Stimmen- und Menschenfang ausgeht,  der auch nicht vor verlogenen Parolen zurückschreckt. Darin ist er ein Dieb der Herzen der Männer Israels.

Ist es ganz falsch, ihn so als einen frühen Vorläufer heutiger Populisten zu sehen? Sie alle halten sich für Real-Politiker, die nicht zimperlich sind in der Wahl ihrer Mittel. Sie alle haben diese eine Botschaft: wenn wir an der Macht wären, wäre alles besser. Wenn es nach uns ginge, würden sich die Türen zum Paradies öffnen, wäre die Rettung in den Katastrophen der Zeit sicher. so reden sie, werben sie und stehlen Herzen. Dabei wollen sie gar nicht die Herzen, nur die Stimmen.

Sie sind, so gesehen, taktisch gut beraten. Sie versprechen das Blaue vom Himmel. Und doch sind ihre Berater, so glaube und denke ich, oft genug „Brüder der Torheit.“ Ihre eigensinnigen und eigenmächtigen Wege haben keine Verheißungen Gottes für sich.

 

Heiliger Gott, mache uns hellhörig und wachsam, dass wir den Schmeicheleien nicht auf den Leim gehen, die uns nach dem Mund reden, aber in Wahrheit nur die eigene Macht suchen. Gib, dass wir uns nicht die Herzen stehlen lassen.

Mache uns wachsam denen gegenüber, die andere schlecht machen, um selbst umso besser da zu stehen. Gib, dass wir uns nicht die Herzen stehlen lassen.

Bewahre Du uns davor, unser eigenes Bild hell zu machen, indem wir andere in ein dunkles Licht stellen. Gib, dass wir nicht anderen die Herzen stehlen. Amen.