Reue und Entschuldung

  1. Samuel 12, 1 – 25

 1 Und der HERR sandte Nathan zu David.

             Bis hierher war nur David aktiv. Jetzt wechselt der Akteur. Der HERR greift ein, durch Nathan. Der wird hier nicht weiter als Prophet vorgestellt, weil er ja eine bekannte Person ist. Einer, der David begleitet. Ihn sendet Gott  zu David.

 Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. 2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; 3 aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter. 4 Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war. Und er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

             Nathan erzählt David – eine Geschichte. Von einem Reichen, der alles hat, aber einem Armen alles nimmt, was der hat. Dass dieser Arme in – fast übertriebener . zärtlicher Liebe an seinem einzigen kleinen Schäflein hängt, spielt für den Reichen keine Rolle. Er nahm das Schaf. Für aufmerksame Leser*innen eine deutliche Anspielung auf das Verhalten Davids, der sich Batseba genommen hat. „Das entscheidende Stichwort ist `nehmen´, ein Ausdruck des Missbrauchs herrscherlicher Macht.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 245)

 5 Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! 6 Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

             Der Zuhörer David ist schockiert. So etwas geht gar nicht. Darum packt ihn großer Zorn über den Mann. Offensichtlich hat David die Parabel Nathans nicht als eine fiktive Erzählung gehört, sondern als realen Bericht. Darum sein heftiger Zorn und darum fällt sein Urteil so aus: Der Mann ist ein Kind des Todes. “Die Todesdrohung, mit der David auf den Fall reagiert, ist angesichts des Diebstahls eines Schafes unter juristischen Gesichtspunkten sicher überzogen, entspricht hingegen viel besser einem Urteilüber Ehebruch und Mord.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, ebda.) Zusätzlich zum Todesurteil stellt David die Forderung nach vierfachem Schadenersatz.  

  7 Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!

             Es ist ein Satz wie ein Hammerschlag. Nicht zuletzt durch seine lapidare Kürze. David hat – so Nathan – sich selbst das Urteil gesprochen. „Die fiktive Geschichte wird ihm Schlüssel zur Wahrheit.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, aaO. S. 249) Kein Zweifel: es ist ein Todesurteil. Und dieses Urteil aus Davids eigenem Mund ist gültig. Weit und breit keine Instanz, die es aufheben könnte.

 So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls 8 und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen in deinen Schoß, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun. 9 Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durch das Schwert der Ammoniter. 10 Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.

             Das ist die erste Urteilsbegründung – jetzt als Spruch des HERRN, des Gottes Israels – durch den Propheten. Es ist nicht Nathans Urteils – daran liegt dem Text und das macht er durch die Gottesrede sichtbar. Gott hat David mit Wohltaten geradezu überschüttet, und er hätte noch viel mehr dazu getan, wenn das nicht gereicht hätte. So ist der Übergriff in die Ehe des Uria und der Morde an Uria auch und nicht zuletzt Ausdruck der Missachtung Gottes und fehlender Dankbarkeit. „David hat durch seine Sünde Jahwe selbst, dem er alles zu verdanken hat, verachtet.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 155)

Diese Tat wird Folgen haben. Das Schwert, das David gegen Uria gerichtet hat – er ist der Täter, nicht die, die den Hetiter erschlagen haben – wird sich fortan gegen das Haus Davids richten. Was hier angesagt wird, wirft dunkle Schatten auf die Zukunft Davids.

 11 So spricht der HERR: Siehe, ich will Unheil über dich kommen lassen aus deinem eigenen Hause und will deine Frauen nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei deinen Frauen schlafen soll an der lichten Sonne. 12 Denn du hast’s heimlich getan, ich aber will dies tun vor ganz Israel und im Licht der Sonne.

             Mehr noch: Das Haus Davids wird ein einziger Unruheherd sein, eine offene Wunde. Unheil statt Heil und ausgelöst von seinem Nächsten.  Was hier angesagt wird, wird sich später erfüllen – Absalom, Davids eigener Sohn, wird so zum Gerichtsvollzieher Gottes werden. Er wird nicht nur ungehorsamer, rebellischer Sohn sein – er ist auch Werkzeug Gottes.

Hinter diesen Worten steht eine Denkfigur, wie sie in den Schriften der Weisheit in Israel immer wieder vorkommt: Der Gedanken eines Zusammenhangs zwischen Tun und Ergehen. Das Tun fällt auf die Täter zurück – oft genau in der Weise, in der sie sich vergangen haben. Die bösen Taten holen so auch in ihrer Vergeltung den Täter wieder ein. In diesem Denken  ist auch Jesus zuhause, wenn er sagt: „Wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen.“(Matthäus 26,52)  

 13 Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. 14 Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

   Der überführte Täter gesteht. Ich habe gesündigt gegen den HERRN.  Es trifft wohl zu: „Die Antwort Davids klingt verblüffend kurz und unemotional.“(K. vom Orde, aaO. S. 157) Was fehlt ist das Schuldbekenntnis: Ich habe Blut an den Händen. Ich habe einen Menschen auf dem Gewissen. Es scheint fast, als wolle David diese Angelegenheit seiner Schuld nur mit Gott ausmachen, nicht aber mit den Menschen. Er hat ja nicht nur gesündigt, er ist schuld am Tod eines Menschen! Darf man so etwas Reue nennen, gar vorbildlich für uns?

So knapp Davids Satz ist, so knapp ist auch die Antwort Nathans. So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Das Todesurteil, das David selbst gesprochen und verhängt hatte, ist aufgehoben – in letzter Instanz. Dennoch wird Davids Tun nicht ohne unmittelbare Folgen bleiben. Der Sohn, der dir geboren ist, wird des Todes sterben. Das unschuldige Kind.

15 Und Nathan ging heim. Und der HERR schlug das Kind, das Urias Frau David geboren hatte, dass es todkrank wurde.

Nathan hat gesagt, was zu sagen war. Er geht. Aber die Geschichte geht weiter. Das Kind aus dem Ehebruch wird todkrank – weil der HERR es schlug. „Es fällt schwer, diese Konsequenz hinzunehmen.“(K. vom Orde, aaO. S. 158) Warum muss dieses Kind sterben? Eine mögliche, wenn auch aus heutiger Sicht kaum befriedigende Antwort:  Denen, die über Gott lästern, dass man ihm folgenlos die Dankbarkeit schuldig bleiben könne, dass er doch blind und taub sei und zum Vergeben allezeit bereit, ihnen soll das Maul gestopft werden. Sie sollen erschrecken über den heiligen Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied.

 16 Und David suchte Gott um des Knäbleins willen und fastete, und wenn er heimkam, lag er über Nacht auf der Erde. 17 Da traten herzu die Ältesten seines Hauses und wollten ihn aufrichten von der Erde; er aber wollte nicht und aß auch nicht mit ihnen. 18 Am siebenten Tage aber starb das Kind. Und die Knechte Davids fürchteten sich, ihm zu sagen, dass das Kind tot wäre; denn sie dachten: Siehe, als das Kind noch am Leben war, redeten wir mit ihm, und er hörte nicht auf uns; wie könnten wir ihm nun sagen: Das Kind ist tot! Er könnte ein Unheil anrichten. 19 Als aber David sah, dass seine Knechte miteinander flüsterten, merkte er, dass das Kind tot war, und sprach zu seinen Knechten: Ist das Kind tot? Sie sprachen: Ja.

             Auf diesen so skrupellosen David fällt jetzt doch ein wenn auch schmaler heller Lichtstreif. Er bangt um das Kind. Er sucht um seinetwillen Gott. Wirft sich für den todkranken Sohn bittend zu Boden. der seine Macht so missbraucht hast, wird nun ohnmächtig bittend. Sonst bleibt ihm ja nichts. Fasten und Bitten.

Alle Versuche, ihn aufzurichten, scheitern. Man wird es sich klar machen müssen, die Erzählung spielt in einer Zeit, in der Kinder sterben, viele in den ersten Lebensjahren. So grausam es klingt: das ist ein Stück „Normalität.“ Darum auch die Versuche der Ältesten seines Hauses, David ins Leben zurück zu holen.

Auf dem Hintergrund dieser so unnormalen Verhaltensweisen Davids  wird die Furcht verständlich, wenn es darum gehen wird, David die Wahrheit zu sagen: Das Kind ist tot! Gestorben am siebten Tag der Krankheit. Aber es ist, wie es oft, auch heute ist: wo Angehörige und Freunde versuchen zu vertuschen, ahnen die Betroffenen längt die Wahrheit

 20 Da stand David von der Erde auf und wusch sich und salbte sich und zog andere Kleider an und ging in das Haus des HERRN und betete an. Und als er wieder heimkam, ließ er sich Speise auftragen und aß. 21 Da sprachen seine Knechte zu ihm: Was soll das, was du tust? Als das Kind lebte, hast du gefastet und geweint; nun es aber gestorben ist, stehst du auf und isst? 22 Er sprach: Als das Kind noch lebte, fastete ich und weinte; denn ich dachte: Wer weiß, ob mir der HERR nicht gnädig wird und das Kind am Leben bleibt. 23 Nun es aber tot ist, was soll ich fasten? Kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.

Irritierend ist das Verhalten Davids – vor dem Tod und erst recht nach dem Tod. Kein Zusammenbruch, sondern jetzt Rückkehr ins Leben. „Es ist, als habe er die Trauer bereits vorweggenommen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 259) Für seine Umgebung aber ist das alles so unverständlich und anstößig, dass sie es wagen, ihn darüber zur Rede zu stellen.

Er gibt ihnen seine Deutung: Es ist nichts mehr zu ändern. Wenn der Tod da ist, muss man ihn nicht mehr fürchten. Solange er nicht da ist, mag man Fürsprache bei Gott halten. Danach ist das überholt. Auch das mag mitschwingen: „Die Sache zwischen ihm und Gott ist nunmehr wirklich in Ordnung.“(ebda.) Fast so, als wäre mit dem Kind auch der König selbst gestorben und damit dem Zugriff des Gericht entzogen. „Als Gerichteter  und Geretteter geht David aus der Sache hervor.(ebda.)

Es ist eine nüchterne, gleichwohl bewegende Feststellung: Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück. Es gibt keine Rückkehr, sondern nur ein Nachfolge. Manche Gespräche über das Sterben könnten aus dieser Nüchternheit eine Richtung gewinnen. Die vor uns sterben, sind uns nur ein paar Schritte voraus.

 24 Und als David seine Frau Batseba getröstet hatte, ging er zu ihr hinein und schlief bei ihr. Und sie gebar einen Sohn, den nannte er Salomo. Und der HERR liebte ihn. 25 Und er tat ihn unter die Hand des Propheten Nathan; der nannte ihn Jedidja um des HERRN willen.

Es fällt in diesem so gefühlsarmen Zusammenhang auf: als David seine Frau Batseba getröstet hatte. Wie man sich sein Trösten – hebräisch nāḥam – vorstellen muss, wird nicht gesagt. Deshalb ist es noch nicht belanglos. Es wird aber deutlich getrennt von dem späteren, dass er zu ihr einging und mit ihr schlief.

David ist ein fruchtbarer Vater. Es gibt mit Batseba ein zweites Kind. Im Namen Salomo (schelōmō) steckt der Frieden – schālôm – mit drin. Ob das die Hoffnung ist, die David mit diesem Namen verbindet, dass es doch nicht so kommen möge, dass das Schwert in seinem Haus wütet? Dann könnte der Name versteckter Widerspruch gegen die Gerichtsworte sein, die Nathan ausgesprochen hatte. Weit hergeholt?

Es fällt auf:  Und der HERR liebte ihn. Nur über Salomo und über den Perserkönig Kyros – „Er, den der HERR liebt, wird seinen Willen an Babel beweisen und seinen Arm an den Chaldäern.“(Jesaja 48,14) wird dies als auf eine Einzelperson bezogen gesagt! Es könnte sein, das wird hier hervorgehoben, weil dieser Sohn überlebt, weil er erwachsen werden darf. Er teilt nicht das Schicksal seines früh verstorbenen Bruders. Vielleicht aber ist noch mehr gemeint: „Über diesem Kind – und damit auch über David – leuchtet nun wieder die Gnade Gottes.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 260) Der Sohn wächst bei Nathan als Erzieher auf, nicht im Königs-Palast. Der gibt ihm auch einen Namen – Jedidja – von Jahwe geliebt. Dieser Zweit-Name Salomos wird an keiner anderen Stelle in den Schriften erwähnt werden.  Darum ist es angesagt, sich alle Spekulationen über Erst- und Zweitnamen, Privat- und Dienstnamen zu untersagen.

Was mich beschäftigt:

Wie ist das mit echter  Reue? Muss sie wortreich sein? Oder darf sie so auf wenige Worte reduziert sein, wie bei David? „Es tut mir leid.“ – ist das genug Reue?  Reue darf nicht auf ein Gefühl reduziert werden. sie muss sich den Tatsachen stellen. hier: sie muss den Zusammenhang zwischen Schuld, die Menschen trifft und Sünde, die Gott verletzt, anerkennen.  Was mir gefällt: David wählt nicht die Formulierung, die heute oftmals gebraucht wird: Ich entschuldige mich. Keiner kann sich selbst entschuldigen! Entschuldung geht nur so, dass sie zugesprochen wird.

 

Du heiliger Gott, wie oft habe ich mich in Schuld verstrickt. Wie oft in ich Menschen schuldig geblieben, was ich für sie hatte tun sollen, Achtung und Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe. Wie oft auch bin ich schuldig geworden durch mein Tun, das andere verletzt hat, gekränkt, ihnen das Leben schwer gemacht hat.

Du, mein Gott, kennst meine Schuld. Du willst, dass ich aus aller Schuld erlöst werde, damit ich neu den Weg finde hin zu Menschen, hin zu Dir. Du entschuldest mich in Deiner Liebe. Darüber kann ich Dir nie genug danken. Nimm alle Schritte meines Lebens als Dank. Amen