Ein königliches Gebet

  1. Samuel 7, 17 – 29

 17 Als Nathan alle diese Worte und dieses Gesicht David gesagt hatte, 18 kam der König David und setzte sich vor dem HERRN nieder und sprach:

             Nathan hat gesprochen. Er hat die Worte und das Gesicht mitgeteilt. „Der Begriff „Gesicht“ oder „Vision“ lässt zunächst an eine visuelle Offenbarung denken. Hier wird jedoch das Wort im umfassenden Sinn für „Offenbarung zu verstehen sein.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 109) David hat gehört. Jetzt geht David und sucht die Gegenwart des HERRN. Wo? In dem Zelt, das in Jerusalem aufgeschlagen ist?

 Wer bin ich, Herr HERR, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast? 19 Aber nun hast du das noch für zu wenig gehalten, Herr HERR, und hast dem Hause deines Knechtes sogar für die ferne Zukunft Zusagen gegeben, und das nach Menschenweise, Herr HERR! 20 Und was soll David noch mehr reden mit dir? Du kennst ja deinen Knecht, Herr HERR! 21 Um deines Wortes willen und nach deinem Herzen hast du alle diese großen Dinge getan, dass du sie deinem Knecht kundtust.

   Es klingt demütig, gemischt mit Staunen. David weiß, woher er gekommen ist. David weiß, dass er dort, wo er jetzt ist, in seiner Macht, nur deshalb ist, weil der HERR ihn bis hierher gebracht hat. Und jetzt eröffnet er ihm – weit über die Gegenwart hinaus – noch ferne Zukunft.  

Was bleibt, ist Staunen. Anbetung. Wer bin ich schon? Es ist das gleiche Staunen, wie es sich in den Worten des Psalms hören lässt:

HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                    Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                             Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                             und siehst alle meine Wege.                                                                                                        Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                              das du, HERR, nicht alles wüsstest.                                                                                      Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                           und hältst deine Hand über mir.                                                                                         Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,                                                       ich kann sie nicht begreifen.“                       Psalm 139, 1 – 6        

 Was bleibt ist die Einsicht: dieses Handeln Gottes hängt nicht an irgendwelchen „Qualitäten“, die für David sprechen, die Gott ihn hätten auserwählen lassen. Es hängt allein an Gott. An seinem Wort, an seinem Herzen. vielleicht darf man so lesen: Das Wort macht sichtbar, manifest, was im Herzen Gottes ist. „Das Wort der Verheißung, das schon früher an ihn erging, jetzt neu ergeht, ist ein Zeichen dafür, wie Gott gegen ihn gesinnt ist.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 235)

22 Darum bist du groß, Herr HERR! Denn es ist keiner wie du, und ist kein Gott außer dir nach allem, was wir mit unsern Ohren gehört haben. 23 Und wo ist ein Volk auf Erden wie dein Volk Israel, um dessentwillen Gott hingegangen ist, es zu erlösen, dass es sein Volk sei, und ihm einen Namen zu machen und für euch so große und furchtbare Dinge zu tun, Völker und ihre Götter zu vertreiben vor deinem Volk, das du dir aus Ägypten erlöst hast? 24 Und du hast dir dein Volk Israel zubereitet, dir zum Volk in Ewigkeit, und du, HERR, bist ihr Gott geworden.

             Der Blick weitet sich – auf Gott und auf das Volk. Kein Gott wie du und parallel dazu: kein Volk wie Israel. Wobei die Einzigartigkeit des Volkes Israel nicht in dem steht, was es vorzuweisen hat als Eigenart des Volkes, als Volkscharakter auch, sondern allein darin, dass Gott hingegangen ist, es zu erlösen, dass es sein Volk sei. Es ist Gott, der Israel einzigartig macht. Ohne Gott ist es nur ein Volk wie alle Völker. Das ist der Grundton und Zielpunkt des Gebetes: „Das Volk und Jahwe gehören zusammen- für ewig.“(K. vom Orde, aaO. S. 114)

 25 So bekräftige nun, HERR, Gott, das Wort in Ewigkeit, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, und tu, wie du geredet hast! 26 So wird dein Name groß werden in Ewigkeit, dass man sagen wird: Der HERR Zebaoth ist Gott über Israel, und das Haus deines Knechtes David wird bestehen vor dir.

             Aus allem bis hierher ergibt sich die Bitte Davids, Nicht, weil David Zweifel kennt, immer noch unsicher ist, sondern gerade, weil er gewiss ist, bittet er: bekräftige nun, HERR, Gott, das Wort in Ewigkeit. Gott soll zu seinem Wort stehen. Wenn es richtig ist, was manche Ausleger denken, dass dieses Gebet in seiner jetzigen Form erst in viel späterer Zeit seinen Eingang in den Text gefunden hat, dann sind diese Worte auch in späterer Zeit eine Erinnerung an Gott: Stehe zu deinem Wort.

 27 Denn du, HERR Zebaoth, du Gott Israels, hast das Ohr deines Knechts geöffnet und gesagt: Ich will dir ein Haus bauen. Darum hat dein Knecht sich ein Herz gefasst, dass er dies Gebet zu dir gebetet hat. 28 Nun, Herr HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit. Du hast all dies Gute deinem Knecht zugesagt. 29 So fange nun an und segne das Haus deines Knechts, dass es ewiglich vor dir sei; denn du, Herr HERR, hast’s geredet, und mit deinem Segen wird deines Knechtes Haus gesegnet sein ewiglich.

Das alles – die Worte der Verheißung hat David gehört. Sie sind so groß. Sie haben ihn berührt, dazu bewegt, sich ein Herz zu fassen und zu beten. Anzubeten und zu bitten: So fange nun an. „Mach hin“ würde man heute vielleicht salopp sagen. Es soll nicht bei den Worten der Verheißung bleiben. Aus den Worten soll Geschichte werden! Geschichte Israels und Geschichte der Davids-Dynastie. Darum bittet David.

Noch einmal das Leit-Wort, das sich durch das ganze Kapitel, nicht nur durch das Gebet Davids zieht: ad-olam. Ewiglich.

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Kapitel 7 stellt für die gesamte Davidüberlieferung den Höhepunkt dar.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 233) Das ist eine Einschätzung, die nicht zuletzt dem „messianischen Potential“ des Kapitels geschuldet ist. Die Sätze über den Nachkommen und sein ewiges Königtum lesen Christ*innen seit den Anfängen der Christenheit auf Jesus als den Christus, den Messias Gottes hin. „Erfüllt wird das da, wo das Wort von dem Davidssohn, der der „Gottessohn“ ist, Wohnung macht und unter  uns das „Zelt“ aufschlägt.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 235) So dürfen wir lesen, weil es diese offene Seite zum Messianischen hin in diesem Kapitel deutlich gibt. Juden lesen diese Worte anders.

Über diese Leseweise hinaus erscheint es – mir – als eine besondere Herausforderung, gerade auch in unsere Zeit hinein: „Der Glaube an die unbegründete und deshalb nicht herbeizwingbare Zuwendung Gottes zu einzelnen Menschen, zu seinem alttestamentlichen Volk und – in neutestamentlicher Erweiterung des Horizonts – zu allen Menschen durchzieht die ganze Offenbarung Gottes in der Bibel.“(K. vom Orde, aaO. S. 113) Wie anders denken Menschen heute, wenn sie Gott geradezu verpflichtet sehen, sich zu kümmern, wenn sie ihn unter Anklage stellen, weil er nicht alle ihre Erwartungen erfüllt. Wie anders auch, wenn die Zuwendung Gottes abhängig gemacht wird von der Qualität, die Menschen vorweisen können und wenn die Zuwendung Gottes auf die eigene, exklusive Gruppe beschränkt sein soll. Die Freiheit Gottes, die David bestaunt und anbetet, ist heute vielen eher frag-würdig, ärgerlich, jedenfalls fremd.

 

Du, Gott, Heiliger, Erbarmer, bist frei. Du bist frei in deinem Erwählen, nicht gebunden an irgendwelche Vorleistungen, durch die wir dich nötigen könnten, auch nicht zu binden durch unser Beten. 

Aber in Deiner Freiheit bindest Du Dich selbst an Dein Wort, an Dein Erbarmen, an die Gnade. Mir bleibt nur das Staunen, die Dankbarkeit, die Anbetung, wenn ich Dich sehe, verhüllt in die Gestalt Deines Sohnes, offenbart in der Liebe, die ewig bleibt – am Kreuz.

Dir sei Lob und Ehre, Anbetung und Dank – mein Leben lang. Amen