Der weite Horizont

  1. Samuel 7, 1 – 16

 1 Als nun der König in seinem Hause saß und der HERR ihm Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden umher, 2 sprach er zu dem Propheten Nathan: Sieh doch, ich wohne in einem Zedernhause, die Lade Gottes aber wohnt unter Zeltdecken. 3 Nathan sprach zu dem König: Wohlan, alles, was in deinem Herzen ist, das tu, denn der HERR ist mit dir.

Der rastlose Lauf zur Macht ist unterbrochen. David kommt zur Ruhe. In dieser Zeit der Ruhe fällt ihm eine Diskrepanz auf – hier das Zedernhaus des Königs – da das Zelt für die Lade Gottes. Es liegt regelrecht auf der Hand: „Sollte nicht David, nachdem er immerhin die Lade nach Jerusalem gebracht hatte, über die Frage nachgedacht haben, wie diese angemessen und ehrenvoll untergebracht werden könnte?“(W. Dietrich, David, Leipzig 2016, S. 54) Es ist wohl so, dass es Ruhezeiten braucht, wo das Tagesgeschäft Freiheit lässt, damit Unstimmigkeiten und Ungleichgewichte bemerkt werden können. Es ist eine knappe Formulierung, aber sie lässt keinen Zweifel: David findet es nicht in Ordnung, so wie es jetzt ist – mit der Lade in einem Zelt. Das ist der Größe und Güte Gottes nicht angemessen.

Propheten müssen nicht immer und schon gar nicht aus Prinzip widersprechen. Auch nicht immer gleich. So sagt Nathan, was bis heute gerne gehört wird: alles, was in deinem Herzen ist, das tu. eine frühe Version der gängigen Weisheit: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Das spricht nicht dafür, dass Nathan in einem möglichen Tempelbau Davids einen Angriff auf die Freiheit Jahwes gesehen haben müsste und deshalb schon jedem Plan im Anfang erbittert Widerstand hätte leisten müssen.

4 In der Nacht aber kam das Wort des HERRN zu Nathan: 5 Geh hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht der HERR: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne? 6 Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag, da ich die Israeliten aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, sondern ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung. 7 Habe ich die ganze Zeit, als ich mit allen Israeliten umherzog, je geredet zu einem der Richter Israels, denen ich befohlen hatte, mein Volk Israel zu weiden, und gesagt: Warum baut ihr mir nicht ein Zedernhaus?

             Hat Nathan in der Nacht Zeit zum Nachdenken und kommt zu neuer Einsicht? „Nathan wende sich grundsätzlich gegen den Tempelbau, als ein nomadischer Konservativer nämlich, der ein festes Gotteshaus als etwas dem Gott Israels Unangemessenes betrachte.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 144) So eine Stimme im vielstimmigen Gewirr der Wissenschaft.

Aber die Worte Nathans werden im biblischen Text nicht auf ihn zurückgeführt. Es ist steil formuliert: das Wort des HERRN kam zu Nathan. Das kann doch nur heißen, dass Nathan nicht seiner Theologie folgend argumentiert, sondern dass hinter diesen Worten „eine neue Offenbarung“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 233)steht. Gott hat seit der Wüste keinen Dauerwohnsitz eingenommen und auch nie eingefordert. Deshalb ist er noch lange nicht ortlos gewesen, utopisch. Es mag hilfreich sein: „Hier wird unterschieden zwischen jāschab = dauernd wohnen, bleiben und schākan = vorübergehend Aufenthalt nehmen.“(H. W. Hertzberg, ebda.) Auch das „Zelt der Begegnung“, die Stiftshütte in der Wüste (2. Mose 25) war ja kein Dauerwohnsitz Gottes und auch in Silo ist er nicht ortsgebunden gewesen.

 8 Darum sollst du nun so zu meinem Knecht David sagen: So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe dich genommen von den Schafhürden, dass du Fürst sein sollst über mein Volk Israel, 9 und bin mit dir gewesen, wo immer du hingegangen bist, und habe alle deine Feinde vor dir ausgerottet; und ich will dir einen großen Namen machen gleich dem Namen der Großen auf Erden.

 Es ist eine deutliche Klarstellung: Es ist nicht Davids Sache, Gott groß zu machen. Es ist Gottes Wille, David groß zu machen, zu erhöhen. „Ihm hat sich Gott persönlich zugewandt, um ihn aus kleinsten Anfängen zu einem der nächtigsten Herrscher aufsteigen zu lassen.“ (J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 112) Gott hat seinen Knecht zu einem Fürsten – nagid –  gemacht. Es ist wie eine Zusammenfassung des seitherigen Lebensweges Davids. Hinter diesem Weg steht immer der Wille Gottes. Auf allen Wegen – durch viele Irrungen und Wirrungen hindurch – ist David nicht allein gewesen. Ich bin mit dir gewesen, wo immer du hingegangen bist. Das gilt für die Zeit der Verfolgung durch Saul, für die Zeit als Freischärler, für die Zeit bei den Philistern, für die Zeit des Kampfes um die Macht.

 10 Und ich will meinem Volk Israel eine Stätte geben und will es pflanzen, dass es daselbst wohne und sich nicht mehr ängstigen müsse und die Kinder der Bosheit es nicht mehr bedrängen, wie vormals, 11 seit der Zeit, da ich Richter über mein Volk Israel bestellt habe. Ich will dir Ruhe geben vor allen deinen Feinden.

             Der Blick wird weggelenkt von David auf das Volk: Es soll seinen Ort finden. Es soll zur Ruhe finden – hier klingen die Erinnerungen an die Richterzeit an, in denen es die große Sehnsucht Israels war, zur Ruhe zu gelangen, herauszukommen aus den Bedrängnissen durch Feinde von außen. Das ist die Botschaft, Gottes, die er durch Nathan ausrichtet: Das Volk und der König – sie haben eine gemeinsame Zukunft. Weil Gott sie geben wird.

 Und der HERR verkündigt dir, dass der HERR dir ein Haus bauen will. 12 Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen.

             „Der Gott Israels legt sich in der Prophetie des Natan fest auf die Dynastie Davids.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, aaO. S. 148) Der gleiche Gott, der es Saul verweigert hat, dass aus ihm eine Königs-Dynastie entstammen wird. Gott „fördert ab einen gewissen Zeitpunkt Saul nicht mehr, dafür aber ganz und rückhaltlos David.“(W. Dietrich, aaO. S. 38) Und Gott verspricht, dass es nicht bei der Förderung nur Davids bleiben wird. Sondern er wird David ein Haus bauen. Eine Königs-Dynastie. Er wird ihm einen Nachkommen erwecken, dem will ich sein Königtum bestätigen. Das sprengt die Gegenwart und öffnet die Zukunft.

13 Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich.

Das Tempelbau-Projekt wird nicht abgesagt, aber verschoben. Dieser Nachkomme, dessen Namen nicht genannt wird, dessen Namen aber jeder Leser der alten Texte weiß, wird es durchführen, meinem Namen ein Haus zu bauen. Im Namenschem – wird Gott gegenwärtig sein. Warum der Nachkomme und nicht David? Kein Wort dazu hier im Samuelbuch. Immerhin – damit ist allen, die in der Nathans-Verheißung eine grundlegend-radikale Kritik am Tempelbau sehen wollen, doch ein wenig Wind aus den Segeln genommen.

Die Schreiber der Chronik dagegen scheinen mehr zu wissen über die Gründe der Verschiebung: Aber Gott ließ mir sagen: Du sollst meinem Namen kein Haus bauen; denn du bist ein Kriegsmann und hast Blut vergossen.“(1. Chronik 28,3) So wird die unheilige Allianz von Gottesdienst und Krieg unterbunden. Sie hat von Gott her keinerlei Legitimation!    

14 Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein. Wenn er sündigt, will ich ihn mit Menschenruten und mit menschlichen Schlägen strafen; 15 aber meine Gnade soll nicht von ihm weichen, wie ich sie habe weichen lassen von Saul, den ich vor dir weggenommen habe.

             Es ist ein schier unglaublicher Satz: Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein. Man wird gut daran tun, erst einmal festzustellen: So kann damals vom König als dem Sohn Gottes gesprochen werden. Er wird mit seiner Thronbesteigung „adoptiert“.

„Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN.                                                                     Er hat zu mir gesagt: »Du bist mein Sohn,                                                                      heute habe ich dich gezeugt..“          Psalm 2,7  

Auch das gehört dazu, dass die Sünden eines solchen Königs nicht ungestraft bleiben. Weil Gott in Sachen Sünde keine Kompromisse macht – ohne Ansehen der Person.  Aber an der Gnade wird sich auch dann, durch solches Strafen, nichts ändern. Das gilt von Gott her für diesen Nachkommen: „Verwerfen wird er ihn nicht, sondern ihm verbunden  bleiben wie der Vater dem Sohn.“(J. Conrad, aaO. S. 113)

 16 Aber dein Haus und dein Königtum sollen beständig sein in Ewigkeit vor dir, und dein Thron soll ewiglich bestehen.

Noch einmal: beständig soll das Königtum Davids bleiben. In Ewigkeit. ad-olam. Gleich siebenmal wird diese Wendung im gesamten Kapitel 7 verwendet werden und unterstreicht so: Dauer, Beständigkeit, Verlässlichkeit. Das sagt Gott seinem Knecht David zu.

 

Du bist treu, mein Gott und Herr. Du bist beständig in Deiner Gnade. Du hältst fest an dem, den Du erwählt hast durch alle Irrungen und Wirrungen der Zeit hindurch.

Lass uns die Zeichen Deiner Treue sehen an Abraham und Jakob, an David und Salomo, an Deinem Volk, an Jesus Christus, dem gekreuzigten und Auferstandenen. Deine Wahl ist eine Wahl auf ewig.

Hilf Du mir, Deine Treue zu glauben für uns heute, auch in den Irrungen und Wirrungen unseres Lebens. Amen