Anbeten mit allen Sinnen

2. Samuel 6, 1 – 23

1 Und David sammelte abermals die ganze junge Mannschaft in Israel, dreißigtausend Mann,

2 und machte sich auf und zog mit dem ganzen Volk, das bei ihm war, nach Baala in Juda, um die Lade Gottes von dort heraufzuholen; diese ist genannt nach dem Namen des HERRN Zebaoth, der über den Cherubim thront.

Es folgt ein Abschluss der „Lade-Erzählung“ – die schon in 1. Sam 4 – 6 begonnen hatte. Durch den Sieg über die Philister ist der Weg frei, jetzt auch die Lade, den Kasten – ʼarôn  – heimzuholen. „Die Lade ist ein transportables Kultgerät – ein Thron, ein Podest oder ein Schemel – auf dem man sich Gott gegenwärtig gedacht hat.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 121) Was in dem Kasten war, ist unklar. Bis heute. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Es ist ein Großaufgebot – immerhin dreißigtausend Mann – das sich nach Baala in Juda auf den Weg macht. Man wird diese Zahl allerdings einigermaßen skeptisch zur Kenntnis nehmen dürfen. An anderer Stelle wird als der Ort, an dem die Lade weilt,  Kirjat-Jearim genannt. Es ist der gleiche Ort, etwa 13 km nordwestlich von Jerusalem gelegen. Diese große Schar, zusammen mit dem ganzen Volk ist ein Hinweis: Hier geht es um mehr als irgendeinen Kasten. Was hier geschehen wird, hat Bedeutung für das ganze Volk. Es ist nicht weniger als ein Neuanfang nach jahrzehntelangem Stillstand in Sachen Lade.

3 Und sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und holten sie aus dem Hause Abinadabs, der auf dem Hügel wohnte. Usa aber und Achjo, die Söhne Abinadabs, führten den neuen Wagen 4 mit der Lade Gottes, und Achjo ging vor der Lade her. 5 Und David und ganz Israel tanzten vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.

 Die Lade wird aus dem Hause Abinadabs abgeholt. Es ist kein sonderlich zeremonieller Aufwand, der hier getrieben wird. Immerhin: ein neuer Wagen. „Der Gefahr, auf ein Gefährt geladen zu werden, dass durch frühere Verwendung unrein geworden sein könnte, wollte man die Lade nicht aussetzen.“ (K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 89) Nichts deutet auf heilige Ehrfurcht und frommen Schauer hin.

Es ist ein großes Fest, das hier beginnt –David und ganz Israel tanzten vor dem HERRN her mit aller Macht. Man tut gut daran, diese Art Gottesdienst nicht von der eher steifen Festlichkeit unserer liturgischen Feiern her zu verstehen. Sie hat vielleicht mehr von einem „Rosenmontagsumzug“ als von einem Gottesdienst oder einer Messe sonntags um 10 Uhr.

 6 Und als sie zur Tenne Nachons kamen, griff Usa zu und hielt die Lade Gottes fest, denn die Rinder glitten aus. 7 Da entbrannte des HERRN Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes. 8 Da ergrimmte David, dass der HERR den Usa so wegriss, und man nannte die Stätte »Perez-Usa« bis auf diesen Tag.

             Plötzlich verstummt das fröhliche Treiben. Als die Rinder ins Rutschen kommen, greift Usa zu, um die Lade zu halten. Und bezahlt seinen gut gemeinten Griff mit dem Leben. Er hat zugegriffen, „offenbar unter Außerachtlassung der sonst bei der Bedienung der Lade üblichen Maßnahmen.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 228) Ein tödlicher Regelverstoß gegen die alte Ordnung: „Wenn nun Aaron und seine Söhne beim Aufbruch des Heeres dies alles ausgerichtet und das Heilige und all sein Gerät bedeckt haben, dann sollen die Söhne Kehat kommen, um es zu tragen. Sie sollen aber das Heilige selbst nicht anrühren, dass sie nicht sterben.“(4. Mose 4, 15)

Wollte Usa sich und die Lade vor dem Zorn Davids schützen, der gewiss nicht sehr begeistert gewesen wäre, wenn die Lade verunglückt wäre? Das drohte ja, dass die Lade nicht nur in eine Schieflage gerät, sondern abstürzt. Bei diesem Rettungsversuch stirbt Usa. Ein Tod, den alle, David zuvörderst, dem HERRN anlasten. Er zürnt – wegen fehlender Ehrfurcht, mangelnder zeremonieller Haltung, wegen Kleinglaubens. Als ob Gott auf menschliche Hilfe angewiesen sei um die Lade zu bewahren. Nüchtern betrachtet. Ein Unglücksfall auf dem Transportweg. In der Deutung des Textes eine Strafaktion Gottes. Für den heutigen Leser wirkt dieser Tod unfassbar, unpassend, irgendwie wie eine göttliche Überreaktion.

 9 Und David fürchtete sich vor dem HERRN an diesem Tage und sprach: Wie soll die Lade des HERRN zu mir kommen? 10 Und David wollte die Lade des HERRN nicht zu sich bringen lassen in die Stadt Davids, sondern ließ sie bringen ins Haus Obed-Edoms, des Gatiters. 11 So blieb die Lade des HERRN drei Monate im Hause Obed-Edoms, des Gatiters, und der HERR segnete ihn und sein ganzes Haus.

             Man ahnt in den Worten etwas von der verstörenden Wirkung dieses Zwischenfalls. Sie bringt alle Planungen und die ganze Prozession durcheinander. Das Unternehmen Heimholung der Lade wird abgebrochen .Se wird wieder einmal unterwegs geparkt, diesmal im Haus Obed-Edoms. Drei Monate ist sie dort abgestellt. und der gleiche Gott, der so unberechenbar in seinem Zorn gehandelt hat, ist jetzt unberechenbar ist seinem Segen. Dieser Mann – Knecht Edoms – „von Hause aus Verehrer eines fremden Gottes (H. W. Hertzberg, aaO. S. 229) obendrein ein Gatiter, also ein Philister, erfährt Segensfülle.

     Es ist eine Lektion für David: „Wie alle anderen Sterblichen muss auch dieser große König die Erfahrung machen, dass über die Lade Gottes niemand verfügt als Gott selbst…. Der König kann Gott nicht zu sich holen – er kann nur warten, dass  Gott zu ihm kommt.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 134) Es ist nicht ohne Ironie erzählt: die Gegenwart der Lade segnet den Fremden, die gleiche Lade, die den wohlmeinenden Helfer Usa zu Tode gebracht hatte.

 12 Und es wurde dem König David angesagt, dass der HERR das Haus Obed-Edoms segnete und alles, was er hatte, um der Lade Gottes willen. Da ging er hin und holte die Lade Gottes aus dem Hause Obed-Edoms herauf in die Stadt Davids mit Freuden. 13 Und als die Träger mit der Lade des HERRN sechs Schritte gegangen waren, opferte man einen Stier und ein fettes Kalb. 14 Und David tanzte mit aller Macht vor dem HERRN her und war umgürtet mit einem leinenen Priesterschurz. 15 Und David mit dem ganzen Hause Israel führte die Lade des HERRN herauf mit Jauchzen und Posaunenschall.

            Salopp könnte man sagen: der Segen, der von der Lade ausgeht für das Haus Obed-Edoms spricht sich herum, bis zu David. Darum wird jetzt die unterbrochene Heimholung wieder in Gang gesetzt. Ausdrücklich nach den Schreckensereignis des ersten Abschnittes vermerkt: mit Freuden. Zugleich allerdings sorgfältig als Prozession inszeniert, deutlich durch den Auftakt: schon auf den ersten Metern, nach sechs Schritten opferte man einen Stier und ein fettes Kalb. Man lässt sich „nicht mehr zu solcher Nachlässigkeit verleiten, wie dies vorher geschehen war.“ (K. vom Orde, aaO. S. 93)

 Der Freude auf diesen Weg darf die neue Sorgfalt keinen Eintrag tun. David tanzte mit aller Macht vor dem HERRN. In dieser Freude sind der neue König und das Volk ganz beieinander. Der Tanz Davids ist nicht einfach nur Gehopse. „Für das Tanzen findet sich hier ein Wort, das mit kίkkār (Kreis) zusammen hängt und eine drehende Bewegung kennzeichnet … Wichtig ist, dass David hierbei priesterliche Funktionen ausübt, wie denn auch berichtet wird, dass er das Volk segnet.“ (H. W. Hertzberg, ebda.) Der Weg führt in die Stadt Davids. Erstmals wird Jerusalem so bezeichnet. Wo die Lade dort ihren Platz finden wird, ist noch kein Thema – sie kommt in die neue Stadt des Königs

 16 Und als die Lade des HERRN in die Stadt Davids kam, sah Michal, die Tochter Sauls, durchs Fenster und sah den König David springen und tanzen vor dem HERRN und verachtete ihn in ihrem Herzen.

             Es wirkt wie eine Einblendung- Ausleger reden von einer späteren Zufügung. Einer Art Epilog zur Lade-Erzählung.  Michal wird ausdrücklich als die Tochter Sauls vorgestellt, sieht dem Treiben auf der Straße zu. Das allein vermittelt schon Distanz zu dem Geschehen. sie sieht nur einen tanzenden König David – aber immerhin: vor dem HERRN. Das heißt doch: sie versteht, dass es hier nicht um Volksfest, sondern um Gottesdienst geht. Wenn sie dennoch David verachtete, so muss mehr dahinter stecken als nur verletzte ästhetische Gefühle.

Eine These, die etwas für sich haben könnte: „Michal „ist eine streng jahwistische denkende Nordisraelitin. David aber will sie, ganz jebusitischer Herrscher, in die kanaanäische Zeremonie einbeziehen, die „heilige Hochzeit.“ Eben darauf stimmt er sich in seinem orgiastischen Tanz ein und eben das ist ihr zuwider.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, aaO. S. 136) Die Schwäche dieses Gedanken: es gibt weit und breit keine Andeutung im Text, die auf so etwas wie „heilige Hochzeit“ hindeutet, auch nicht auf eine Aufforderung Davids an Michal, an so einem Fest teilzuhaben. Es gibt auch keine Auskünfte über Michal als strenggläubige Jahwe-Verehrerin. Man wird also weiter rätseln dürfen, was hinter dem Verachten der Michal steckt – ob Hochmut, Entfremdung, oder doch eine bei ihr tiefer gehende alte Verletzung-Geschichte.

 17 Als sie die Lade des HERRN hineinbrachten, stellten sie sie an ihren Ort mitten in dem Zelt, das David für sie aufgeschlagen hatte. Und David opferte Brandopfer und Dankopfer vor dem HERRN. 18 Und als David die Brandopfer und Dankopfer beendet hatte, segnete er das Volk in dem Namen des HERRN Zebaoth, 19 und er ließ austeilen allem Volk, der ganzen Menge Israels, Mann und Frau, einem jeden einen Brotkuchen, einen Dattelkuchen und einen Rosinenkuchen. Danach kehrte alles Volk heim, ein jeglicher in sein Haus.

        Die Schilderung kehrt zur Lade zurück. Sie findet ihren Platz – vorläufig. In einem für sie aufgeschlagen Zelt. Das Heiligtum aus der Wüste war immer in einem Zelt untergebracht. Von daher passt dieser Ort auch jetzt. Das Fest geht weiter. Alle sind eingeladen. Brandopfer, Dankopfer und Volksspeisung. Und in der Mitte: der segnende König –  in dem Namen des HERRN Zebaoth. Des Allherrschers – im griechischen NT: pantokrator – hier aber:  κυρος τν δυνμεων.  Wie schön. Für alle ist gesorgt.

 20 Als aber David heimkam, sein Haus zu segnen, ging Michal, die Tochter Sauls, heraus ihm entgegen und sprach: Wie herrlich ist heute der König von Israel gewesen, als er sich vor den Mägden seiner Knechte entblößt hat, wie sich die losen Leute entblößen!

             Nur Michal stört das schöne Bild. Sie tritt dem König, der sein Haus zu segnen heimkommt, kritisch, überkritisch entgegen. Es ist blanke Ironie, aber vielleicht steckt ja dahinter so etwas wie Fremdschämen. Auch das könnte sein – Michal kritisiert den König, dessen „nicht eben zurückhaltendes Sexualleben(W. Dietrich/ Th. Naumann, ebda.) sie doch auch gekränkt haben wird. Sie, die Königstochter muss sich diesen Man mit einer unüberschaubaren Frauenschar teilen. Das wird nicht dadurch weniger schmerzhaft, dass David nur tut, was alle orientalischen Herrscher so zu tun pflegen.

Michal reduziert in ihren Sätzen den kultischen Tanz auf eine Entblößung. Nicht Jahwe – der König ist Zielpunkt ihrer Kritik. David hat sich gemein gemacht mit den losen Leuten, die so etwas tun – nackt tanzen. Das Religiöse in diesem Tanz mag Michal nicht sehen oder nicht akzeptieren.

21 David aber sprach zu Michal: Ich will vor dem HERRN tanzen, der mich erwählt hat vor deinem Vater und vor seinem ganzen Hause, um mich zum Fürsten zu bestellen über das Volk des HERRN, über Israel, 22 und ich will noch geringer werden als jetzt und will niedrig sein in meinen Augen; aber bei den Mägden, von denen du geredet hast, will ich zu Ehren kommen.

             Umso steiler wirkt Davids Reaktion. Er streitet schlicht ab, dass es hier nur um Spaß und überquellende Energie, Vitalität ging. Sein Tanzen ist bis in die äußere Form hinein Verehrung des HERRN. Er ist erwählt, zum Fürsten bestellt. Daran ändert sich nichts dadurch, dass er sich in Michals Augen gering gemacht hat. Denn er hat sich erniedrigt vor dem Gott, der ihn erhöht hat. „Von Jahwe war er erhöht worden zum Fürsten, vor ihm konnte er und wollte er sich erniedrigen.“ (K. vom Orde, aaO. S. 97)

23 Aber Michal, Sauls Tochter, hatte kein Kind bis an den Tag ihres Todes.

             Was für ein harter Satz. Was für eine ernüchternde Feststellung. Die Tochter Sauls bleibt kinderlos. Weil David sich ihr verweigert? Weil Gott sie „straft“? „Es gibt kein saulidisches Blut auf Israels Thron.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 230) Keinen Nachfahren Sauls. Nur dieses Faktum interessiert den Gesamt-Text.

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 „Die christlichen Ausleger des frühen Mittelalters sehen den tanzenden David in feierlichem Reigen die Einheit seines Reiches, ja sogar die Vereinigung mit dem kreisenden Firmament symbolisieren und so geradezu zum Typos des zum Himmel aufgefahrenen Christus werden.; auf der anderen Seite bedeutet ihnen, dass der sieghafte König nackt tanzt, eine tiefe Selbstdemütigung.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, aaO. S. 134f.) Von da aus ist es nicht weit, um David mit dem Jesus-Wort zusammen zu bringen:  „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“(Matthäus 23,12) Davids Weg zu dem gemeinen Volk bildet den Weg der Herabkunft Gottes in die Niedrigkeit der Welt ab. „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“(Philipper 2, 6 – 7) So dürfen Zusammenhänge gelesen werden,  solange wir nicht unterstellen, sie seien schon im Text der Hebräischen Bibel intendiert gewesen. Es ist unser Lesen, das so Verbindungen herstellt.      

Der Segen der Lade macht nicht vor den Volksgrenzen Halt. Er kommt einem zugut, der eigentlich religiös anders unterwegs ist. Das lässt mich danach fragen, ob das angebliche Projekt eines „nationalen Partikularismus“ (J. Jeremias, Neutestamentliche Theologie. Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1973, S. 237)nicht schon in der Hebräischen Bild kräftig durchlöchert wird. Der Versuch Davids, die Lade zu instrumentalisieren, muss schief gehen. das wird in dieser Erzählung deutlich. „Der Gott der Lade lässt sich nicht vereinnahmen.“ (W. Dietrich/ Th. Naumann, aaO. S. 141) Gott ist frei.

 

Heiliger Gott, Du willst unser Anbeten. Du willst, dass wir Dich ehren mit allen Sinnen. Du willst,ndass wir selbstvergessen vor Dir feiern.

Gib Du, dass wir uns nicht ärgern an dem, wie andere Dich ehren, Dich anbeten, Deine Größe feiern, auch wenn ihre Art uns befremden mag.

 Mache Du unsere Herzen weit, dass wir uns freuen über alle, die Dich ehrenmit Herzen und Mund, aus voller Kehle, mit Händen und Füßen. Amen