Kriegs-Gott?

  1. Samuel 5, 17 – 25

 17 Da die Philister hörten, dass man David zum König über Israel gesalbt hatte, zogen sie alle herauf, um sich Davids zu bemächtigen. Als das David erfuhr, zog er hinab nach der Bergfeste. 18 Aber die Philister kamen und breiteten sich aus in der Ebene Refaïm.

             Die Philister werden wieder aktiv. Sie wollen ihrem ehemaligen Truppenführer zeigen, wer wirklich die Macht im Land hat Solange es ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen David und Isch-Boschet gab, war das nicht nötig. Vielleicht sahen sie sogar diesen „König“ „in Hebron in einer gewissen Abhängigkeit von ihnen.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 83) Ihn daran zu erinnern, war wohl Sinn und Zweck ihrer Aktion. Eine Disziplinar-Maßnahme. Wobei schon auffällig ist: es werden alle Philister aufgeboten. Das ist viel Ehre für einen kleinen König. Aber wenn es um die Sicherung von Machtbereichen und Einflusssphären geht, muss man schon zu allen Zeiten einmal die Muskeln spielen lassen

19 Und David befragte den HERRN und sprach: Soll ich hinaufziehen gegen die Philister? Willst du sie in meine Hand geben? Der HERR sprach zu David: Zieh hinauf, ich will die Philister in deine Hand geben. 20 Und David kam nach Baal-Perazim und schlug sie dort und sprach: Der HERR hat die Reihen meiner Feinde vor mir durchbrochen, wie Wasserfluten durchbrechen. Daher nannte man den Ort »Baal-Perazim«. 21 Und sie ließen ihre Götzenbilder dort zurück; David aber und seine Männer nahmen sie mit.

     David holt sich Rückendeckung beim Orakel des HERRN. Wie das technisch vor sich geht, ist nicht von Belang, darum genügt die formelhafte Wendung: David befragte den HERRN. Was soll ich tun? ist seine Frage und er erhält Antwort. Das ist das Signal, um das es dem Text geht: Sie soll David in seinen zunächst vorwiegend militärischen Aktionen vorstellen als jemand, der sich ganz von der Führung Jahwes leiten lässt.“(K. vom Orde, ebda.)

             David bekommt freie Hand und es gelingt: Bei Baal-Perazim werden die Philister geschlagen. Einzelheiten zu dem Kampfgeschehen fehlen. Wichtig ist nur die Deutung, die David diesem Geschehen gibt. Der HERR hat die Reihen meiner Feinde vor mir durchbrochen. Es ist die gleiche Deutung, wie sie das Josua-Buch durchgängig für die Landnahme kennt: Es ist der HERR, der den Weg zu den Siegen freimacht. Der König erntet die Früchte, die Gott ihm gibt.

So völlig ist der Sieg, dass die flüchtenden Philister ihre Götzenbilder zurücklassen. Hatte Israel einst die Lade verloren, so verlieren jetzt die Philister ihre Götzen. Und damit den Beistand, der in ihrer Gegenwart liegt. Darin zeigt sich die – so die Absicht des Erzählers „die Überlegenheit des wahren Gottes, der den Sieg vorheransagt und den Durchbruch vollzieht.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 224)

 22 Die Philister aber zogen abermals herauf und breiteten sich aus in der Ebene Refaïm. 23 Und David befragte den HERRN; der sprach: Du sollst nicht hinaufziehen ihnen entgegen, sondern komm von hinten über sie, dass du sie angreifst vom Bakawalde her. 24 Und wenn du hörst, wie das Rauschen in den Wipfeln der Bakabäume einhergeht, so eile; denn dann ist der HERR ausgezogen vor dir her, zu schlagen das Heer der Philister.

  Allerdings: Trotz der Flucht geben sich die Philister noch nicht geschlagen. Der Konflikt mit den Philistern als der Vormacht in Palästina ist eine langwierige Angelegenheit, über Jahrhunderte hin. Wieder wird ein Philister-Heer herauf geführt und wieder befragt David das Orakel, weil er die Wegweisung Gottes sucht. Wieder erhält er Antwort, eine Wegweisung, die seine Strategie für den Kampf bestimmt. Er soll die Philister in einen Hinterhalt locken und sie dann von hinten angreifen.

. Für uns heute Lesende ist es eine fremde und befremdende Vorstellung: Gott als Ratgeber in Sachen Kriegstaktik. Für die Samuel-Bücher ist das anders. Darin zeigt sich die reale Gegenwart Gottes. Er ist nicht nur eine blasse Idee, eine Hypothese für fromme Leute, die auf so etwas wie einen waltenden Gott angewiesen sein mögen. Er ist der handelnde und sprechende Gott, der Wege für sein Volk öffnet.

Das Versprechen des Orakels: dann ist der HERR ausgezogen vor dir her, zu schlagen das Heer der Philister. Gottesschrecken und Gotteskrieg. Es ist Gottes Sache, diesen Kampf zu entscheiden. „Das Einherschreiten der Wipfel erinnert an andere Zeichen der Begleitung Jahwes in der Geschichte Israels wie die Wolken- und Feuersäule oder Hagel und die stillstehende Sonne.“(K. vom Orde, aaO. S. 84) Immer ist es Gottes Sache, die Sache seines Volkes zu einem guten Ende zu führen.

 25 David tat, wie der HERR ihm geboten hatte, und schlug die Philister von Geba an bis dahin, wo es nach Geser geht.

             David folgt dem Orakel. „Das Ergebnis ist ein großer Sieg, der David bis weit in die Küstenebene hineinführt.“(H. W. Hertzberg, aaO. S. 225) Das Kapitel der Philister-Kriege ist damit geschlossen. Eine Gefahr für Israel sind sie militärisch nicht mehr.    

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

„Ohne den endgültigen Sieg über die Philister fehlte der David-Saul-Geschichte, die so viel von Auseinandersetzungen mit diesem Nachbarvolk gesprochen hat, ein wichtiger Schlusspunkt.“(W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 116) Das ändert nichts daran, dass heutige Leser*innen diesen Schlusspunkt durchaus problematisch finden werden. Gott, der Kriegspläne erstellt, in Strategiefragen berät? So mag man in Israel erzählt haben. Aber können wir noch in dieser Weise von Gott  denken und so glauben?

Die tiefer liegende Herausforderung aber müssen wir annehmen – dass Gott in der Geschichte handelt. Weil wir sonst nicht mehr glauben können, dass er „der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.“ Psalm 46,12) Dass er die Grenze der Macht der Mächtigen ist. Wenn  Gott nicht in die Geschichte hinein handelt, dann sind wir allein mit den Konsorten wie Hitler, Idi Amin, Stalin, Erdogan, Putin und wie die Machthabenden sonst heißen. Das aber ist geeignet, mir wirklich Angst zu machen. Ich brauche den Glauben an den Gott, der die Mächtigen eingrenzt.

 

Heiliger Gott, wir glauben nicht mehr, dass Du Kriegspläne aushecken hilfst. Wir glauben nicht mehr, dass Du den Waffen Sieg verleihen wirst. Wir glauben nicht mehr, dass „Gott mit uns“ die richtige Parole im Krieg ist.

Wir glauben an Dich, der Frieden will und fördert, was dem Frieden dient. Gib Du uns, dass wir diesen Glauben durchhalten, auch in Zeiten, in denen der Krieg wieder Teil der politischen Vernunft zu werden droht. Gib, dass wir Friedensstifter zu sein versuchen, in Deiner Spur. Amen