Stadt jenseits der Stämme

  1. Samuel 5, 1 – 16

 1 Und es kamen alle Stämme Israels zu David nach Hebron und sprachen: Siehe, wir sind von deinem Gebein und deinem Fleisch. 2 Schon damals, als Saul über uns König war, führtest du Israel in den Kampf und wieder heim. Dazu hat der HERR dir gesagt: Du sollst mein Volk Israel weiden und sollst Fürst sein über Israel. 3 Und es kamen alle Ältesten in Israel zum König nach Hebron. Und der König David schloss mit ihnen einen Bund in Hebron vor dem HERRN, und sie salbten David zum König über Israel.

             „Der Verheißung an David wird zur Erfüllung: er wird König über das ganze Volk.“ (H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 218) Das gibt diesen so nüchternen Worten ihr besonderes Gewicht. Sie stellen fest: Du bist einer von uns. Es ist Gehorsam gegen das Gesetz Gottes, der hier durchschimmert: „Du sollst aber einen aus deinen Brüdern zum König über dich setzen. Du darfst nicht irgendeinen Ausländer, der nicht dein Bruder ist, über dich setzen.“(5. Mose 17, 14) Und, vielleicht noch schwerwiegender, es ist die Erfüllung der Worte, die längst zuvor schon zu David gesagt waren. Sie werden als Wegweisung Gottes gewissermaßen jetzt offiziell von allen Stämmen Israels anerkannt.

Das alles fließt ein in den Bund, ברית, foedus übersetzt die Vulgata, den David mit ihnen schließt – vielleicht könnte man auch sagen: den sie mit David schließen. „Gemeint ist offenbar, dass die Stämme bestimmte Bedingungen stellen, und er sich verpflichtet, sie zu erfüllen. … David hat demnach keine uneingeschränkte Verfügungsgewalt über die Stimme. Er soll sie regieren, hat aber nicht das Recht, sie zu unterwerfen.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 106)

 Dahinter mag auch eine Abwehr der „Königsrechte“ stehen, wie sie Samuel auf die Forderung nach einem König hin Israel gegenüber formuliert hatte. „Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über Tausend und über Fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müsst seine Knechte sein.“ (1. Samuel 8, 11 – 17) So wird sich David nicht verhalten dürfen.  

 4 Dreißig Jahre war David alt, als er König wurde, und regierte vierzig Jahre. 5 Zu Hebron regierte er sieben Jahre und sechs Monate über Juda, und zu Jerusalem regierte er dreiunddreißig Jahre über ganz Israel und Juda.

             Es folgt eine Notiz über die Zeit, die David König war, insgesamt vierzig Jahre. Sieben davon in Hebron, aber der größere Teil, dreiunddreißig Jahre in Jerusalem. Weil aber Jerusalem im Anfang des Königtums Davids noch nicht die Stadt Davids ist, muss jetzt „nachgetragen werden“, wie sie dazu wird.  Es ist ein – auch geschichtlich – wichtiger Einschub.

 6 Und der König zog mit seinen Männern nach Jerusalem gegen die Jebusiter, die im Lande wohnten. Sie aber sprachen zu David: Du wirst nicht hier hereinkommen, sondern Blinde und Lahme werden dich vertreiben. Damit meinten sie, dass David nicht dort hineinkommen könnte. 7 David aber eroberte die Burg Zion; das ist Davids Stadt. 8 Da sprach David an jenem Tage: Wer die Jebusiter schlägt und den Schacht erreicht und die Lahmen und Blinden erschlägt, die David in der Seele verhasst sind, der soll Hauptmann und Oberster sein. Da stieg Joab, der Sohn der Zeruja, zuerst hinauf und wurde Hauptmann. Daher spricht man: Lass keinen Blinden und Lahmen ins Haus!

             Die Jebusiter, die Einwohner der Region, sehen zwar die Truppen Davids, aber sie verhöhnen sie. Sie sind sich sicher denn „bislang war die Stadt der israelitischen Eroberung entgangen.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 75) Um den Angriff  dieser Privatarmee Davids aufzuhalten, reichen Blinde und Lahme. Es folgt der Bericht über die Eroberung. Man könnte zwei Schritte vermuten – zuerst die Eroberung der Burg Zion, des Zionberges, danach das Vordringen in die ganze Stadt. Für den, der das bewerkstelligt, der als erster den Schacht erreicht, winkt die Stelle des Oberbefehlshabers.

Was mit dem Wort Schacht – hebräisch innôr – gemeint ist, wissen wir nicht. Das Wort taucht nur hier, einmalig auf und läsṣt so Raum für allerlei Phantasie. Gemeint sein könnte die Röhre der Gihon-Quelle. Es konnte aber auch, ganz anders, „die Kehle oder Gurgel oder gar das männliche Glied meinen“(K. vom Orde, aaO. S. 77) Ausgerechnet Joa, der Mörder Abners ist der, der die Stadt als erster besteigt.

Noch einmal wird der Spott der Jebusiter erwähnt. Er ist sprichwörtlich geworden und warnt vor Unterschätzung. So mancher profitiert davon, dass man ihm nichts zutraut, ihn für blind und lahm hält. Was nach der Eroberung mit den Blinden und Lahmen in der Stadt geschieht, wird nicht erzählt. Jedenfalls kein Genozid, keine mehrtägige Plünderung.

 9 So wohnte David auf der Burg und nannte sie »Stadt Davids«. Und David baute ringsumher, vom Millo an nach innen zu. 10 Und Davids Macht nahm immer mehr zu, und der HERR, der Gott Zebaoth, war mit ihm. 11 Und Hiram, der König von Tyrus, sandte Boten zu David mit Zedernholz, dazu Zimmerleute und Steinmetzen, dass sie David ein Haus bauten. 12 Und David erkannte, dass der HERR ihn als König über Israel bestätigt und sein Königtum erhöht hatte um seines Volkes Israel willen.

             David nimmt die Stadt in Besitz. Jerusalem wird seine Stadt. Bis heute überliefert in der Stadtteilbezeichnung Davids Stadt. Sie gehört zu keinen der zwölf Stämme. Wenn man so will – sie ist innerhalb Israels exterritorial. Das ist ihre Sonderrolle und ihr Vorzug. Sie ist die Königsstadt, der alle zugeordnet sind. Der Besitznahme folgt der Ausbau als Königsresidenz, von den Stadträndern her bis ins Innere. Der Millo ist dabei die am leichtesten zugängliche Seite im Norden. Darum wird sie zuerst befestigt. Erst die Stadt, dann das Königshaus. so die Priorität des David – öffentlich kommt vor privat.

In dem allem, im Gelingen dieser Pläne für Jerusalem kann David – zu Recht? – sehen, dass der HERR diesen Weg bestätigt. Der äußere Erfolg stärkt die innere Gewissheit, erwählt zu sein, berufen. Man ahnt hinter diesen Worten noch die unausgesprochene Skepsis: ist das alles so richtig, was geschieht, was ich tue?

13 Und David nahm noch mehr Frauen und Nebenfrauen in Jerusalem, nachdem er von Hebron gekommen war, und es wurden ihm noch mehr Söhne und Töchter geboren. 14 Dies sind die Namen der Söhne, die ihm zu Jerusalem geboren sind: Schammua, Schobab, Nathan, Salomo, 15 Jibhar, Elischua, Nefeg, Jafia, 16 Elischama, Eljada, Elifelet.

             Nur eine Nebensache? Der Harem des Königs wächst weiter. Er wird langsam unübersichtlich. Zu den Frauen in Hebron kommen jetzt die Frauen in Jerusalem dazu und dass sie ihn zu einem an Söhnen und Töchtern kinderreichen Vater machen. Genealogische Fruchtbarkeit – auch das mag mancher als Segen Gottes interpretieren. Völlig unkommentiert taucht auch Salomo in dieser Liste auf.

„Ab jetzt geht es nicht mehr um eine dezentrale, tribale Gesellschaft, sondern um ein staatlich organisierte mit einem herausgehobenen Machtzentrum in Jerusalem. Waren die in Hebron zur Welt gekommen Davidsöhne noch ihren Müttern zugeordnet, so sind es die in Jerusalem geborenen nicht mehr. (W. Dietrich/ Th. Naumann, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995, S. 114)

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Die Wendepunkte in der Entwicklung einer Gesellschaft sind nicht immer mit einem großen Knall verbunden. Sie werden auch nicht immer gleich bemerkt. Es scheinen Nebensächlichkeiten wie Verwaltungsakte, die doch die weichen anders stellen. So wichtig die Eroberung Jerusalem gewesen sein mag, die eigentlichen Veränderungen verstecken sich hinter unauffälligen Entscheidungen. Die Hauptstadt führt zur Zentralisierung. Sie erzeugt andere Eliten als es zuvor in den Stämmen der Fall war. Die Gefolgsleute Davids werden nicht mehr nur Helden im Kampf sein – es sind die stillen Beamten der Macht. und die Söhne gehören nicht zu ihren Müttern, sie gehören dem Apparat. Das alles findet seine Wiederspiegelungen im Heute unserer Tage.

Auch das ist eine Herausforderung: Jerusalem ist von Anfang an exterritorial. Eine Stadt jenseits der Stämme. Ist damit nicht biblisch vorgeprägt, was auch heute immer wieder politisch diskutiert wird: Jerusalem gehört nicht nur einer Partei, nicht nur den Juden. Es ist von Gott mitten im Israel immer schon als offene Stadt gedacht. einfacher wird die Debatte um Jerusalem damit nicht.

 

Mein Gott, Du hast Dir Jerusalem erwählt, Deine Stadt, mitten in den Stämmen Israels, aber nicht einem von ihnen zu eigen. Du hast Dir Jerusalem erwählt, Stadt mitten im Streit der Religionen. Aber nicht einer zu eigen.

Gib Du uns Christen, dass wir keine Besitzansprüche anmelden, dass wir vielmehr dazu helfen, Jerusalem als Stadt für alle Völker offen zu halten. Amen