Ein neuer Ton

  1. Samuel 2, 1 – 11

 1 Danach befragte David den HERRN und sprach: Soll ich hinauf in eine der Städte Judas ziehen? Und der HERR sprach zu ihm: Zieh hinauf! David sprach: Wohin? Er sprach: Nach Hebron. 2 So zog David dort hinauf mit seinen beiden Frauen, Ahinoam, der Jesreeliterin, und Abigajil, der Frau Nabals, des Karmeliters. 3 Auch die Männer, die bei ihm waren, führte David hinauf, einen jeden mit seinem Hause, und sie wohnten in den Städten von Hebron.

 Es ist ein neuer Ton in einer neuen Zeit: „Es musste auffallen, dass David als der von Jahwe designierte König Israels bei seinen Entscheidungen die Frage nach dem Willen Gottes beunruhigend oft unterlassen hatte.“(K. vom Orde, Das zweite Buch Samuel, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal, 2002, S. 38) So war es zuvor. Jetzt also beginnt ein neues Suchen nach Wegweisung durch das Orakel. Es gehört wohl zur Alltagsgestalt des Glaubens, dass in Israel auch Leute wie David fragen: Was tun? Wohin? und sich Antwort von Gott erwarten.

Konkreter geht die Wegweisung nicht. Es geht nach Hebron, „der wichtigsten Stadt im Süden Palästinas.“(J. Conrad, Der gefahrvolle Weg zur Macht – Samuelbücher, Bibelauslegung für die Praxis 5 Stuttgart 1994, S. 96)Abrahams-Heiligtum, Sammelort für alle, die mit Juda verbunden waren.             

4 Und die Männer Judas kamen und salbten dort David zum König über das Haus Juda.

 Merkwürdig karg, geradezu wie ein Fragment wird notiert: „Es wird jetzt nur öffentlich anerkannt, was seit langem beschlossen war und sich in Israel auch schon ausgewirkt hat.“(J. Conrad, ebda.) David wird König. Gewissermaßen in einem Nebensatz Jetzt wird es offiziell – als Akt der Männer von Juda. Es ist nicht der eine Richter wie bei Saul – es sind die Männer Judas, die David salben. Wenn man so will: Die Königsmacht Davids geht auch vom Volk aus!

 Und als David angesagt wurde, dass die Männer von Jabesch in Gilead Saul begraben hatten, 5 sandte er Boten zu den Männern von Jabesch in Gilead und ließ ihnen sagen: Gesegnet seid ihr vom HERRN, dass ihr solche Barmherzigkeit an Saul, eurem Herrn, getan und ihn begraben habt. 6 So tue nun der HERR an euch Barmherzigkeit und Treue, und auch ich will euch Gutes tun, weil ihr das getan habt. 7 So seien nun eure Hände stark, und seid tapfer; denn Saul, euer Herr, ist tot, und mich hat das Haus Juda über sich zum König gesalbt.

             Seine erste Tat als König – der Dank an die Männer von Jabesch. Das Signal, dass er ihre Tat würdigt. Er geht aktiv auf sie zu. Er würdigt sie, die Saul die Treue über dessen Tod hinaus gehalten hatten. Ist das plumpe Anbiederung? Oder ist es Weitsicht eines Königs, der zwar in Juda eine erste Basis hat, der aber mehr will als nur Juda?

Segen spricht er ihnen zu – weil sie getan haben, was Segen zeitigt: Sie haben an Saul Barmherzigkeit geübt. Das also kann man – sich eines Toten erbarmen, an ihm Barmherzigkeit üben. viel spätef wird erzählt werden, dass Josef von Arimathäa sein Grab für Jesus ereit stellt – und so Barmherzigkeit an ihm übt. Aus der Tat der Vergangenheit wird ein Versprechen für die Zukunft: Gott wird segnen. Zusätzlich sagt der neue König: auch ich will euch Gutes tun. Darauf dürfen sie sich verlassen in Jabesch, dass David ihnen wohl will.

Es ist ein deutlicher Hinweis auf die „neue Zeit“: Saul ist tot Das Haus Juda hat David zum König gesalbt. Das ist nicht nur Information, sondern auch Aufforderung: „Die Zeit der Trauer hatte ein Ende, die Hände durften nicht länger schlaff hängen gelassen werden, sondern sollen stark werden, also die Zukunft aktiv gestalten. Und diese war durch die neuen Machtverhältnisse geklärt.“ (K. vom Orde, aaO. S. 41)    

8 Abner aber, der Sohn Ners, der Sauls Feldhauptmann war, nahm Isch-Boschet, Sauls Sohn, und führte ihn nach Mahanajim 9 und machte ihn zum König über Gilead, Asser, Jesreel, Ephraim, Benjamin und über ganz Israel. 10 Und Isch-Boschet, Sauls Sohn, war vierzig Jahre alt, als er König wurde über Israel, und regierte zwei Jahre.

      Ganz so klar ist die Zukunft freilich noch nicht. Es gibt einen Gegenkönig zu David. Isch-Boschet, Sauls Sohn. Er wird gestützt von dem militärischen Ratgeber Sauls, von Abner. „Der Fortgang der Dinge zeigt, dass die eigentliche Führergestalt in dem Königtum Israel nach Sauls Tod durchaus Abner selbst ist.“(H. W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen 1965, S. 203) Die Machtbasis des Gegen-Königs wirkt in der Aufzählung der Stämme größer als die Davids. Gilead, Asser, Jesreel, Ephraim, Benjamin und über ganz Israel Es sind die Stämme und Regionen des Nordens. Man liegt kaum völlig daneben, wenn man hinter diese Handeln Abners eigene Machtinteressen ahnt.

            Man kann schon fragen, ob die Wahl des Königssitzes für Isch-Boschet nur geographisch bedingt ist. Mahanajim ist in der Geschichte Israels eine Ortsangabe voller Bedeutung. „Jakob aber zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes. Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.“(1. Mose 32, 2-3) Der militärisch unterlegene Jakob kommt an diesem Ort vorbei. Hier ist es umgekehrt: der mit der größeren Anzahl von Stämmen auf seiner Seite nimmt im Engellager seinen Sitz.

Nebenbei: Der Name Isch-Boschet ist kein sonderlich schöner Name. Sohn oder Mann  der Schande – so heißt dieser Sohn Sauls und mit dem Namen fällt nicht nur ein Schatten auf ihn selbst, sondern auch noch auf den toten König. Freilich: es wird nicht der eigentliche Namen gewesen sein – er wird ihm gewissermaßen literarisch beigelegt. Zur Auswahl als wirkliche Namen stehen „Ischjo“ (Mann Jahwes) oder „Esch-Baal“ (Feuer Baals) oder „Isch-Baal“(Mann Baals) Wobei Baal in diesem Namen schlicht „Herr, Besitzer, Grundbesitzer“(K. vom Orde, aaO. S. 42) bedeuten kann und nicht mit dem Namen des Götzen Baal zu verwechseln ist.

 Aber das Haus Juda hielt es mit David. 11 Die Zeit aber, die David König war zu Hebron über das Haus Juda, war sieben Jahre und sechs Monate.

In dieser Machtkonstellation wirkt Davids Rückhalt ein wenig verloren. Nur Juda. Allerdings fällt auf – für Isch-Boschet werden zwei Jahre als Regierungszeit notiert, für David dagegen sieben Jahre und sechs Monate. Schon das mag ein Signal sein: David hat den längeren Atem.

Was mich beschäftigt:

Es ist ein absichtsvoller Kontrast. David wird zum König gesalbt. David ist der, der sich Gottes Wegweisung einholt und ihr folgt. Isch-Boschet dagegen wird zum König gemacht. Von Abner. der auf die Dynastie der Saul-Nachfahren setzt. Auf Automatismus. Kein Wort von Gott in diesem Zusammenhang. Es reicht, Abner weiß, was er will.

Müssten wir, wie David, bei jedem Schritt und jeder Entscheidung die Wegweisung Gottes einholen? ist nur das ein „frommes Leben“ -tagtäglich zu fragen: Herr, was willst du heute? Oder darf ich darauf trauen, dass der tägliche Umgang mit dem Wort mein Denken prägt, meine Entscheidungen leitet, auch wenn ich nicht ausdrücklich nach Wegweisung frage? Das ist eine andere Sorte Frömmigkeit – aber doch nicht weniger fromm als die erste. Nur, dass sie mehr meine Eigenverantwortung einfordert und mich nötigt, ich zu sagen. Hier bin ich – hineni – und stehe ein für mein Entscheiden.

 

Mein Gott, wie oft sind wir hin und her gerissen, begegnen Ansprüchen und wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Wir brauchen Klarheit, Einsicht in das Wesen derer, die uns zur Parteinahme rufen. Lassen sie sich von Dir leiten? Achten sie Treue und Barmherzigkeit?

Gib Du uns, dass wir Menschen daran messen, was wir bei ihnen sehen, an dem Wesen, das in Dir seinen Grund hat. Amen