Nur Grüße!

Römer 16, 1 – 16

 1 Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die den Dienst der Gemeinde von Kenchreä versieht, 2 dass ihr sie aufnehmt in dem Herrn, wie sich’s ziemt für die Heiligen, und ihr beisteht in jeder Sache, in der sie euch braucht; denn auch sie hat vielen beigestanden, auch mir selbst.

 Könnte der Brief schon zu Ende sein, so ist er es doch noch nicht. „Der antike Brief schloss gewöhnlich mit guten Wünschen für den Empfänger und besonderen Grüßen an die Freunde.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 338) Es folgt eine lange Grußliste des Paulus an ihm nicht nur namentlich bekannte Leute. Es gibt eine gemeinsame Geschichte von Paulus mit vielen von ihnen.

Als erste – und damit an herausragender Stelle – nennt er Phöbe, die in der Gemeinde von Kenchreä wirkt. Fürsorglich, beistehend, Armen und Bedürftigen zugewandt. Das alles schwingt im Wort δικονον mit. Sie dient, so lese ich. Sie versieht den Dienst der Gemeinde von Kenchreä  – das klingt in meinen Ohren „amtlicher“, als es damals wohl in der ersten Christenheit zuging. Ob ihr Dienen „ehrenamtlich“ oder „hauptamtlich“ geschieht, ergibt sich nicht aus der griechischen Wortwahl, sondern trägt als Frage wohl heutige Verhältnisse einfach nur in den alten Text zurück. Es ist unsere Unterscheidung, nicht die der ersten Gemeinde.

Paulus kündigt ihr Kommen nach Rom an. Vielleicht wird sie die Überbringerin des Briefes sein. Seine Wertschätzung zeigt sich daran, dass er sie Schwester nennt  und stark betont, dass sie auch ihm selbst wie vielen anderen beigestanden hat. Weil sie so jemand ist, der beisteht, darum erbittet Paulus für sie den Beistand der Gemeinde in Rom – in allen ihren Anliegen, die sie in die Hauptstadt führen. In jeder Sache, in der sie euch braucht – diese Formulierung lässt reichlich Raum für Spekulationen, um was es gehen könnte, ob Geschäfte, ob Privat-Angelegenheiten, was auch immer. Jedenfalls: Da kommt eine bedeutende Person, eine „Patronin“ (W. Klaiber, aaO. S. 282), mit Paulus eng vertraut.

3 Grüßt die Priska und den Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, 4 die für mein Leben ihren Hals hingehalten haben, denen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden der Heiden. 5 und die Gemeinde in ihrem Hause.

            Weiter gehen die Grüße an Priska und Aquila. Auffällig: Die Frau, Priska wird zuerst genannt. Das Ehepaar  hat Paulus in Ephesus kennengelernt, als Leute, die für ihn einstehen. „In welcher dramatischen Situation im Wirken des Paulus die beiden ihr Leben riskiert haben, um den Apostel zu retten, ist ungewiss.“(K. Haacker; aaO. S. 319) Es gibt den sparsamen Hinweis: „Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben.“ (2. Korinther 1, 8 – 9) Eine Zeitlang hat Paulus mit ihnen in Korinth gelebt und sein Handwerk bei ihnen ausgeübt. Er ist ihnen tief verbunden. „Es ist wahrscheinlich, dass ihre Rückkehr nach Rom mit den Plänen des Paulus zusammenhängt.“ (O. Michel, aaO. S. 341) Ihr Haus in Rom ist Treffpunkt einer kleinen Hausgemeinde. Wir würden vielleicht sagen: eines Hauskreises.

 Grüßt Epänetus, meinen Lieben, der aus der Provinz Asien der Erstling für Christus ist.             

               Ein besonderer Gruß gilt Epänetus, einem der ersten Christen in der Provinz Asien, damit  kann auch Ephesus gemeint sein. Denen, die man als Erste für den Weg des Glaubens „gewinnen“ durfte, bleibt man ein Leben lang zugetan. 

 6 Grüßt Maria, die viel für euch gearbeitet hat. 7 Grüßt den Andronikus und die Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind. 8 Grüßt Ampliatus, meinen Lieben im Herrn. 9 Grüßt Urbanus, unsern Mitarbeiter in Christus, und Stachys, meinen Lieben. 10 Grüßt Apelles, den Bewährten in Christus. Grüßt die aus dem Haus des Aristobul. 11 Grüßt Herodion, meinen Stammverwandten. Grüßt die aus dem Haus des Narzissus, die im Herrn sind. 12 Grüßt die Tryphäna und die Tryphosa, die im Herrn arbeiten. Grüßt meine liebe Persis, die viel gearbeitet hat im Herrn.

Es folgt eine weitere Aufzählung, in der zwei besonders herausragen. Andronikus und Junia. Sie sind beide Juden. Darauf weist sein Ausdruck meine Stammverwandten. Sie haben irgendeinen der zahlreichen Gefängnisaufenthalte des Paulus – „ich bin öfter gefangen gewesen“ (2. Korinther 11,23) als Auszeichnung des Paulus! – mit ihm geteilt. Sie waren schon vor Paulus in Christus, sind also nicht durch ihn zum Glauben gekommen. Paulus nennt sie berühmt unter den Aposteln. „Leute, die unter den Aposteln hervorragen und nach ihrem Christenstand älter als Paulus sind.“(A. Schlatter, aaO., S. 399)

             Der neuen Luther-Text lässt kein Zweifel: Junia ist eine Junia.  Früher hat man lange eine männliche Form vermutet –  Junias. Auch überaus eifriges Suchen „hat keinen antiken Beleg für den (männlichen) Namen Junias beigebracht.“(K. Haacker; aaO. S. 320) So stehen wir vor der Tatsache, dass Paulus eine Frau, Junia als Apostel bezeichnet, noch dazu als herausragend. So kann man berühmt auch übersetzen. Vielleicht erschüttert das kirchliche Weltbilder. Aber es könnte ja auch unsere Sichtweise erweitern.

Zwei Grüße gehen an Gruppen, die über ihre Häuser definiert werden: die aus dem Haus des Aristobul und die aus dem Haus des Narzissus. Es wird sich um „Bedienste“ handeln, die zu diesen Häusern gehören, also um Sklaven, die sich zur Gemeinde halten.

Man kann es leicht wie eine belanglose Formel überlesen: die im Herrn sind, die im Herrn arbeiten. Mir scheint, es steckt mehr dahinter: Es sind Menschen, die sich mit ihrem Glauben an den Herrn Jesus Christus in einer Umwelt bewähren müssen, die diesen Glauben nicht teilt, die ihn in Teilen für grotesk oder unsinnig hält. In der Formel steckt die Differenz-Erfahrung zur Umwelt.

13 Grüßt Rufus, den Auserwählten im Herrn, und seine Mutter, die auch mir eine Mutter geworden ist.

            Wer ist der Rufus, der hier gegrüßt wird? Im Markus-Evangelium wird als Sohn des Simon von Kyrene ein Rufus (Markus 15,2) ausdrücklich erwähnt. Doch wohl deshalb, weil Rufus den Lesern des Markus-Evangeliums irgendwie als Christ bekannt sein muss. Er cdürfte hier gegrüßt sein, inzwischen in Rom angekommen und heimisch geworden.

14 Grüßt Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas, Hermas und die Brüder und Schwestern bei ihnen. 15 Grüßt Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas und alle Heiligen bei ihnen.

Insgesamt: Vergleiche mit Inschriften zeigen: „Alle diese Namen waren in der damaligen Zeit verbreitet, vor allem unter Freigelassenen und Sklaven waren sie geläufig.“ (O. Michel, aaO. S. 345)Paulus verfügt offensichtlich über ein weit reichendes Kontaktnetz – in einer Zeit ohne öffentliches Postsystem, ohne Telefon, ohne Handy, ohne Internet. Ein wenig beschämt frage ich mich: Wie weit reicht mein Kontaktnetz in Gemeinden hinein, mit denen ich mich verbunden weiß? Diese ausgiebige Grußliste kann eine Herausforderung sein, Kontakte aus der Vergangenheit anders, sorgfältiger zu pflegen.

 16 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Gemeinden Christi.

Es mag sein, dass die Aufforderung zum Gruß mit dem heiligen Kuss auf ein liturgisches Element im Gottesdienst hinweist. Obwohl ich dazu neige vorsichtig zu sein bei einem so frühen Aufspüren fester liturgischer Elemente. Was allerdings sicher richtig ist im Blick auf den Kuss: „Diese Sitte herzlicher Begrüßung war in der Antike weit verbreitet und ist ja auch heute in vielen Ländern üblich.“(W. Klaiber, aaO. S. 285) Sie wandert als ein Zeichen der Zusammengehörigkeit auch in die christlichen Gemeinden ein.

Ist der Kuss das individuelle Zeichen von Zusammengehörigkeit, so fügt der nachfolgende Gruß das kollektive Signal hinzu: Alle Gemeinden Christi grüßen die Gemeinde in Rom. α κκλησαι πσαι. Vielleicht könnte man auch übersetzen: Die ganze Gemeinde Christi grüßt ihr Teil, ihre Niederlassung in Rom.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Im Griechischen wird das Wort Ekklesia sowohl für die Gesamtheit aller Gemeinden als auch für jede einzelne Gemeinde, ja für jede einzelne Hausgemeinde verwendet. Wichtig daran: Es gibt die „Gesamtkirche“ nicht ohne die Hauskirchen und umgekehrt die Hauskirche nicht autonom gegenüber der weltweiten Kirche. Global und lokal ist aufeinander bezogen. Das eine nicht ohne das andere.

Was besonders herausfordert: in Zeiten, in denen es nicht so leicht war, Kontakt zu pflegen, wird bei Paulus ein großen Kontaktnetz sichtbar. ein Kontaktnetz. das Paulus zur Ermutigung seiner Leute nützt. Zur Ermutigung, den Glauben in einer Umwelt, die ihn nicht teilt, zu leben. Wir leben in Zeiten der virtuellen Verknüpfung – und ich haben den Eindruck: das Kontaktnetz wird dünner. Die Kontakte von Angesicht zu Angesicht, denen eine hohe Verbindlichkeit zu eigen ist, werden zunehmend abgelöst. Ob die virtuellen Kontakte über Newsletter, wie sie meine Kirche forciert pflegt, weiß ich nicht wirklich.

Das Teil und das Ganze gehören unauflöslich zusammen. Es beschädigt beide, wenn es heute hier und dort Tendenzen gibt so zu tun, als könnten Gemeinden ohne diese Rückbindung an das Ganze existieren und als könnte die Gesamtkirche in ihrer jeweiligen Gestalt als  Konfession, Landeskirche oder Kirchen-Bund ohne Rücksicht auf die einzelne Gemeinde suchen und bestimmen.

Mein Gott, mit wie vielen Menschen habe ich Wegstrecken geteilt. Wie oft haben andere mich ermutigt, wie oft haben sie mir die Augen geöffnet, den Rücken gestärkt, geholfen, Richtung zu finden. Wie viele waren Deine Engel für mich und ich habe nur Menschen gesehen.

Ich danke Dir für alle, die Du mir zur Seite gestellt hast, für die, an deren Namen ich mich erinnere und für die, deren Namen ich längst vergessen habe.

Du kennst alle meine Weggefährtinnen und Weggefährten. Hülle sie ein in Deinen Segen. Amen