Gott plant anders

Römer 15, 22 – 33

22 Das ist auch der Grund, warum ich so viele Male daran gehindert worden bin, zu euch zu kommen.

Diese Arbeitsweise liefert die Begründung dafür, dass Paulus noch nicht nach Rom gekommen ist. Es hat viel Zeit gekostet, oft Jahre an einem Ort, bis da eine kleine Gemeinde entstanden ist. „Auf der Durchreise“, im Vorübergehen, lässt sich das Evangelium nicht einpflanzen. Es braucht schon eine gewisse Verweildauer der Boten, damit es einwurzeln kann, damit ihre Glaubwürdigkeit sich im gemeinsamen Lebensvollzug erweisen kann. Das ist eine bleibende Anfrage an allen Reisedienst.

 23 Nun aber habe ich keine Aufgabe mehr in diesen Ländern. Seit vielen Jahren habe ich aber das Verlangen, zu euch zu kommen, 24 wenn ich nach Spanien reise. Denn ich hoffe, dass ich bei euch durchreisen und euch sehen kann und von euch dorthin weitergeleitet werde, doch so, dass ich mich zuvor ein wenig an euch erquicke.

            Hier, in diesen Ländern, sieht Paulus keine Aufgabe mehr für sich. Seine Aufgabe ist erfüllt Er will weiter, immer weiter, bis nach Spanien. Nach Finis Terre an der Atlantik-Küste? Ans Ende der Welt. So weit ist ja der Bogen gespannt durch die Worte des Auferstandenen: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,9) Dieser Plan hat eine symbolische Bedeutung, die über bloße Geographie hinausgeht. „Ein eschatologisches Motiv liegt diesem Plan zugrunde, gleichzeitig aber auch eine nüchterne Erwägung. In Spanien gab es eine Reihe von Synagogen, und der Osten war durch lebhafte Handelsbeziehungen mit Spanien verbunden.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 332) Damit wäre Spanien das neue Gebiet für den „Pioniermissionar“ Paulus und zugleich könnte er seinem bewährten Arbeitsmuster folgen – zuerst den Juden, dann den Heiden Bote zu sein.    

            Damit er so weit kommt, wünscht er sich Rom als Basis. Wünscht er sich die Gemeinschaft mit der Gemeinde in Rom. Dass er bei ihnen Kräfte sammeln kann. „Er erwartet, von der römischen Gemeinde verabschiedet und ausgerüstet zu werden.“(O. Michel, ebda.) Schon zu Beginn seines Briefes hatte er ja auch seine Hoffnung formuliert: „Ich sehne mich danach, euch persönlich kennen zu lernen und euch etwas von dem, was Gottes Geist mir geschenkt hat, weiterzugeben, damit ihr ´in eurem Glauben` gestärkt werdet – besser gesagt: damit wir, wenn ich bei euch bin, durch unseren Glauben gegenseitig ermutigt werden, ich durch euch und ihr durch mich.“ (1,11-12) In dieser Hoffnung schreibt er seinen Brief. Sie ruft er hier in Erinnerung, sich und seinen Leserinnen und Lesern. 

25 Jetzt aber fahre ich hin nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. 26 Denn Mazedonien und Achaja haben eine gemeinsame Gabe beschlossen für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem. 27 Sie haben’s beschlossen, denn sie sind auch ihre Schuldner. Denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, ist es recht und billig, dass sie ihnen auch mit irdischen Gütern dienen.

Aber es ist noch nicht so weit. Erst noch kurz ein Abstecher nach Jerusalem. Der dauern kann. Mitbringen wird er die Kollekte für die Gemeinde dort. Das Ziel: den Heiligen zu dienen.  Es ist eine „altertümliche Bezeichnung“(O. Michel, aaO. S. 333) die so etwas wie Ehrfurcht erkennen lässt. Heilige klingt anders, tiefgründiger als Mitglieder der Gemeinde.  diese Kollekte ist ein großes Projekt, das auch in anderen Briefen des Paulus gebührend Raum findet, diese Sammlung in Griechenland für die Jerusalemer Gemeinde. Was Paulus sieht, wohl auch erhofft, nicht nur für die unmittelbare Gegenwart, ist ein System der wechselseitigen Unterstützung. Einen Austausch der Gaben – leibliche Güter gegen geistliche Güter. Das wird keine Einbahnstraße bleiben.

Bemerkenswert: Obwohl Paulus durchaus an die Freiwilligkeit der Gemeinden in Achaja und Mazedonien appelliert hat, die Kollekte zusammenzubringen, kann er hier auch sagen: Sie sind ihr Schuldner. Und: es ist es recht und billig, dass sie sich durch das geringere Gut, das Geld „revanchieren“ für die größere Gabe, das Evangelium. Kaum merklich hält Paulus hier am Vorrang der Juden und der judenchristlichen Gemeinden fest: Von ihnen aus geht das Evangelium als die große Gabe Gottes in die Welt.

 28 Wenn ich das nun ausgerichtet und ihnen diesen Ertrag zuverlässig übergeben habe, will ich von euch aus nach Spanien ziehen.

            Das ist sein Plan: Von Jerusalem aus über Rom nach Spanien. Auch Rom wird nicht der Ort sein, an dem Paulus seinem Grundsatz untreu wird, nur dorthin zu gehen, wo noch keiner Christus verkündigt hat. Es ist Zwischenstation und hoffentlich Basis, Gemeinschaft, die ihn trägt. Er sieht Rom offensichtlich nicht als Ort einer längerfristigen missionarischen Gemeindegründungsarbeit. Es wird ein Besuch werden unter Brüdern und Schwestern. Das ist geistlich nicht weniger von Bedeutung wie eine Gemeindegründung.

29 Ich weiß aber, wenn ich zu euch komme, dass ich mit dem vollen Segen Christi kommen werde.            

Es gilt, sowohl für den Rückblick als auch für den Ausblick: Segen. „Die Durchführung dieser Reispläne vollzieht sich ganz im Gehorsam, daher auch im Segen Jesu Christi.“ (O. Michel, aaO. S. 335) Es wird gut werden. Es liegt Segen auf den Weg und Segen auf der zukünftigen Begegnung. Wir würden heute sagen: Wir freuen uns. Segen aber ist doch noch einmal mit Mehrwert ausgestattet. Gott, Christus ist dieser Mehrwert, seine Gegenwart.

 30 Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, durch unsern Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, dass ihr mir kämpfen helft und für mich zu Gott betet, 31 damit ich errettet  werde von den Ungehorsamen in Judäa und mein Dienst, den ich für Jerusalem tue, den Heiligen willkommen sei, 32 damit ich mit Freuden zu euch komme nach Gottes Willen und mich mit euch erquicke.

            Schon jetzt, auf dem Weg nach Jerusalem, hat Paulus Erwartungen an die Gemeinde in Rom: Er bittet, so lese ich an dieser Stelle: Παρακαλ, ich ermahne euch, um Gebets-Unterstützung, um ihre Fürbitte für ihn vor Gott. Er weiß um die Risiken, die mit seiner Reise nach Jerusalem auf sich nimmt.

Es ist ein harter Kontrast und Konflikt, den er in Jerusalem auf sich zukommen sieht: hier die Ungläubigen, die ihn bedrohen, dort die Heiligen, auf deren freundliches Willkommen er hofft. Es ist gut, dass die alte Übersetzung  Ungläubigen im Luther-Text von 1956  ersetzt worden ist durch: Ungehorsame. Oder: „Die das Evangelium nicht annehmen wollen“ (Neue Genfer Übersetzung). πείθεια ist „Ungehorsam, Unfügsamkeit“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957 S. 92). Normalerweise redet Paulus nicht von seinen jüdischen Brüdern und Schwestern so schroff als von Ungläubigen. Darum ist auch hier „nur“ die Verweigerung im Blick, Aber er weiß, dass er auf harte Angriffe wegen seines Verrates am jüdischen Glauben, so der Vorwurf gegen ihn, rechnen muss.

Auf der anderen Seite sind es auch die Heiligen, von denen er nicht wirklich weiß, ob er willkommen sein wird. Die Christus-Gemeinde in Jerusalem, die vorzugsweise aus jüdisch geborenen und geprägten Menschen zusammengesetzt ist. Die am Gesetz hängt, an den Vätern, an den Verheißungen, aber irgendwie anders als Paulus. Ob er mit seiner Sammlung dort freundliche Aufnahme finden wird, ist ungewiss. Ist doch sein Weg zu den Heiden, den Völkern, nicht unumstritten in der Gemeinde.

Es wäre ein Zeichen der Gemeinschaft unter den Gemeinden, wenn die in Jerusalem die Sammlung aus Mazedonien und Achaja akzeptieren könnten. „Das Annehmen von Geschenken war sowohl für  hellenistische Ethik als auch für bestimmte Positionen jüdischer Theologie ein symbolträchtiger und gemeinschaftsstiftender Akt, der wohl überlegt sein musste und nicht in jedem Fall vertretbar war.“ (K. Haacker; aaO. S. 314)

Paulus erhofft sich, dass die Kollekte gut ankommen wird, dass er willkommen sein wird, dass sein Weg bestätigt wird – und dass er dann mit Freuden weiter ziehen kann nach Rom. Das alles hängt nicht nur an dem, wie Menschen entscheiden, sich positionieren. Sondern es hängt vor allem daran, ob es so nach Gottes Willen geht. Auch alle Reisepläne und Hoffnungen des Paulus stehen unter diesem Vorbehalt: Wie Gott will.

 33 Der Gott des Friedens aber sei mit euch allen! Amen.

             Was Paulus hier erbittet, als Segen zuspricht, liegt auf der Linie des Briefes insgesamt: Der Frieden mit Gott ist das große Geschenk an die Christen. Der Friede untereinander fließt aus diesem Geschenk Und der Gott des Friedens soll seine Gegenwart über dieser Gemeinde in Rom sein lassen. Dessen dürfen sie gewiss sein.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben.

Es geht doch nur um Reisepläne. Da ist Vernunft angesagt. Vorsicht auch. Aber man muss doch nicht übertreiben und für die kleinsten Schritte Gott in Anspruch nehmen. Es liegt so nahe, Paulus hier eine übersteigerte Frömmigkeit zu unterstellen. Vielleicht jedoch ist es umgekehrt: Wir stehen vor der Frage, ob wir unsere Frömmigkeit nicht in der Weise übersteigert haben, dass sie nur für „das Geistliche“ gilt, nicht aber für so etwas „Weltliches“ wie Reisepläne. Es könnte ja sein, unsere Frömmigkeit gewinnt, wenn sie alltäglich wird. Nicht nur an Sonn- und Feiertagen, nicht nur in heiligen Einkehrhäusern, nicht nur in der stillen Zeit. Paulus räumt Gott die Planungshoheit für alles in seinem Leben ein – und ist dadurch so seltsam frei. Auf mich wirkt das verlockend attraktiv.

Mein Gott, mit unserem Planen geht es nicht immer gut. Manchmal trauen wir uns zu wenig zu, manchmal nehmen wir uns zu viel vor. Und Du bringst unsere Pläne ab und an durcheinander, weil Du andere Pläne und Wege mit uns hast.

Gib mir, dass ich mich den Wegen stelle, auf die Wege stellen lasse, die Du für mich hast, auch wenn sie mir Kraft abverlangen, Konflikte und Streit  nicht ersparen. Wenn es nur Deine Wege sind, auf denen ich unterwegs bin. Dein Friede wird über mir sein. Amen