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Römer 15, 14 – 21

14 Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, meine Brüder und Schwestern, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt.

Es wirkt wie „eine Verbeugung“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 209) vor der Gemeinde in Rom: Was ich euch schreibe, wisst ihr gewiss alles schon. Ihr seid erfüllt mit aller Erkenntnis. πση γνσις. Ganz unbekümmert verwendet Paulus das Wort, um das es in Korinth so viele Streitereien gibt. Es ist die Grundüberzeugung des Apostels: der Heilige Geist macht klug, wissend in dem, was die Gemeinde hat und braucht. Sie würden wohl auch gar nicht verstehen, was er schreibt, wenn sie nicht mit ähnlichen Gedanken und Überzeugungen schon unterwegs wären.

Weil sie in Rom selbst solche Einsichten haben, kann Paulus darauf hoffen, dass ihnen plausibel, vernünftig erscheint, was er schreibt. Paulus will „nicht den Eindruck aufkommen lassen, als nähme er die geistliche Selbstständigkeit der römischen Gemeinde nicht ganz ernst.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 326) Sondern es geht ihm in dem Brief nach Rom von der ersten bis zur letzten Zeile um einen Verständigungsprozess mit der Gemeinde in Rom über den  gemeinsamen Glauben.

 15 Ich habe aber zum Teil sehr kühn geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 so dass ich ein Diener Christi Jesu unter den Heiden bin, der mit dem Evangelium Gottes wie ein Priester dient, auf dass die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den Heiligen Geist. 17 Darum kann ich mich rühmen in Christus Jesus, dass ich Gott diene.

Was er schreibt, ist reichlich kühn. Vielleicht könnte man auch schlicht sagen: ungewöhnlich. Es ist aber sein Auftrag. Die Gnade, die ihm von Gott gegeben ist. Die Gnade χρις, die er empfangen hat, hat ihn nicht passiv werden lassen, nicht selbstgenügsam sein lassen. Sie setzte ihn in Bewegung. Das ist das Wesen der Gnade: „Gnade wird im tiefsten Sinn geschichtlich und personhaft.“(O. Michel, aaO. S. 327)Sie stellt auf einen Weg in der Zeit.

Was Paulus schreibt, ist auch deshalb kühn, weil es noch nicht so oft in der ersten Gemeinde formuliert und auf den Punkt gebracht worden ist. Paulus ist der erste schreibende Lehrer der Christenheit. Vor ihm gibt es nur die Weitergabe der Lehre von Mund zu Mund. Dieser Briefschreiber weiß sehr wohl, dass andere in der Christenheit seine Worte kritisch betrachten. Wenn er dennoch schreibt, so hat das Gründe. Einen dieser Gründe nennt Paulus: Er ist, in Person, der Brückenkopf zu den Heiden. Man könnte auch sagen, der die Brücke zu den Heiden schlägt. Pontifex – Brückenbauer.

Das ist seine Berufung, dass er das Evangelium zu den Heiden, den Völkern trägt, in ihre Lebenswelt hinein übersetzt. Paulus verzichtet darauf, als den Ort dieser Beauftragung das Apostelkonzil (Apostelgeschichte 15) zu benennen, so wie er es an anderer Stelle tut: „Da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten,“(Galater 2, 9) Lukas wird in seiner Erzählung diese Berufung mit dem Wort des erhöhten Christus an Paulus verbinden: „Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.“(Apostelgeschichte 26, 17-18)  Hier schlicht: Gnade.

Diese Gnade aber wird wirksam darin, dass Heiden ihr Leben wandeln, zum Glauben finden, den Weg Gottes gehen, ein Leben führen, das geheiligt durch den Geist wohlgefällig vor Gott ist.  Auf engstem Raum benennt Paulus so seine Sicht des Glaubens: Lebenswende, die zu einem Leben, im Denken, Fühlen, Reden und Handeln unter der Leitung des Geistes führt. Zu dem Leben, das immer schon so von Gott gewollt war. Darum Opfer. Opfer ist das, was Gott immer schon zusteht. Dass er daran mitwirken darf, das ist sein Ruhm.

18 Denn ich werde nicht wagen, etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern und in der Kraft des Geistes Gottes.

Darum stellt Paulus noch einmal klar: alles, was er tun konnte, ist in Wahrheit das Werk Christi. Er handelt durch Paulus. Paulus ist nur Werkzeug, Kanal, Handlanger.  Wort und Werk, Zeichen und Wunder, die Kraft des Geistes – alles trägt die Signatur Christi. Das ist nicht frömmelnde Bescheidenheit. So sieht Paulus sich: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“(Galater 2,20) Es ist Christus selbst, der durch Paulus wirkt. Darum gehört aller Ruhm auch Christus.

Es ist gegenüber dem Luthertext von 1956 eine minimale Korrektur, die doch wichtig ist. Da hieß es: von etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat. Jetzt, karger, aber punktgenau: etwas zu reden. Es ist eine Unterschied, ob Paulus sagt: Hinter allem, was ich erzählt habe, steht das Handeln Christi oder ob er sagt: Dass ich überhaupt den Mund aufmache um zu reden, ist Wirken Christi.

Es ist ein Bild, das sich nicht wie von selbst aufdrängt, aber vielleicht verstehen hilft: Im Nibelungenlied gewinnt Gunter mit Siegfried als dem eigentlich Starken, verborgen in der Tarnkappe, den Wettstreit mit Brunhilde. So ähnlich muss man sich das wohl hier auch vorstellen: In dem Wirken und Tun des Paulus ist in Wahrheit Gott in der Tarnkappe der Handelnde. Er ist gewissermaßen inkognito aktiv.

So ähnlich denkt auch das Lied, das vom Segen, der in der Schöpfung zugange ist, singt:

„Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

 Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“
                                  C. Brentano 1815  EG 508

So habe ich von Jerusalem aus ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus voll ausgerichtet.

 An diesem Satz ist zu spüren, dass Paulus nicht in Bescheidenheit erstarrt, sich nicht klein macht, auch wenn er Paulus, „der Kleine“ heißt. Er nennt den weiten Raum, in dem er unterwegs gewesen ist für das Evangelium. Mit dem Evangelium. Durch diesen Raum hat das Evangelium sich seinen Weg gebahnt  Auf diesem Weg ist er für das Evangelium aktiv geworden. Voll ausgerichtet kann kaum heißen: Flächendeckend. Ohne sich seiner zu schämen (1,16), also unverschämt und kühn (15,15) und ohne etwas am Evangelium zu verschweigen, es etwas anzupassen, damit es gefälliger wird.

 20 Dabei habe ich meine Ehre darein gesetzt, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name noch nicht bekannt war, damit ich nicht auf einen fremden Grund baute, 21 sondern ich habe getan, wie geschrieben steht (Jesaja 52,15): »Denen nichts von ihm verkündigt worden ist, die sollen sehen, und die nichts gehört haben, sollen verstehen.«

Einen weiteren Grundsatz seiner Arbeit benennt er hier, vielleicht gerade deshalb, weil sein Brief nach Rom ja an eine Gemeinde geht, die er nicht gegründet hat. Er hat darauf geachtet, dass er als „Pioniermissionar“ (K. Haacker; aaO. S. 309) unterwegs ist. Der dorthin, geht, wo noch kein anderer Bote des Evangeliums war und gewirkt hat. Das hat ihn bestimmt, „einen Grund zu legen für die Wirksamkeit anderer, aber nicht das fortzusetzen, was andere begonnen haben.“ (O. Michel, aaO. S. 330) Vielleicht auch deshalb, damit man ihm nicht vorwerfen kann, dass er sich einmischt in die Arbeit anderer, erntet, wo er nicht gesät hat, hinter anderen her kommt und alles besser weiß. Es ging, wie wir aus anderen Briefen des Paulus wissen, durchaus nicht immer einmütig unter den urchristlichen Missionaren zu.

Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Arbeitsweise durch sein Zitat aus Jesaja begründet. Paulus liest demnach die Hebräische Bibel nicht nur so, dass er darin die Hinweise auf Christus und sein Verständnis von Werk und Wesen Christi findet, sondern er liest sie zugleich als einen Wegweiser für den eigenen Lebensweg, eigene Entscheidungen und Wegweisungen. Das wirft noch einmal ein helles Licht auf seinen früheren Satz: „Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“(15,4)

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben

  Die Bibel als großes Zeugnis für Christus und zugleich als Wegweisung für das eigene Leben zu lesen, schließt sich nicht gegenseitig aus. Ich denke: Es gehört vielmehr zusammen und befruchtet sich wechselseitig. Glauben hat immer mit Christus und mit dem eigenen Leben zu tun.

Ich leihe mir die Worte eines großen, verehrungswürdigen Lehrers unserer Zeit, die treffen, was ich denke: „Meine schöne alte Dame will nicht aus der Ferne bewundert werden, sie will besucht wer­den und sie will mich besuchen, nach Möglich­keit täglich. Sie erträgt es auch, wenn sie nur einmal in der Woche kommen darf. Wenn es weniger als einmal im Monat ist, fängt sie an zu murren und sie verweigert mir ihren Trost und ihre Weisheit. Ein Buch, in dem ich nicht lese, ist nicht mehr mein Buch.“(F. Steffensky, Die Bibel, meine liebste alte Dame, in: Hess. Pfarrerblatt, 2/2019)

Herr Jesus, Du sendest Deine Boten, wohin Du willst; die einen zu denen, die schon lange hören und dazu gehören, damit sie erinnert werden an das Geschenk ihres Glaubens. Andere zu denen, die nichts kennen außer Gerüchten, vielleicht Vorurteilen, vielleicht merkwürdigen Geschichten, die aber doch Sehnsucht haben nach dem Leben, das bleibt.

Gib Du allen Deinen Boten die richtigen Worte, die Herzen erreichen, trösten und ermutigen, den Weg weisen zu Dir. Amen