Wie Jesus uns angenommen hat

Römer 15, 7 – 13

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

            Noch einmal zum Einprägen: Das Verhalten der Christen untereinander soll sich am Beispiel Christi orientieren. Wie er sollen Christen miteinander umgehen. Einander annehmen. Akzeptieren. Tragen. Ertragen. Sich gegenseitig verpflichtet wissen zur Hilfe, zur Barmherzigkeit, zur Vergebung. Es „klingt wie eine Aufforderung, einen neuen Anfang zu machen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 321) Vielleicht steckt dahinter das Wissen um festgefahrene Differenzen in der Gemeinde in Rom?

Einmal mehr taucht hier eines der Lieblingsworte des Paulus auf:λλλους. Einander. Wenn man im Römerbrief Statistik führen würde, könnte man merken, dass dieses einander viel häufiger vorkommt als ich, mich, mein. Das Christenleben ist ein Gemeinschaftsprojekt und Christsein zeigt sich vorzugsweise in dem, das andere etwas von mir haben, dass mein Glauben ihnen gut tut.

Das Ziel: in der wechselseitigen Annahme, in dem menschenfreundlichen Umgang wird das Lob Gottes verwirklicht. Wir loben den Schöpfer, indem wir so leben, wie er es sich gedacht hat: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“(1. Mose 2,18) Darum erschafft er ihn als Gemeinschaftswesen, ζώον πολιτικόν, wie die griechischen Philosophen sagen. Indem wir dieser Bestimmung nachkommen, loben wir Gott. Tragen wir bei zu seiner Verherrlichung, seiner Ehre, seiner Herrlichkeit  – so wörtlich δξα im Griechischen. Gottes Glanz leuchtet heller auf, senn wir seiner Art entsprechen!

Es begegnet in diesen Worten, wie öfters bei Paulus eine „Vorbild-Christologie“ Christus gibt in seinem Handeln den Maßstab für das Handeln der Christen, in seinem Sein den Maßstab für das Sein der Christen. Aber das ist nicht die einzige Weise, wie Paulus von Christus für uns spricht.  Neben, nein, vor der Vorbild-Christologie steht sein Tun für uns, steht seine Liebe zu uns, steht seine Erlösung.

Das Handeln in der Spur Christi ist immer nur eine Folge, eine Antwort auf sein Handeln für uns. Dass Jesus sich für uns gegeben hat, dass er uns in sein Leben hinein nimmt, Anteil gibt an seinem Tod und seiner Auferstehung, ist die sachliche Voraussetzung dafür, dass wir an ihm Maß nehmen können und sollen. Oder anders gesagt: es geht im Handeln der Christen immer um ein Nachkommen, um die Dankbarkeit gegenüber dem, was Gott uns geschenkt hat.  

8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;

Hat Paulus die beiden Herkunftsgruppen der Gemeinde in Rom jetzt als Adressaten im Sinn? Betont sagt er, dass Christus als ein Diener der Beschneidung, gemeint ist damit: der Juden und dass er so die Wahrhaftigkeit Gottes bestätigt hat.  „Die Wahrheit Gottes besteht in seiner treue und Zuverlässigkeit, die das Verheißene erfüllt.“ (O. Michel, aaO. S. 322) Mit der Wendung „Diener der Beschneidung.“ wird daran erinnert, dass Jesus wie jeder jüdische Knabe am 8. Tag beschnitten worden ist. Darin ist er Jude wie alle anderen. An anderer Stelle kann Paulus sagen: „Unter das Gesetz getan.“(Galater 4,4) Darin aber werden auch alle Verheißungen bestätigt, eben nicht außer Kraft gesetzt: „die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst.“(Römer 9,4) Sehr deutlich greift Paulus hier seine früheren Worte auf.

 9 die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen,

            Gleichberechtigt, aber nicht höherwertig, auch nicht nachgeordnet, steht dem gegenüber, was die Heiden empfangen haben: Barmherzigkeit.λεος. Verheißung und Erbarmen – beides hat seinen Grund und festen Halt im Tun Gottes, nicht im Sein der Menschen. „In Christi Weg im Judentum und in dem, was er für die Völker bewirkt hat, zeigt sich Gottes Wesen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 264)   

wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« 10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« 11 Und wiederum heißt es (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« 12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.«

Mit einer Fülle an Schrift-Zitaten untermauert Paulus jetzt seine Aufforderung an die Heiden, die Barmherzigkeit Gottes zu loben. Die Schrift ist voll von solchen Aufforderungen. Die Psalmen kennen nicht nur das Lob Gottes durch Israel, sondern auch das Lob des Herrn durch die Heiden. Wörtlich: θνη  – „die Völker“ oder „die Ethnien.“ Mehr noch: Es ist die Erwartung der Schrift, dass die Heiden in das Lob Israels einstimmen, weil sie Gottes Größe an seinem Volk erkennen. „Der Lobpreis soll immer völliger und reicher werden.“ (O. Michel, aaO, S. 323) Bis er am Ende die Welt umspannt.

13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

            Wieder ein Segenswort. Es ist, als spürte Paulus: Was ich sagen will, kann ich nicht als Forderungen an die Gemeinde in Rom richten. Ich kann sie nur darauf hinweisen, dass Gott das an ihnen tun will und dass sie so den Glauben in seiner Fülle erfahren, als Freude und Frieden. Aus dem kleinen Anfang soll Fülle werden. Das geschieht durch die Kraft des Heiligen Geistes. Gott wird der Gemeinde Anteil geben an seiner Hoffnung, sie erfüllen mit seiner Hoffnung. So dass sie selbst kraftvoll und geistvoll hoffende Leute werden.

Was mich beschäftigt:

 Ich habe schon lange den Eindruck, dass wir zu rasch bei dem sind, was wir tun sollen. Dabei wird so leicht  übersehen, dass alles Sollen auf dem Fundament beruht, dass Gott schenkt. Gott schenkt Hoffnung, Gott schenkt den Geist, Gott hat den Sohn geschenkt. Wir sind heutzutage so sehr in Tun und Machen verliebt, dass wir für die Gaben Gottes kaum noch einen Blick haben, sondern nur die Aufgaben Gottes sehen. Nicht zuletzt darum ist so viel Stöhnen im Bereich der Kirchen. Wir sind immer an der Arbit – Kinderarbeit, Jugendarbeit, Seniorenarbeit, Predigtarbeit. Was für eine Befreiung, wenn wir neu sehen: Wir dürfen aus dem Geschenk leben, dass Gott sich uns schenkt. Wo dieses Geschenk angekommen iist, wird es aufstrahlen in hellem Glanz.

 

Heiliger Gott. Du weißt, wie sehr wir das nötig haben – Trost, Geduld, Hoffnung. Du weißt, wie leicht uns bange ist, wir die Geduld verlieren, unsere Hoffnung schwindet.

Du stellst uns Jesus vor Augen.  Auf ihn sollen wir schauen und sehen: Du kommst uns nahe. In allen Fragen und allem Zweifel. Du gehst uns nach in allem, wo wir uns allein vorkommen. Du hältst uns fest, auch wenn wir den Halt verloren haben.

Du stellst uns zueinander in das Licht deiner Wahrheit, in die Wärme deines Erbarmens, in den weiten Horizont Deiner Verheißungen, damit wir einander trösten, zur Geduld helfen, die Hoffnung stärken.

Öffne uns die Augen, erfülle uns die Herzen, dass wir einander sehen wie Jesus uns sieht und einander wohl tun in der Kraft seiner Liebe, wie er uns getan hat. Amen