Weitherzig

Römer 14, 13 – 23

13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

            Wenn schon richten, dann sich selbst ausrichten. Das Wort κρνω deckt eine Bandbreite an Bedeutungen ab: „scheiden, sondern, unterscheiden, absondern, aussondern, auswählen, entscheiden, beschließen, richten, verurteilen.“(Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957., S. 453) Im Kern geht es Paulus um die Bewahrung der Gemeinschaft, die durch Richten zerstört wird. Danach streben, dass wir dem Anderen das Leben nicht schwer machen, dass wir ihn nicht irre machen in seinem Weg.

Die Christen in Rom sollen so miteinander umgehen, dass sie einander im Glauben stärken, nicht so, dass sie einander irritieren, durch ihre große Freiheit nicht und auch nicht durch ängstliche Enge und Unfreiheit. Das gilt für beide Gruppen, die Paulus mit seinen Worten im Blick hat, die Starken und auch die Schwachen. Das Kriterium für den Umgang miteinander ist nicht das Behaupten der eigenen Position, das Beharren darauf: Wir haben recht. Das Kriterium ist die Liebe. „Es zeigt sich, dass Paulus zwar der Wahrheit der Freien zu stimmt, dass er aber vom Evangelium her diese Wahrheit in das Licht der Liebe rückt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 305)

14 Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. 16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.

            Noch einmal, diesmal sehr betont durch den Ausdruck: Ich bin gewiss in dem Herrn Jesus. Ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als eine persönliche, aber letztlich relativierbare Einstellung des Paulus. Nichts ist unrein an sich selbst. Einmal mehr eine Parallele aus den Evangelien: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“(Matthäus 15, 17-20)  Es sind nicht die Stoffe, die Menschen verunreinigen, sondern es ist die innere Gesinnung. Darin stimmt das Wort aus Matthäus mit den Worten des Paulus überein. Dieses Denken Jesu, das „mit der ganzen jüdischen Tradition bricht, wird von ihm ausdrücklich bestätigt.“(O. Michel, aaO. S. 306) Kennt Paulus solche Jesus-Worte aus seinem Umfeld?

Paulus geht dann den Schritt noch weiter: Das eigene Verhalten kann dem Bruder, der Schwester den Glauben vergällen. Es ist lieblos, zeugt nicht von dem Respekt vor dem anderen, wenn Freiheit rücksichtslos ausgelebt wird. Es zeugt auch nicht von Respekt, wenn alle in die Enge eines skrupelbehaften Gewissens gepresst werden sollen. So oder so – wo das Thema der Speisen zu groß wird, aus dem Ruder läuft, die Gemeinschaft zerstört, da droht die Gefahr, dass einer „in seiner Existenz als Christ zutiefst beschädigt wird“(W. Klaiber, Der Römerbrief, Die Botschaft des Neuen Testaments; Neukirchen 2009, S. 250), dass ihm die Freude am Glauben verdunkelt wird. Das aber verträgt sich nicht mit der Liebe, die den Christen geboten ist, in die sie hinein gestellt sind durch den Glauben an Christus.     

Auch das gilt es zu bedenken: Bringt so ein Verhalten untereinander nicht den Glauben insgesamt in Misskredit? Es ist ein „gefundenes Fressen“ für alle, die auf Distanz bleiben wollen: Die sind sich ja selbst nicht nur nicht einig, sondern urteilen sich gegenseitig ab. Schöne Liebe! Aus diesem lieblosen Verhalten untereinander erwächst Blasphemie – genau dieses Wort βλασφημεσθω gebraucht Paulus. „Der Mensch kann mit seiner Lieblosigkeit die Wahrheit Gottes entmächtigen, obwohl sie Wahrheit bleibt.“(O. Michel, aaO. S. 307) Das Evangelium wird dunkel, fragwürdig, wo sich Christen so gegenseitig richten. Paulus sieht in dieser Essensfrage, die ihm persönlich so zweitrangig erscheint, durch andere die Botschaft von der Zuwendung Gottes zu den Gottlosen gefährdet.

 17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. 18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. 19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

            Darum folgt jetzt dieser steile Hinweis, der Form nach ein Lehrsatz, der allgemeine Gültigkeit beansprucht. Es geht in der individuellen Essensfrage nicht um das ewige Heil, nicht um das Reich Gottes. Man kommt weder in den Himmel, weil man alles isst – ich bin so frei! – noch, weil man sich vegan oder vegetarisch ernährt. Der Weg in das Reich Gottes sieht anders aus: Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. δικαιοσνη κα ερνη κα χαρ ν πνεματι γίῳ. Alles Schlüsselworte für das Evangelium, wie es Paulus verkündigt. Es sind die Gaben, die Gott gibt, „seine Heilsgaben“ (U. Wilckens, aaO. S. 93) Paulus setzt also nicht der etwas albernen Streitfrage „Essen“ jetzt das höherwertige ethische Verhalten entgegen, sondern die Gaben, die Gott gibt. Das Reich Gottes kommt nicht durch das und besteht nicht in dem, was wir tun, sondern in dem, was Gott gibt.  Aus diesen Gaben gilt es zu leben. Das sucht Gott an den Christ*innen. Das werden auch Menschen an ihnen zu schätzen wissen.

Mir fällt auf, dass Paulus in dieser so nebensächlichen Frage mehrfach auf die Wirkung „nach außen“ abhebt. Ihm liegt offensichtlich daran, dass der Umgang der Christ*innen innerhalb der Gemeinde so ist, dass er das Reden und Werben der Christen nicht unglaubwürdig macht. Nicht konterkariert. Man kann nicht von der Liebe Gottes reden und sie im Umgang miteinander schuldig bleiben. Selbst wenn man recht hätte. „Seht, wie lieb sie einander haben“ (Tertullian, um 195) ist die Aussage, die nach Tertullian das überzeugendste Moment war, um Christ zu werden.

20 Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk. Es ist zwar alles rein; aber es ist nicht gut für den, der es mit schlechtem Gewissen isst. 21 Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran dein Bruder Anstoß nimmtt.

„Unerschütterlich steht über jedem Verzicht, der die eigene Freiheit beschränkt, die Gewissheit: alles ist rein.“(A. Schlatter, aaO. S. 377) Und doch noch einmal, wohl weil es so schwierig ist. Es darf nicht sein, dass die Speisekarte dem Werk Gottes in die Quere kommt. Es kann nicht sein, dass die eigene Freiheit wichtiger ist als das gute Gewissen des Mitchristen. „Die Liebe verzichtet auf die Ausübung der Freiheit um des Bruders willen.“ (O. Michel, aaO. S. 312)

             Es ist offensichtlich: die Zumutung des Paulus an die „Starken“, die mit der Freiheit auf ihrer Seite, ist größer als die Zumutung an die „Schwachen“. Vielleicht ja deshalb, weil es weitaus schwieriger ist, ein enges Gewissen zu „weiten“ als einem mit einer großen Freiheit den Respekt vor den engen Grenzen eines Weg-Gefährten zuzumuten. Paulus hat weniger Angst vor einer Tyrannei der Schwachen als vielmehr Sorge sie zu verlieren, weil sie in ihrem Gewissen überfordert werden.

Ein bisschen auffällig ist es schon: Paulus vermeidet das griechische Wort für Gewissen – συνείδησις – in diesem Abschnitt. Er redet davon, dass das Essen προσκμματος auslöst, dass es dem Anderen zum Anstoß wird. Das Beispiel des „Freien“ verleitet den „Schwachen“ dazu zu tun, was er nach seiner Überzeugung nicht tun darf. Es scheint, als wolle Paulus verhindern, dass die Schwierigkeiten nur einem allzu engen Gewissen angelastet werden können. Stattdessen verweist er auf das Tun, das anderen zum Anstoß wird und sie zu Fall bringen kann. Es geht immer um das Tun.

22 Den Glauben, den du hast, behalte bei dir selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht zu verurteilen braucht, wenn er sich prüft. 23 Wer aber dabei zweifelt und dennoch isst, der ist gerichtet, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.

Damit fasst Paulus seine Argumente zusammen. Prüfe dich selbst. Sei gewiss in dem, was du tust. Wenn schon beurteilen, dann immer nur sich selbst. Und dann, wohl noch einmal an die Schwachen gerichtet: Lass dich nicht zu einem Verhalten verlocken, fordern, dass du innerlich nicht bejahen kannst. Das Verhalten der Christen soll immer aus dem Glauben, κ πστεως, seine Richtung gewinnen. Wo es von anderen Motiven gelenkt wird, steht der Glauben auf dem Spiel.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Man versteht die ganze Diskussion, die Paulus hier führt, nicht, wenn man seinen Ansatz nicht in den Blick bekommt. Es geht Paulus nicht um die Fragen individueller Freiheit – jede*r darf so leben, wie es ihm/ihr gefällt. Das ist die Sicht unserer Zeit, die keine wirkliche Verpflichtung einer Gemeinschaft gegenüber – ob Volk, Staat, Gemeinde, Kirche mehr zu kennen scheint. So individualistisch kann Paulus nicht denken. Ihm geht es in allen diesen Worten darum, Christen unterschiedlichster Herkunft und Lebenssicht beieinander zu halten. In der Gemeinschaft der Gemeinde, der κκλησα. Er geht im ganzen Brief mit diesem Wort sparsam um, aber es ist der gedankliche Hintergrund aller seiner Argumente in Sachen Ethik, Verhalten der Christ*innen. In der Gemeinschaft der Gemeinde mutet man sich einander zu und diese Zumutung hat ihre Grenze in der Tragfähigkeit der Liebe. Wer die Liebe verletzt und verlässt, der sprengt die Gemeinschaft. Der verliert den Christus-Raum als seinen Lebensraum. Und die anderen Christ*innen als Brüder und Schwestern.

Es ist in seiner Allgemeingültigkeit ein herausfordernder Satz: Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde. Das griechische Wort für Sünde μαρτα – meint Zielverfehlung. Es geht nicht um Moral. Es geht darum, dass wir das Ziel Gottes für unser Leben verfehlen. Wann immer Christ*innen sich einfach nur gesellschaftlichen Trends anpassen, ohne innere Überzeugung, ohne die klare Sicht, dass dies der Weg ist, der der Güte und Freundlichkeit Gottes entspricht, auch seinem Gebot, da riskieren sie die Entfremdung von Gott. Dass sie sich nicht mehr in ihn bergen. Nichts anders meint hier das Wort Sünde. Das helle Bild Gottes verschwimmt durch die Zweifel über das eigene Leben.

 

Herr Jesus, manches kann ich besser verkraften als andere, in manchen Dingen bin ich frei, ohne Angst, großzügig mir selbst gegenüber, aber auch anderen. An anderen Stellen merke ich, dass ich eng bin, ängstlich, festhalte an dem, was ich schon kenne und was ich nicht ändern möchte.

Hilf Du mir gut umzugehen mit denen, die größere Freiheiten für sich in Anspruch nehmen als ich sie gewöhnt bin. Hilf mir, auch mit denen gut umzugehen, die in ihrem Denken und Glauben enger sind als ich es gut finde.

Lehre mich die Weitherzigkeit, die Deiner grenzenlosen Liebe entspricht. Lehre mich die Achtung auch vor denen, deren Enge ich nicht nachvollziehen kann und nicht teilen will. Amen