Die Liebe überwindet Unterschiede

Römer 14, 1 – 12

 1 Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch. 3 Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.

       „Wahrscheinlich gehen diesen Teilen des Briefes Nachrichten voraus, die ihm die römischen Freunde gesandt hatten.“(A. Schlatter, aaO. S. 364) Jedenfalls wirkt es so, als würde Paulus auf Fragen reagieren, die an ihn herangetragen worden sind.

Es geht nicht um Streit zwischen Fleisch-Essern und Vegetariern oder Veganern. Ob es gesünder ist, Fleisch zu essen oder nicht. Es geht um religiöse Fragen: Es geht darum, ob man alles essen darf, was der Markt gerade so hergibt – und immer besonderen Fleisch, das auf dem römischen Markt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus irgendeiner Opferhandlung im heidnischen Tempel stammen wird. aus dem Tempel der Juno, des Mars, des Jupiter, des Saturn und wie sie alle heißen.

Zwei Positionen stehen sich wohl gegenüber. Weil es beide Positionen in der Gemeinde gibt, ist es erforderlich, Klärungen herbeizuführen. Ob es dazu einen „apostolischen Entscheid“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 298) braucht, weiß ich nicht. Mir scheint diese Formulierung rückwirkend von heute her ein bisschen die Autorität des Paulus überhöht zu sehen.

Aber die Gemeinde ist in einer Zerreißprobe, die sich aus Alltagshandeln ergibt. Die einen essen bedenkenlos Fleisch, weil sie sagen: Alle Götter sind Nichtse. Sie haben es von Jesaja gelernt: „Wer sind sie, die einen Gott machen und einen Götzen gießen, der nichts nütze ist?“(Jesaja 44,10) Es liegt keine Macht auf dem, was aus den Tempeln kommt. Und es interessiert sie nicht, wo ihr Fleisch herkommt. Die anderen haben Angst, dass sie sich durch das Essen von Götzenopfer-Fleisch infizieren, mit dem heidnischen  Kult und unter dessen Einfluss geraten. Auch, dass sie strenge Speisevorschriften übertreten, die ihnen wichtig waren, wie die, das alles koscher sein muss. „Es gibt Beispiele dafür, dass Juden in solchen Situationen auf einen strengen Vegetarismus auswichen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 240)

Es liegt auf der Hand, dass so unterschiedliche Einstellungen zum Essen Probleme bereiten im Miteinander in einer Kleingruppe. Im Üben von Gastfreundschaft, wo einer sagen muss, weil er nicht anderes kann: Das esse ich nicht. Es ist Erfahrung, die sich bis heute wiederholt: erst die Begegnung mit denen, die das gewohnte Essen verweigern, aus religiösen Gründen, aus gesundheitlichen Aspekten, werden wir selbst aufmerksam und manchmal auch in Frage gestellt mit unserem eigenen Ess- und Trinkverhalten.

            Richtig schlimm aber wird die Situation dadurch, dass es Slogans gibt, die die anderen abqualifizieren, Die nicht alles essen, sind die Schwachen im Glauben. σθενοντα Sie schwächeln. Sie trauen sich nicht. Sie haben keine Freiheit. Sie haben nicht verstanden, dass Christus von solcher Beschränktheit befreit. Und umgekehrt: Die Alles-Esser haben kein Gewissen. Sie sind zügellos, schrankenlos. Ihre Freiheit ist nur Libertinage. Da fehlt es an der Konsequenz des Glaubens. Es kommt zu wechselseitigen Verurteilungen.

4 Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.

Dieses Urteilen, Richten versucht Paulus zu unterbinden. Es geht nicht an, die Freiheit zu verachten, ab zu-urteilen und auch nicht die Ängstlichkeiten. Es ist übergriffig, greift in  das Urteil Gottes ein. Eine Anmaßung. Hat er zuvor schon geraten, die Rache für Unrecht Gott zu überlassen, so fordert er hier: Das Richten über den anderen, den fremden Knecht unter anderer Herrschaft steht euch nicht zu. Fremder Knecht meint: ein Knecht, der nicht du selbst bist. Einer unter anderer Herrschaft als deiner Herrschaft.

„Stehen und Fallen sind im Urchristentum bildhafte Vorstellungen für die Bewährung und für das Versagen in der Durchführung einer Aufgabe oder im Erleiden der Anfechtung.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 300) Für Paulus gibt es in diesen Zusammenhängen nur einen, der das Recht zu urteilen und zu richten hat: Gott selbst. Von Gott aber glaubt Paulus ja, dass er das Gericht über alle so vollzogen hat, dass er sich die Gottlosen Recht sein lässt. Darum dieser Satz: Der Herr kann ihn aufrecht halten. Es geht Paulus nicht einfach nur um ein Zurückhalten von Werturteilen, dummen Sprüchen, sondern es geht sehr grundsätzlich darum, dieses Evangelium von der Rechtfertigung der Gottlosen durchzuhalten – bis in den alltäglichen Umgang miteinander.

 5 Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss. 6 Wer auf den Tag achtet, der tut’s im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch.

Paulus schiebt ein zweites Beispiel nach, wieder eines, das sie in Rom auch beschäftigt  – den Umgang mit dem Kalender. Es gibt „heilige“ Tage, heilige Zeiten. Es gibt im Umfeld auch sonst Glücks- und Unglückstage. Es wird dabei nicht nur um den Sabbat gehen. Es gibt die große Freiheit, die sagt: Alle Zeit ist Gottes Zeit. Und es gibt eben die anderen, weniger frei, die sich sorgfältig daran halten, was sie einmal gelernt haben – besondere Zeiten besonders zu achten.

Paulus kann relativ entspannt sagen: jeder sei in seiner Meinung gewiss. ν τ δίῳ νοῒ. Es gibt Unterschiede in der Erkenntnis – aber es geht in diesen Erkenntnissen nicht um die letzte Wahrheit des Evangeliums! Das ist alles dem Bereich des Vorläufigen, Sekundären zugeordnet. Gleichwohl weiß Paulus, dass mit dieser Friedensformel das Thema noch nicht erledigt ist. Deshalb fügt er hinzu: Lebt, was immer ihr lebt in der Dankbarkeit gegenüber Gott. Wenn der Brief an Timotheus nicht später wäre, könnte er zitieren: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (1. Timotheus 4,4) Das eigentlich Wichtige ist nicht, was der oder die Einzelne denkt, sondern dass sie alle zusammen bleiben im Gebet. „Sowohl der Lobspruch vor dem Essen als auch das Dankgebet nach Tisch überwindet die verschiedenen Überzeugungen.“ (O. Michel, aaO. S. 302)

 7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. 9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

            Es folgt einmal mehr so etwas wie ein Lehrsatz, eine Grundsatz-Erklärung zu dem, wie Paulus denkt: Wir gehören nicht mehr uns selbst. Wir gehören auch nicht den anderen Christen. Wir gehören auch nicht dem Staat. Sondern im Leben und im Sterben sind wir Eigentum Jesu Christi. Das ist Erinnerung an die Taufe! Das ist die Grundlage, auf der Paulus seine Freiheit sieht und die Gebundenheit der Gewissen. Beides ist „Vorletztes“. Das Letzte, was wirklich allein zählt ist die Zugehörigkeit zu Christus. Wir sind des Herrn – sein Eigentum.

Diese Worte sind eine Kampfansage gegen alle Ansprüche, die über Menschen verfügen wollen, ob sie nun im Urteilen übereinander bestehen, ob sie in der Einforderung unbedingter Loyalität bestehen, ob sie als wirtschaftliche Forderung oder als Forderung der völligen Hingabe an die Karriere begegnen: Immer sagt Paulus: Nein. Wir gehören nicht uns – wir gehören Christus.

In einem Passionslied, das doch zugleich eine Kampfansage ist, 1938 gegenüber dem totalitären Staat heißt es:

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha,
der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah,
das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld,
das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ewger Huld.
                                                   F. von Bodelschwingh  1938  EG 93

Dabei ist für das Verstehen wichtig: das Herz ist hier nicht Ausdruck romantischer Innerlichkeit. Sondern es ist das Zentrum, in dem die Willenskräfte eines Menschen wirken, in dem die Entscheidungen seines Lebens fallen.

 10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. 11 Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« 12 So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.

Wenn das alles aber so ist – wie kann dann noch einer den anderen richten? Ihn verachten, gering schätzen? Sich anmaßen, urteilend an der Stelle Gottes zu stehen? Es ist gut, sich an frühere Sätze zu erinnern: „Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.“(12,10) Paulus jedenfalls hat sie immer mit im Sinn, auch hier.

Man kann es auch so sagen: Keinem von uns steht die Stelle als Hilfsrichter im Gericht zu. Gott braucht keine mit-urteilenden oder gar vor-urteilenden Schöffen. Es wird vielmehr so sein: Wir alle, so verschieden wir hier sind, werden vor Gott stehen, offenbar und auskunftspflichtig – aber nur über das eigene Leben. Für sich selbst. Ohne Seitenblick auf andere. Wohl uns, wenn unser Auskunft-geben dann zu einem Lobpreis Gottes wird, zu eine Bekennen zu ihm, dem wir doch schon längst gehören.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Paulus sich bewegt.  Jeder darf in seiner Überzeugung gewiss sein – ν τ δίῳ νο. In seinem eigentümlichen Denken. Und direkt anschließend: Keiner gehört sich selbst – wir alle gehören Christus. Paulus will die Akzeptanz des Anderen von innen heraus, Nicht aus Gleichgültigkeit, der alles gleich gilt. Vielleicht geht Paulus  sogar einen Schritt weiter. Erst dieses Wissen – Wir alle sind umfasst von Gott – ermöglicht die Zustimmung: Wir können und dürfen verschieden sein in unserem Denken, unserem Lebensstil, sogar unserem Glauben. Es ist die geglaubte Zughörigkeit aller zu Christus, sein Herrsein über alle, dass wir so unterschiedlich, vielfältig sein können. Es ist das Einssein in Christus, das alle äußere Eintracht zweitrangig macht und die Vielgestalt des Glaubens möglich sein lässt.

Was mich beschäftigt:

Man kann leicht den Eindruck haben, dass Paulus sich nach seinen langen Grundsatz-Klärungen jetzt in Kleinigkeiten verliert. Vielleicht eine Liste von Fragen abarbeitet, die er aus der Gemeinde kennt und aus seinen Erfahrungen einschätzen kann. Ich glaube, dass man damit den Gedanken des Paulus nicht gerecht wird. sondern auch hier, in diesen kleinteiligen Mahnungen geht es immer um das Evangelium. Um eine Einweisung in eine Lebenspraxis, die von dem Glauben an das Erbarmen Gottes, an seine Gnade in Jesus Christus getragen ist. Paulus unterzieht sich der Mühe, nicht bei schönen theologischen Sätzen zu bleiben, sondern sie zu erden, so dass es zu einem verwandelten Leben kommt.

 

Mein Herr, was für ein Geschenk, dass Du uns an Deinen Tisch rufst. Alle. Junge und Alte, Starke und Schwache, Begeisterte und Müde, Skeptiker und Fromme . Du machst keinen Unterschied

Gib doch, dass wir keinen ausschließen, keine Tischgemeinschaft verweigern, auch wenn einer anderes ist als wir, anders singt als wir singen, anders betet als es uns vertraut ist. Amen