Nichts für die lange Bank

Römer 13, 8 – 14

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

            Dieser erste Satz wirkt auf mich, als würde er nahtlos anknüpfen an den letzten Satz vor den Gedanken über die Obrigkeit und den Staat. Er macht damit diese ganze Passage über den Staat endgültig zu einer Art Exkurs. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Ich könnte auch lesen: Haltet fest an der Liebe.

Und hier nun: Das einzige, was ihr einander schuldet, aber auch der Welt schuldet, ist die Liebe. „Die Liebe ist die eigentliche Verpflichtung, die wir nie aus den Augen verlieren dürfen.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 288) Nach innen und außen – immer geht es um einen liebevollen Umgang. Einen Umgang, der Leben ermöglicht, der Menschen auf die Beine hilft, der Wunden heilt und Mut macht. Das sind Christen einander schuldig.

Hier steht ein Wort  φειλε, das auch schlicht Schulden bedeuten kann. „Habt also bei niemand Schulden“ sagt Paulus. Das wirkt ein bisschen wie assoziativ an die Sätze über die Steuern angeschlossen. Dennoch denke ich, dass es nicht um Geld-Schulden geht. Es geht um ein Verhalten, zu dem die Christen verpflichtet sind, das sie den anderen schulden. „Die Liebe ist Pflicht. Wir sind sie einander schuldig.“(A. Schlatter, aaO. S. 357)

            Es ist die Art Lehrsatz, die Paulus oft zur Sprache bringt: wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Im Hintergrund darf man vielleicht mithören: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34) Auch wenn das Johannes-Evangelium Jahrzehnte später geschrieben ist als der Brief des Paulus nach Rom – der sachliche Zusammenhang scheint offensichtlich. Es geht um die Liebe, die als Reflex der Liebe Christi unter den Christen und der Welt gegenüber gelebt werden soll. Die Liebe ist die Bringschuld, die die Christen gegeneinander haben. Es steht nicht im Belieben der Christ*innen zu lieben – sie sind dazu verpflichtet. Um nichts anderes geht es im Gesetz. Darum ist die Erfüllung des Gesetzes nicht anders zu haben als im Tun der Liebe, in den Werken der Liebe.

9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

So interpretiert Paulus das Gesetz. Es ist eine Anleitung zum Tun des Guten. Paulus zitiert ähnlich auswählend, wie Jesus im Gespräch mit dem reichen Jüngling:  „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter« (Matthäus 19, 18-19). Und wie dort Jesus führt auch Paulus sein Zitat der Gebote weiter mit der Zusammenfassung:  »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Offenkundig gibt es in der ersten Christenheit eine Überlieferung, die diese Kombination von Geboten der zweiten Tafel als festen Zusammenhang kennt, die sie die „Neuen“ in der Gemeinde als Katechismus-Wissen lehrt. Darauf laufen also alle Gebote, auch die nicht ausdrücklich aufgezählten hinaus: Dass sie eine Richtschnur sind, wie  es dem Nächsten zu begegnen gilt. „Bei Paulus ist es die Tora als ganze, die im Gebot der Nächstenliebe ihre einzig bestimmende Norm erhält.” (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 70) Darum also noch einmal: Mit der Liebe ist das ganze Gesetz erfüllt. Es braucht sonst nichts mehr.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

In diesem ganzen Zusammenhang argumentiert Paulus mit der „fortgeschrittenen Zeit.“ „Paulus erlebt das Näherkommen dieses Termins durchaus in chronologischen Kategorien.“ (W. Klaiber, Rechenschaft über den Glauben, Bibelauslegung für die Praxis 21, Stuttgart 1989, S. 132) Umso dringlicher gilt seine Mahnung. Jetzt ist es Zeit, angesichts des kommenden Tages nur noch der Liebe zu folgen. Der Tag, der nahe herbei gekommen ist, ist wohl der „Jüngste Tag….. Die Vollendung ist unmittelbar nahe gerückt“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 189) 

         Es ist Zeit zum Aufstehen. An anderer Stelle begegnet ein urchristliches Tauflied, das in die gleiche Richtung weist, zitiert wohl von einem Paulus-Schüler: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“(Epheser 5,14) Das Wissen um den kommenden Tag, an dem das Handeln offenbar wird, ist ein starkes Motiv, sich nicht dem Schema der Welt (12,1) zu unterwerfen, sondern der Spur Christi zu folgen. In den Schriften des Neuen Testaments wird oft die Aufforderung zu solchem Leben in der Spur Christi mit dem Hinweis auf die vergehende Zeit begründet.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.

Die Worte hier sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass Paulus in der Erwartung des kommenden Herrn lebt. In der Nah-Erwartung. Das erklärt sein rastloses Unterwegs-Sein, sein so eindringliches Werben für den Glauben an Jesus Christus. Es geht ihm darum, Menschen zu gewinnen, damit sie an diesem Tag vor dem „Richterstuhl Christi“(2. Korinther 5,10) bestehen. Das sagt Paulus nicht, um Angst zu machen. Es geht ihm vielmehr darum, den Christen die Perspektive ins Gedächtnis zu rufen, die den Einsatz ihres Lebens lohnt, die es auch lohnt, unangepasst in der Welt zu leben.

Es ist sicher nicht von ungefähr, dass in der feierlichen Formulierung die Botschaft Jesu anklingt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“(Markus 1, 15) Das verleiht diesen Sätzen den Charakter einer Proklamation. Paulus ruft das nahe Reich aus. „Eine solche Proklamation gehört eigentlich nicht in einen Brief, sondern in die mündliche Verkündigung und in die Liturgie.“ (O. Michel, aaO. S. 292) Vielleicht jedoch ist es so – sie ist aus der Verkündigung des Paulus heraus in den Brief „hineingerutscht“.

So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.           

Es geht um einen alternativen Lebensstil. In seiner Knappheit kann Paulus formulieren, weil er ja zum Anfang des Briefes (1, 18 – 319 deutlich gemacht hat, was für ein verheerendes Verhalten das Leben ist, wie es Usus ist, ohne Christus. Die Christen soll nicht mehr dahingegeben (1, 24.26.28) an die Werke der Finsternis leben, sondern hingegeben an Christus. Salopp formuliert: Kein Nachtleben, sondern Leben im Licht des neuen Tages, der kommenden Herrlichkeit.

Auch das begegnet öfters bei Paulus: Diesen Wechsel der Lebenshaltung beschreibt er mit dem Ablegen alter, verschmutzter Gewänder und dem Anlegen neuer Kleider. Ein Bild, das aus dem Alten Testament geläufig ist und das sich mit der Erfahrung von Christen berühren mag, die nach ihrer Taufe ein neues Gewand angezogen haben. Deshalb wird es auch von einem Paulus-Schüler wie dem Schreiber des Kolosser-Briefes verwendet. „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“(Kolosser 3, 12 – 14)

Die Besonderheit hier im Brief an die Römer: Es geht nicht um ein Anziehen von Verhaltensweisen oder Rollenmustern, wie wir heute wohl sagen würden und auch verstehen. Sondern es geht um das Anziehen des Herrn Jesus Christus. Um ein Werden wie er, von innen heraus. Um ein ihm gleichgestaltet werden. Dabei gilt: „Der Herr Jesus Christus bleibt immer mehr als die einzelnen Eigenschaften, in denen sich hier in diesem Äon die Existenz der Christen verwirklicht.“ (O. Michel, aaO. S. 295) Diesen „Christus-Überschuss“ holen wir nicht ein, müssen es auch nicht. Aber sich ihm annähern, darum ringt Paulus ja, wie er an anderer Stelle schreibt: „Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne!“(Galater 4,19)

Unser Taufkleid bei den Taufen von Säuglingen erinnert noch daran. Sie werden angezogen mit den weißen Kleidern der Vollendeten. Ein Bild, das vor allem in der Offenbarung mehrfach begegnet. „Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen.“( Offenbarung 7,9 u. a.) 

Christus anziehen heißt: Christus-förmig werden. Ihm entsprechen in Wesen und Leben, in Worten und Taten. „Christliche Ethik als Christus-Ästhetik – eine Herausforderung, die in unserer von visuellen Medien beherrschten Zeit besondere Relevanz erhält.“(K. Haacker; aaO. S. 274)

Dieser Entsprechung des eigenen Lebens zum Weg Christi und zu seiner Versöhnung gilt die Sorge der Christen. Und befreit zugleich von der Sorge um sich selbst.  Sie wird gelebt im Leib Christi, in der Gemeinde und ist befreit von der „Lebenssorge, die isoliert uns selbst gilt, unserer Selbstbestimmung, dem Fleisch.“(U. Wilckens aaO. S. 78)

Mir kommt als ein Wort, das dieser Haltung und den Gedanken des Paulus sehr nahe ist, das Wort Jesu aus der Bergpredigt in den Sinn: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Matthäus 6,33-34) Einmal mehr stehe ich vor der Einsicht, wie die Worte und Schriften des Neuen Testaments untereinander verknüpft und verbunden sind in ihrer Sicht des Lebens, die sie von Jesus Christus her gewinnen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Paulus fordert zur Wachheit auf. Das ist nicht Schlaflosigkeit als Tugend. Es gilt, die Zeit nicht zu verschlafen, weil das Ende aller Tage nahe gerückt ist. Weil das Warten und Wachsein sich lohnen wird. Es ist ja der kommende Herr, dem das Wachen entgegenwartet. Das Ende aller Tage ist heute dagegen als Angst-Termin mehr im Bewusstsein als früher. Prognosen für 2050, gar 2100 wirken wie Endansagen. Es droht Welt-Untergang. Das hören und denken: da bin ich nicht mehr da, ist oftmals eins.

 

            Ich denke so gut wie nie an das Ende der Welt, aber immer häufiger an das Ende meiner Tage. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Psalm 90,12) Wer das eigene Ende nicht bedenken lernt, ist nicht klug, eher naiv. Vielleicht sogar dumm; jedenfalls kurzsichtig. Bis es jedoch so weit ist, gibt es eine Handlungsoption für den Glauben: Die Nächsten lieben. alle, die Netten und die Schwierigen. Ihnen so begegnen, dass ihr Lebensmut gestärkt wird, dass es für sie gut ist, unsereinen in ihrer Nähe zu wissen. Weil sie spüren und erfahren,  dass wir ihnen gut sind.     

„Die Ethik des Christentums baut sich weitgehend auf Elemente der Tauflehre und Taufmahnung auf.(O. Michel, aaO. S. 295) Wenn das richtig ist, dann gilt es freilich nach der heutigen Praxis von Taufansprachen zu fragen. Wird in ihnen darauf verwiesen, dass die Taufe auf Lebenspraxis zielt, die sich an Christus orientiert? Und sind unsere ethischen Mahnungen im Gottesdienst durch den Rückverweis auf die Taufe gekennzeichnet? Mir scheint, die Taufvergessenheit in der heutigen Christenheit hat genau damit zu tun. Taufe ist ein nettes Ritual als Auftakt einer Familienfeier. Sie ist nicht anspruchsvoll in dem Sinn, dass sie Wegweisung für das Leben zu sein beansprucht.

 

Herr Jesus, Du hast uns Deine Liebe geschenkt, uns in sie hineingestellt als in den Raum unseres Lebens. Du willst, dass wir Deine Liebe weitergeben an die, die uns nahe sind, aber auch an die, mit denen wir es schwer haben

Lehre Du uns, aus Deiner Liebe zu leben in unserem Denken, unseren Worten, unserem Tun. Amen