Wie halten wir es mit dem Staat?

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen unvermittelt und darum überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor. Der römische Historiker Sueton berichtet über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S. 307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personenbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen. „Der ganze Abschnitt spricht im Stil eines jüdischen Weisheitslehrers und wendet sich daher ausdrücklich an das kritische Urteilsvermögen des Lesers.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 281)

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen, Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“, autorità heißt es in der italienischen Übersetzung La Parola ề vita. Es bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)   

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt Unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“(K. Haacker; aaO. S. 266)Das ist schon ein steiler Satz, der es nicht so einfach macht, sich mit den Gedanken des Paulus anzufreunden. Erst recht in einer Zeit, in der jederzeit der Protest aufflammen kann weil das Gesetz der Gewalten nicht der eigenen Einsicht entspricht.

Ist, was Paulus einfordert, ein Schritt zum Untertanen-Geist? Ist das Unterwürfigkeit? Ein sich selbst Aufgeben in sklavischem Gehorsam? Ohne hinzusehen? Wir erleben im Augenblick eine Debatte, die zum Verstehen helfen kann. Wir erwarten von allen, die in der Bundesrepublik leben, ob Christen, Juden, Buddhisten, Muslimen oder sonstig religiös gebundenen Leuten, dass sie die „Freiheit-demokratische Grundordnung“ als das akzeptieren, was alle bindet. Es ist die „potestas“, die staatliche Gewalt, der alle unterworfen sind. Kein Mensch kommt, soweit ich das sehen kann, angesichts dieser Forderung auf die Idee, von Untertanen-Geist oder Selbstaufgabe zu sprechen. Auch die religiöse Identität der Einzelnen wird durch diese Forderung nicht in Frage gestellt.

So ist es auch bei Paulus: Er stellt eine Forderung nach „staatsbürgerlich angepasstem Verhalten“ auf, ohne Anpassung um jeden Preis zu fordern. Schließlich ist Paulus selbst oft genug in Konflikte mit lokalen Behörden geraten. Aber wo es zu Konflikten kommt, muss man damit rechnen, dass die Obrigkeit ihre Macht auch einsetzt.

3 Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.

Es ist ein ausgesprochen positives Bild, das Paulus hier von denen malt, die Macht haben. Wer Gutes tut, hat kein Problem mit ihnen. Nur wer sich „daneben benimmt“, abweicht von der Norm, böse Werke verschuldet, der hat allen Grund zur Furcht. Es ist der Blick, der dem schönen Wort „Rechtsstaat“ entspricht, den Paulus hier hat. „Vorausgesetzt ist, dass die Obrigkeit ihre Aufgabe erfüllt, dem Bösen Furcht einzujagen und dem Guten Lob zu spenden.“ (O. Michel, aaO. S. 285)Er sieht diesen konkreten römischen Staat in seinen konkreten Amtsträgern genau so: als einen Staat, in dem es eine gute Rechtsordnung und Rechtssicherheit gibt. Vielleicht würde er sich dem Urteil anschließen: „Faktisch ist das römische Recht wohl der wichtigste bis heute wirksame Beitrag der Römer zur Kulturgeschichte.“ (K. Haacker; aaO. S. 269)

Das ist umso erstaunlicher, als Paulus doch Willkür durch Behörden selbst erfahren hat, als er mit Sicherheit um Ausbeutung von Provinzen durch römische Beamte wusste, als er auch davon gewusst haben dürfte, dass Jesus durch den Statthalter Pontius Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt worden ist.  Wenn Paulus hier – ein wenig blass – vom Guten redet, so ist nicht die Tat der christlichen Liebe gemeint, sondern schlicht allgemeine Ehrbarkeit, wie umgekehrt  das Böse auch einfach nur das ist, was die menschliche Gemeinschaft stört _ und nicht irgendein „satanisches Werk“.

 4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.

Dennoch ist das Gute nicht schutzlos. Die Obrigkeit wird sie schützen, wenn sie denn ihr Mandat wahrnimmt als Dienerin Gottes. Was sich für uns merkwürdig anhört, die wir über dem säkularen Staat keine Instanz mehr anerkennen, ist für Paulus geradezu glaubenswichtig: Der Staat hat nur geliehene Macht. Sozusagen von Gottes Gnade. Diese Wendung ist in Misskredit geraten, weil sie allzu leicht zur Überhöhung der eigenen Machtposition missbraucht worden ist, nicht nur in Zeiten absolutistischer Herrscher. Für Paulus ist sie etwas anders: Eine Einschränkung aller staatlichen Macht.

Gleich zweimal sagt er: Gottes Dienerin. θεοῦ διάκονός. Das ist Funktion und gleichzeitig Unterstellung. Paulus kennt keinen Staat als letzte, höchste Gewalt. Er verliert keinen Augenblick aus den Augen, dass die Macht des Staats geliehen ist, dass die Macht unter Verantwortung vor Gott steht. Nur „Diener“ oder wahlweise „Dienerin“. „Aufwärter(in)“ (Gemoll, aaO. S. 199) Kellnerin. Ein übergroßer Respekt vor dem Staat ist für mich in diesen Worten nicht abzulesen.

Aber immerhin: sie hat die Strafgewalt. Das Gewaltmonopol sieht Paulus eindeutig beim Staat. Er verwehrt mit diesen Worten der Gemeinde in Rom, sich Recht gewissermaßen gewaltsam anzueignen. Seine Gehorsams-Forderung begründet Paulus aber nicht nur äußerlich, nicht nur mit der verständlichen Furcht vor Strafe. Das wäre zu kurz und zu negativ gedacht. Die Furcht vor Strafe macht nicht gut. Sie lässt nur nach Auswegen und Ausweichen suchen. Der Gehorsam der Christ*innen soll von innen her kommen – allerdings sagt Paulus wohl bewusst nicht: Von Herzen (12,9). Wohl aber aus dem Hören auf die Stimme des Gewissens. Weil es ja sein Gewissen  – συνεδησις –  ist, das ihn zum Tun des Guten anleitet, das ihm sagt: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ (12,17) Hier, so denke ich, öffnet sich die Forderung dann doch über den engen Rahmen des (staats)-bürgerlichen Anstandes hinaus.  

 6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Noch einmal wird es geradezu unerfreulich konkret: Steuern zahlen. Steuereintreiber sind zu keiner Zeit sonderlich beliebt. Zu den Zeiten der Entstehung des Neuen Testaments gehören die Steuereintreiber, Zöllner, zu den best-gehassten und verachteten Leuten in Palästina, in Judäa und Galiläa. Und nun nennt Paulus diese Leute λειτουργο. „Liturgen“. Leute, die einen göttlichen Auftrag erfüllen. Darum sind die Christen ihnen auch Steuer und Zoll, Furcht und Ehre schuldig. Wir würden sagen: Respekt. Aber darum noch nicht unbedingt Zuneigung.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Ich denke, dass diese Worte des Paulus über die Obrigkeit in Rom immer wieder überfordert worden sind. Man hat aus ihnen allzu oft eine umfassende christliche Lehre über den Staat herauslesen wollen. Das aber ist nicht die Absicht des Paulus. Er will lediglich den Christen in Rom dazu verhelfen, mit ihrem Staat zurecht zu kommen. Diesem Staat, den Paulus mit all seinen Schwächen doch als einen ordentlichen Rechtsraum empfindet und deshalb auch schätzt. Wenn man das so liest, dann fehlen keine Ausführungen über das Widerstandsrecht, über den Umgang mit Tyrannen, über eine Rechtfertigung von Gewalt gegen das Unrecht.

Auch der Satz aus der Apostelgeschichte „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) wird durch Paulus nicht außer Geltung gesetzt. Aber Paulus erinnert daran: Wer diesen Satz sagt und lebt, muss auch bereit werden, die Konsequenzen zu tragen. Der Staat wird sich wehren.

Es ist eine Frage, die heute in unseren Kirchen nicht wirklich diskutiert wird, die sich von der Lebenspraxis mancher Muslime her aber stellt: Gibt es eine Grenze der staatlichen Gewalt, die sichtbar wird an der Forderung, vor der der Einzelne durch seinen Glauben steht? Zugespitzt formuliert: Wenn der Glaube mich in Konflikte mit der freiheit-demokratischen Grundordnung (=FDGO) bringt – was ist dann? Bin ich dann sofort ein übler Fundamentalist? Weil ich den Glauben über das staatliche Recht gestellt sehe? Ist die viel zitierte FDGO absolut bindend? Wird sie dann nicht zur quasi-religiösen Instanz? Gibt es Bereiche, Entscheidungen, wo die Bindung meines Gewissens ihr entgegenstehen kann? Sowie ich da ja sage, habe ich ein Problem. Aber was bleibt von der Bindung des Glaubens als letzter, als absoluter Bindung übrig, wenn das positive und veränderbare Recht des Staates höher gestellt wird? Die Debatte über diese Frage wird noch nicht wirklich geführt, jedenfalls nicht öffentlich von uns Christen und unseren Kirchenleitungen.

Es gehört zu den – leicht ironischen – Begebenheiten meines Lebens: Meine allererste Predigt habe ich über Römer 13, 1 – 7 gehalten. Weil es in diesem Jahr 1971 der Text des Sonntags war. Es war – in meiner Erinnerung – eine ziemlich lange Predigt und selbstkritisch betrachtet mehr ein Vortrag als eine Predigt. Heute würde ich wohl anders mit diesen Worten des Paulus umgehen. Ein bisschen vom Geist der 68-er war schon geprägt, was ich der frommen Gemeinde damals zugemutet habe.

Heiliger Gott, danke für alle Ordnung unseres Staates, die dem Leben dienen. Danke für alle Rechtssicherheit, für alle R egelung eines Miteinanders, das jedem und jeder Freiräume zur eigenen Gestaltung lässt

Danke für die Teilung der Gewalten in unserem Staat, die wir oft wie selbstverständlich hinnehmen und die doch so davor bewahrt, dass Macht missbraucht werden kann.

Danke für das Recht, meinen Glauben ohne Angst zu praktizieren, ihn mit anderen zu teilen, für den Glauben werbend einzutreten

Gib uns den Mut, unsere Freiheiten auch wirklich zu nützen, Zeugen zu sein in einer säkularen Gesellschaft. Deine Zeugen. Amen

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