Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 14 – 21

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

Von der Fremdenliebe kommt Paulus, ein wenig assoziativ, zur Feindesliebe. „Eine Ähnlichkeit mit einem synoptischen Jesuswort ist unverkennbar.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 273)Dass Paulus darauf zurückgreifen kann, spricht dafür, dass es schon früh in der Gemeinde überliefert ist und als Wort Jesu besondere Autorität hat: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“(Lukas 6,27-28) Daran knüpft Paulus an. Und wird den Gedanken gleich wieder aufgreifen.

Die Sprengkraft dieses knappen Satzes ist groß. Sie widerspricht einer gewöhnliche Fluch-Praxis – Gegner und Feinde zu verfluchen. Mehr aber noch und bedeutsamer:  Der Segen „macht nicht an der Grenze der christlichen Gemeinde Halt, sondern umfasst auch die Außenstehenden. Ja sogar die Widerstrebenden und Verfolger.“ (O. Michel, aaO. S. 274))Es ist das bleibende Kennzeichen der christlichen Gemeinde, dass sie im Segen und Segnen nicht Mauern hochzieht, sondern abbricht, dass sie der Feindschaft im eigenen Herzen durch das Gutes-Reden – das ist ja segnen – benedicare –  entgegentritt.

15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Nach dem „Höhenflug“ wird  Paulus erst  einmal „allgemein“. Es sind einfache Regeln für ein gutes Miteinander. Übt Menschlichkeit. Gewährt Nähe. Seid nahe bei den Menschen. Mitfreude und Mitleiden sind elementare Verhaltensweisen, die in der Christenheit in hohem Ansehen stehen. Nicht zuletzt, weil sie ja im eigenen Leben wiederholen, was Gott in Christus getan hat: Sich einlassen auf das Mitleiden und Mitfreuen: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“(Philipper 2,6-7) Es geht um Einüben von Anteilnahme, von Eintracht im wahrsten Sinn des Wortes. Dass sich der andere wiederfinden kann in meinem Empfinden, meinem Mittragen, meinem bei ihm, bei ihr Bleiben. 

Haltet euch herunter zu den geringen. kann man auch übersetzen: Lass euch zu den geringen Dingen herabziehen! Sich verwickeln lassen in Lebens-Situationen, die nichts bringen, denen man eher ausweichen möchte. Sich beanspruchen lassen vom Hilfeschrei, der keine Ehre verspricht. συναπαγμενοι: Leben als Leute, die sich fortreißen lassen! Von dem, was keine Macht hat, nur Not, nur Elend, nur Hilflosigkeit. Es ist eine merkwürdige Platzanweisung – nicht nach oben, sondern nach unten.

Genau in dieser Bewegung der „Erniedrigung“ lese ich auch die folgenden Sätze: Verzicht auf eigene Machtpositionen, auf „oben“, auf Ansehen, auf die herausgehobene Position. Demut. Bescheidenheit. Keine Imagepflege. Sondern einfach Da-Sein und Mit-Sein. Beistehen.

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

             Es folgen Ermutigungen zum Verhalten in schwierigen Situationen. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem Es „scheint eine feststehende Formulierung der katechetischen Unterweisung gewesen zu sein.“(O. Michel, aaO. S. 276) Sozusagen: Werte der Gemeinde, die jedem Gemeindeglied vermittelt werden. Wer zu uns gehört, der verhält sich so!  Gegenüber Angriffen von außen. Wenn jemand einem Böses zufügt. Wenn es Feindseligkeiten gibt. Wenn es Übergriffe gibt, die das eigene Leben beeinträchtigen. Dass jemand in der Gemeinde einem anderen Gemeindeglied Böses antun könnte, ist sicherlich nicht im Blick. Darum beziehen sich alle Ratschläge auf den Umgang mit Menschen „von außen“, die nicht zur Gemeinde gehören. Also mit der Mehrheit.

             Wir vergessen das leicht: Die Gemeinde in Rom ist ein winziges Häufchen in der Welthauptstadt. Eine Gruppe unter Sektenverdacht. Misstrauisch beäugt von Juden und kaum weniger misstrauisch von Römern, die keine Christen sind, sondern den alten Göttern Roms zugetan. Ihnen allen gegenüber gilt die Friedenspflicht, soweit es eben geht. Gilt der Verzicht auf das Zurückschlagen, auf die Rache.

             Einmal mehr ist Paulus nahe an dem, was auch von Jesus gesagt wird: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“(Matthäus 5,38-39) Es geht um ein Verhalten, das sich nicht durch Feindseligkeiten das eigene Verhalten diktieren lässt. Um das Bewahren der Freiheit, die sich nicht in ein bloßes Echo-Verhalten verliert.

Letztlich geht es um einen Verhalten, das die Art Gottes abbildet: Hat sich doch Gott den Gottlosen gegenüber auch nicht in eine „reaktionäres“ Verhalten zwingen lassen, sondern die Freiheit der Liebe durchgehalten. Mit dem Risiko, dass sein Wille zur Versöhnung und Vergebung missverstanden wird, missbraucht wird. Genau das traut Paulus den Christ*innen zu, dass sie in dieser gleichen Weise – geleitet, getrieben durch den Geist (8,14) – die Freiheit gegenüber dem Bösen bewahren und bewähren. Es ist ein Wort, das in die Freiheit ruft: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Kein Gesetz, das Christen zu erfüllen hätten.

Mit diesem Verhalten ist gleichzeitig gegeben, dass die Christen nicht Gottes Gericht im Weg stehen. Sich selbst rächen, sich selbst Recht verschaffen – das alles fällt auch den Gericht Gottes in den Arm. Der Verzicht auf die eigene Durchsetzung macht ernst damit, das Leben und Wohlergehen Gott anheim zu stellen. So hat es der frühere Pharisäer (Philipper 3,6)  ja als Schüler gelernt:

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn,                                                             er wird’s wohlmachen                                               Psalm 37,5

             Zu solchem Vertrauen ruft er auch mit diesen Aufforderungen zum Frieden und zum Verzicht auf Rache und eigenes Recht.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Man kann die Differenz dieser Paulus-Mahnungen zur Normal-Ethik der Zeit deutlich heraus arbeiten. Da bleibt der Feind ein Feind und da bleiben die Grenzen der Feindschaft unverrückt. Die antike Gesellschaft schwärmt nicht für Multi-Kulti mit Barbaren – und Barbaren sind immer die anderen. Paulus hat ein anderes Bild – das Bild einer Gemeinschaft, die allen offen steht, die allen ihr Herz zuwendet, die alle einlädt, weil sie weiß: wir leben alle von der Gnade und dem Erbarmen. Davon, dass Gott Christus für uns gut spricht.

Meine Frage an uns als Kirche heute: Müssen wir nicht viel klarer, das Herz unserer Friedensmahnungen zur Sprache bringen, dass wir offen sind, dass wir alle einladen, weil wir selbst von der offenen Einladung Gottes leben, die er uns in Christus zuspricht?

Gott, Du traust mir zu, dass ich frei bin und  mich nicht bestimmen lasse durch das, wie mir andere begegnen, dass ich nur reagiere. Du traust mir zu, dass ich nicht  zurückschlage mit Worten und Taten, wenn ich angegriffen worden bin, dass ich mich dem Bösen verweigere, wenn es mich dazu bringen will, selbst böse zu sein.

Du traust mir zu, Deine Güte zu suchen und anderen zuzuwenden, Deiner Liebe zu trauen und in ihr anderen zu begegnen. Du traust mir die königliche Freiheit zu, aus der Du selbst das Böse mit Deiner Liebe überwindest. Präge Du mir das Bild Jesu tief in die Seele ein, damit es mich von innen her verwandelt und  ich Deinem Zutrauen entspreche, so wie Du es in mir wirkst. Amen

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