Vom Glauben im Alltag

Römer 12, 9 – 13

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschrieben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Wenn man so will: Er gibt seinen Leser*innen eine „Beschreibung der Liebeder γπη.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 269) Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. φιλστοργος  meint zärtlich liebend, eine Liebe voll Zärtlichkeit, die auf die Verwandtschaft zurückgeht.(vgl. Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 787)

 In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Sie ist ihr Reflex. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung. In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist.

Wenn Paulus so die Liebe von Brüdern und Schwestern in den Vordergrund rückt, folgt er keinem irgendwie idyllischen Familienbild, das eitel Harmonie unter Geschwistern erwartet. Paulus ist kein Träumer. Er weiß, auch unter Geschwistern gibt es Konflikte – Jakob und Esau, Joseph und seine Brüder sind einschlägige Beispiele. Es ist nicht ausgemacht, dass es immer fair zugeht. Dennoch sind alle Konflikte umschlossen von einer grundsätzlichen und unaufhebbaren Zusammengehörigkeit. In der Gemeinde haben Männer und Frauen zu lernen, einander anzusehen als die geliebten Kinder Gottes, auch die, die einem schwer zu schaffen machen.

Es ist die Schlüsselsicht des Paulus: Im Glauben an den Herrn Jesus Christus wird ein Miteinander möglich, das Schranken übersteigt, das soziale Unterschiede, die Zugehörigkeit zu verschiedenen Schichten, Unterschiede der früheren religiösen Beheimatung, Herkunftsunterschiede, die Geschlechterdifferenz zweitrangig werden lässt. Alles ist umfasst davon, dass wir von Jesus Christus geliebte Menschen sind

11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

Daran liegt Paulus: „Keine Strohfeuer.“(U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S. 21) Kein Nachlassen. Nicht nur in der Intensität, sondern auch in der Dauer, im Durchhalten dran bleiben. Was wir wie eine Formel lesen könnten: brennend im Geist  ist in Wahrheit doch eine ganz wichtige Bestimmung: „Es geht um die richtende, verzehrende Entschiedenheit des Glaubens, nicht um eine menschlichen Enthusiasmus.“ (O. Michel, aaO. S. 271)

 Dabei macht Paulus der Gemeinde und sich selbst nichts vor: Es gibt Aufgaben, die fordern und bei denen die Gefahr besteht, dass sie ermüden, träge machen, zur bloßen Routine werden. „Die Gemeinde bedarf des Geistes und des Elans der ersten Zeugen nicht nur am Anfang, sondern auch durch die Jahre gemeinsamer Zeugenschaft hindurch.“(P. Stuhlmacher, aaO. S. 175) Es ist die härteste Kritik an einer Gemeinde, wenn es heißt: „Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“(Offenbarung 2,4) Dem wehrt Paulus durch sein: Seid brennend im Geist. Ich übersetze für mich: Macht nicht schlapp.  Nicht mit dem Glauben und nicht mit der Liebe.    

            Dient dem Herrn. Das steht ein bisschen überraschend und fremdartig im Gedankengang. Es gibt eine Text-Variante, die mir an dieser Stelle sofort einleuchtet. Statt τκυρίῳdem Herrn,  gibt es die Lesart τ καιρder  Zeit, dem Augenblick. Dient der Zeit, in der ihr jetzt seid. Der gegenwärtigen Situation in eurer Gemeinde – das leuchtet mir im Zusammenhang hier sofort ein. Es ist die Aufforderung, sich nicht imn eine bessere Welt, eine andere Zeit, eine perfekte Gemeinde zu träumen, sondern hier und jetzt zu leben. Im Umgang mit den Menschen, die da sind, die Liebe zu bewähren.

Dazu passt auch der Satz nahtlos, der sich anschließt. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. „Der Hinweis auf die Hoffnung durchzieht den ganzen Römerbrief.“ (O. Michel, aaO. S. 272) Das ist ein Argument mehr, in ihm nicht nur ein distanziertes, kühles Lehrschreiben zu sehen. Es geht um ein Durchhalten des Glaubens, alltäglich, ohne großen Höhepunkt. Wir heute könnten sagen: Ohne die begeisternden Events. Sie können ja keine Dauereinrichtung sein, weil sie sich darin auch abnützen. Gefragt ist das zähe Festhalten, die Treue im Kleinen, im Unauffälligen und Unaufgeregten. Auch dann, wenn es eng wird. Schmerzlich. Verluste mit sich bringt. Das alles steckt mit in dem Wort Trübsal. Θλψις. Eines der Worte, die ungemein oft im Neuen Testament auftauchen. Weil es die Wirklichkeit einer bedrängten Gemeinde und bedrängter Christen spiegelt. Für mich steht außer Frage. Genau darin zeigt sich das Brennen im Geist.

Schließlich, noch einmal überaus konkret: Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Neben das Beten stellt Paulus die Fürsorge. Oder ist es sogar so: Beten öffnet die Augen für die, die Hilfe nötig haben. Und öffnet dann auch die Hände und bringt die Füße in Bewegung. Sich die Not der anderen aneignen, heißt es wörtlich. Der Heiligen. Der Christen. Auch das gehört dazu: Gastfreundschaft. Wörtlich: Fremdenliebe. φιλοξενα nicht nur für die Nahen, auch für die Fernen, aber auch umgekehrt: nicht nur für die Fernen, auch für die Nahen. Wer sich selbst kennt, weiß: Manchmal liebt es sich einfacher auf Distanz. Paulus will, dass man die anderen an sich heran lässt.   

Gastfreundschaft ist eine Übung, die in der ganzen Umwelt hoch geschätzt wird, die auch in den Schriften des NT immer wieder eingefordert wird. Ohne die Praxis der Gastfreundschaft wären „durchreisende Mitchristen und Missionare in den antiken Städten schwierig dran.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 176) Ohne die Gastfreundschaft bleibt jeder allein in seiner Behausung, die dadurch leicht enger wird als sie sein muss. In der Gastfreundschaft aber weitet sich das Herz und weiten sich auch die Räume – die Lebensräume und die Gedankenwelten. Durch Gäste, die wir aufnehmen werden, werden wir selbst bereichert.

Was mich beschäftigt:

Es geht Paulus in allen seinen Worten darum, den Glauben in den Alltag der Gemeinde hinein zu integrieren. Nicht große Worte, kleine Taten sind gefragt. Nicht eine einmalige Gemütsbewegung, sondern ein zähes Ringen um Verhalten, das die Liebe Gottes spiegelt.

Wenn Paulus diese Gedanken so konsequent an die brüderliche, die geschwisterliche  Liebe bindet, hat das seinen Sinn darin, dass er die Reichweite der christlichen Gemeinde nüchtern einschätzt. Sie kann ihr „Modell der neuen Menschheit“ nicht anders verwirklichen, als dass sie es innerhalb der Gemeinde lebt. So viel Nüchternheit dürfen wir uns bei dem Charismatiker Paulus abgucken.  Das Übungsfeld dieser Liebe ist erst einmal vor der eigenen Haustür, im Umfeld der Gemeinde. Da wird eingeübt, was auch ein Modell für die Menschheit werden könnte. Dieses Einüben ist nicht ablösbar von der Bindung an den Herrn Jesus Christus. Aus der Nähe, der Bindung an Jesus Christus erwächst die Fähigkeit zur Nähe zu den Menschen.

Herr Jesus, Du hast Dich ganz für uns gegeben, nichts zurück behalten, nicht die Menschlichkeit und nicht die Göttlichkeit. Ungeteilt für uns – so lebst Du, stirbst Du. So durchbrichst Du den Tod

Darum suchst Du auch unsere ungeteilte Hingabe, das einfältige Herz, die Liebe von ganzem Gemüte  , den Gottesdienst unseres Alltages, der unser Leben prägt.

Gib, dass ich Dir ganz gehöre, mich Dir anvertrauen, Dir diene von ganzem Herzen und mit aller meiner Kraft. Amen