Bis ans Ende

Matthäus 28, 11 – 20

11 Als sie aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.

            Bevor Matthäus seine Leser*innen nach Galiläa leitet, richtet er seinen Blick noch einmal auf Jerusalem. Die Wachen, die in Ohnmacht gefallen waren, wie tot, erstatten Bericht bei ihren Auftrag-Gebern. Nicht bei Pilatus, dem sie unterstellt sind, sondern bei den Hohenpriestern. Wer sorgfältig gelesen hat, fragt sich: Was können sie erzählen? Sie waren doch nicht bei Sinnen. Wahrnehmungsunfähig. Was sie sagen könnten: Erdbeben, eine Engelerscheinung, eine leeres Grab. Nicht gerade überzeugend.

12 Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. 14 Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid.

            Einmal mehr kommt es zu einem Beschluss, der mit Geld unterfüttert wird. Die Soldaten sollen einfach erzählen, was logisch erscheint. Seine Jünger haben die Leiche gestohlen. Es ist die Betrugsthese, die sie schon dem Pilatus vorgetragen hatten.

Wenn die Soldaten sich auf diesen Plan der Ältesten einlassen, riskieren sie viel: Schlafen auf der Wache ist ein schweres Vergehen. Dies zu gestehen, könnte ihr eigenes Todesurteil sein. Deshalb die Beschwichtigung: Wir werden uns vor Pilatus für euch verwenden.

15 Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und so ist dies zum Gerede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag.

Die Soldaten lassen sich auf den Handel ein. Vielleicht auch, weil sie das Risiko gering schätzen. Wissen sie doch auch, dass Pilatus jedes Interesse an der Affäre Jesus verloren hat. Seitdem aber ist dieses Gerede in der Welt. „Die Rede vom Raub des Leichnams Jesu geht auf einen hinterlistigen Bestechungsversuch zurück. Die schlafenden Wachen haen für diese Anschuldigung viel Geld erhalten.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 12)Lügenhafte Gegenpropaganda gegen die Botschaft von der Auferstehung. Dieser Satz macht deutlich, was die Gemeinde glaubt: Die Auferstehungs-Botschaft bestreiten kann nur, wer der Lügen-Botschaft glaubt.  

Eine wichtige Beobachtung: in der Luther-Übersetzung heißt es Unter den Juden. Im Griechischen aber fehlt das so bestimmt wirkende den. παρὰ Ἰουδαίοις lässt die Übersetzung zu: Unter Juden. Es sind nicht alle, die diese Diebstahl-Geschichte hören und auch nicht alle, die sie glauben. Matthäus hält die Tür für Juden, die diese Geschichte nicht glauben, einen Spalt weit offen.  

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

            Die einen gehen in die Stadt. Die elf Jünger aber gehen nach Galiläa. Auf den Berg,  Jesus hatte diesen Berg bestimmt, sich mit ihnen dort „verabredet“. Um welchen Berg geht es? Die Formulierung klingt so bestimmt und ist doch zugleich vage. Drei Möglichkeiten bieten sich an: der Berg der Versuchung, der Berg der Bergpredigt, der Berg der Verklärung. Ich weiß es nicht, welcher Berg es ist.

 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

            Dort auf dem Berg sehen sie ihn. Ihn sehen, niederfallen vor ihm, ihm huldigen ist eins. Es ist die typische Kargheit seines Erzählens, die Matthäus auch hier durchhält. Nichts, was irgendwie ausschmückt. Nichts, was auf Gefühlsüberschwang hindeutet. Im Gegensatz zu den Frauen wird von den Jüngern auch nicht von großer Freude (28,8) berichtet.

Männerspiritualität hat es wohl nicht so mit dem Überschwang. Eher aber mit der Skepsis. Es lohnt sich einmal mehr, genau hin zu schauen. Es ist nicht so, dass die einen Jünger huldigen, andere aber zweifeln. Sondern in die Huldigungen mischt sich der Zweifel. So wie sich bei den Frauen Furcht und große Freude (28,8) mischten, so mischen sich bei den Jüngern Huldigung, Anbetung und Zweifel.

„Don’t be surprised, if you got twins“ – Der Glaube hat, von Geburt an,  einen Zwillings-Bruder, den Zweifel. Diese Einsicht verdanke ich einer Predigt aus dem Jahr 1969. Sie hat mir sehr geholfen. Sie hilft mir bis heute zu verstehen, was hier erzählt wird. Es disqualifiziert die Jünger auf dem Berg nicht für den Auftrag Jesu, dass sie anbeten und zweifeln   – wie auch der Fortgang der Erzählung zeigt. Wollte Jesus nur zweifelsfreie Jünger senden – er müsste wohl auf die zwölf Legionen Engel (26,53) zurückgreifen.

So aber geschieht, was Trost bis zu uns heute sein kann. Jesus ruft und sendet zweifelhafte und zweifelnde, zwiespältige und manchmal halbherzige Leute als seine Zeugen, seine Boten.

18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

            Sendungswort und Zuspruch. Auftrag und Verheißung. Er, der ausgeliefert war in die Hände der Heiden, der Menschen, preisgegeben, von allen verlassen – er tritt zu ihnen. Klärt sie auf: Nicht mehr als Wort über die Zukunft, sondern als Wort in der Gegenwart. Jetzt. Auch in der Gegenwart der Lesenden: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Gewalt steht bei Luther.ξουσα. Macht.  Seine Jünger hatten seine Machttaten gesehen – in dem er Kranke heilte, dem Sturm gebot, mit Macht redete, so dass ihm die Herzen zufielen. Nichts von Gewalt, wie wir das mit diesem Wort verbinden. Starke und zugleich sanfte Macht. Machtvoll und doch nie gewaltsam überwältigend. Bezwingend., aber nie die Freiheit raubend.

Weil er diese Macht hat, können, und ja, sollen seine Jünger hingehen und Jünger machen. Alle Völker. Die lange Diskussion, ob denn der Weg Jesu auch zu den Heiden führen darf, sie ist hier  am Ziel: alle Völker. Nicht nur Israel, aber auch nicht nur die Heiden. Die Jüngersendung Jesu meint alle.

Zu Jüngern machen hat zwei Aspekte: Taufen und lehren. Lehre ist für mein Verständnis: Einweisen in die Lebenspraxis, die dem Weg Jesu entspricht. Alles halten, was ich euch befohlen habe. So zu leben, wie es dem Jesus-Weg entspricht. Diese Sendung will keine Belehrung über das, was zu glauben ist, sondern sie will ein Lehren, wie das Leben in der Spur Christi geht, in seiner Kraft, seiner Macht geht.

Was ich euch befohlen habe – das gebe ich für mich gerne so wieder: Was ich euch anbefohlen habe, was ich euch vorgelebt habe, als Spur vorgegeben. Oder anders gesagt: in allem Lehren, aller „Verkündigung  der Jünger geht es darum, dass die Sache Jesu weitergeht.“(U. Luz aaO.  S. 454)

Damit das geht, müssen Menschen in den Leib Christi einverleibt werden. Deshalb „tauft sie“. Nicht, um sie zu retten, sondern um sie auf diesen Weg des Lebens zu stellen, um die Tür auf zu machen. Die Taufe ist im urchristlichen Verständnis kein Rettungsversprechen für die Ewigkeit, keine Lebensversicherung gegen den ewigen Tod, sondern sie ist Beauftragung und Befähigung zum Leben auf dem Weg Jesu.

Schließlich, das letzte Wort. Ein Beziehungswort. Eine Zusage, wie sie größer nicht sein kann.  Noch einmal: Und siehe. Ich interpretiere: Seid gewiss. Das steht fest. Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Für mich könnte jetzt, auch auf diesem Berg in Galiläa, als Schlusswort stehen: „Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als ihn, Jesus, allein.“ (17,8)  Das ist der große Horizont, der alle Welt übersteigt, der aller Angst gebietet, der alle Hoffnung trägt. Ich bin da. Ich bin bei euch. 

 Was mich beschäftigt:

Galiläa ist nicht überall. Aber es ist überall da, wo Gott uns Menschen trifft. Überall da, wo das Wort Jesu unser Herz erreicht. So, dass wir getroffen sind, berührt. Auch mit unseren Zweifeln und in unserem Verzagen berührt. Das ist mir am liebsten in diesen kargen Worten: Die Zusage Jesu gilt auch denen, die zweifeln. Die nicht in letzter Sicherheit wissen, ob sie sich ihm wirklich anvertrauen können. Die immer noch Angst haben, die Wirklichkeit des Auferstandenen könnte sich in ein Nichts auflösen, sich als schöner Traum erweisen, wenn sie erwachen. Sie könnte nur eine Gestalt ihrer Hoffnung sein, nur eine Chiffre ohne Wirklichkeit dahinter. Auch ihnen gilt sein Versprechen bis ans Ende der Zeiten.

Das Evangelium des Matthäus erzählt. Karg, zurückhaltend. Erst recht zurückhaltend, wenn es ums „Erklären“ geht. Die Theologie des Matthäus besteht nicht im Erklären, nicht im Dogmatisieren – sie besteht aus Erzählen. Das hält er durch bis in die letzten Sätze hinein. Da wird eben nicht gesagt: Das Evangelium bleibt für Ewigkeit und rettet für die Ewigkeit. Sondern viel schlichter: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Bis die Weltzeit an ihr Ziel gelangt ist – so könnte man auch übersetzen. Darauf vertraue ich.

Mein Gottvertrauen ist nichts Diffuses. Es hängt an den Worten Jesu. Er ist die Tür, in der mir der Weg zum Gottvertrauen geöffnet ist. Er in Person.

Mein Jesus, mein Herr, ich kann es nicht oft genug hören: Ich bin bei euch alle Tage. Ich brauche das in den Tagen der Freude, aber genauso in den Tagen der Furcht. Ich brauche das im Überschwang, aber genauso im Verzagen und Verzweifeln.

Ich danke Dir, dass Du mit uns auf dem Weg bist, oft genug still und unerkannt, von uns vergessen und doch da und nah. Ich danke Dir, dass Du mit uns ans Ziel kommen wirst, durch alle Zeiten der Welt, bis wir angekommen sind, endlich und für immer, im Haus Deines Vaters. Amen

3 Gedanken zu „Bis ans Ende“

  1. Wie erklären sich die unterschiedlichen Zeit-und Ortsangaben zur ersten Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern in den Evangelien?

    1. Die Evangelisten schreiben ihr Evangeliums- jeder aus seiner Sicht – in einem Abstand von 35 -45 Jahren und im Fall Johannes noch später. Sie betonen aus ihrem eigenen Verständnis des Glaubens unterschiedlich. Matthäus sieht das Gesetz und die Propheten erfüllt. Markus sieht vor allem das Geheimnis Gottes, verhült im Kreuz,verhüllt auch noch in der Auferstehung und erst im Glauben erfasst. Lukas sieht die Bestätigung des „Frommen“ durh die Auferstehung und Johannes sieht den Sieg schon am Kreuz, auf den das Ostergeschehen noch einmal verstärkend zurück verweist.
      Dass die Evangelisten keine juristischen Schriftführer sind, sondern sich selbst als Zeuge verstehen, mag erklären, warum die Abfolgen und Orte der Begegnungen nicht abgestimmt sind. Paulus, zeitlich am nächsten dran, ist an Orten der Begegnung mit dem Auferstandenen überhaupt nicht interessiert und seine Zeugenliste (1. Korinther 15) hat nur Männer und nicht die Frauen, die nach allen Evangelien die ersten Zeuginnen sind.
      Für die ersten Leser*innen ist diese Vielstimmigkeit kein Widerspruch sondern im Gegenteil: Sie bestätigen einander. Diese Zeugnisse sind nicht abgesprochen – darum sind sie „wahr“. Wahr im Sinn von tragfähig, zuverlässig. Auf diese Worte können wir bauen.

  2. So geht nun mit dieser herrlichen Nachricht von der Auferstehung und der gewaltigen Beauftragung der Jünger, die Matthäus Betrachtung zu Ende. Haben Sie herzlichen Dank für die gründlichen Analysen und Erläuterungen, getragen von immer wieder spürbarer Liebe zu den sündigen Menschen. Gott segne Sie bei Ihrer Arbeit.

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