Nach Galiläa

Matthäus 28, 1 – 10

 1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

            Der Sabbat ist vergangen. Der erste Tag der Woche bricht an. Morgendämmerung, zwischen Nacht und Tag. Maria von Magdala und die andere Maria, zuletzt (27,56; 27,61) mehrfach namentlich erwähnt, sind auf dem Weg zum Grab. Um danach zu sehen. Andere Evangelisten wissen anderes: Um den Leichnam zu salben (Markus 16,2) Ähnlich Lukas: „sie trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.“ (Lukas 24,1) Matthäus bleibt, wie öfters karg und zurückhaltend.

 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

            Achtung, sagt Matthäus. Und siehe. Ein großes Erdbeben. Hinweis auf das Handeln Gottes. Auf sein Eingreifen. Es sind Zeichen rund um die Auferstehung, die wir hier erzählt bekommen, nicht die Auferstehung selbst. Ein Engel, aber nicht irgendein Engel, sondern der Engel des Herrn übernimmt die Regie. Er wälzt den Stein vom Grab und setzt sich auf diesen Stein. Seine Gestalt ist wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.  Dieses Gewand erinnert an die Verklärungserzählung. Auch da heißt es: „Seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“(17, 2) Beide Male λευκός -„leuchtend, glänzend“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 470) Ein Glanz zum Fürchten. So ist es kein Wunder, dass die Wachen in Ohnmacht fallen – nicht aber die Frauen.

Wie tot werden die Wachen. Sie bekommen nichts mit als den Einbruch aus der himmlischen Welt. Sie sind als Zeugen untauglich. Sie machen eine numinose, erschreckende, unheimliche Erfahrung. Aber sie werden nicht fähig sein, sie zu deuten. Man kann Engel erleben und doch nichts mit ihnen anfangen können.

Es ist nicht das Wissen der Wächter, es ist das Glaubenswissen der christlichen Gemeinde: „Alles erinnert an die Zeichen, die sonst für das Kommen des Herrn und beim Anbruch des Gottesreiches erwartet werden.“(E. Schweizer, aaO.  S. 343) 

 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.

            Der Engel öffnet den Frauen den Weg aus der Furcht. Fürchtet euch nicht! Und öffnet ihnen so einen Weg zum Verstehen. Die Botschaft der Auferstehung ist Engel-Botschaft von Anfang an. Nicht Erfahrungssatz der Frauen: Auf jedes Stirb folgt ein Werde!

Es ist eine kaum merkliche Korrektur in den Worten des Engels: Ihr sucht Jesus den Gekreuzigten! Ihr werdet ihn nicht finden, nicht hier. Er ist auferstanden. γρθη, eine Passiv-Form vonγερω ist genauer zu übersetzen: Er ist auferweckt worden. Im Passiv wird das Handeln Gottes angezeigt. Er ist es, der Jesus nicht im Tod, nicht unter den Toten lässt. Geschehen ist also, was Jesus angesagt hatte, wie er gesagt hat Das heißt doch, weit über die knappe Botschaft des Engels hinaus auch: alle seine Worte sind zuverlässig, tragfähig. Auch die anderen, die in Gleichnissen und Verheißungen.

Dann wird den Frauen durch den Engel der Zugang zum Grab angeboten: Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat. Wichtiger aber ist die Wegweisung nach vorne. Sie sollen es weitersagen:  Er ist auferstanden von den Toten. Auferweckt.

Sie sollen es seinen Jüngern sagen. Denen, die weggelaufen sind. Die sich versteckt haben. Die sich abgewendet haben. Wunderbar: sie bleiben, so höre ich es aus dem Mund des Engels, seine Jünger. Die Botschaft, die den Frauen an die Jünger aufgetragen wird, ist so etwas wie ein Neuanfang mit den Jüngern. Ein Signal, dass es nicht vorbei ist mit ihrem Jünger-Sein durch das Verzagen und Versagen. Damit auch eine Botschaft, die weit über den Kreis der Zwölf hinausreicht, bis zu uns heute. Das Versagen im Jünger-Sein ist nicht das Ende des Jünger-Seins.

Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

            Gleich Zweimal: und siehe! δο WAchtet darauf. Merkt es euch“ Über den Auftrag an die Frauen hinaus, der sie an die Jünger in Jerusalem weist, wird jetzt der Weg geöffnet. Nach Galiläa. Dort wird es nicht mehr beim Hören einer Botschaft bleiben. Dort werdet ihr ihn sehen. Nicht nur die Männer, auch die Frauen.

Und: er wird vor euch hingehen. Das ist das Versprechen, das mit der Osterbotschaft, mit der Ostererzählung gegeben ist: Er ist uns immer einen Schritt voraus. Unser Glauben ist immer nur Nachkommen, nicht Vorausgehen, so wie unsere Theologie immer nur Nachdenken ist und nie eigener Welt- und Lebensentwurf.

Ausgerechnet Galiläa? Ich halte das nicht nur für historische Erinnerung. Sondern hier schwingt mehr mit. „Das Galiläa der Heiden“(Jesaja 8,23)„das Volk, das im Finstern sitzt.“(Lukas 1,79) Galiläa ist auch der Alltag der Jüngerinnen und Jünger. Dorthin will Jesus vorausgehen. Denn wenn wir ihn nicht dort treffen, dort erfahren, im Alltag, in der Tiefe und dem Dunkel des Lebens, werden wir ihn nirgends treffen und nie erfahren.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

            Es gibt kein Halten mehr. In einer Mischung aus Furcht und großer Freude, Staunen und Entsetzen laufen sie los, weg vom Grab, hin zu seinen Jüngern. Sie wollen ihren Auftrag erfüllen. Weitersagen. Weitertragen. Ich frage mich: Braucht es eigentlich diesen Auftrag? Reicht nicht schon, was sie gehört haben? Er ist auferstanden.

 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

            Auf dem Weg, den sie laufen, auf diesem Weg eines schlichten Gehorsams gegen die Worte des Engels begegnet ihnen Jesus. Zum dritten Mal in wenigen Versen: Und siehe! κα δοὺ.  Es ist wohl aller Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser wert: Auf den Wegen, die wir uns durch die Boten Gottes weisen lassen, begegnet uns Jesus.

Χαίρετε begrüßt sie Jesus. Freut euch. Nicht nur: seid begrüßt! Sie , die eben in dieser Mischung von Furcht und Freude losgelaufen sind, werden jetzt von ihm zur Freude gerufen. Ihre Freude wird bestätigt. Ja, sie haben allen Grund dazu. Es folgt ein Akt der Huldigung. Proskynese  nach dem griechischen Wort, das hier steht: προσεκνησαν. Das ist Niederfallen zur Anbetung. Eine Huldigung,  die sonst nur Gott zusteht. Sie wiederholen vor dem Auferstanden, was früher schon vor dem Irdischen geschehen ist, in der Huldigung der Weisen (2,11), der Jünger im Sturm (14,33) und wiederholt bei der Heilung Kranker (8,l2;15,25) 

Noch einmal, diesmal aus dem Mund Jesu: Fürchtet euch nicht! Ist das nicht überflüssig, weil die Frauen doch schon von großer Freude (28,8) erfüllt waren? Mir scheint es vielmehr not-wendig. Als Erinnerung: Die Frauen und auch wir als ihnen im Glauben Nachgeborene stehen nicht irgendeinem Kumpel gegenüber. Sondern in dem Auferstandenen begegnen wir der Majestät Gottes. Aber: Wir „werden durch diese Begegnung mit ihm von Angst befreit; Glauben ist ein angstfreies Gottesverhältnis.“ (U. Luz, aaO.  S.418)

            Die Wegweisung des Engels wird wiederholt. Die Frauen sollen die Jünger nach Galiläa rufen. Jesus nennt seine Jünger meine Brüder. Zeichen dafür, dass er sie nicht aufgibt. „Für Jesus sind sie nicht definitiv gefallen. Ihre Untreue hat seine Treue nicht aufgehoben.“ (U. Luz, aaO.  S. 418) Was hier erzählt wird, führt einen anderen Zeugen des Evangeliums zu der Formulierung, die ich sehr liebe: „Er schämt sich nicht, sie Brüder zu heißen.“(Hebräer 2,11) 

 Dort werden sie mich sehen. Das scheint sich nur auf die Jünger zu beziehen. Nicht auch auf die Jüngerinnen. Oder darf ich doch von V. 7 her lesen, dass hier die Frauen mit sehen werden? Sie, die von ferne den Gekreuzigten am Kreuz sahen, sie, von denen erzählt wird, dass sie das Grab sahen, die als Erste den Auferstandenen sahen?

Ich finde einen schönen Hinweis auf eine Sichtweise zumindest mancher Kirchenväter, denen oft genug Frauenfeindlichkeit unterstellt wird: „Weil von jenem Geschlecht der Tod anfing, wurde gerade ihnen zuerst die Herrlichkeit, die Schau, die Frucht und die Botschaft der Auferstehung zuteil.“(U. Luz, aaO.  S. 419) Die Reihenfolge des Sünden-Falls, erst Eva, dann Adam, wird aufgegriffen in der Reihenfolge der Wiederherstellung, der neuen Schöpfung. Erst die Frauen, dann die Männer.

Was mich beschäftigt

Es ist ein berühmter Text:                                                                                             Keines seiner Worte glaubte ich, hätte er nicht geschrien:                                     „Gott, warum hast du mich verlassen . .“                                                                                Das ist mein Wort, das Wort des untersten Menschen.                                                    Und weil er selber so weit unten war, –                                                                            ein Mensch, der „Warum“ schreit und „Verlassen“,                                              deshalb könnte man ihm auch die anderen Worte                                                       von weiter oben glauben, – deshalb könnte man IHM glauben.                                                R. O. Wiemer, Das Wort

Die Argumentation des Engels ist genau anders herum: Weil wahr ist, eingetreten was er angesagt hat über seine Auferstehung, darum kann man ihm auch die anderen Wort glauben, die uns in die Liebe des Vaters rufen, in die Vergebung der Schuld, in das größere Leben.

 

Freut euch! Fürchtet euch nicht! Mit solchen Worten begegnest Du uns Du Auferstandener, rufst uns heraus aus den Höhlen der Angst, aus dem Klammergriff der Resignation, aus dem Schatten des Todes.

Du rufst uns hinein in das Leben, in den Weg nach vorne, in den Alltag unseres Lebens. Dort willst Du uns begegnen, uns anstecken mit Deiner Lebenskraft, uns verlocken zum Leben.

Du willst, dass wir Dich nicht in der Vergangenheit suchen, bei den Toten, in den Gräbern, sondern dass wir Dich finden auf den Straßen des Lebens, auf dem Weg in die Zukunft – an jedem neuen Tag. Amen