Ein ehrendes Gedächtnis

Matthäus 27, 57 – 66

 57 Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. 58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.

Am Abend taucht wieder ein Jünger auf. Keiner von den Zwölfen, die mit Jesus unterwegs waren. Aber doch ein Jünger. „Der einzige Jünger, der, da Jesus stirbt, sich zu ihm hält, ist der sonst ganz unbekannte Joseph von Arimathäa.“(J. Schniewind, aaO.  S. 272) Er ist reich. Vielleicht hat er die Jesus-Bewegung aus dem Hintergrund unauffällig unterstützt?  Dieser reiche Mann geht zu Pilatus und erbittet den Leichnam Jesu. Damit macht er sich erkennbar als Sympathisant des Hingerichteten. Das ist kein  ganz risikoloser Schritt. Aber seine Bitte wird ohne weiteres Nachfragen durch Pilatus gewährt. Für ihn ist die Akte Jesus geschlossen.

59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch 60 und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon. 61 Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

            Josef ordnet das Begräbnis Jesu. Der Leichnam wird vom Kreuz abgenommen, in ein sauberes Tuch gehüllt und in ein Grab gelegt, das dem Josef gehört. Es ist ein neues Grab, noch nicht mit anderen Leichen belegt. In Felsen gehauen und durch einen großen Rollstein gesichert. An einer näheren Bestimmung des Grabortes hat Matthäus, wohl wie die Gemeinde der Christen der ersten Jahrhunderte insgesamt, kein Interesse. Nur so viel: „Die Bestattung dient als sinnfälliger Beweis für den wirklichen Tod Jesu.“(H.-G. Gradl, Das (leere) Grab, in: Welt und Umwelt der Bibel, Stuttgart 1/2019, S. 11) Mehr nicht. Es bleibt der Frömmigkeits-Geschichte späterer Generationen vorbehalten, den Ort des Grabes genau bestimmen zu wollen. Für die ersten Christen ist das Grab Jesu nur eine Zwischenstation. Darum auch geht Josef nach getaner Arbeit einfach davon.

Die Frauen aber, Maria von Magdala und die andere Maria, verweilen noch gegenüber diesem Grab. Wie lange, bleibt unklar.

Um das Tuch, σινδών, in das Jesu Leichnam eingehüllt wurde, hat sich in der Folge des „Turiner Grabtuches“ eine riesige Diskussion, eine eigene Wissenschaftsdisziplin, „Sindonologie“ = Lehre vom Tuch, entwickelt. Den einen ist das Grabtuch ein Beweis für die Auferstehung Jesu. Anderen bedeutet es nur den Hinweis: In dieses Tuch war jemand eingehüllt. Und den Dritten sagt es gar nichts. Ich lese, zustimmend: „Als Exeget kann ich nur – zu meiner eigenen Erleichterung – feststellen, dass ich vom NT her  zu dieser Disziplin nichts beizutragen habe.“(U. Luz, aaO. , S. 80) Ich als Pfarrer in Ruhe auch nicht. 

62 Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus 63 und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. 64 Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. 65 Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. 66 Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.

Ist für Pilatus der Fall Jesus abgeschlossen, so muss er sich doch noch einmal wider Willen mit ihm befassen. Die Hohenpriester mit den Pharisäern erbitten oder fordern von ihm am Tag nach dem Rüsttag, also am Sabbat(!) Maßnahmen. So wichtig ist es ihnen, dass sie sich am Sabbat auf den Weg machen und das Haus eines Heiden, das ist Pilatus ja, betreten. Ihre Forderung: Bewachung des Grabes bis zum dritten Tag. Damit nicht durch seine Jünger ein Spektakel mit einer verschwundenen Leiche inszeniert werden kann.

Der Hintergrund der Bitte ist, dass sie Kenntnis haben von Worten Jesu, wie sie auch die Leser des Matthäus-Evangeliums kennen: „Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“(16,21) Gleich dreimal (16,21; 17,23; 20,19) hat Jesus seinen Tod und Auferstehung so angesagt. Und nun steht die Unterstellung der Gegner aus dem Hohen Rat im Raum: Die Jünger werden versuchen, diese Ankündigung durch Leichenraub zu „verifizieren“!

Der Leichendiebstahl als solcher wäre noch nicht so schlimm. Aber verbunden mit der Behauptung: er ist auferstanden, würde ein never ending story entstehen. Schlimmer als alles, was zu Lebzeiten Jesu war. Nicht einzufangen. So die Sorge der Hohenpriester und Pharisäern. Bis auf den Leichendiebstahl sollten sie Recht behalten. Das nenne ich unbewusste Prophetie.

In diesen Worten wird aber noch einmal die Einschätzung jüdischer Kreise, denen sich Matthäus gegenüber sieht, sichtbar. Sie halten Jesus für einen Verführer und alles Reden von der Auferstehung für Betrug. Wir haben es hier indirekt mit einer rationalistischen Erklärung des „leeren Grabes“ zu tun. Es liegt Leichendiebstahl vor und verlogene Propaganda. „Historische Tatsache ist der Vorwurf, Jesu Jünger hätten die Leiche gestohlen… Justin (100-165, einer der Kirchenväter) bestätigt ihn, erzählt sogar von jüdischen Missionaren, die ihn überall ausstreuen. Vermutlich gab es also richtige jüdische Gegenpropaganda gegen die christliche Auferstehungsbotschaft.“ (E. Schweizer, aaO.  S. 340)

Pilatus kommt der Bitte der Hohenpriester&Co nach, so wie er auch der Bitte des Josef von Arimathäa nachgekommen ist. Ein wenig desinteressiert. Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Das klingt in meinen Ohren eher wegwerfend und genervt, fast ein wenig ironisch. Was soll der Unsinn, einen Toten bewachen?

Aber die Bitte ist erfüllt und wird sofort umgesetzt. Das Grab wird versiegelt und die Wache bezieht Stellung. Das wird kein harter Job, einen Toten bewachen. Allerdings ist es gut, sich zu erinnern: Auch die Löwengrube, in die Daniel geworfen wurde, war gut gesichert. „Und sie brachten einen Stein, den legten sie vor die Öffnung der Grube; den versiegelte der König mit seinem eigenen Ring und mit dem Ringe seiner Mächtigen, damit nichts anderes mit Daniel geschähe.“(Daniel 6,18) Es gilt schon bei Daniel – und wird erst recht hier gelten: „Keine menschliche σφάλεια (=Verwahrung) bedeutet für Gott ein Hindernis.“ (J. A. Bengel, Gnomon Novi Testamenti (1742), Stuttgart 81915, 168 – zit. nach U. Luz, aaO.   S. 394

Die Stadt Jerusalem kann sich beruhigt schlafen legen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

„Grablegung und Grab Jesu unterstreichen vor allen Dingen eine Tatsache: Jesus stirbt unseren Tod. Er steigt nicht herab vom Kreuz, er starb nicht nur zum Schein und vor allem nicht leicht als andere. Er teilt die Nacht des Grabes.“(H.-G. Gradl, aaO. S. 15) Das Kreuz ist keine Theaterveranstaltung und der Tod Jesu kein Schein-Tod. Er wandert nicht aus nach Kaschmir. Das ist nicht nur Kritik an Vorstellungen, wie sie im Islam begegnen. Es ist auch Klarstellung gegenüber Denkversuchen, wie sie in einer rationalistisch geprägten Zeit immer einmal hochkommen. Salopp gesagt: Schein-Tod ist einfacher zu denken als Auferstehung. Aber ein scheintoter Jesus ist kein Grund des Glaubens, nicht seit 2000 Jahren, erst recht nicht heute.

Was mich beschäftigt:

Karsamstag. Der Tag dazwischen. Es ist alles geregelt, alles getan, was zu tun war. Der Leichnam ist vor den Aasgeiern in Sicherheit gebracht. Er ist auch der öffentlichen Schändung entzogen, so wie in früheren Zeiten mit den Leichnamen Sauls und seiner Söhne getrieben worden ist. Auf der anderen Seite ist für Wachsamkeit gesorgt, damit die Jünger kein Theaterstück mit dem Titel „Auferstehung“ inszenieren können.

Ich mag diese Ruhe, dieses Schweigen des Karsamstag, weil es dem Automatismus entgegensteht. Es geht eben nicht Schlag auf Schlag und der Karfreitag ist nur ein Zwischenspiel. Karsamstag – nichts an Ostern wird naturgegeben sein. Selbstverständlich.

Vielleicht mag ich den Tag auch, will er einfach der Tag dazwischen ist. Tag des noch nicht. Aber eben auch Vortag der Befreiung. So komme ich mir oft vor in den letzten Zeiten: nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht am Ziel. Noch unterwegs. Es gibt Zeiten, die einfacher erscheinen. Ob sie es wirklich sind, ist noch nicht heraus. Bis dahin: die Tage dazwischen aushalten.

Wie oft, mein Gott, bewachen wir die Toten? Wie oft wollen wir nur dies eine: alles soll bleiben wie es immer war. Darum stellen wir Wächter und Wachen auf, schmücken Gräber, fordern Schweigeminuten ein. Und alles geht weiter wie gehabt. Wir geben uns zufrieden mit der letzten Ehre, die wir Toten erweisen können. Wir bewahren ihnen ein ehrendes Gedächtnis.

Aber wir rechnen nicht mit Auferstehung, Aufbruch aus den Gräbern, neuem Anfang.

Brich Du ein in unsere frommen Hoffnungslosigkeiten. Amen