Wenn Du stirbst

Matthäus 27, 45 – 56                                                                                                      

 45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

             „Zur selben Zeit, spricht Gott der HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen.“(Amos 8,9) Matthäus wird diese Worte gekannt haben. Aber unabhängig davon: Die ganze Schöpfung wird vom Sterben dieses Gerechten berührt. Sie verliert ihr Licht. Man könnte auch sagen: Während Menschen noch spotten, trauert die Schöpfung. So lese ich.

In diese Dunkelheit hinein der Ruf Jesu. Eli, Eli, lama asabtani? Die äußere Dunkelheit der verfinsterten Welt findet ihre Entsprechung in der Gottesferne, in die Jesus hinein gerät, in der inneren Dunkelheit. Der nach und nach von den Menschen Verlassene, erst von den Mitläufern, dann den Jüngern, zuletzt  Petrus,  erlebt sich in diesem letzten Augenblick völlig verlassen, auch von Gott.

Als Leser*in des Evangeliums staunt man ja ein wenig über die gelassene Souveränität des Weges Jesu nach Jerusalem, wie sie sich in den Leidens-Ansagen zeigt, wie sie noch spürbar ist im Gebets-Kampf von Gethsemane. Davon ist hier nichts mehr übrig. „Jesus schreit vielmehr sein Leiden und seine innere Verlassenheit heraus, laut und vernehmbar, nicht resigniert oder gottergeben.“  (U. Luz, aaO.   S. 343)

Aber er schreit nicht unartikuliert. Nicht ins Leere. Sein Schreien hat Richtung:  Eli, Eli…  Mein Gott, mein Gott. Er schreit nach dem Gott, nach seinem Gott, den er in dieser letzten Dunkelheit nicht mehr spürt, nicht mehr wahrnimmt. Seltsam genug: Dieser Ruf hält daran fest, dass Gott hört. Er hält an Gott fest, auch wenn Gott nicht mehr zu verstehen, zu begreifen ist. Auch nicht für Jesus.

Ich halte es für eine gedankliche Sackgasse, wenn dieser Ruf mit Hilfe des Endes von Psalm 22 umgedeutet wird in einen Gebetsruf, der schon fast ein Triumphruf ist. Jesus habe, so die Erklärung, den ganzen Psalm im Sinn gehabt, auch wenn er nur den ersten Satz „zitiert.“ Der Psalm redet ja in der zweiten Hälfte vom Sieg des Beters. Solche Erklärung ist der Zwei-Naturen-Lehre geschuldet: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. (Konzil zu Chalcedon (451) Weil Gott nach dem Urteil vieler Lehrer der Alten Kirche απάθης ist, nicht vom Leiden berührt werden kann, kann Jesus nicht so in die Gottesferne geraten sein. Dann stirbt und leidet nur der Mensch. Der „wahre Gott“ aber bleibt unberührt.

Jesus schreit nach Gott. Auch wenn Gott schweigt. Er sucht Gott in der Tiefe und aus der Tiefe, in die kein Licht mehr reicht. Und hält so – gegen Gott an Gott fest. Ich sage es gerne, für mich genauer: am Vater. An dem Gott, den er immer wieder so angesprochen hat: Mein Vater. Zuletzt in Gethsemane: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“(26,39) 

 47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

Gott antwortet nicht auf den Ruf Jesu. wohl aber einige, die da standen, als sie das hörten.  Ihr Hören allerdings wirkt wie ein gewolltes Missverständnis. Sie hören Eli und verstehen Elia. Das ist ja der Prophet, der in der Volksfrömmigkeit der Nothelfer ist, der Klärungen herbeiführt, wo alles unklar ist. Es ist der letzte Spott: soll doch dieser Nothelfer, auf den die naiven Leute trauen, kommen und ihm helfen. Wenn schon Gott nicht eingreift, dem er geglaubt hat, vielleicht nimmt sich ja Elia seiner Not an. Die so missverständlich hören, müssen Juden sein, denn die Soldaten Roms sind wohl kaum bewandert in der Volksfrömmigkeit und den Erwartungen, die sich mit Elia verbinden.

Einer aber von denen, die da herumstehen, zusehen, zuhören, warten, lässt sich durch das Halt, lass sehen nicht abhalten. Er gibt dem Sterbenden zu trinken. Hat ihn die Not dieses Sterbenden gerührt? Wieder hält sich Matthäus mit Deutungen zurück. Ihm reicht: Einer ist da, der hört. Ob der gereichte Essig für den Dürstenden Wohltat oder Qual ist? Vieleicht ist es, trotz aller Zweideutigkeit ein Hinweis: Ein guter Mensch unter dem Kreuz. Einer.

50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

             Damit ist die Jesus-Geschichte zu Ende erzählt. Jesus stirbt mit einem lauten Schrei. Laut hatte er auch nach Gott gerufen, und so stirbt er auch, mit diesem lauten Schrei nach Gott. Es ist auch hier nicht das „Wort des Triumphes“(J. Schniewind, aaO.  270),  sondern der Schrei, der sich Gott gegen Gott hinhält. Sich so loslässt.

Man hat aus der Wendung φων μεγλmit lauter Stimme – gerne einmal einen Triumphruf, gar den Ruf  des Siegers machen wollen. Das ist Theologie im Nachhinein, nicht das, was Matthäus erzählt. Auch dann nicht, wenn am auf die Unwahrscheinlichkeit verweist, dass einer, der seit Stunden am Kreuz hängt, mit Atemnot kämpft, noch die Kraft haben sollte, laut zu schreien. Wäre sein letzter Atemzug nicht eher ein stilles Verlöschen, ein Röcheln? Ein sanftes Sausen? „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.“(1. Könige 19, 12) Das kennt der bibelkundige Evangelist gewiss und hätte es aus Signal für den am Kreuzt gegenwärtigen Gott doch nützen können, weil es zu dem Sterbeprozess eines Gekreuzigten passt. Macht er jedoch nicht. Auch deshalb wohl nicht, weil sein Erzählen nicht einfach nur aus dem Alten Testament erwachsen ist. Es fußt auch auf dem Erzählzusammenhang der Gemeinde.    

Statt verschied ist genau zu übersetzen: Und gab seinen Geist auf. So wörtlich ἀφῆκεν τὸ πνεῦμα. Man wird allerdings vorsichtig sein müssen, dies nicht zu „fromm“ von den letzten Worten Jesus her zu verstehen, die Lukas kennt. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“(Lukas 23,46) Matthäus ist bewusst karg und zurückhaltend in der direkten Schilderung des Todes Jesu. Er erzählt kein frommes, beispielhaftes und Vorbild gebendes Sterben, sondern einen bitteren Tod.

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 52 Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

            Das einsame Sterben draußen vor der Stadt wird begleitet von Zeichen in der Stadt. Der gleiche Matthäus, der die Kreuzigung und das Sterben so merkwürdig wortkarg erzählt, notiert hier auffällig genau. Zeichen, die auf die tiefere Bedeutung des Kreuzes hinweisen.

            Der Vorhang im Tempel zerriss. Ganz. Gemeint ist der Vorhang, der das Allerheiligste verschließt. Was sonst verschlossen ist, nur den Hohenpriester zugänglich, liegt nun offen vor aller Augen da. Es ist zugänglich geworden für jedermann. Ist das ein Zornes-Signal oder ist es ein Heilszeichen? Man kann es lesen als die Ankündigung des Endes des Kultes im Tempel, des Alten Bundes. Mir liegt es näher, dieses Zeichen als ein Zeichen der Öffnung zu lesen.

Das finde ich so nicht in Kommentaren. Aber es gibt eine Nähe zum Hebräerbrief, der davon redet, dass Christus in das Heiligtum eingegangen ist und es zugänglich gemacht hat für die, die an ihn glauben. Es gibt ebenso eine Nähe zu Paulus, der vom freien Zugang spricht, den Christus geschaffen hat. „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade.“(Römer 5,1-2a)

Die Erde bebt. Die Schöpfung gerät in Aufruhr. Am Alten Testament geschulte Leserinnen und Leser sehen eine Brücke zu den Schilderungen, wenn Gott sich zeigt.

„Als mir angst war, rief ich den HERRN an                                                                         und schrie zu meinem Gott.                                                                                Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel,                                                 und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.                                                            Die Erde bebte und wankte,                                                                                        und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten,                                               da er zornig war                                                                                   Rauch stieg auf von seiner Nase                                                                              und verzehrend Feuer aus seinem Munde;                                                   Flammen sprühten von ihm aus.                                                                                           Er neigte den Himmel und fuhr herab,                                                                        und Dunkel war unter seinen Füßen.            Psalm 18, 7 – 10

Erdbeben sind  in den Schriften Israels „stehende Zeichen“ für das Offenbarwerden Gottes. Ich denke, dass Matthäus genau diesen Hinweis beabsichtigt. In diesem Geschehen am Kreuz, in dem Gott völlig ins Dunkel verhüllt erscheint, wird er in Wahrheit doch offenbar.

Und es beginnt Endzeit-Geschehen: Die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf. Was für das Ende der Zeit erwartet, erhofft wird, das bricht hier an. Was Juden als die Hoffnung Israels aus der großen Vision des Hesekiel (Hesekiel 37) kennen, dass das Totenfeld belebt wird, das beginnt jetzt.

Das ist eine ganz grundsätzliche Bewertung des Geschehens um das Kreuz. Es ist der Beginn der Endzeit. Alle, die mit der drohenden Endzeit Angst machen wollen, haben Matthäus als Zeugen gegen sich, nicht für sich. Er sieht diesen Beginn unter dem Vorzeichen des Heils, das aller Welt gilt.

Es folgt ein schwer zu verstehender Satz: und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Die Schwierigkeit liegt in dem nach seiner Auferstehung. Sie hätte gewissermaßen ein Vorspiel in dieser Auferstehung der entschlafenen Heiligen – und die so Auferstandenen würden, wohl aus Ehrfurcht, warten mit ihren Erscheinungen, bis er, Jesus, auferstanden ist, am dritten Tage. Matthäus, wenn es denn sein Satz ist, greift voraus, auf die Auferstehung Jesu und verbindet sie mit einer ersten, partiellen Auferstehung in Jerusalem. Ein ziemlich singulärer Gedanke!

Die Lösung vieler Exegeten: Es ist eine spätere Glosse, die an die falsche Stelle gerutscht ist. Vielleicht ist der Satz entstanden durch diese Erwartung, dass die Auferstehung in Jerusalem anfängt. Eine Erwartung, die bis heute Juden ihr Grab in Jerusalem suchen lässt. Dann könnte der Satz so etwas wie eine weit vorweg genommene Hoffnung bezeichnen. Ich muss ehrlicherweise sagen: Ich weiß es nicht und habe keine Erklärung.

54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

            Nach diesem Geschehen – gemeint ist offensichtlich alles, Tod Jesu, Verdunkelung der Welt, Erdbeben, der Riss des Vorhangs und der Beginn der Auferstehung, kommt es zum Bekenntnis. Nicht nur des einzelnen römischen Hauptmanns – so bei Markus (Markus 15,39) -,  sondern die ganze Wachmannschaft wird hier zu Zeugen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Es sind die Taten Gottes, die sie dazu bringen. Einzig und allein seine Taten. Es ist das Zeugnis der Heiden für den, den sein Volk, die Juden verworfen haben. Vielleicht darf man sagen: So sieht der Beginn des Weges aus, mit dem das Evangelium zu den Völkern kommt.

55 Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient; 56 unter ihnen war Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Mit einer Liste der Frauen, die das Geschehen der Kreuzigung sahen, schließt der ganze Bericht ab. Sie werden gewürdigt als die, die Jesus aus Galiläa nachgefolgt waren und ihm gedient hatten. Sie haben ausgeharrt bei ihm. Sie haben von ferneπ μακρθεν –  gesehen. Deshalb noch lange nicht unbeteiligt zugesehen. Sie haben den Platz eingenommen, der Jüngerinnen und Jüngern zusteht. „Die Verachteten und Zurückstehenden sind in der Stunde der Gefahr da.“(J. Schniewind, aaO.  S. 272) Wo die Männer während der Kreuzigung waren, erfahren wir von Matthäus nicht.

Unter den Frauen werden zwei namentlich genannt und eine Dritte wird durch ihre Söhne kenntlich gemacht. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. Zwei von ihnen werden, zwei Tage später, auch die ersten Zeuginnen der Auferstehung sein.

Herausforderungen an unser Denen und Glauben:

Es ist eine der zentralen Erzählungen des christlichen Glaubens. Die Wortkargheit des Matthäus öffnet der Interpretation Tor und Tür. Und oft genug wird diese Interpretation – Auslegung – von den späteren theologischen Grundsatz-Entscheidungen geleitet. So auch von der Vorstellung, dass das Kreuz der Sieg ist und der Gekreuzigte der Sieger. Darum wird auch der Ruf Jesu als Zitat des ganzen Psalm 22 gedeutet!

Ich halte es für unzulässig, dogmatische Lehrentscheidungen späterer Jahre zur Erklärung des biblischen Wortes in der Weise zu gebrauchen, dass sie nur noch eine Lesemöglichkeit übrig lassen. Wobei mir durchaus bewusst ist: ich lese die Schrift immer auch in der Sichtweise, die mir mein Glaube vorgibt. Der auch durch Lehrentscheidungen geprägt ist. Aber nicht nur.

So glaube ich: „Nur als der Besiegte siegt Christus. victor quia victima = Er ist Sieger, weil Schlachtopfer. Nur in der Ohnmacht ist der mächtig, nur indem er sich klein macht, ist er groß, nur als der Knecht ist er der Herr. Er ist bis zur Unkenntlichkeit verhüllt, eben das Inkognito Gottes“(H. G. Pöhlmann, Abriss der Dogmatik, Gütersloh 1975, S. 185)

Was mich beschäftigt:

            Kein Gottesdienst heute Morgen. Keine Musik zur Sterbestunde Jesu heute. Vielleicht ist das sogar richtig, weil Gottesdienst so leicht wirken kann, als wäre alles in Ordnung. Als würde alles der Ordnung folgen, die wir in der Welt sehen. Aber am Karfreitag wird die Ordnung der Welt umgestürzt. Der Freie wird zum Knechte. Der Größte ganz gering, zum verachteten Gehenkten.

            Vielleicht ist es wirklich so – was bleibt ist Schweigen. Der Himmel hat dem Schreien Jesu nicht geantwortet. Die Lästerreden der Spötter sind in der Verdunkelung des Tages verstummt. Die Feinde wissen nichts mehr zu sagen und den Freunden verschließt der Schmerz den Mund. Was wäre, wenn wir angesichts dieses Todes und dieses Toten einfach still wären und still würden? Nicht mehr sagen, nichts mehr deuten, schon gar nichts mehr erklären? Wenn wir uns still vor dem Geschehen auf Golgatha neigten?   

            Ein Leben lang habe ich an Karfreitag auf der Kanzel gestanden, gepredigt. Worte gemacht und oft nur Wörter gefunden. Es wird Zeit (für mich), das Schweigen zu üben. Auch wenn es so aussehen mag, als würde ich die Welt loslassen, mich aus ihr verabschieden. In Wahrheit bewege ich mich auf den Platz zu, der allein angemessen ist. Ich schaue schweigend das Geheimnis Gottes.  

 

 

Mein Jesus, wenn Du stirbst, verliert die Welt ihr Licht. Wenn Du stirbst, gerät die Welt, so wie wir sie kennen, aus den Fugen. Wenn Du stirbst, kann nicht alles bleiben, wie es immer war, Sonst wärst Du ja umsonst gestorben

Dein Sterben ist ein Anfang, Anfang einer neuen Welt , auch wenn wir noch nicht sehen.  Ich danke Dir für diesen neuen Anfang in Deinem Sterben. Amen