Der einsame Christus am Kreuz

Matthäus 27, 31 – 44

31 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.

Der Weg zum Ort der Kreuzigung beginnt. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber sie wird vermerkt: das Theater ist vorbei. Die „Königs-Insignien“ werden eingesammelt, abgelegt. Keine Parodie mehr. Der Delinquent Jesus wird wieder in die eigenen Kleider gehüllt. Jetzt ist blutiger Ernst angesagt.

 32 Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

   „Ein zufällig Vorübergehender wird zur Hilfeleistung erpresst.“(J. Schniewind, aaO.  S. 268) Das Markus-Evangelium weiß noch mehr von Simon von Kyrene:  Er ist der „Vater des Alexander und des Rufus.“(Markus 15,21) Das deutet darauf hin, dass diese beiden zur Gemeinde der Christen gehören, die Markus kennt. Ob Rufus identisch ist mit dem Rufus, der in Römer 16,13 in der Grußliste des Paulus auftaucht, wage ich nicht zu entscheiden. So ganz selten ist der Name nicht.

Es ist eine sehr nüchterne Feststellung. Da wird irgendeiner mit dem Allerweltsnamen Simon, Matthäus hat offensichtlich auch kein näheres Interesse an ihm, gezwungen, den Kreuzweg Jesu zu teilen, wenigsten eine Wegstrecke weit. Das ist etwas ganz anderes als die Nachfolge-Worte Jesu es wollen: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ (16,24)  Es ist eines der Verhängnisse in der Geschichte der Christenheit, dass die Christen öfters die Soldaten des Hinrichtungskommandos nachgeahmt und Menschen gezwungen haben, das Kreuz Christi auf sich zu nehmen. Dass sie vergessen haben, dass Glauben keinen Zwang verträgt.

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

Für die Nicht-Ortskundigen und nicht Sprachkundigen unter den Leser*innen des Evangeliums wird der Name Golgatha erklärt: Schädelstätte. Warum der Ort diesen Namen trägt, wird nicht erklärt. Weil es nicht klar ist, ob der Name von der Form des Hügels kommt oder von seiner Funktion als Hinrichtungsort. Als städtische Müllhalde für die, die das Leben verwirkt haben.

Erwähnt wird dagegen der Versuch, Jesus durch einen bitteren Trank weiter zu quälen. „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“(Psalm 69,22) So wird das Wort der Schrift selbst noch am Kreuz erfüllt. Fast beiläufig wird der Vorgang der Kreuzigung festgestellt. Im Griechischen mit einem Partizip, σταυρώσαντες, das den nachfolgenden Vorgang der Kleiderverlosung vorbereitet. Die „handwerkliche Seite“ der Kreuzigung spielt keine Rolle. Offensichtlich gibt es bei Matthäus überhaupt kein Interesse daran, die Schmerzen und Qualen Jesu ins Zentrum zu stellen. Sie auszumalen, um damit Mitleiden zu erzeugen.

Nach getaner Arbeit sitzen die Soldaten unter dem Kreuz – und bewachten ihn. Sie überwachen lediglich den Vorgang seines Sterbens, um irgendwann Vollzug melden zu können. Denn mit einer Befreiungsaktion durch seine Sympathisanten ist ja nicht zu rechnen, auch nicht damit, dass er selbst sich vom Kreuz losreißen kann. Diese Wache bei dem Gekreuzigten mutet – mich – ähnlich absurd an wie die spätere folgende Bewachung seines Grabes. (27,62-66)

37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. 38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

Das ist die Inschrift, der „Titulus“ am Kopf des Kreuzes. Der Anklagepunkt: Jesus, der Juden König. Eine Auftragsarbeit, im Auftrag des Pilatus? Oder eine eigenmächtige Aktion der Soldaten? Ist sie nur das übliche Festhalten des Urteilsgrundes oder auch zugleich eine Verhöhnung der Juden – seht her, euer König? So hat es das Johannes-Evangelium angedeutet. (19,19 – 22) Bei Matthäus nichts von alledem. Eine Leerstelle, die Leser*innen einlädt, sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Auch dass neben Jesus, links und rechts von ihm, zwei Räuber mitgekreuzigt werden, wird nur berichtet, nicht bewertet. Es ist der historischen Genauigkeit geschuldet. Aber doch von starker Symbolkraft: Der Gerechte, von dem die Welt lebt, hängt zwischen zwei Räubern. Er landet in „schlechter Gesellschaft“.(A. Holl) Aber dort hat er sich – so die Meinung des Hohen Rates – ja immer schon aufgehalten.

 39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!

Es sind keine freundlichen Bilder, die hier gemalt werden. Statt Empathie, Mitleid, löst dieser Gekreuzigte nur Spott und Hohn aus. Das Prophetenwort  erfüllt sich: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“(Jesaja 53, 3-4) Es wird, wie schon im Prozess, das Wort über den Tempel zitiert – und ihm höhnend vorgehalten. Hilf dir selbst! Steig herab vom Kreuz!  Es ist unheimlich – aber dahinter taucht, für aufmerksame Leser und Leserinnen, die Fratze des Versuchers auf: „Wenn du Gottes Sohn bist….“: „Am Schluss seines Weges übernehmen die jüdischen Gegner Jesu die Rolle des Satans.“ (U. Luz, aaO. S. 326)

Es sind nicht einfach nur die „üblichen“ Schmähungen eines Opfers, wie sie gefühlsarme Menschen von sich geben, die mit ihren Worten das Opfer endgültig fertig machen und sich daran gütlich tun. Es sind Hass und Verachtung. „Ein messianischer König am Kreuz, der sich nicht siegreich durchgesetzt hat, ein Wunderheiler, der sich nicht selbst retten kann, ein Vertrauter Gottes, den Gott im Stich lässt, ein göttlicher Mensch, der nicht Stärke und Leben verkörpert, ist eine lächerliche Figur.“ (U. Luz, aaO.  S. 324) Dieser Spott greift die Mitte der Botschaft Jesu, seines Weges, seines Lebens an.

41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: 42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.

            Könnte man noch sagen: Die Vorübergehenden wissen es nicht besser, so wird man jetzt eines anderen belehrt. Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten stimmen in den Chor der Spötter und Schmähenden ein. Sie vergehen sich in ihrem Spott gegen das Wort der Schrift, das ihnen doch sonst so wichtig ist.

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                noch tritt auf den Weg der Sünder  noch sitzt, wo die Spötter sitzen.                                                       Psalm 1,1

Sie verlassen den Weg der Frommen in Israel. Es ist eine zynische Anerkennung in ihren Worten: Andern hat er geholfen. Das können sie ja nicht leugnen. Diese Schar von Menschen, die Jesus geheilt hat, denen er Glauben zugesprochen hat, die er mit Gott ins Reine gebracht hat. die gibt es ja wirklich. Das können sie nicht leugnen, dass er zum Leben geholfen hat. Sie dagegen bereiten hier den Weg des Todes.

            Auch sie spielen das Spiel des Versuchers: Zeige uns ein Wunder und wir werden glauben. Gekonnt hat Tim Rice dieses Denken im Musical Jesus Christ Superstar aufgegriffen, im Song des Herodes:

Prove to me that you’re divine, change my water into wine.                                   Beweis mir, dass du göttlich bist, mach aus meinem Wasser Wein.

Prove to me that you’re no fool, walk across my swimming pool.                          Beweis mir, dass du kein Narr bist, lauf über meinen Swimming Pool.

Or has something gone wrong? Jesus, why do you take so long?                           Oder ist etwas schief gelaufen? Jesus, warum brauchst du so lang?                                                         A. Lloyd-Webber/T. Rice, Jesus Christ Superstar

            Zum zweiten Mal: Steige herab vom Kreuz. Man kann das alles nicht lesen, ohne sich an frühere Worte Jesu zu erinnern: „Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.“ 12,39;16,4)

 43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

Diese Worte zielen auf den Kern der Botschaft Jesu. Er hat doch Menschen dazu angeleitet, Gott zu vertrauen, Er hat sich selbst Schritt für Schritt Gott anvertraut. Er hat nichts anders gesucht, als das Vertrauen auf Gott zu bewähren. Seinen Willen zu suchen und zu tun.  Mit diesen Sätzen wird in Zweifel gezogen: Lohnt sich der Glaube? Zahlt er sich aus? Lohnt sich Vertrauen? Gottvertrauen? So wird der Gekreuzigte gefragt – und wir werden genau so gefragt.

Und es ist, im Kern, eine Herausforderung Gottes: wenn denn Gott auf der Seite Jesu ist, dann soll er es doch bitte schön, jetzt zeigen. Wenn sich aber der Himmel nicht öffnet, wenn kein Wunder geschieht, dann ist die Sachlage klar: Jesus ist ein Falschmünzer des Glaubens, ein Gotteslästerer und hängt zu Recht am Kreuz. Sein Selbstzeugnis: Ich bin Gottes Sohn ist als Lüge, Anmaßung, Gotteslästerung entlarvt. Aber nach dem Matthäus-Evangelium hat Jesus das auch nie von sich selbst gesagt!

Es ist die Tragik in diesem Spott, dass die die so spotten und höhnen, „blind dafür sind, dass Gott gerade hier, wo sie ihn für abwesend halten, so gegenwärtig ist wie nie und nirgends sonst auf Erden.“(E. Schweizer , Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, Göttingen 1976, S. 336) 

 44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

     In diesen Chor der Spötter stimmen auch die beiden ein., die mit ihm gekreuzigt werden. Es mag eine Erinnerung sein, dass es nicht immer und schon gar nicht automatisch so ist, dass die Not nahe zu Gott bringt, dass Not beten lehrt. Sie kann einen auch immer weiter von Gott wegtreiben. Die beiden jedenfalls fühlen sich – nach Matthäus – in keiner Weise solidarisch mit dem sterbenden Jesus. Sie bleiben gefangen in der Einsamkeit ihres Spottes.

             In der dreifachen Verspottung wird eines sichtbar: „Jesus ist in seiner letzten Versuchung vollkommen allein; niemand aus seinem Volk hält zu ihm.“ (U. Luz, aaO.   S. 328)

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Kann es noch deutlicher sichtbar gemacht werden als auf Golgatha, wie es „Gott in der Welt“ geht, was mit der Botschaft des Evangeliums geschieht? Die Anerkennung, die der Glauben heutzutage als „ehrenwerte Haltung“ zu haben scheint, steht im krassen Gegensatz zu diesem Bild auf Golgatha. Man darf sich vielleicht nicht wirklich wundern über Spott, Hohn, Gleichgültigkeit und lächelnde Ablehnung, die sich zunehmend in der säkularen Gesellschaft zeigen. Bis in die letzten Dörfer hinein. Allem kirchlichen Mühen zum Trotz. Spott, Hohn, lächelnde Überlegenheit heute haben eine lange Vorgeschichte. Vielleicht ist das Mühen um gesellschaftlichen Ankerkennung ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor der Verachtung, die dem Gekreuzigten entgegen schlägt – und auch denen, die sich zu ihm als dem Heiland Gottes bekennen?

Was mich beschäftigt:

 

            Simon von Kyrene ist nur eine Nebenfigur im Geschehen. Aber er löst Gedanken aus, Erinnerungen auch. Ich bin nie von außen zu Schritten unter dem Kreuz, unter das Kreuz

gezwungen worden.- Ich habe in meinem Leben keinen Glaubenszwang erfahren: das musst du glauben, sonst…. Selbst das Beten zum Essen zu Hause war nicht Zwang, sondern selbstverständliche Gewohnheit. Ich musste nicht zur Beichte gehen, mich nicht irgendeinem frommen Regelwerk unterwerfen. Es hat in meinem „frommen Leben“ den einen oder anderen Rat gegeben, aber keinen Zwang. Für diese Freiheit in ich zunehmend dankbar.     

 

            Umso erschreckender, dass manche von Eltern, Jugendleitern, Pfarrpersonen wie Simon von Kyrene behandelt worden sind, Genötigt, das Kreuz zu tragen. Es ist die Frage, die ich nicht beantworten kann, ob andere, Jugendliche, Gemeindeglieder mich so erlebt haben, als einen der in Sachen des Glaubens Zwang und Druck ausgeübt hat. Ich weiß es nicht. Es wäre allerdings, das weiß ich, Verstoß gegen alles, was mir seit Jahren wichtig ist zu dem Gekreuzigten zu rufen als zu dem, der uns den Weg für die Freiheit öffnet, uns den Weg zu Gott frei macht. Dieser Ruf verträgt weder Druck noch Zwang. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“(2. Korinther 3,17)  

 

 

 Zwischen Himmel und Erde hängst Du, Jesus. Zielscheibe des Spottes, der VerachtungZwischen Himmel und Erde erhöht und preisgegeben. Dein Leben wird verworfen, Dein Glauben verhöhnt, Deine Liebe verspottet.

Ich sehe Dich an, Dein Leiden, Deine Einsamkeit, Deinen Schmerz. Ich ehre Dich, mein Gott und Herr. Amen