Mit guten Gewissen unterwegs

Matthäus 27, 15 – 30

15 Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten.

Es ist ein Brauch, den die Römer wohl nicht eingeführt haben, schon gar nicht Pilatus, aber vielleicht gerne übernommen und weitergeführt haben. Zum „Fest der Verschonung“ einen Gefangenen freizulassen. Gewohnheitεἰώθει – und als solche nicht einklagbar. Eine Großzüggkeit. Das ist in einem unruhigen Land ein politisch geschickter Akt, der  helfen kann, Sympathien zu gewinnen. Dabei wird hier deutlich markiert: wem dieses Los zukommt, bestimmt das Volk. Es wird vor eine Wahl gestellt, die auf die Vorauswahl des Statthalters zurückgreift.

16 Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. 17 Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? 18 Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.

Pilatus trifft seine Auswahl. Er stellt neben Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus einen gleichnamigen Gefangenen Jesus Barabbas. Berüchtigt – übersetzt die Luther-Bibel mit allen anderen Übersetzung im Gleichklang. Ἐπίσημον muss nicht zwangsläufig so wiedergegeben werden. Auch „bekannt, berühmt“, ja sogar „angesehen“(Gemoll, aaO. S.315) sind als Bedeutung möglich. Ein bisschen ist das berüchtigt wohl dem Urteil des Lukas geschuldet, der ihn als einen kennt, der „wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen“ war. (Lukas 23,19)

 Bei Matthäus ist Barabbas einfach eine Alternative des Pilatus zu Jesus. Wie auch immer das Volk sich entscheiden würde – Pilatus müsste dem nicht folgen. Aber es wäre nicht klug, sich gegen den Willen des Volkes zu stellen. Mit dieser Wahl, die er ermöglicht, gibt Pilatus die Situation ein Stück weit aus der Hand. Obwohl er, so notiert Matthäus, um niedere Motive der Ankläger Jesu weiß. Ihren Neid – φθνος, „Missgunst, Neid, Übelwollen, Groll.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 783) Worauf dieses Wissen des Pilatus gegründet ist, spielt für den Evangelisten keine Rolle. Es beeinflusst sein Tun ja auch nicht.

             Ich bin mir nicht sicher, dass die mageren Anmerkungen des Matthäus reichen, um Pilatus günstig zu beurteilen. Als einen, der Jesus gerne vor dem Urteil bewahrt hätte.  Mir kommt diese Wahl eher wie eine zynische Geste vor. Zu guten Teilen auch gleichgültig gegenüber beiden, die er zur Wahl stellt. Einer der beiden Jesus – „Gott hilft“ heißt der Name – wird dran glauben müssen.

19 Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.

Pilatus hat sich zum Zeichen seiner Autorität auf den Richterstuhl gesetzt. Was er jetzt entscheiden wird, ist gültig. Rechtsspruch im Namen Roms. Da kommt noch einmal ein Halt-Ruf – durch seine Frau. Sie hat geträumt und warnt ihn um ihres Traumes willen. Ihre Botschaft nennt Jesus diesen Gerechten. Es wird nicht gesagt, was sie geträumt hat, nur, dass ihr Traum, eher ein angsterfüllter Albtraum, sie unruhig macht. Nach Judas ist sie die zweite, die die Unschuld Jesu auf diesem  Weg zur Passion bezeugt.

Ob es angesagt ist, diesen Traum der Frau des Pilatus in einen Zusammenhang mit den Träumen zu setzen, die am Anfang des Evangeliums erzählt werden, die durch die Bank klare Wegweisungen sind, scheint mir doch eher fraglich.

20 Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.

         Aber.  Der Traum der Frau des Pilatus geht irgendwie im Getümmel vor dem Richterstuhl unter. Die anderen Stimmen sind zu laut. Es ist wohl auch schwer vorstellbar, dass sich der Statthalter, ὁ ἡγεμὼν -immerhin ein ranghoher römischer Beamter, durch einen Traum seiner Frau leiten lassen wird. Da sind  die Einwirkungen der Hohenpriester und Ältesten doch von anderem Gewicht. Sie nehmen Einfluss auf das Volk und seine Wahl. Sie werben für einen Volksentscheid in ihrem Sinn.

Barabbas soll freigelassen, Jesus aber umgebracht werden. Umgebracht ist ein starkes Wort. Auffallend ist für mich die Formulierung: dass sie Jesus umbringen sollten. Ἀπολέσωσιν. 3. Person Plural. Es ist das Volk, das Jesus umbringt.  Fast könnte man sagen: Die Hohenpriester und Ältesten verstecken sich hier schon, vor der Entscheidung des Volkes, hinter dem Volkswillen.

21 Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! 22 Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen!

            Es kommt zur Entscheidung. Pilatus fragt und erhält Antwort. Die Wahl der Verschonung fällt auf Barabbas. Es folgt die Frage: Was soll ich denn mit Jesus machen? Wieder die auffällige Zufügung: von dem gesagt wird, er sei der Christus. Deutlicher kann Pilatus nicht zeigen, dass er das für Albernheiten hält – dieses ganze Gerede vom Gesalbten, vom Messias. Die Antwort aller vor seinem Richterstuhl: Lass ihn kreuzigen! Σταυρωθήτω. Das ist nicht zwangsläufige Konsequenz aus der Wahl, den Barabbas als den Freizulassenden zu erbitten. Man hätten den anderen, diesen Christus ja auch auf die Galeeren schicken können oder in die Bergwerke. Oder in den Zirkus.

23 Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!

Noch einmal interveniert Pilatus. Und wird buchstäblich überstimmt. Er fragt, was er selbst ja beantworten könnte: Was hat er denn Böses getan? Aber diese Frage geht ins Leere und unter den Schreien unter. Jetzt verfestigt und verselbständigt sich das Schreien des Volkes. Lass ihn kreuzigen! Es gibt einen Punkt in der Dynamik von Mengen, an dem sie nicht mehr zugänglich sind. Darf man also sagen: Jesu wird das Opfer eine Massenhysterie? Sind damit alle beteiligten Akteure entschuldigt und entlastet?

 24 Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!

            Pilatus jedenfalls will nichts mehr mit diesem Fall zu tun haben. Er greift zu einer großen, öffentlichen Geste. Er wäscht seine Hände in Unschuld. Er, der Heide, greift damit biblische Tradition auf: Es geht um einen Ritus der Entschuldung über einem ungeklärten Mord. Eine junge Kuh soll geopfert werden und dann: „Alle Ältesten der Stadt, die dem Erschlagenen am nächsten liegt, sollen ihre Hände waschen über der jungen Kuh, der im Talgrund das Genick gebrochen ist. Und sie sollen anheben und sagen: Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben’s nicht gesehen.“(5. Mose 21, 6-7)

Nur: Im 5. Buch Mose geht es um einen geschehenen Mord. Hier wäre der Justizmord noch zu verhindern. Bemerkenswert aber ist der Versuch des Pilatus schon, sich von aller Mitschuld reinzuwaschen. Sonderlich tauglich ist der Versuch allerdings in meinen Augen nicht. Es ist aber indirekt das dritte Mal, dass einer auf dem Passionsweg die Unschuld Jesu beschwört.

25 Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!

            Das ist erschreckend. Es ist eine „bedingte Selbstverfluchung“(U. Luz, aaO.  S. 280), die das Volk mit diesen Worten vornimmt. Wenn er wirklich unschuldig wäre, dann soll sein Blut über uns und unsere Kinder kommen. Aber subjektiv sind die Rufenden, Schreienden im Augenblick überzeugt: er ist schuldig.

Genau das aber gehört für mich zum Erschreckenden der ganzen Erzählung: hier sind so ziemlich alle mit einem guten Gewissen unterwegs. Glauben sich im Recht oder beteuern doch wenigstens ihre Unschuld, mit starken Worten. Es gibt so schrecklich viele Opfer von Leuten, die ein gutes Gewissen haben, sich im Recht fühlen, womöglich Gott auf ihrer Seite wähnen. Als ob Gott nicht immer auf der Seite der Opfer stünde. Immer, auch wenn sie Opfer der guten Gewissen sind, der guten Sache sind.

 26 Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.

             Der seine Hände in Unschuld gewaschen hat, gibt jetzt gleichwohl den Befehl zur Hinrichtung. Barabbas lässt er laufen – und der verschwindet als der erste Freigelassene des Todes Jesu im Dunkel der Geschichte.  Wir hören nichts mehr von diesem „Sohn des Vaters“.

 27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn. 28 Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an 29 und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, 30 und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.

            Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der Weg zur Hinrichtung ist ein Weg der Entwürdigung. Man kann keine würdigen Menschen umbringen. Man muss ihnen zuvor ihre Würde nehmen. Das besorgt das Hinrichtungskommando routiniert und zynisch. Sie inszenieren „eine brutale Verspottungs- und Misshandlungsszene“ (U. Luz, aaO.  S.294), haben ihren Spaß dabei. Purpurmantel, Dornenkrone sind Persiflagen auf den Christus. Sie sind gleichzeitig eine Verspottung des Volkes, das diese Hinrichtung wollte, auch der Ältesten und Hohenpriester als der Strippenzieher im Hintergrund. Seht her – diese Gestalt ist euer Judenkönig. Er wird fertig gemacht.

Wie zuvor schon die Ältesten speien auch die Soldaten Jesus an. Sie speien nicht nur vor ihm aus. Sie speien ihn an. „Beide, Juden und Heiden, sind aktiv und böswillig an der Misshandlung und Tötung Jesu beteiligt.“(U. Luz, aaO. S. 296) Keine der Parteien ist von ihrer Schuld rein zu waschen, die Juden nicht durch den Hinweis auf die römische Todesart Kreuz, die Heiden nicht, weil sie sich haben instrumentalisieren lassen.

Aber die Schuldfrage ist ja, geistlich gedacht, noch einmal anders zu beantworten, nicht durch den ausgestreckten Zeigefinger, der auf andere deutet und so nach den anderen als  Schuldigen sucht.

 Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden                                         des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget das Elend, das dich schläget,                                                   und deiner schweren Martern Heer.
                       P. Gerhardt 1647, EG 84

 Was mich beschäftigt

            Warum wird diese Episode auf dem Weg zum Kreuz so breit erzählt? Es könnte sein, um den Römer zu entlasten. Auch im den Preis, dass dadurch das Volk der Juden belastet wird. Wer sorgfältig liest, spürt allerdings den Widerwillen des Pilatus, sich überhaupt mit dem „Fall Jesus“ zu beschäftigen. Er ist ihm nur lästig und doch auch gleichgültig die Rückgabe an das Volk erscheint wie ein lockender Ausweg – basisdemokratisch. Wie auch immer das Volk entscheidet – Pilatus gibt sich hier als der, der ja nur tut, was alle von ihm fordern. Volksnah. Ich finde diesen Pilatus einfach nur halbherzig, an Menschen uninteressiert, feige.

Was mich an diesem Ruf Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! vor allem erschreckt, ist seine Wirkungsgeschichte. Wann immer es zu Judenpogromen gekommen ist, zur Jagd auf Juden, zur Vernichtung von Juden – dieser Satz hat herhalten müssen. Die Juden sind die Christusmörder. Das ist die Anklage, mit der man nur zu gerne auch die brutalste Aktionen gegen jüdische Menschen, gegen die „jüdische Rasse“ begründet hat. Auch wenn man selbst es mit dem Christus gar nicht so hatte und hat. Wir bestrafen ja nur die, die sich am Heiligen vergriffen haben, weil ihnen nichts heilig ist. Der latente und offene Antisemitismus hat sich hier allzu gerne bedient und tut es heute noch und sich damit eine gutes Gewissen zu machen gesucht.

Jesus, an Dir tobt sich der Hass aus, die Gleichgültigkeit, die Lust am Quälen. An Dir zeigt sich, wie das ist, wenn der Mensch des Menschen Feind wird. Du wirst zum Opfer gemacht, als Opfer erniedrigt, gehasst und entwürdigt

Ich werde es nie verstehen, begreifen, in seiner Tiefe erfassen. Das alles erleidest Du auch um meinetwillen, an meiner Stelle. Ich lese das, höre es und sehe es vor mir  und bete Dich an. Dich Schmerzensmann. Amen